Interpretation & Co.

  • Sowohl mit Blick auf Kunstschaffende als auch mit Blick auf Interpretierende und Rezipierende rechne ich mit einer gehörigen Portion Psychodynamik. Das "Ich muss" von Schönberg könnte man auch in dieser Richtung abklopfen. Was im Nachhinein allerdings auch ziemlich wurscht wäre. Denn jedes Werk, das es zum Rezipienten "geschafft" hat, wird im Sinne eines absichtsvollen, dem künstlerischen Willen ("Ich muss, weil ich es will"???) entsprungenen Zeichens wahrgenommen.

    Bei Schönberg ist das "Müssen" Ausdruck seines Expressionismus, das Kunstschaffen aus einer "inneren Notwendigkeit" heraus - wie beim berühmten expressionistischen Schrei, der einfach ausbricht und so und nicht anders sein kann. Schönberg benutzt in dem Zusammenhang das Bild einer gespannten Feder, die sich auf einen Schlag entspannt. Bei Schönberg zeigt sich: Das Kunstschaffen muss durchaus nicht subjektivistisch als das Ausschöpfen von Möglichkeitsspielräumen, also einer quasi grenzenlosen spielerischen Freiheit, alles verändern und anders machen zu können, entspringen und/oder von daher verstanden werden. Jahrhunderte haben sich Dichter an Horaz´ Ars poetica orientiert, also Kunstausübung als die Befolgung von festen Regeln verstanden und das überhaupt nicht als das Auferlegen eines äußeren Zwanges verstanden, der sie an der Ausübung ihrer künstlerischen Kreativität hindert. Warum? Weil Kunstausübung nicht modern subjektiv als ein ästhetisches Spiel ohne Grenzen verstanden wurde, sondern das Erreichen eines Vollkommenheitsideals. Vollkommenheit hebt die Möglichkeitsspielräume und damit die Freiheit des Anderssein- und Andersmachenkönnens auf - wie Aristoteles so schön sagt, es gibt nur einen rechten Winkel und unendliche Abweichungen davon. Das Rechte zu treffen, darum geht es in dieser traditionellen Auffassung von Kunst. Das ermöglicht die strenge Einhaltung der Regel, ohne die es kein ens perfectissimum gibt.


    Wenn man Regeln und Gesetzmäßigkeiten dagegen von moderner Subjektivität geprägt als äußere Zwänge versteht, welche die künstlerische Freiheit aufheben, dann heißt das, dass man keine Vorgegebenheiten akzeptiert, die die subjektive Freiheit des sich Bewegens in lauter Möglichkeiten einschränken könnten. Die Interpretation, wenn sie seriös ist, stellt aber Regeln der Interpretation auf. Die Folge einer solchen subjektivistischen Auffassung ist, dass damit - es soll hier ja um das Thema der Interpretation gehen und nicht die Auffassung von Kunst allgemein - der Unterschied von Interpretation und Bearbeitung tendenziell verschwindet. Die Unterscheidung kann man nämlich nur machen, wenn man Verbindlichkeiten als Notwendigkeiten anerkennt, welche die Möglichkeitsspielräume freien, verändernden Gestaltens einschränken. Betrachtet man die Verbindlichkeiten und Vorgegebenheiten des Werkes, das man aufführen will, aber als lästige Zwänge, welche die künstlerische Freiheit in Frage stellen und aufheben, dann modalisiert man die Vorgegebenheiten: Das Wirkliche und Notwendige, das, was man nicht verändern kann, weil es einfach vorgegeben ist, wird in lauter veränderliche Möglichkeiten verwandelt, d.h. alles kann der Künstler verändern und bearbeiten, wenn er nur will. Das ist das, was man als Opernbesucher heute ja auch erfährt: Die Regisseure sehen - anders als Pianisten oder Dirigenten - ihre Kreativität tendenziell nicht in einer irgendwie originellen Interpretation, sondern betreiben eine Kunst der freien Bearbeitung von Stücken.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Die Frage, die nach wie vor nicht beantwortet sondern nur unter einem Haufen von nicht zugehörigen Bemerkungen verschüttet worden ist, ist nach wie vor: Wie kommen diese angeblichen Pflichten zustande und wer hat sie verhängt? Die Behauptung, dass sie nun mal da sind und dass man, wenn man diese angebliche Wahrheit nicht akzeptiert, heißt das immer irgendetwas, immer mal was anderes, aber es ist jedenfalls immer verwerflich. Die Frage bleibt aber: Warum das?


