VIVALDI, Antonio: ORLANDO FURIOSO

  • Antonio Vivaldi (1678-1741)


    Orlando furioso



    Opera seria in drei Akten RV 728


    Libretto: Grazio Braccioli nach dem Rolandslied von Ludovico Ariosto

    Entstehung: 1727

    Uraufführung: 10. November 1727

    Ort: Teatro Sant'Angelo in Venedig

    Dauer: ca. 200 Minuten


    Personen

    Orlando - Alt

    Angelica - Sopran

    Alcina - Alt

    Bradamante (Aldarico) - Alt

    Medoro - Alt

    Ruggiero - Alt

    Astolfo - Bass

    Aronte - Stumme Rolle

    Chor


    Ort & Zeit der Handlung

    Alcinas Zauberinsel in unbestimmter Märchenzeit


    Handlung


    1. Aufzug

    Angelica flieht vor ihrem Verehrer Orlando, von dem sie nichts wissen möchte. Dabei wurde sie von ihrem Geliebten Medoro getrennt. Angelica gerät beim Umherirren auf die Insel der Zauberin Alcina, die sie zunächst freundlich aufnimmt und ihr Schutz verspricht. Wenig später kommt auch Orlando auf die Insel. Er trifft auf Alcinas Liebhaber Astolfo und Alcina. Diese beginnt Orlando zu umschmeicheln und weckt dadurch Astolfos Eifersucht. Kurz darauf kommt auch noch Bradamante auf die Insel, die ihren Verlobten Ruggiero sucht. Allerdings ist sie als Mann verkleidet - sie nennt sich Aldarico - um vor Alcina unerkannt zu bleiben. Schließlich wird Medoro verwundet ans Ufer der Insel gespült und Alcina heilt ihn. Wenig später findet Orlando ihn und bedroht ihn wegen der gemeinsamen Zuneigung zu Angelica. Alcina aber gibt Medoro als ihren Bruder aus und Angelica versichert Orlando plötzlich, dass sie ihn liebe. Zugleich flüstert sie Medoro zu, dass dies eine Täuschung sei. Zuletzt findet auch Ruggiero auf die Insel. Alcina bewirkt durch einen Zauber, dass er sich in sie verliebt und Bradamante vergisst. Bradamante schwört, Ruggiero zu retten.


    2. Aufzug

    Alcina verwandelt Astolfo in eine Myrte, weil sie genug von seiner Eifersucht hat. Bradamante, die sich mit einem Zauberring unsichtbar gemacht hat, beobachtet dies. Sie löst Astolfos Zauber mit ihrem Ring und nutzt diesen im Anschluss auch, um Ruggiero von Alcinas Zauber zu heilen. Angelica lockt indes Orlando in eine Falle: Er soll ihr aus einer gefährlichen Höhle, bewacht von einem Ungeheuer, einen Verjüngungstrank besorgen. Trotz Astolfos Warnung lässt sich Orlando darauf ein, woraufhin sich die Höhle nach seinem Eintritt hinter ihm verschließt. Dennoch gelingt es Orlando dank seiner übermenschlichen Kräfte sich zu befreien. Unter dem Schutz Alcinas heiraten Angelica und Medoro. Sie ritzen ihre Liebesschwüre in die Rinde der Bäume. Als Orlando diese findet, verliert er den Verstand und wird zum 'rasenden Roland'.


    3. Aufzug

    Astolfo, Ruggiero und Bradamante glauben, dass ihr Freund Orlando tot ist. und wollen ihn an Alcina rächen. Dazu müssen sie in den Tempel der Hekate eindringen, um die Urne mit der Asche Merlins zu zerstören. Sie beobachten, wie Alcina den Tempel mit einem Zauber öffnet. Die als Ardalico verkleidete Bradamante bittet sie um Hilfe gegen Ruggiero, der ihre Schwester verführt habe. Der wahnsinnige Orlando kommt hinzu, tanzt, redet Wirr, kämpft gegen eingebildete Monster und verschwindet im Tempel. Alcina verabredet ein Treffen mit dem vermeintlichen Ardalico. Ruggiero und der eifersüchtige Medoro streiten zwischendurch über Treue und Ehre, bis sie von Angelica getrennt werden. Im Tempel bekämpft Orlando den Wächter Aronte und bewegt die Merlin-Statue, die er für Angelica hält. Dadurch ist Alcinas Macht gebrochen. Die Insel verwandelt sich mit einem Knall in eine Wüste, während Orlando im Tempel einschläft. Alcina versucht ihn zu töten, wird jedoch von Ruggiero und Bradamante davon abgehalten. Bradamante verhindert anschließend die Flucht Angelicas und Medoros. Astolfo heilt Orlando mit einer Zauberfackel. Alcina flieht und sucht Hilfe bei den Furien der Hölle. Der auch von seiner unerwiderten Liebe zu Angelica befreite Orlando wünscht ihr und Medoro alles Gute.


