Inhalt
I. Theaterzirkus
II. Die Kritik der Kirche
III. Sancta Susanna als Humanistin
IV. Provokation als Lust an der Provokation
V. „Sancta“ und nicht „Sancta Susanna“: Die Verwandlung des Expressionismus in ein Spektakel der Schaulust
VI. Leib und Lust als Opern-Spektakel
VII. Leib-Phänomenologie: Der Unterschied von „Körper“ und „Leib“
VIII. Die nackten Nonnen als Theater-Karneval
IX. Verrohung statt Verfeinerung der Sinne
X. Die ästhetische Blasphemie: Der Tabubruch als Lustobjekt
XI. Der Verlust der Utopie im postmodernen Kitsch
I. Theaterzirkus
Zu den prägenden Erfahrungen meiner Studienzeit gehörte der alljährliche zweiwöchige Aufenthalt im Dominikanerkloster Walberberg bei der von Pater Paulus Engelhardt verantworteten philosophisch-theologischen Arbeitsgemeinschaft. Dort erzählte mir damals eine befreundete Studentin des Faches Katholische Theologie die Geschichte ihrer Großmutter, einer streng gläubigen Katholikin, die auf dem Sterbebett (!) ihre katholische Kirche verfluchte, die sie dazu erzogen hatte, ihren Körper und ihre Sexualität zu verachten, wodurch sie sich um ihr Leben betrogen fühlte. Von solch traumatischem Leiden im Kerker kirchlich-christlicher Leibverachtung handelt Paul Hindemiths einaktige Oper Sancta Susanna, basierend auf der expressionistischen Szene Ein Gesang in der Mainacht von August Stramm aus dem Jahr 1914 – Stramm fiel wie so viele andere Expressionisten als Soldat im 1. Weltkrieg im darauf folgenden Jahr 1915. In diesem expressionistischen Stück ist die Blasphemie der Notschrei einer von anbefohlener und verinnerlichter Leibverachtung geknechteten und gequälten Seele: Es entkleidet sich die Nonne Susanna vor dem Altar mit den Worten „ich bin schön“ und beharrt dort in stolzer, aufrechter Haltung. Die Aufforderung ihrer Mitschwester zur Beichte weist sie energisch zurück. Die Stuttgarter Inszenierung ist nun keine Werkaufführung von Hindemiths Stück und will es auch nicht sein. In der Erläuterung der Staatsoper Stuttgart lesen wir:
https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/sancta/
„„Ein Skandal? Nein, Freude. Überbordende Freude“, befand die Süddeutsche Zeitung nach der Schweriner Premiere von SANCTA. Florentina Holzingers Opernperformance verquickt Paul Hindemiths Operneinakter Sancta Susanna und Elemente der katholischen Liturgie zu einer radikalen Vision der heiligen Messe. Mit ihren Performerinnen* begibt sie sich in spektakuläre körperliche Grenzerfahrungen und erkundet individuelle Spiritualität und Glaube, Sexualität und Schmerz, Scham und Befreiung. Magie und religiöse Wunder erfahren eine Neudeutung in einer ekstatischen Feier der Gemeinschaft und der Selbstbestimmung, in der Bach auf Metal trifft, die Weather Girls auf Rachmaninow – und nackte Nonnen auf Rollschuhe.“
Erlauben wir uns ein wenig Satire: Verkaufsstrategisch ungemein geschickt wirbt das Haus mit seinem bereits provozierten Skandal: >Kommt, kommt, liebes Publikum und überzeugt euch selbst: Der Skandal ist gar kein Skandal!< Und die Rechnung ist aufgegangen: Alle Vorstellungen sind inzwischen ausverkauft! Was dem Zuschauer versprochen wird ist ein Nervenkitzel, ja, aber so gar kein anstrengender, der das Gemüt belasten könnte, nichts schwer Verdauliches also, sondern statt dessen beste Abendunterhaltung leichter Theaterkost, ein aufregendes Spektakel „überbordender Freude“, wie die „Süddeutsche“ zitiert wird. Überbordend ganz gewiss ist diese heiter zusammen gekitschte Cross-Over-Postmoderne, ein kulinarisches Gericht aus den Zutaten: ein ordentlicher Löffel blasphemisches Püree, das Sakrales mit Profanem verquirlt, nichts allerdings für prüde Veganer, weil schön garniert mit viel nacktem Fleisch und der Botschaft, dass das katholisch Nicht-sein-Sollende das eigentlich Tolle ist, das alles eingelegt in eine magische Sauce pseudoreligiösen Spiritismus. Nicht zu vergessen die in Bildern freigeistigen Übermuts schwelgende Ästhetik des Spektakels: ein Päpstlein als Luftschraube von der Jahrmarktbude, splitternackte Nonnen auf Rollschuhen und dann auch noch als der weiß nicht wievielte „Wow“-Effekt die Erscheinung von Jesus als Frau. Dazu wird als musikalische Gemüsebeilage ein Leipziger Allerlei serviert, was neusachlichen Hindemith mit elektrisierendem Heavy-Metal-Gekreische und Rachmaninow-Sentimentalität zusammenrührt, mit ein bisschen Bach als barockes Speckstückchen dazwischen.