    Eigentlich ist es ganz einfach: Wenn einer etwas erreichen will, ist es sinnvoll, dass er das tut, was es ihm ermöglicht, sein Ziel zu erreichen. Wenn also jemand eine halbwegs allgemeingültige Interpretation von etwas ersttellen will, ist es sicher sinnvoll, bei der Auslegung sehr sorgfältig vorzugehen. Wenn er dieses Ziel nicht hat, gilt das logischerweise nicht. Es gibt aber keine Verpflichtung, ein bestimmtes Ziel anzustreben. Oder diese Pflicht müsste begründet werden. Das ist bisher nicht geschehen. Und so lange das nicht geschieht, ist niemand gehalten, sich an diese angeblichen Pflichten zu halten.


    (Die Tatsache, dass Kant oder sonstwer das irgendwo gesagt hat, reicht als Begründung bei weite nicht aus weil sich mühelos andere finden lassen, die anderes gesagt haben und nun also begründet werden muss, warum man sich ausgerechnet an Kant und nicht an die anderen halten soll. Damit ist man also nur eine Schraubendrehung tiefer im unendlichen Regress. Da bleiben dann nur noch die Schildkröten bis ganz unten, und die sind nicht besonders überzeugend.)

  • Wenn ein Interpret sagt: Es gibt keine Sorgfaltspflicht bei der Auslegung von Texten, eine solche sei schlechterdings unbegründet und nicht begründbar, dann hat das folgende Konsequenz:


    Er kann trotzdem sorgfältig mit einem Text bei der Interpretation umgehen, tut das aber dann lediglich, weil er es subjektiv will ohne jede Verpflichtung.


    Ebenso kann oder könnte er dann nicht sorgfältig und schlampig und/oder sinnvergewaltigend bei der Textauslegung vorgehen - das ist dann genauso legitim, weil es ja keine verbindlich allgemeingültige Sorgfaltspflicht gibt. Auch das kann er so völlig unangreifbar tun, weil ihm dabei ja keine Pflichtverletzung vorgehalten werden kann.


    Praktisch ist das die Beanspruchung einer Freiheit, die egal was sie tut, sich zu nichts verpflichtet. Das ist dann die pure Freiheit der Willkür. Die Sorgfalt im Umgang mit Texten wird subjektiv beliebig und der Eigenwilligkeit und Willkür des Textauslegers völlständig überlassen. Eine solche beanspruchte künstlerische Willkürfreiheit ist für jeden seriösen Hermeneutiker schlicht indiskutabel. Deswegen diskutiere ich das auch nicht.


    Und es gibt Menschen, die werden in ihrem Leben nie ermessen können, was philosophisches Denken ist. Philosophisch ist nicht, was Kant gesagt hat, sondern dass man seine Gedanken nachvollzieht und nachvollziehen kann, so wie er sie gesagt hat. Nur so erschließt sich der Gedanke in seiner zwingenden Evidenz und eine weitere Begründung gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Alles andere ist "abstraktes äußerliches Raisonnieren" (Hegel) und kein philosophisches Denken.

  • Eine solche beanspruchte künstlerische Willkürfreiheit ist für jeden seriösen Hermeneutiker schlicht indiskutabel. Deswegen diskutiere ich das auch nicht.


    Also begründest Du es nicht, sondern dekretierst es einfach, ohne dass eine weitere Diskussion erwünscht ist. Das ist doch zumindest eine (vielleicht ganz nützliche) Klarstellung, damit man nicht aneinander vorbeiredet.


    Man kann diese Vorgehensweise freilich auch andersrum anwenden: Für den praktisch tätigen Theaterkünstler ist eine Verbindlichkeit des Textes zu Ungunsten der performativen Theaterkunst schlicht indiskutabel. Deswegen diskutiert er/sie das auch nicht. ;)


    Und es gibt Menschen, die werden in ihrem Leben nie ermessen können, was philosophisches Denken ist. Philosophisch ist nicht, was Kant gesagt hat, sondern dass man seine Gedanken nachvollzieht und nachvollziehen kann, so wie er sie gesagt hat.


