Flötenkonzerte des 20. Jahrhunderts

  • Nachdem im 19. Jahrhundert die Komponisten wenig Aufmerksamkeit der Kombination Flöte und Orchester schenkten, entstanden im 20. Jahrhundert wieder einige bedeutende Flötenkonzerte. Eine erstaunliche Tatsache, denn Theobald Böhm hatte mit seiner Entwicklung der Querflötenmechanik und des zylindrischen Flötenrohrs die Spielmöglichkeiten des Instrumentes im 19. Jahrhundert enorm erweitert.


    Dieser Thread ist den Flötenkonzerten des 20. Jahrhundert gewidmet.

    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
    so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; Theodor W. Adorno - 1928




  • Ursprünglich stand der Beitrag an einer falschen Stelle im Forum und wurde hierher verschoben und inhaltlich angepasst.


    Sharon Bezaly spielt hinreißend! (Diese SACD habe ich und bin begeistert!) :)



    Schöne Grüße

    Holger

  • Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) hat zwei Flötenkonzerte veröffentlicht, die wenig bekannt sind und denen ich viele Zuhörer wünsche. Das Op. 75 aus dem Jahr 1961 & das Op. 148 aus dem Jahr 1987.


    Auf der Scheibe sind ausserhalb des Themas Konzert mit Flöte auch 12 Miniaturen für Flöte und Orchester und das Trio Op. 127 für Flöte, Viola & Harfe.


    Links als Stereo-CD, rechts als SACD im TACET Real-Surround-Sound-Format



    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
    so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; Theodor W. Adorno - 1928




  • Ich bin keiner der ganz großen Flötenfreunde, aber ein Flötenkonzert des 20. Jh. mag ich besonders:

    Carl Nielsen - Flötenkonzert von 1926.


    Nielsen schrieb das Konzert für Holger Gilbert-Jespersen, dem Flötisten des Kopenhagener Bläserquintetts. Für dieses Quintett hatte er schon sein berühmtes Bläserquintett Op. 43 komponiert. Weil Nielsen von den Fähigkeiten der fünf Bläser begeistert war, hatte er ursprünglich vor, für jeden von ihnen ein Solokonzert zu schreiben. Allerdings kam es nur zum Klarinetten- und zum Flötenkonzert. Es wird berichtet, dass Nielsen das Werk auf Grund einer Krankheit nicht bis zum geplanten Uraufführungstermin fertigstellen konnte, weshalb bei der Uraufführung in Paris eine gekürzte Version mit eigenem Schluss gespielt wurde. Das Werk wurde wohlwollend aufgenommen und z.B. von Arthur Honegger gelobt. Erst ein Jahr später erklang in Kopenhagen die endgültige Version.

    Die Musik dieses etwa 20minütigen Werkes besteht aus einer mitreißenden Mischung aus Neoklassizimus und moderner, kaum noch tonaler Musik. Anders als in klassischen Konzerten und Sinfonien enthalten beide Sätze abwechselnde Stimmungsgehalte. Im Kopfsatz kommt es nach schnellen und kräftigen Passagen ebenso zu einem lyrischen Abschnitt, der zweiten Satz schwankt andauernd zwischen Allegretto und Adagio.


    Hier ein Konzertmitschnitt den ich sehr mag. Das hr SO begleitet die eigene Flötistin Clara Andrada de la Calle.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Eine Platte, die sich ausschließlich Flötenkonzerten des 20. Jahrhunderts widmet, ist diese hier. Im Zentrum steht einmal das in diesem Thread noch nicht erwähnte Flötenkonzert von Jindrich Feld aus dem Jahr 1954. Dazu gesellen sich noch Weinbergs Flötenkonzert Nr. 2, op. 148 von 1987 und ein Adagio für Solo-Flöte, Streichorchester und Percussion aus dem Jahr 1993 von Mikis Theodorakis.



    Grüße

    Garaguly

  • Auf der oben von mir erwähnten SACD (Hybrid) von Sharon Bezaly (die von ihrem Lehrer Aurele Nicolet gelernt eine besondere Blastechnik verwendet, die ihr auch höchst virtuose Passagen erlaubt mit einer überirdischen Leichtigkeit zu spielen) ist das wirklich schöne Flötenkonzert von Jacques Ibert von 1934.