Also kein Skandal, nur eitel Sonnenschein? Davon ist im Beitrag der „Tagesschau“ allerdings gar nichts zu spüren:
https://www.tagesschau.de/inla…uchen-einen-arzt-100.html
Befragt wird im Kurzfilm die sichtlich betreten und irritiert wirkende Premierenbesucherin Sara Brenner. Sie erzählt von solcherlei Unappetitlichem wie einem Zentimeter großen Stück Fleisch, das sich eine Darstellerin auf der Bühne mit dem Skalpell aus der Haut schneidet und davon, dass sich andere Darsteller einen Metallhaken durch die nackte Haut haben schieben lassen, um dann so im eigenen Fleisch blutend aufgehängt durch den Raum zu schweben. Das Publikum hatte offenbar nicht das nötige dicke Fell, um diesen Hyper-Naturalismus und Sadomasochismus zu verkraften. 18 Zuschauer kollabierten und es gab drei Notarzteinsätze, was Victor Schoner, der Intendant das Hauses, im „Tagesschau“-Beitrag mit kalt lächelnder Großkotzigkeit kommentiert: Es sei ja die schlechte Luft im Saal daran schuld, um dann allerdings die kleine Konzession zu machen: Ja, natürlich, ein bisschen statistisch überdurchschnittlich sei diese Zahl ja schon. Was konnte der Fernsehzuschauer dem nun entnehmen? Die Opernbesucherin fragt am Ende betroffen, ob diese lustvoll präsentierten Selbstverletzungen denn nun wirklich notwendig seien, während der im Anschluss zu sehende Intendant das Ganze zynisch zur Bagatelle herunterspielt, nach dem Motto: Wozu die ganze Aufregung? Zuschauer, die gleich im Dutzenden kollabieren und den Notarzt brauchen? Das ist doch alles ganz normaler Theateralltag! Grünen-Politiker Arne Braun beruft sich auf die „Freiheit von Kunst“ und meint schließlich: „Und wer sich das nicht anschauen will, bleibt bitte weg.“ Jaja, das Haus gibt Warnhinweise und meint damit, genug der Vorsorge für zarter besaitete Publikumsgemüter getan zu haben. Wer demnach also den Arzt rufen muss nach dem „Genuss“ eines solchen Opernabends, ist es selber schuld, er hätte einfach nicht hingehen dürfen. Eine solche Apologie ist jedoch bigott. Pennäler-Weisheit: Richtige Jungs halten sich für stark, nichts, meinen sie, bringt sie aus der Fassung. Wenn dann aber der Herr Lehrer im Biologieunterricht den chloroformierten Frosch seziert, kippen sie beim ersten Blutstropfen um. Kein Mensch kennt genau die Grenze, wo das für ihn noch Zumutbare aufhört und die Unzumutbarkeit anfängt. Es ist daher einfach nur ein zynisches Spiel mit den Nerven des Zuschauers, die Grenzen des Erträglichen so weit zu überschreiten, dass die Wahrscheinlichkeit für Opfer der Selbstüberschätzung drastisch zunimmt mit den Folgen, die bereits zu sehen waren. Die Frage der Zuschauerin in der Tagesschau ist berechtigt: Muss man es mit der Hyperbolie des Sensationellen wirklich so weit treiben? Gibt es für diese sich selbst überbietende Wirkungsästhetik der Überreizung bis hin zum Schock wirklich eine ästhetisch triftige Begründung?