    Du hast doch gerade etwas weiter oben dekretiert statt zu begründen. Gibt es das bei Kant auch?


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

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  • Ebenso kann oder könnte er dann nicht sorgfältig und schlampig und/oder sinnvergewaltigend bei der Textauslegung vorgehen - das ist dann genauso legitim, weil es ja keine verbindlich allgemeingültige Sorgfaltspflicht gibt. Auch das kann er so völlig unangreifbar tun, weil ihm dabei ja keine Pflichtverletzung vorgehalten werden kann.

    Das hast Du richtig erkannt. Genau so ist es. Wo es keine Pflicht gibt, kann man logischerweise keine Pflicht verletzen. Wenn es aber irgendwo eine Pflicht gibt, muss diese erklärt und begründet werden. Alles andere ist reine Willkür, der sich niemand beugen muss. Eine Erklärung, woher diese Pflicht stamm, und wer sie verhängt hat und mit welchem Recht, steht nach wie vor aus.



    Und es gibt Menschen, die werden in ihrem Leben nie ermessen können, was philosophisches Denken ist. Philosophisch ist nicht, was Kant gesagt hat, sondern dass man seine Gedanken nachvollzieht und nachvollziehen kann, so wie er sie gesagt hat.

    Warum ausgerechnet Kant? Warum nicht einer der vielen anderen, die anderes gesagt haben Oder einer von denen, der Kants Ideen ausdrücklich widersprochen hat? Das müsste sich doch begründen lassen. Und wenn nicht, müsste sich doch begründen lassen, warum das auch ohne Begründung als gültig angenommen werden muss.


    Ohne solche Begründungen wird es leider nichts werden mit dem Haufen von Pflichten, die hier postuliert wurden. Ich zumindest denke nicht im Traum daran, einer Einschränkung meiner Freiheit zuzustimmen, wenn mir nicht gezeigt wird, dass es gut und richtig ist, das zu tun. (Die andere, etwas schwächere Möglichkeit wäre, dass es jemand von mir verlangt, den ich sehr schätze, so dass ich aus freien Stücken ohne weitere Begründung annehme, dass gut und richtig ist, was er sagt. Der Fall ist aber äußerst selten und liegt hier nicht vor.)

  • Es wird Dich wundern, aber in dem Text war eine Begründung enthalten. ^^


    Nicht wirklich. Es wird eine angebliche Konsequenz einer bestimmten Vorgehensweise skizziert und dann erklärt, dass diese Konsequenz für eine Gruppe namens "seriöse Hermeneutiker" indiskutabel sei.


    LG :hello:

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  • Was Du für eine „wirkliche“ Begründung hältst, ist sicher subjektiv.


    Das mag sein, aber Lesen kann ich durchaus noch. Dass die angebliche "Willkürfreiheit" für die seriösen Hermeneutiker "indiskutabel" sei, bleibt ohne Begründung. Ebenso wird die Frage nicht adressiert, wieso es Künstler bekümmern sollte, wenn die seriösen Hermeneutiker etwas für "indiskutabel" erachten.


    LG :hello:

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  • Wenn Du alles aus zwei (unbegründeten) Grundaxiomen abgeleitet haben willst, dann bleib besser bei der Mathematik.


    Um bei der Mathematik bleiben zu können, müste ich zunächst mal bei der Mathematik sein. Dies ist seit dem dritten Mathematik-Schein in meinem Studium nicht mehr der Fall, und den habe ich in den späten 90er Jahren gemacht. ;)


    Im Übrigen habe ich kein Problem damit, wenn man etwas ohne Begründung in den Raum stellt, nur sollte man dann nicht erwarten, dass andere dem folgen, weil sie den Gedankengang gut nachvollziehen können (was sie dann nämlich in der Regel nicht können). Die Mitteilung, dass etwas für seriöse Hermeneutiker indiskutabel sei, wäre nur dann hilfreich, wenn erklärt wäre, wieso die Indiskutabilität für seriöse Hermeneutiker ein relevantes Kriterium in der Diskussion sein soll.


