MAX BRUCH - Kammermusik

  • In der Nacht vom 01. zum 02. Januar 2010 begann Max Bruchs Musik mich (autofahrender Weise) hypnotisch zu faszinieren: Im Radio lief eine Einspielung seines a-moll-Streichquintetts (WoO) von 1918 (!), gespielt vom Ensemble Ulf Hoelscher. Was für eine Musik! Und das sollte von 1918 sein...? Ich war kurz davor, alle meine geliebten Vorurteile gegen Musik nach 1899 über Bord zu werfen, aber zunächst checkte ich die Angaben und las die Kurzbiografie über Max Bruch im Wikipedia. Tatsächlich war Bruch ein Sturkopf, was seinen musikalischen Stil anbelangte - und allein deswegen verdient er meinen höchsten Respekt. Die Musik Bruchs, die ich mittlerweile kennenlernen durfte - zum überwiegenden Teil Kammermusik - ist eine besondere Mischung aus späten Schubertelementen, gemischt mit etwas Schumann, gewissermaßen ein 'Brahms light' (Brahms selbst schätze ich nicht so...). Über Bruchs Kompositionsstil läßt sich einiges über Wikipedia erfahren, ich erspare das Zitieren an dieser Stelle. Ich bin jedenfalls bisher absolut begeistert von dieser zwar hochromantischen, aber keinesfalls schleimigen oder kitschig wirkenden Musik - sie passt außerdem ausgezeichnet zu meiner derzeit favorisierten Lektüre (frz. Autoren des frühen 20. Jahrhunderts: Henry de Monthelant, Julien Green oder Roger Peyrefitte).

    Für mich ist Bruch ein Stil-HIPpler - bedauernswert, daß es kaum HIPpe Aufnahmen seiner Werke gibt. Aber das kommt hoffentlich noch (Herman Max spielte sein Oratorium 'Arminius' op. 43 ein).


    Die Abteilung Kammermusik für Streicher wartet bei Max Bruch mit zwei Streichquartetten (Nr. 1 c-moll op. 9 aus den Jahren 1858/59 und Nr. 2 E-Dur op. 10 aus 1860) auf. Daneben komponierte Bruch zwei Streichquintette, beide zwei Jahre vor seinem Tod: Nr. 1 a-moll, WoO (1918) und Nr. 2 Es-Dur, WoO (1918). In seinem Todesjahr 1920 vollendete er noch sein Streichoktett B-Dur, ebenfalls WoO.


    Das Oktett und das aufwühlende Quintett a-moll finden sich in hervorragender Interpretation durch das Ensemble Ulf Hoelscher auf dieser CD:




    Max Bruch wurde Zeit seines Lebens (und darüber hinaus) wegen seiner musikstilistischen Zurückgebliebenheit belächelt. Mir hingegen imponiert diese Sturheit Bruchs und zudem ist es ja den Werken auch egal, wann und von wem sie komponiert wurden. Max Bruchs Werke sind heute weitestgehend unbekannt - außer seinem ersten Violinkonzert g-moll op. 26 (von insgesamt dreien) wird man Bruch kaum auf den Spielplänen und Programmen finden, was sehr schade ist.


    Bruch komponierte einige sehr hörenswerte Werke für Klavier & Streicher in kammermusikalischer Besetzung, darunter vier Klaviertrios: Nr. 1 (WoO) komponierte er im zarten Alter von nur 11 Lenzen (1849), die Nrn. 2 und 3 folgten jeweils im Abstand von drei Jahren; 1857 komponierte er ein Klaviertrio in c-moll, welches als op. 5 an die Öffentlichkeit drang. Von besonderer Schönheit ist sein Klavierquintett g-moll aus dem Jahre 1886 (WoO).


    Dieses besonders melodische, melancholische und leicht morbide Werk, das streckenweise auch sehr gefühlsbetont aufbegehrt, gehört zu meinen Liebslingswerken des Genre Klavierquintett. Das Werk ist klassisch viersätzig: (1) Allegro molto moderato, (2) Adagio, (3) Scherzo und (4) Finale: Allegro agitato. Bereits der erste Satz hat rhythmisch faszinierende Stellen und Auflösungen, das Scherzo erinnert mich im ersten Teil an jenes aus Schumanns op. 44.


    Eingespielt wurde dieses Kleinod vom Ensemble Prof. Ulf Hoelscher. Hörproben bei jpc können bei den Tracks 4 bis 7 genommen werden. Vom c-moll-Trio op. 5 gibt es einige Einspielungen, auf die ich vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt zurückkomme. Die frühen WoO-Trios scheinen derzeit nicht angeboten zu werden (?) - Ebenso ist das weitere (frühere) Klavierquintett aus dem Jahre 1852 in keiner Einspielung zu finden.