II. Die Kritik der Kirche
Und was sagt die katholische Kirche zu diesem „Teufelslärm der freien Geister“ (Friedrich Nietzsche)? Es meldete sich der katholische Stadtdekan zu Wort. Die „Stuttgarter Zeitung“ vermeldet unter der Rubrik „Stuttgarts katholischer Stadtdekan übt scharfe Kritik“:
„Stuttgarts katholischer Stadtdekan Christian Hermes sagte am Donnerstag der KNA: „Ich wundere mich nicht, dass Zuschauer und Mitwirkende große Probleme mit dem Stück haben.“ Er habe zwar Respekt vor der künstlerischen Radikalität von Florentina Holzinger. „Sie legt schonungslos den Finger in die Wunde patriarchaler und klerikal-religiöser Herrschaft.“ Das sei „richtig und wichtig“, denn es gebe „eine schlimme Schuldgeschichte unserer Kirche“, so Hermes.
Doch das Stück zelebriere nicht nur „naive, um nicht zu sagen kitschige sexuell-spirituelle Erlösungsträume“. Bei ihm kämen seit der Premiere „wirklich beunruhigende Rückmeldungen“ an, berichtete der Stadtdekan. „Dass Mitarbeitende und Besucher brutal an und über die Grenzen des ästhetisch und psychisch Erträglichen geführt werden, religiöse Gefühle entgegen aller sonst gepflegten politischen Korrektheit obszön verletzt werden und ganz bewusst mit der mentalen Gesundheit der Menschen gespielt wird. Das scheint hier kein Unfall zu sein, sondern Teil des Konzepts.““
Nach „scharfer“ und lautstarker Kritik hört sich das nun keineswegs an – eher schon kleinlaut fühlt sich der Dekan bemüßigt, der Regisseurin erst einmal „Respekt“ zu zollen. Ja natürlich, wenn katholische Priester weltweit und seit Jahrzehnten in trauriger Regelmäßigkeit vor kleinen Jungs schamlos die Hosen runtergelassen haben und das auch noch von der Institution Kirche systematisch vertuscht wurde, dann wäre es angesichts dieser bitteren Realität schlicht und einfach Bigotterie, wenn ausgerechnet Vertreter der katholischen Amtskirche lautstark „Blasphemie“ schreien, wenn in der Fiktionswelt des Theaters vor dem unechten Bühnenalter eine Schauspielerin, welche eine Nonne gar nicht ist, vielmehr nur spielt, die Hüllen fallen lässt. Das eigentlich Beunruhigende spricht diese katholische Stimme aber gar nicht an. Stellen wir uns vor, ein Betroffener des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche, ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer, verirrt sich in den Saal. Von der Inszenierung bekommt dieser gequälte Mensch dann die Lehrstunde erteilt, dass sein Schicksal eigentlich gar nicht so schlimm ist, weil man das Leiden an der sexuellen Grenzüberschreitung ja nicht nur leidend erfahren muss, sondern auch masochistisch als Lustquelle erleben kann. Dass Niemand von den Beteiligten an diese beklemmende Möglichkeit auch nur denkt geschweige dann öffentlich darüber spricht, spricht Bände. Es verrät sich damit die Oberflächlichkeit einer solchen Spektakel-Kunst wie auch die Spaßgesellschaft von heute, für die sie bestimmt ist.
III. Sancta Susanna als Humanistin
Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück kritisierte laut Stuttgarter Zeitung „das Stück reproduziere bekannte Klischees. Nonnen, die aus den klösterlichen Mauern ausbrechen, um sexuelle Befreiung zu erleben, das sei also „ein etwas schlichtes Narrativ“. Die Frage ist allerdings, ob diese Lesart des Stücks nicht selber ein allzu „schlichtes Narrativ“ ist. Klöster, in denen Nonnen eingemauert werden und Spinnen, die hinter dem Altar vorkriechen sind keine naturalistische Beschreibung des Klosterlebens, so wie es wirklich ist, sondern Symbolismus. Deshalb stellt sich die Frage, was dieses fiktiv Gezeigte eigentlich zeigt und was es bedeutet. Wer sind die Nonnen und wofür steht das Kloster? Um eine explizite Kritik der Institution des Mönchtums ging es Stramm und Hindemith wohl kaum. Eher ist das Singuläre und Spezielle hier Symbol für das Umfassende und Allgemeine: die seelischen Abgründe der Leibverachtung im Banne kirchlich-christlicher Sexualmoral, egal ob nun innerhalb oder außerhalb von Klostermauern. Trägt nicht jeder zu christlich-platonischer Leibverachtung erzogene Christ seine Mönchskutte wie Christus sein Kreuz? Die Nonne Susanna in Hindemiths Stück, sie steht letztlich da als Symbol für die mächtige christliche Tradition praktizierter Leibfeindlichkeit und wohin diese den Menschen getrieben hat und treibt. Dem Wiener Theologen entgeht zudem die bittere Ironie: Hätte die verklemmte Sexualität so vieler katholischer Pastoren und Priester nur den Mut der Nonne Susanna gehabt, sich vor dem Altar ganz öffentlich nackt zu machen, dann hätten sie sich wohl nicht feige an wehr- und hilflosen kleinen Kindern klammheimlich vergreifen müssen.