    LG :hello:

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  • Man kann es auch anders formulieren: Wenn ich mir von irgendwem (wer immer es sein mag) vorschreiben lasse, wie ich zu denken und zu handeln habe, kann das nur aus zwei Gründen geschehen: Entweder unterwerfe ich mich seiner Anweisung (oder seinem Rat) freiwillig, zum Beispiel, weil ich ihn und seine Denkweise schätze, oder er begründet überzeugend, warum ich das tun soll. Beides ist hier nicht gegeben. Ergo...

  • Also begründest Du es nicht, sondern dekretierst es einfach, ohne dass eine weitere Diskussion erwünscht ist. Das ist doch zumindest eine (vielleicht ganz nützliche) Klarstellung, damit man nicht aneinander vorbeiredet.

    Interessant diese Deine Meinung, Willkürfreiheit sei und müsse in den Wissenschaften diskutabel sein. Das ist mir jedenfalls neu und ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler, weder aus den Natur- noch den Geisteswissenschaften, der sich auf so einen Unsinn einlassen würde. Eigentlich ist das eine Unverschämtheit und Beleidigung der Wissenschaftskultur, zu behaupten, Wissenschaften würden ihre Verbindlichkeiten nur dekretieren und könnten sie nicht begründen.

    Man kann diese Vorgehensweise freilich auch andersrum anwenden: Für den praktisch tätigen Theaterkünstler ist eine Verbindlichkeit des Textes zu Ungunsten der performativen Theaterkunst schlicht indiskutabel. Deswegen diskutiert er/sie das auch nicht.

    Das nennen Vertreter aus den Musikwissenschaften und Theaterwissenschaften, die kritisch eingestellt sind gegen das Regietheater, zu Recht Arroganz und Kommunikationsverweigerung.

    Du hast doch gerade etwas weiter oben dekretiert statt zu begründen. Gibt es das bei Kant auch?

    Jaja. Kant und die Philosophie dekretieren nur und sind nicht begründet. Besser kann man sein Unverständnis für Philosophie nicht ausdrücken.


    Schöne Grüße

    Holger



    Ich möchte hier noch einmal ganz massiv bitten, die Gesprächspartner nicht zu bewerten, vor allem nicht in dieser abwertenden Form. Das kann nicht zum Inhalt der Debatte beitragen und wird zukünftig gelöscht. astewes als mod

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  • Interessant diese Deine Meinung, Willkürfreiheit sei und müsse in den Wissenschaften diskutabel sein. Das ist mir jedenfalls neu und ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler, weder aus den Natur- noch den Geisteswissenschaften, der sich auf so einen Unsinn einlassen würde. Eigentlich ist das eine Unverschämtheit und Beleidigung der Wissenschaftskultur, zu behaupten, Wissenschaften würden ihre Verbindlichkeiten nur dekretieren und könnten sie nicht begründen.


    Vielen Dank, dass Du mich über meinen Beruf belehrst! ;) Wir führen hier aber keine Diskussion über die Vorgehensweise in Wissenschaften, weil eine künstlerische Produktion (welcher Art auch immer) keine wissenschaftliche Beschäftigung mit etwas ist (genauer: sie könnte dies vielleicht sein, wenn man sie entsprechend gestaltet, muss es aber nicht sein). Anders formuliert: Die Hermeneutik und die Werkästhetik besitzen keine Autorität darüber, was im Theater gemacht wird. (Man kann sie als Theaterschaffender natürlich für sich als Autorität akzeptieren, muss dies aber nicht zwingend tun.) Die Musikwissenschaft besitzt ja auch keine Autorität darüber, wie man ein Musikstück zu spielen hat. Andernfalls würde es zum Beispiel einige Aufnahmen von Glenn Gould vermutlich nicht geben...


    Das nennen Vertreter aus den Musikwissenschaften und Theaterwissenschaften, die kritisch eingestellt sind gegen das Regietheater, zu Recht Arroganz und Kommunikationsverweigerung.


    Kommunikationsverweigerung betreibst nur Du, wenn Du klipp und klar erklärst, dass Du etwas nicht diskutieren willst. Ich habe lediglich Dein Argument der Indiskutabilität umgeschrieben (falls das nicht klar gewesen sein sollte)...