    Bei BR-Klassik gibt es dazu anlässlich eines Konzertes mit Gaby Pas-Van Riet eine lesenswerte Einführung in das Werk mit der Flötistin:


    Jacques Ibert: Flötenkonzert | Klassik entdecken | BR-KLASSIK | Bayerischer Rundfunk


    Daraus zitiert:


    Gewidmet hat Ibert dieses Konzert Marcel Moyse, einem der berühmtesten Flötisten des 20. Jahrhunderts. Er war Solo-Flötist an der Opéra Comique, und hat in seinem langen Leben viel dazu beigetragen, dass die Querflöte in Frankreich und den USA wieder populär wurde. Dass Ibert hier so einen hohen Schwierigkeitsgrad wählt, zeigt letztendlich auch, wieviel Moyse auf seinem Instrument vermochte, einmal technisch, aber auch was den Ausdruck betrifft. Auch im Schlusssatz des Konzertes zählen nicht nur Tempo und Virtuosität.


    "Und es endet dann mit einer Kadenz, die nicht ohne ist, weil das Konzert, schon 20 Minuten geht. Das Schwerste ist die Kondition. Dass die schwersten Sachen zum Schluss kommen und man dann einfach noch die Kraft hat, damit es ein brillantes Finale gibt. Es ist auch eine sportliche Leistung." (Gaby Pas-Van Riet)



    Dieses große Hörvergnügen sollte man sich nicht entgehen lassen! :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Der Franzose André Jolivet (1905-1975) darf nicht unerwähnt sein. Er hat zwei Werke für Flöte komponiert, die dem Genre Konzert zugeordnet werden. Eines mit Streichorchester (1949) und ein weiteres mit Perkussionsinstrumenten (1965).


    Auf der Scheibe des Labels Naxos sind sie mit anderen Kammermusik-Kompositionen mit einzelnen Instrumenten.



    Das Label Claves hat die beiden Konzerte mit Flötenwerken des Schweizers Frank Martin kombiniert.


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  • Der Finne Einojuhani Rautavaara (1928-2016) vertrat die Meinung, dass der Titel eines Werkes untrennbar mit der Intention des Werkes verbunden sind. Im Flötenkonzert Op. 63 "Dances with the Wind" hat der Solist seinen Atem zum Tanz mit der Luft einzusetzen.


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  • Nebst des Flötenkonzertes Op. 63 "Danes with the Wind" von Eino Rautavaara (1928-2016) sind auf der CD drei weitere Werke, in denen der solistische Part des Flötisten dem Orchester gegenüber sich behaupten muss.


    Leonid Bashmakov (1927-2016): Flötenkonzert "Impressioni marine"

    Aulis Sallinen (*1935): Chamber Music II für Flöte & Streicher

    Tauno Marttinen (1912-2006): Concerto espagnole für Flöte & Orch. Op. 144


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  • In Frankreich entstanden Flötenkonzerte, die das Repertoire erweitert haben. Nebst demjenigen von André Jolivet gibt es zwei, die auf dieser CD des Labels Tudor vertreten sind.


    Claude Pascal: Konzert für Flöte und Streichorchester (1996)

    Maurice Thiriet: Konzert für Flöte und Streichorchester (1959)


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  • Bruno Maderna (1920-1973) hat als Vertreter der seriellen Musik ein einsätziges Konzert für Flöte und Orchester (1954) geschrieben.