Nicht der christliche Glaube, die Kirche hat die Leiblichkeit und Sexualität zum Tabu gemacht. Dominikaner-Pater Paulus Engelhard, Hauptschriftleiter der deutschen Thomas-Ausgabe und Professor für mittelalterliche Philosophie in Münster, war ein leidenschaftlicher Kritiker katholisch-kirchlicher Sexualmoral. Ich erinnere mich an seine Vorträge in Walberberg, wo er die utilitaristische Auffassung der Sexualität in der katholischen Kirche aus philosophisch-theologischer Sicht in ihrer Haltlosigkeit überführte, wonach Sex nur dann erlaubt ist, wenn er als Mittel zum Zweck der Kindererzeugung dient, Sex als Lust am Sex dagegen Sünde sein soll. Eines Tages drückte mir Pater Paulus in der Walberberger Klosterbibliothek – wir Studenten konnten dort günstig Bücher erwerben, die ausgemustert wurden – ein Buch in die Hand, das von seinem Vater Victor Engelhardt stammte mit dem Titel Eros, Gnade und Erlösung, erschienen im Bouvier-Verlag, Bonn 1956, das ich, wie mir das nach wie vor im Buch steckende Lesezeichen verrät, damals für 3 DM erwarb. Victor Engelhardt will dort zeigen, dass ein recht verstandenes Christentum in seiner Wurzel gerade nicht sexualitätsfeindlich ist. Engelhardt schreibt dort nicht zuletzt gegen den christlichen Platonismus an und seine dualistische Weltsicht, die „Sex“ und „Liebe“ trennt und betont humanistisch den Eros als Wesenszug des ganzen Menschen. Geht es um dieses erotische Ganzsein-Können nicht auch bei Sancta Susanna? Will sie dem Gekreuzigten nicht zeigen, dass die Leibverhüllung ihr Kreuz ist, das sie tagtäglich tragen muss, indem sie diese verhüllende Hülle schließlich fallen lässt? „Ecce homo“: „Siehe, ich bin ein ganzer Mensch – eine schöne Frau – und nicht nur ein entleiblichtes, abstraktes Neutrum unter der Mönchskutte!“
„Im Deutschen kennen wir nur das Wort „Liebe“, das die erotische Liebe ebenso umfaßt, wie die christliche Nächstenliebe zu Gott. Unsere Sprache scheint ärmer als die griechische zu sein, und auch als die lateinische, die „amor“ und „caritas“ unterscheidet. Wir können sie aber auch „tiefer“ nennen, weil sie in die Einheit e i n e r „Liebeskraft“ zurückführt, was die alten Christen scheu trennten.“
(Victor Engelhardt: Eros, Gnade und Erlösung, Bouvier Bonn 1956)
IV. Provokation als Lust an der Provokation
Florentina Holzingers Produktion provoziert. Die heftigen Reaktionen gehen wie beim Provokanten nicht anders zu erwarten ins Extrem: Es gibt begeisterte Zustimmung und empörte Ablehnung bis hin zu Tiraden des Hasses. Die Ehrlichkeit gebietet es hier zu sagen, dass genau das von den Theatermachern offenbar gewollt ist. Diese Inszenierung mit ihren extremen Grenzüberschreitungen des biederen guten Geschmacks, ihrer Missachtung von religiösen Tabus und moralischen Befindlichkeiten will provozieren, will Gefühle verletzen und bekommt genau dafür auch die Quittung in der öffentlichen Diskussion. Man sollte die Ankündigung auf der Webseite der Staatsoper Stuttgart lesen. Denn sie zeigt, dass Holzingers Performance nicht nur Tabus bricht, sondern die Lust am Provokanten, am Tabubruch als solchen, das ästhetische Konzept ist. Unter dem Stichwort „Warum macht die Staatsoper diese Produktion überhaupt?“ klärt Intendant Victor Schoner darüber auf, worum es im Theater überhaupt und speziell in dieser Inszenierung letztlich geht, nämlich darum, „Grenzen … lustvoll zu überschreiten“:
„Florentina Holzinger nimmt Hindemiths Oper zum Ausgangspunkt ihrer Opernperformance und ergänzt das Werk um Teile der katholischen Messe, gesprochene Texte und performative Elemente. Auf diese Weise beleuchtet sie unseren ganz persönlichen wie auch gesamtgesellschaftlichen Umgang mit Körper, Sexualität und Glauben.