    Jaja. Kant und die Philosophie dekretieren nur und sind nicht begründet. Besser kann man sein Unverständnis für Philosophie nicht ausdrücken.


    Wer hat das wo geschrieben? Ich habe das jedenfalls nicht getan, was Du unschwer daran erkennen kannst, dass ich eine Frage gestellt und keine Aussage getätigt habe.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Um bei der Mathematik bleiben zu können, müste ich zunächst mal bei der Mathematik sein. Dies ist seit dem dritten Mathematik-Schein in meinem Studium nicht mehr der Fall, und den habe ich in den späten 90er Jahren gemacht. ;)


    Im Übrigen habe ich kein Problem damit, wenn man etwas ohne Begründung in den Raum stellt, nur sollte man dann nicht erwarten, dass andere dem folgen, weil sie den Gedankengang gut nachvollziehen können (was sie dann nämlich in der Regel nicht können). Die Mitteilung, dass etwas für seriöse Hermeneutiker indiskutabel sei, wäre nur dann hilfreich, wenn erklärt wäre, wieso die Indiskutabilität für seriöse Hermeneutiker ein relevantes Kriterium in der Diskussion sein soll.


    LG :hello:

    Meine Mathematikscheine sind auch schon sehr angejahrt. ;) Aber auch als nicht-Philosoph ist mir unmittelbar klar, dass Interpretation nicht völlig willkürlich stattfinden sollte, im Gegensatz zur Phantasie.

  • Das mag sein, aber Lesen kann ich durchaus noch. Dass die angebliche "Willkürfreiheit" für die seriösen Hermeneutiker "indiskutabel" sei, bleibt ohne Begründung. Ebenso wird die Frage nicht adressiert, wieso es Künstler bekümmern sollte, wenn die seriösen Hermeneutiker etwas für "indiskutabel" erachten.


    LG :hello:


    Wenn Du alles aus zwei (unbegründeten) Grundaxiomen abgeleitet haben willst, dann bleib besser bei der Mathematik.

    Es ist eine Erkenntnis, die mittlerweile fast 2500 Jahre alt ist, dass deduktives Denken Axiome benötigt oder sagen wir einfach Statements, auf das sich beide Gesprächspartner einigen können, will man nicht beim Beweisen von Aussagen in einen unendlichen Regress geraten. Der Kollege Werner Hintze benutzt da den Begriff des Schraubendrehens, der dem einen oder anderen vielleicht eher einleuchtet. :P


    Auch Philosophen wissen das schon lange. Spinoza schreibt seine Ethik "more geometrico". Es ist letztlich egal, ob man seine Axiome publiziert oder sie implizit annimmt. Das Letztere verdeckt die Tatsachen nur oberflächlich.


    Also ist die "Indiskutabilität der Willkürfreiheit in der Kunst für einen seriösen Hermeneutiker" entweder ein Axiom oder zu begründen im Rahmen jeder Deduktion. Axiome haben natürlich den Nachteil, dass man sie nicht akzeptieren muss, wenn sie einem nicht plausibel erscheinen. Hier kennt die Mathematik das berühmte Parallelenaxiom der sogenannten "Euklidischen" Geometrie, wo fast 2000 Jahre lang versucht wurde, es aus den anderen abzuleiten. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde durch Arbeiten von Lobatschewski und Bolyai und wahrscheinlich auch Gauß klar, dass das nicht möglich ist. Es ist also größte Vorsicht bei nicht ableitbaren Behauptungen (Axiomen) sinnvoll und das Nicht-Akzeptieren bestimmter Axiome hat in dem von mir skizzierten Fall die menschliche Erkenntnis weiter gebracht. :baeh01:

  • Aber auch als nicht-Philosoph ist mir unmittelbar klar, dass Interpretation nicht völlig willkürlich stattfinden sollte, im Gegensatz zur Phantasie.