    Die Zuhörer und Zuhörerinnen der Uraufführung dürften irritiert gewesen sein. Klangmassen treffen im achtminütigen Werk auf die Flötenstimme. Im Italienischen hat das Verb concertare zwei Bedeutungen: zusammenwirken oder wettstreiten. Die Gegensätze werden im Laufe der musikalischen Entwicklung deutlich. Bei ihrem ersten Auftreten tritt das Blasinstrument in Dialog mit den Instrumenten. Flöte muss sich gegen die Orchesterinstrumente behaupten, die in Blöcken erklingen. Sie findet Verbündete und setzt einen ruhigen Schluss. Maderna greift die ursprüngliche Konzeption des Concerto auf, das im der Barock als formale Gegenüberstellung der Stimme des Soloinstrument es und des Orchesters in abwechselndem künstlerischem Zusammenspiel von Tutti (alle) und Solo entstand. Die Dreisätzigkeit gibt der Komponist auf. Es dürfte eines der ersten Musikstücke sein, die sich im Titel auf die Tradition beruft aber die Prinzipien des neuen Weges der seriellen Musik aufgreift. Von Boulez stammt mit Structures 1a für zwei Klaviere (1951; auf Reihen aus Olivier Messiaens Mode de valeurs et d’intensités, 1949) auch eines der frühesten seriellen Werke. Inspiration war für Maderna der Darmstädter Musikkurs, den Maderna auf Anraten des Dirigenten Hermann Scherchen besuchte.



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  • Der Kanadier Raymond Murray Schafer (1933-2021) hat ein Flötenkonzert komponiert. Auf der Webseite des Schott-Verlages, der das Werk herausgibt, kann man eine Anekdote lesen, die der Komponist erwähnt.


    Das Flötenkonzert wurde für meinen Freund Robert Aitken geschrieben, der die Uraufführung mit dem Montreal Symphony Orchestra gab. Der Maestro, mit einem großen M, war Charles Dutoit, der das Werk als pièce de garage behandelte, es an den Anfang des Programms stellte und Bob Aitken beleidigte, indem er ihm das Schumann-Klavierkonzert anschloss, gespielt von einem Headliner-Pianisten.


    Ich habe nie meine Zeit damit verschwendet, Dirigenten die Füße zu küssen, obwohl ich immer bereit bin, meine Ideen zu erläutern, wenn es nötig ist, und als Dutoit Bob und mich zu einem Vorgespräch nach Montréal berief, ging ich hin.


    Ich habe eine lebhafte Erinnerung daran, wie er auf seinen Plateauschuhen in den Raum spazierte und sagte: „Es ist klar, Herr Schafer, dass Sie kein Dirigent sind.“ Bitte (gibt mir den Staffelstab) zeigt mir, wie man die Zeremonie dirigiert.‘ Er bezog sich auf den letzten Satz, der im sehr schnellen Fünfachteltakt steht. Bob murmelte im Hintergrund: „Einfach besser als je zuvor.“ Dutoit drehte sich um: „Häh? „Mr. Aitken würde es vorziehen, die Sitzung zu dirigieren.“ Es gab keine weitere Diskussion und nach der einzigen Probe eilte der Maestro ohne Rücksprache von der Bühne. Ich war nicht bei der Uraufführung dabei, die ein großer Erfolg war – auch wenn der letzte Satz zu langsam war.


    Hoffen wir, diese Einspielung entspricht den Intentionen des Komponisten.


    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
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  • Der amerikanische Komponist Lowell Liebermann (*1961) hat ein besonderes Händchen für Kompositionen für die Querflöte. Von ihm stammt ein Solowerk, das bei Flötisten beliebt ist. Soliloquy für Flöte, Op. 44 (1993). Bei mir zählt dieses Selbstgespräch zu den Werken, die ich besonders gerne spiele. Warum? Es hat Substanz, nutzt die Möglichkeiten der Querflöte und besitzt eine Tiefe, die mir zusagt. Werke für Flöte solo von der Moderne bis zur Gegenwart


    Das Flötenkonzert op.39 hatte Lowell Liebermann dem Flötisten mit der Goldflöte, James Galway, gewidmet, der es 1992 zur Uraufführung brachte. In seinem Charakter ist es brilliant, ein Showstück. Für dessen Aufführung braucht es einen Meister vom Schlage eines Meisterflötisten. Auf der Webseite des Komponisten sind einige CD-Veröffentlichungen dieses Werkes vermerkt. https://www.lowellliebermann.c…o-for-flute-and-orchestra


    Beim Werbepartner ist diese Aufnahme erhältlich:



    Auf der Scheibe ist ausser Konkurrenz die orchestrierte Flötensonate Opus 164 von Francis Poulenc, die auch zu den Lieblingswerken gehört, die ich immer wieder auf meinem Notenständer habe.

    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
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