    Anmerkungen

    Orlando furioso dürfte heute die bekannteste Oper Vivaldis sein und ist vor "L'olimpiade" und "Farnace" die meistgespielte. Dieser Befund verdankt sich der Wiederentdeckung der Oper in den 1970er Jahren; die Uraufführung war kein großer Erfolg und das Werk geriet schnell in Vergessenheit. Nicht zu verwechseln ist diese große Opera seria von 1727 mit Vivaldis früherer Vertonung des Stoffes von 1714. Bei dieser handelte es sich eigentlich um ein Werk Giovanni Ristoris, welches Vivaldi partiell mit eigenen Arien ergänzte bzw. diese austauschte. Ariosts Rolandslied und seine Bearbeitungen waren im Barock ein äußerst beliebtes Sujet mit zahlreichen Vertonungen. Alleine drei Opern Händels (Orlando, Ariodante, Alcina) spielen in diesem Umfeld, so auch Werke von Lully, Steffani, Hasse oder Haydn. Vivaldis und Bracciolis Version unterscheidet sich von vielen anderen Vertonungen durch fehlende Komik, ein im Vergleich geringes Maß an moralisierenden Texten und den Fokus auf nicht weniger als sechs Hauptpersonen. Der Fokus liegt auf den Vorgänge auf Alcinas Zauberinsel, welche nur eine Episode des umfassenden Rolandsliedes ist. Hierbei werden einige unlogische Brüche der originalen Handlung nicht geglättet, sondern noch verstärkt, da Vivaldi einige musikalisch begründete Umstellungen von Arien vornahm. Bei der Komposition griff er auf einige der eigenen Arien und Rezitative von 1714 zurück, schrieb aber etwa die Hälfte der Oper neu. Um Verwechslungen zu vermeiden, betitelte Vivaldi diese Oper zunächst nur als "Orlando", später setzte sich "Orlando furioso" durch.

    Die Musik zeigt Vivaldi auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Einige Arien wurden von Vivaldi später in die Oper "L'Atenaide" übernommen, weil er ihren Wert hoch einschätzte. Im Mittelpunkt stehen virtuose Koloraturarien. Besonders Bekanntheit hat aber die eindringliche, von der Traversflöte begleitete Arie "Sol da te mio" des Ruggiero aus dem 1. Akt erlangt. Ein weiterer Höhepunkt der Oper ist erwartungsgemäß die Wahnsinnsszene des Orlando im 2. Akt, die sich wie üblich in Rezitativen vollzieht. Diese jedoch sind äußerst ausdrucksstark und vielseitig gestaltet, so kommt es z.B. zu einem ungewöhnlichen Dialog Orlandos mit dem Orchester. Ungewöhnlich für die Opera seria ist der Einsatz des Chores nicht nur im Schluss-Ensemble der Oper, sondern auch während der Handlung. So wird die Hochzeit Angelicas und Medoros mittels Chor und je nach Inszenierung Bühnenmusik gestaltet. Die Affekte der Arien sind vielseitig, so gibt es galant-schwärmerische Arien, wilde und virtuose Sturm-Arien oder eine wütende Rachearie zu hören.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Es liegen einige Aufnahmen vor.


    I Solisti Veneti unter Claudio Scimone


    Modo Aniquo (Federico Sardelli)


    Eine neuere Einspielung: Ensemble Matheus (Jean-Christophe Spinosi)


    Im Bild auf Blu-ray/DVD gibt es eine Aufnahme aus San Francisco (Randall Behr) und eine Produktion vom Festival delle Valle d'itria mit I Barocchisti unter Diego Fasolis

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)