    Bruch beherrschte sein Handwerk absolut und perfekt, war allerdings wenig offen für Neues. Nur 10 Jahre später als Gustav Mahler, dessen Klavierquartett a-moll (1876/77) Fragment geworden ist, komponierte Bruch sein Klavierqintett g-moll. Die beiden Werke stehen sich bei aller Verschiedenheit doch sehr nahe und lassen die musikalische Zukunft, welche Mahler forcierte, bereits erahnen.




    Die beiden Streichquartette hat das Mannheimer Streichquartett eingespielt:


    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Bruch beherrschte sein Handwerk absolut und perfekt, war allerdings wenig offen für Neues. Nur 10 Jahre später als Gustav Mahler, dessen Klavierquartett a-moll (1876/77) Fragment geworden ist, komponierte Bruch sein Klavierqintett g-moll. Die beiden Werke stehen sich bei aller Verschiedenheit doch sehr nahe und lassen die musikalische Zukunft, welche Mahler forcierte, bereits erahnen.

    Ich habe mir heute Nacht die ersten 15 Minuten angehört und bin allerdings nicht ganz so begeistert. Der zugegeben wunderbare Anfang des Stückes findet in den folgenden Minuten für meine Ohren nichts Gleichwertiges. So schön die Melodien sind, finde ich die Verarbeitung doch recht einfach - ich weiß, man muss vorsichtig sein ;), ich wäre erfreut, wenn mir jemand das Gegenteil zeigen könnte - Auch der zweite Satz besitzt klanglich zauberhafte Stellen, aber immer wieder gelingt es Bruch, für mich nichts daraus zu schaffen als ein wenig Langeweile .... Es wiederholt sich alles ...und wiederholt sich und wiederholt sich und ...;(


    Das ist selbstverständlich ein sehr persönlicher erster Höreindruck eines Stückes.


    BTW Einige Melodeien von Bruch im zweiten Satz sind für meinen Geschmack doch schon nah an der Grenze zum Kitsch.

  • Einmal kurz als diskographischer Hinweis zu den ganz frühen Werken: Bruch hat 1852 bereits ein Streichquartett c-moll komponiert, das er dann später teilweise in seinem Opus 9 wiederverwendet hat. Damit hat er sich um ein Stipendium beworben, das er dann auch bekommen hat, Louis Spohr war einer der Gutachter und war begeistert: "Es intereßiert mich sehr, näheres über ihn [Bruch] zu erfahren, da ich ihm eine glänzende Zukunft prophezeie." Vor einigen Jahren ist das Manuskript wiederentdeckt worden, und das Diogenes-Quartett hat das Stück für Brilliant Classics eingespielt (die CD ist allerdings schon wieder vergriffen).


    Es gibt außerdem noch ein ganz frühes, etwa halbstündiges Septett aus dem Jahre 1849, das in zwei Einspielungen vorliegt:

  • Zitat

    Hat das Thema aus dem Forum KAMMERMUSIKFORUM ALLGEMEIN nach KAMMERMUSIK (FORUM für KLASSISCHE MODERNE - NEUE MUSIK - POSTMODERNE) verschoben.

    Keine Kritik an Deinem wohlüberlegten Handeln. Aber es zeigt mal wieder, wie bescheuert derlei Einteilungen eigentlich sind. Wir sortieren nach Herstellungsdatum der Werke; ich hatte intuitiv - ohne exakt darüber nachzudenken - hinsichtlich des Kompositionsstils nach einem „passenden“ Unterforum gefahndet und bin wegen der Diskrepanz zwischen Bruchs Stil und seiner Wirkungszeit (nomen est omen :) - Stil-Bruch) im allgemeinen Bereich gelandet.


    Einige Melodeien von Bruch im zweiten Satz sind für meinen Geschmack doch schon nah an der Grenze zum Kitsch.

    Aber er schrammt m. E. - sicher in Unkenntnis dessen, was wir heute als Kitsch bezeichnen - gerade noch daran vorbei.