    Ich glaube, dass das Grundproblem darin besteht, dass nicht verstanden wird, dass nicht jeder Umgang mit einem Text eine Interpretation dieses Textes sein muss. Man kann Texte auch dekonstruieren, neu zusammensetzen oder bewusst verfremden. Man kann eine künstlerische Aufführung unter Verwendung eines Textes mit dem Impetus machen, diesen Text interpretieren zu wollen und ihm möglichst "gerecht" zu werden. Man kann eine künstlerische Aufführung unter Verwendung eines Textes aber auch mit einer grundlegend anderen Herangehensweise machen. Es gibt keine Verpflichtung für die erstgenannte Variante. Dies ist letztlich auch mein Problem mit Holgers Hermeneutik-Argument. Die Hermeneutik ist halt nur dann zuständig, wenn man die künstlerische Aufführung so gestaltet, dass sie zuständig wird. Das meine ich, wenn ich schreibe, dass ihr im Theater keine Autorität zukommt (es sei denn, dass man sich dafür entscheidet, ihr diese Autorität zuzusprechen).


    LG :hello:

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  • Meine Mathematikscheine sind auch schon sehr angejahrt. ;) Aber auch als nicht-Philosoph ist mir unmittelbar klar, dass Interpretation nicht völlig willkürlich stattfinden sollte, im Gegensatz zur Phantasie.

    Meine übrigens auch :P. Aber ich bin mir einfach nicht sicher, ob nicht aneinander vorbeidiskutiert wird.


    Jeder Interpret ist Künstler, wie schon beliebig viele Male festgestellt wurde.


    Als solcher bedient er sich bei der Interpretation zum Beispiel von Beethovens Op. 27/2 im Regelfall der Noten und achtet vielleicht darauf eine kritische Ausgabe zu benutzen. Er muss nun aus den starren Noten überzeugende Musik machen. Ob er sich aber beim Spiel vom Mondlicht inspirieren lässt, ist seine freie Entscheidung, selbst wenn ein Hermeneutiker gerade das Mondlicht als wesentliche Substanz des Werkes entdecken sollte. (ist meines Wissens bisher noch nicht passiert :no:) Sogar die Noten sind ja in gewisser Hinsicht diskutabel, wie wir an Brendels Behandlung von Schuberts D. 960 sehen können. Man kann auch hingehen und aus dem Schubertstück etwas neues [ komponieren | improvisieren] und das vorführen, `la manière de Schubert' sozusagen. Am Ende ist auch der Übergang von einer Interpretation zu einer freien Bearbeitung fließend und eigentlich nur durch den gesellschaftlichen Rahmen vorgegeben.

  • Ja klar, dann ist das Ganze einfach ein Etikettierungsproblem, und die Diskussion ist sowieso müßig.


    Ich habe ja an anderer Stelle dafür plädiert, die Frage nach der Benennung einer Aufführung zu verschieben, bis man sich erstmal verständigt hat, wie eine Aufführung überhaupt potenziell gestaltet werden kann (wie man das Erzeugnis dann bezeichnet ist eine zweite, nachgeschaltete Frage). Wenn wir uns hier einig werden können, dass es Aufführungen unter Verwendung von Texten gibt, die nicht mit der Zielstellung verfertigt werden, diese Texte zu interpretieren und ihnen möglichst "gerecht" zu werden, und wenn wir uns einig werden können, dass derartige Aufführungen nicht grundsätzlich illegitim sind, dann kann man in einem nächsten Schritt besprechen, wie man Aufführungen benennt (also nach dem Text oder nicht). astewes hat hierzu m. E. den entscheidenden Punkt bereits formuliert:


    Am Ende ist auch der Übergang von einer Interpretation zu einer freien Bearbeitung fließend und eigentlich nur durch den gesellschaftlichen Rahmen vorgegeben.


    LG :hello:

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  • Jaja. Kant und die Philosophie dekretieren nur und sind nicht begründet. Besser kann man sein Unverständnis für Philosophie nicht ausdrücken.

