Sowohl mit Blick auf Kunstschaffende als auch mit Blick auf Interpretierende und Rezipierende rechne ich mit einer gehörigen Portion Psychodynamik. Das "Ich muss" von Schönberg könnte man auch in dieser Richtung abklopfen. Was im Nachhinein allerdings auch ziemlich wurscht wäre. Denn jedes Werk, das es zum Rezipienten "geschafft" hat, wird im Sinne eines absichtsvollen, dem künstlerischen Willen ("Ich muss, weil ich es will"???) entsprungenen Zeichens wahrgenommen.
Bei Schönberg ist das "Müssen" Ausdruck seines Expressionismus, das Kunstschaffen aus einer "inneren Notwendigkeit" heraus - wie beim berühmten expressionistischen Schrei, der einfach ausbricht und so und nicht anders sein kann. Schönberg benutzt in dem Zusammenhang das Bild einer gespannten Feder, die sich auf einen Schlag entspannt. Bei Schönberg zeigt sich: Das Kunstschaffen muss durchaus nicht subjektivistisch als das Ausschöpfen von Möglichkeitsspielräumen, also einer quasi grenzenlosen spielerischen Freiheit, alles verändern und anders machen zu können, entspringen und/oder von daher verstanden werden. Jahrhunderte haben sich Dichter an Horaz´ Ars poetica orientiert, also Kunstausübung als die Befolgung von festen Regeln verstanden und das überhaupt nicht als das Auferlegen eines äußeren Zwanges verstanden, der sie an der Ausübung ihrer künstlerischen Kreativität hindert. Warum? Weil Kunstausübung nicht modern subjektiv als ein ästhetisches Spiel ohne Grenzen verstanden wurde, sondern das Erreichen eines Vollkommenheitsideals. Vollkommenheit hebt die Möglichkeitsspielräume und damit die Freiheit des Anderssein- und Andersmachenkönnens auf - wie Aristoteles so schön sagt, es gibt nur einen rechten Winkel und unendliche Abweichungen davon. Das Rechte zu treffen, darum geht es in dieser traditionellen Auffassung von Kunst. Das ermöglicht die strenge Einhaltung der Regel, ohne die es kein ens perfectissimum gibt.
Wenn man Regeln und Gesetzmäßigkeiten dagegen von moderner Subjektivität geprägt als äußere Zwänge versteht, welche die künstlerische Freiheit aufheben, dann heißt das, dass man keine Vorgegebenheiten akzeptiert, die die subjektive Freiheit des sich Bewegens in lauter Möglichkeiten einschränken könnten. Die Interpretation, wenn sie seriös ist, stellt aber Regeln der Interpretation auf. Die Folge einer solchen subjektivistischen Auffassung ist, dass damit - es soll hier ja um das Thema der Interpretation gehen und nicht die Auffassung von Kunst allgemein - der Unterschied von Interpretation und Bearbeitung tendenziell verschwindet. Die Unterscheidung kann man nämlich nur machen, wenn man Verbindlichkeiten als Notwendigkeiten anerkennt, welche die Möglichkeitsspielräume freien, verändernden Gestaltens einschränken. Betrachtet man die Verbindlichkeiten und Vorgegebenheiten des Werkes, das man aufführen will, aber als lästige Zwänge, welche die künstlerische Freiheit in Frage stellen und aufheben, dann modalisiert man die Vorgegebenheiten: Das Wirkliche und Notwendige, das, was man nicht verändern kann, weil es einfach vorgegeben ist, wird in lauter veränderliche Möglichkeiten verwandelt, d.h. alles kann der Künstler verändern und bearbeiten, wenn er nur will. Das ist das, was man als Opernbesucher heute ja auch erfährt: Die Regisseure sehen - anders als Pianisten oder Dirigenten - ihre Kreativität tendenziell nicht in einer irgendwie originellen Interpretation, sondern betreiben eine Kunst der freien Bearbeitung von Stücken.
Schöne Grüße
Holger