    Der zugegeben wunderbare Anfang des Stückes findet in den folgenden Minuten für meine Ohren nichts Gleichwertiges. So schön die Melodien sind, finde ich die Verarbeitung doch recht einfach - ich weiß, man muss vorsichtig sein ;) , ich wäre erfreut, wenn mir jemand das Gegenteil zeigen könnte

    Du wirst wohl Recht haben, denn zumindest mir wird es nicht gelingen, Dich vom Gegenteil zu überzeugen; allein ich empfinde seine Musik nicht als langweilig. Vielleicht hilft die bewährte Methode des „öfter Hören“ ja hier auch? 8-)


    Aber das kommt vielleicht daher, daß ich im Spätromantischen Stil nicht unbedingt daheim bin und das nicht sofort erkenne - ich bin schon von dem Stil ansich leicht überfordert. Würde ich das auf ein klassisches Werk übertragen (z.B. Wiener Klassik), wäre ich wahrscheinlich auch schnell genervt.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Keine Kritik an Deinem wohlüberlegten Handeln. Aber es zeigt mal wieder, wie bescheuert derlei Einteilungen eigentlich sind. Wir sortieren nach Herstellungsdatum der Werke; ich hatte intuitiv - ohne exakt darüber nachzudenken - hinsichtlich des Kompositionsstils nach einem „passenden“ Unterforum gefahndet und bin wegen der Diskrepanz zwischen Bruchs Stil und seiner Wirkungszeit (nomen est omen :)) im allgemeinen Bereich gelandet.

    Danke für den neuen Bruch Thread der genau in meine aktuelle Hörphase passt.

    Bruch in das Forum Neue Musik/Moderne einzuordnen ist gelinde gesagt verwunderlich. Oder auch einfach falsch. Beim Frühwerk ist ja auch rein äußerlich noch Romantik, rein innerlich ist Bruchs Musik nichts anderes als Romantik...

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

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  • (gerne weg mit der Meta-Diskussion)


    Zur Sache: Einige Kammermusikwerke Bruchs gelten als verschollen. Meine liebste Kammermusikgattung - Klaviertrio - wurde theoretisch von Bruch gut bedient. Liest man das Werkverzeichnis durch, finden sich vier Klaviertrios. Allerdings steht bei den drei nummerierten der Zusatz "verschollen". Diese Werke kennt man also leider nicht. Es sind WoO-Jugendwerke aus den Jahren 1849, 1852 und 1855. Dies gilt übrigens nicht nur für die drei Klaviertrios, sondern auch für ein Klavierquintett von 1852 und es galt für ein c-Moll-Streichquartett aus dem gleichen Jahr. Dieses wurde aber 2013 von Ulrike Kienzle in Frankfurt wiederentdeckt, wo Bruch sich im Alter von 14 Jahren mit diesem Werk um ein Mozart-Stiftung-Stipendium bewarb. Übrigens mit Erfolg, weil besonders Louis Spohr überzeugt von dem Werk war. Anschließend erhielt Bruch sein Stipendium und das Werk verschwand ohne Abschrift wohl in den Schubladen der Stiftung. Später verwendete Bruch, wie man durch die Auffindung des Jugendwerkes feststellen konnte, Material des frühen Quartetts in seinen beiden Streichquartetten Opp. 9 & 10. Wiederaufgeführt wurde das c-Moll-Werk dann 2014 und vom Diogenes-Quartett mit in die Gesamteinspielung aufgenommen.

    Es fällt auf, dass besonders Werke aus dem Jahr 1852 verschwunden sind, also Werke des 14jährigen talentierten Jungkomponisten. Das Jahr 1852 ist in der Bruch-Biographie nicht unwichtig: Das Stipendium wird genehmigt, Hiller setzt sich für Bruch ein, ein erster sinfonischer Versuch entsteht, in der Rheinischen Musikzeitung erschien im März ein lobender Artikel, der ihn mit Mozart und Mendelssohn verglich. Sind die Werke in diesem Trubel untergegangen (z.B. weil sie anderen Leuten zur Ansicht geschickt wurden) oder hat Bruch sie gar vernichtet, weil er sie angesichts der Erwartungen die man in ihn setzte für zu schwach hielt? Irgendwie unwahrscheinlich und im Falle des Klaviertrios von 1855 ohnehin nicht plausibel.

    Vielleicht finden sich Quintett und Trios ebenfalls irgendwann wieder, vielleicht sind sie durch ebensolche Zufälle in irgendwelchen Archiven verschwunden. So etwas passiert gar nicht so selten, wie ich aus eigenen Erfahrungen mit der Bachforschung weiß. Im Falle Bruchs mussten die Werke gut 100 Jahre weniger überdauern, was die Chance auf ein Wiederfinden vergrößert. Es ist davon auszugehen, dass der spätere Lehrer Hiller wenigstens das Quintett 1852 bei einem Hauskonzert gehört hat - eine Abschrift gibt es aber wohl nicht.


    Hier ein DLF-Bericht über das wiedergefundene Quartett.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)