    Schon wieder ein Strohmann-Argument. Niemand hat etwas dieser Art behauptet. Selbstverständlich hat Kant und haben andere Philosophen (nicht alle, ich kenne aus der Ferne einen, der das nicht tut) ihre Aussagen gut begründet und hergeleitet. Das hat niemand bestritten, schon gar nicht so pauschal wie hier unterstellt. Es ging auch nicht darum, was Kant geleistet hat oder nicht. Die Frage ist: Warum soll man verpflichtet sein, den Auffassungen Kants zu folgen und nicht denen irgendeines anderen der vielen Denker, deren Ideen sich sich von Kants teils erheblich unterscheiden. Dafür fehlt bisher jede Begründung. Die willkürliche Festlegung ist keine. Das ist das Problem am Autoritätsbeweis (der ja eigentlich gar kein Beweis ist): Er funktioniert nur, wenn beide Seiten die herbeizitierte Autorität akzeptieren. Wenn das nicht so ist, bricht er zusammen, und der ihn verwenden will, ist gezwungen, den anderen davon zu überzeugen, dass es gut und richtig ist, diese Autorität zu akzeptieren. Er muss das also begründen und ist also keinen Schritt weitergekommen: Er kann auch gleich versuchen, für seine Position ein überzeugendes Argument zu finden. Und wenn ihm das nicht gelingt, muss er wohl oder übel akzeptieren, dass seine Argumentation als ungültig zurückgewiesen wird und also als Handlungsmaxime nicht akzeptiert wird. Ich begreife beim besten Willen nicht, warum diese Selbstverständlichkeit überhaupt (und zwar seit Jahren) diskutiert werden muss.

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  • Wenn wir uns neue Begriffe ausdenken, super! Schließlich interpretieren die Hörer ja auch, nicht nur die Spieler. Sagen wir also „Schallwerfer“ und „Schallschlucker“, um es etwas bildlicher hinzukriegen.

  • Wenn wir uns neue Begriffe ausdenken, super! Schließlich interpretieren die Hörer ja auch, nicht nur die Spieler. Sagen wir also „Schallwerfer“ und „Schallschlucker“, um es etwas bildlicher hinzukriegen.

    Lieber kurzstueckmeister leider gelingt es mir manchmal nicht, den Bezug Deiner Kommentare herzustellen. Durch Benutzen der Zitierfunktion wäre das sicher einfacher :)


    Zur These an sich. In dem von mir verwendeten Sinne interpretiert nur der "Interpret" und nicht der Rezipient. Aber sicher unterliegen diese Begriffe einer historischen Wandlung. Man kann das an den verschiedenen Freiheiten sehen, die sich die Interpreten über die Zeit genommen oder eben auch nicht genommen haben allein gegenüber dem Notentext. Dein Spaß mit Garrett kann selbstverständlich mal Wirklichkeit werden, zwar eine, die ich mir nicht wünsche, aber wer nimmt schon auf meine Wünsche Rücksicht :no:


    Auch, wenn ich Hanslick nicht in jeder Hinsicht folgen möchte, so finde ich seinen Denkansatz angenehm radikal und nachvollziehbar, was man nicht von jedem Gedanken hier so sagen kann. Dazu kommt noch, dass er sich positiv über den kleinen Busoni geäußert hat. Was will man also mehr? ^^

  • Was die Freiheiten betrifft, die sich zum Beispiel das Theater nimmt, wäre doch wohl zu sagen, dass nie in der bisherigen Geschichte des Theaters so viel darüber diskutiert wurde, was man mit einem vorliegenden Text oder eine Partitur machen darf und was nicht und elcher Umgang damit sinnvoll und inhaltlich und ästhetisch befriedigend ist. Davor liegen Jahrhunderte, wo die Texte oder Partituren für eine Aufführung einfach so eingerichtet wurden, dass es passte. Die Idee, dass das Theater irgendwie dem Autor verpflichtet sei, entsteht erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zeigt erst spät im 20. Jahrhundert eine gewisse Wirkung. So ganz natürlich oder selbstverständlich kann der Standpunkt der Treuepflicht also wohl nicht sein.

  • Was die Freiheiten betrifft, die sich zum Beispiel das Theater nimmt, wäre doch wohl zu sagen, dass nie in der bisherigen Geschichte des Theaters so viel darüber diskutiert wurde, was man mit einem vorliegenden Text oder eine Partitur machen darf und was nicht und elcher Umgang damit sinnvoll und inhaltlich und ästhetisch befriedigend ist. [...]

    Mich würde sehr interessieren, wie du zu dieser Entwicklung mit Blick auf die Qualität von Theater stehst. Resultieren positive / negative Effekte aus diesen Diskussionen?

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