Intendant Viktor Schoner: „Grenzen auszuloten und lustvoll zu überschreiten war von jeher eine zentrale Aufgabe der Kunst. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit Florentina Holzinger, ihrem Team und vor allem mit Ihnen, dem legendär experimentierfreudigen Stuttgarter Publikum, die eigene Komfortzone zu verlassen und idealerweise zu erweitern. Nach Bachs Johannes-Passion und Messiaens Saint François d'Assise wollen wir uns mit diesem Abend erneut auf die Suche nach Spiritualität begeben – in spektakulärer und sicherlich überraschender Art und Weise!““
https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/sancta/
Die joviale Lässigkeit, mit der sich der Intendant hier inszeniert, ist nur die Verkleidung für die provozierende Frechheit, die sich dahinter verbirgt, nämlich die Zumutungen zu verschleiern, welche die auf der Bühne gefeierte Lust zur Grenzüberschreitung mit sich bringt. Der Zuschauer soll die „eigene Komfortzone“ bei dieser Inszenierung verlassen. Aber geht es wirklich noch darum, sie „idealerweise zu erweitern“? Wenn angesichts gezeigter Ekelszenen wie der masochistischen Selbstverletzung Zuschauer kollabieren, dann ist das ganz ohne Idealismus betrachtet ganz einfach nur unkomfortabel und keine irgendwie aufregend „erweiterte“ Komfortzone nach dem Motto: Ein bisschen unbequem macht das Bequeme ja erst so reizend, damit man wirklich spektakulär genießen kann! Es ist nicht schwer, diesen zynischen Euphemismus des Intendanten als das zu durchschauen, was er ist: reine Apologie, um das Skandalöse zu vertuschen. Ebenso scheinheilig ist die ästhetische Kernaussage Schoners, es sei „von jeher eine zentrale Aufgabe der Kunst“ gewesen, „Grenzen auszuloten und lustvoll zu überschreiten“. Die versteckte Provokation liegt hier darin, dass die Grenzüberschreitung – also die Tabuverletzung – nicht nur als wichtige Aufgabe von Kunst behauptet, sondern die „Lust“ dabei ins Spiel gebracht wird. Damit wird die Tabuverletzung als solche zum eigentlichen ästhetischen Inhalt erklärt, also Lust an der Tabuverletzung zu empfinden und diesen Tabubruch ästhetisch zu genießen zum Sinn und Zweck einer solchen Art von Theater gemacht.
V. „Sancta“ und nicht „Sancta Susanna“: Die Verwandlung des Expressionismus in ein Spektakel der Schaulust
Die Stuttgarter Aufführung von Hindemiths Einakter „Sancta Susanna“ ist nun keine Werkaufführung im klassischen Sinn, sie steht in Florentina Holzingers „Sancta“-Performance in einem größeren Kontext. Die Sinnverschiebung vom Tabubruch zur Lust am Tabubruch, die sich durch die Einbettung des originalen Stücks in ein umfassenderes Theaterspektakel ergibt, sie kann man nun sehr gut an der Wahl der Darstellungsmittel nachvollziehen. Worum es in Hindemiths expressionistischem Stück gerade nicht geht, ist Lust am Tabubruch als solchen zu empfinden, also an der Blasphemie, dass sich die Nonne Susanna vor dem Altar nackt zeigt. Hier sollte man auf den Unterschied achten, was gezeigt und wie etwas gezeigt wird. Die Blasphemie ist erst einmal das Gezeigte, was die handelnde Person auf der Bühne tut, indem sie nämlich ihre Mönchskutte ablegt. Man kann nun nicht einfach davon ausgehen, dass die gezeigte Blasphemie auch ein blasphemisches Zeigen ist. Dann wären nämlich das „Gezeigte“ und das „Zeigen“ oder anders gesagt das „Was“ (die fiktive handelnde Person auf der Bühne, hier: Susanna) und das „Wie“ des Zeigens (wie etwas real auf der Bühne dem Publikum gezeigt wird, hier: die Darstellerin der Susanna, die sich tatsächlich nackt macht), einfach identisch. Dem expressionistischen Theater geht es nicht darum, blasphemisch Tabus zu verletzen und daraus einen Lustgewinn zu ziehen, sondern allein um die Wahrhaftigkeit und Wahrheit, etwas so zu zeigen, wie es ist: Die Blasphemie ist erst einmal die Blasphemie der Nonne Susanna und nicht die des Theaters, das diese Blasphemie zeigt. Selbst wenn man nun meint, dass das Theater eine solche Blasphemie nicht zeigen dürfe, also gleichsam ein „Bilderverbot“ in Sachen Blasphemie gelten soll, bleibt die Unterscheidung in der Sache bestehen, dass die Bewertung des Zeigens der Blasphemie als blasphemisch, also des „Wie“ des Zeigens, nicht identisch ist mit dem was man sieht und was es bedeutet, die Entblößung des nackten Körpers als blasphemische Handlung der handelnden Person auf der Bühne, also dem „Was“ des Zeigens. Für den Expressionisten soll Kunst nicht schön, sondern vor allem wahr sein. Es ist nun klar, dass der Expressionismus nicht blasphemisch sein will, sondern einfach wahrhaftig: Expressionistisch gedacht geht es nur darum, eine Blasphemie auf der Bühne als das zu zeigen, „was“ sie tatsächlich ist: blasphemisch und was mit dieser Demonstration von Nacktheit ausgedrückt wird, welche Bedeutung damit verbunden ist, dass sie – konkret im Falle der Nonne Susanna – ein Akt der Selbstbefreiung und Befreiung vom Leiden der Leibverachtung ist, die Bekundung, ihre sexuelle Leiblichkeit endlich akzeptieren zu wollen, eins werden zu wollen mit dem eigenen Leib usw. All das gehört zur gezeigten blasphemischen Handlung der Entblößung auf der Bühne. Die expressionistisch beanspruchte Wahrhaftigkeit des Zeigens von blasphemischer Nacktheit in ihrer Ausdrucksbedeutung verlangt deshalb, dass sich das Auge das Zuschauers gerade nicht voyeuristisch auf das fixiert, was die bloße Impression der Nacktheit ist – die nackte Darstellerin auf der Bühne. Der bloßen Schaulust an der Nacktheit muss das eigentlich Expressionistische entgehen, die Expression „hinter“ der Oberfläche der Impression, also das, was diese Nacktheit für die dargestellte Figur bedeutet und nicht nur für den Zuschauer und Betrachter: ein bloßer Reiz für die Schaulust. Wer also die Nacktheit auf der Bühne nur voyeuristisch „impressionistisch“ betrachtet, der übersieht dabei ihre Ausdrucksdimension und macht sie statt dessen zum eigentlichen ästhetischen Gegenstand als Quelle der Lust oder Unlust. Dann wird das Zeigen von blasphemischer Entblößung, auf die man sich fixiert, entweder zum ästhetischen Genuss oder es erregt Abscheu und Empörung.
Im Expressionismus soll die Grenze also gerade nicht überschritten werden, wo das Sehen des Zuschauers durch das Gesehene – die blasphemische Entblößung – gleichsam kompromittiert und kontaminiert wird. Die künstlerische Darstellung der Blasphemie will hier keineswegs selber blasphemisch sein, sie möchte eine Blasphemie nur darstellen. Genau diese Grenze wird in Florentina Holzingers Spektakel verwischt und überschritten und soll es letztlich auch. Das künstlerische Zeigen von entblößter Nacktheit intendiert blasphemisch zu sein und damit auch, den Zuschauer ganz bewusst zu provozieren. Sinnenfällig wird das an den gezeigten nackten Nonnen auf Rollschuhen. Bezeichnend ist es nicht die handelnde Person selbst auf der Bühne, also die Nonne Susanna, die nackt auf Rollschuhen herumflitzt, sondern zu sehen ist eine Schar von Komparsen. Allein das zeigt die Ablösung der Impression von Nacktheit von der Dimension ihrer Expression, die sich mit der Transformation von Hindemiths expressionistischen Stück in ein Spektakel, ein Schaustück für die Schaulust, vollzieht. Die Nacktheit der nackten Nonnen, sie wird in Holzingers Inszenierung eines Spektakels, das vor allem darauf aus ist, Schaulust zu wecken, als „Sensation“ dem Zuschauer präsentiert und so zum sensationellen Lustobjekt.
Es ist in diesem Spektakel allerdings keineswegs das Zeigen von Nacktheit als solcher, das schamlos wäre. Max Scheler wies darauf hin, dass Schamgefühl und Schamverhalten nicht dasselbe sind. Es gibt Völker, die Kleidung und Kleider gar nicht kennen und Zeit ihres Lebens sich nur nackt unter Menschen bewegen. Daraus zu schließen, diese Menschen hätten kein Schamgefühl, wäre aber ein Fehlschluss. Wenn nämlich ein christlicher Missionar zu ihnen kommt und erklärt, dass Nacktheit Sünde ist und den nackten Männern einen Lendenschurz umhängt, dann regieren diese Männer mit Scham und verstecken sich vor den anderen Männern und den Frauen. Die Verdeckung der Schamteile fixiert nämlich gerade die Aufmerksamkeit auf sie, wogegen der nackte Körper im Grunde so etwas ist wie ein Kleid, wo die Schamteile gar nicht auffallen. Die nackten Körper der Komparsen sind ausgesucht schöne Körper, sehr ästhetisch anzusehen. Wären die Rollschuhfahrerinnen nur nackt, dann wäre ihr Anblick so wenig schamlos und blasphemisch wie das Betrachten des schönen weiblichen Körpers in einem Aktbild. Nur sind sie aber keineswegs bloß nackt, sondern geben sich als nackte Nonnen zu erkennen durch das Kopftuch der Keuschheit, das sie tragen. Damit aber wird ihre Nacktheit ganz anders wahrgenommen, nicht einfach nur als Nacktheit, sondern eine Entblößung von Nacktheit. Das ist aber ganz etwas Anderes. Der Betrachter sieht nicht nur schöne nackten Körper, vielmehr die blasphemische Entblößung von Nacktheit von Nonnen, die ein Keuschheitsgelübde abgelegt haben. Im Spektakel wird nun genau dieses als Sensation präsentierte Unkeusche der Nacktheit zum Lustobjekt gemacht. Und genau darin liegt die provozierende lustvolle Grenzüberschreitung und Blasphemie, welche über das unspektakuläre Zeigen von sehr ästhetischen nackten Körpern weit hinausgeht. Mit der expressionistischen Ausdrucksgeste in Hindemiths Stück hat Holzingers Spektakel spielerischer Entblößung schlicht nichts mehr gemein, weil es gar nicht mehr um den Ausdruck geht, sondern allein um schaulustige Lust, sich am Verbotenen genüsslich zu weiden. Wem der christliche Glaube noch etwas bedeutet, der wird diese Lust an der Blasphemie allerdings ähnlich schmerzvoll erleben wie jene masochistischen Selbstverletzungen, die auf der Bühne präsentiert werden: das Obszöne der Blasphemie als ein Stück Fleisch, das mit dem Skalpell aus der Seele geschnitten wird. Hier ist die Frage an den Künstler erlaubt: Wodurch ist eigentlich eine solche Zumutung ästhetisch gerechtfertigt, wenn die Komfortzone ästhetischen Genusses definitiv verlassen wird? Auch dem areligiösen Zuschauer kann durchaus die Lust an diesem Spektakel vergehen, wenn er es schlicht als geschmacklos empfindet. Was ist hier also der über das Voyeuristisch-Vulgäre hinausgehende erhabene, künstlerische Sinn? Kann Florentina Holzingers „Sancta“-Spektakel solche Fragen wirklich beantworten, oder bleiben mögliche Antworten letztlich im Sumpf des Unbestimmten postmoderner Zusammenkitschung von ästhetisch Unvereinbarem stecken?



