Natürlich ist der HIP-Gedanke interessant,
Und bei der Orgel nicht ganz von der Hand zu weisen. Albert Schweitzer war es, der bereits in den 1930er Jahren die Bachschen Orgelwerke vorzugsweise in seiner Kirche in Günsbach spielte (auch für die Schallplatte) weil er dieses Instrument für die Bachwerke am Geeignetsten hielt. Und der Mann hate durchaus Ambitionen in Richtung der französischen Orgelkunst.
Das ist eben die Frage, ob man mit einer so modernen Orgel nicht verschiedene Klangeigenschaften (auch ohne Sampling) nachbauen kann.
Dazu claude Fable 5.1
Zitat von Claude Fable 5.1Alles anzeigenSchweitzer. Der Kern stimmt, die Daten nicht ganz. Die Günsbacher Orgel ist ein Härpfer-Instrument von 1931/32, nach Schweitzers eigener Konzeption gebaut; dort nahm er 1951/52 für Columbia auf (Bach, Franck, Mendelssohn, Widor). Die 1930er-Aufnahmen entstanden in London (All Hallows, 1935) und an der Silbermann-Orgel von St. Aurelien in Straßburg (1936). Wichtiger als die Daten: Schweitzer war Widor-Schüler und hat 1906 mit „Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst" genau die Synthese gefordert, die Würzburg jetzt baut – Silbermann-Klang mit Cavaillé-Coll-Mitteln, die sogenannte Elsässische Orgelreform. Günsbach war sein Versuch, das in einer Dorfkirche zu verwirklichen. Bosserts „Multiästhetikon" ist die konsequente Fortsetzung dieses Gedankens mit 5.000 Pfeifen und einer Steuerung, die Schweitzer nicht hatte.
Was die Orgel für Stilnachbildung bereithält
Klanglicher Kern: Arnstadt 1703. Die mit „A" markierten Register (Principal 8', Gemshorn, Gedackt, Quinta 6', Quintatön, Octav 4', Mixtur, Cymbel, Vox humana, Trompete, Posaune) sind Kopien der Wender-Orgel, an der Bach spielte. Das ist die mitteldeutsche Grundschicht – die „Bach-Orgel", die Schweitzer nicht hatte.
Drei europäische Klangsäulen, jede mit eigenen Reihen:
- Italien: das Cornettwerk (I) als Principalchor 16' bis 1' mit Terz, Quint, Septime und den Fournituren „nach Lepoglava" – Ripieno-Prinzip.
- Frankreich/Westeuropa: aliquot- und zungenbetont. Grand Cornet 5f, Cornett-Mixtur, Trompette 8', Clairon 4', Bombarde 16', Hautbois, Schalmey, dazu das schwellbare Récit (IV) mit Stentor Gambe, Jubalflöte, Vox coelestis – klassische Grand-jeu- und Récit-Farben.
- Süd-/Mitteldeutschland: der Grundlabialstil mit vielen 8'-Farben – Viola di Gamba (1:1 nach Ehrlich, Bad Wimpfen), Salicional, Flauten, Cythara schwebend, Hohlflöte, Concertflöte, Dolce, Holzharmonika, Physharmonika (durchschlagende Zunge, Vogler/Walcker).
Key-Sounds statt Kopien. Bossert unterscheidet Register, die stilübergreifend dienen, von wenigen „Signatur"-Registern, die den Stil kippen. Hand beschreibt es so: mit dem Hinzufügen oder Weglassen weniger Register wandert der Klang von Rom 1613 nach Weimar 1713. Etwa dreißig solcher Klangtypen sind laut Broschüre nachweisbar.
Transmissionen und Komposita. 66 Reihen liefern 307 Züge: dieselbe Pfeifenreihe erscheint in mehreren Werken und Oktavlagen, mehrere Reihen werden zu Komposita gebündelt (Theorbe 9f 32' als Blockwerk-Simulation, Harmonika-Regal, Grand Cornet 32'). So lässt sich aus einem Pfeifenbestand ein französisches Plein jeu, ein italienisches Ripieno oder ein deutsches Plenum schichten.
Steuerungsebene – das, was Schweitzer fehlte:
- Proportionaltraktur (Hauptwerk, Echo): Walcker-Kegelladen-Anschlag, also deutsche Frühromantik als Spielgefühl.
- Zwei Schwellwerke plus Gehäuse- und Windschweller für Physharmonika und Skinner-Klarinette: französisch-romantische Dynamik.
- Motordrossel und Tastendynamik: Windschwankungen, wie sie Bälge und knappe Windversorgung alter Orgeln erzeugen.
- Tremulanten in allen Werken, Schwebungszustände und -koppeln: Voix-céleste- und Unda-maris-Effekte frei kombinierbar.
- Fünf Intervallkoppeln: Aliquote aus vorhandenen Reihen erzeugen – Voglers Simplifikationsidee, jetzt digital.
Grenzen. Die Stimmung (Bach–Kellner modifiziert) ist für Barock und Silbermann richtig, für Cavaillé-Coll ein bewusster Kompromiss – dort wäre Gleichstufigkeit historisch. Der Winddruck von maximal 120 mm WS liegt unter dem einer großen französischen Symphonieorgel; harmonische Flöten und Hochdruckzungen im Cavaillé-Coll-Sinn sind nicht vorhanden. Und der Raum bleibt ein Konzertsaal: Die Kathedral-Akustik, die den französischen Klang mitdefiniert, kann keine Registrierung ersetzen.
Kurz: Deutsch-barock und süddeutsch-romantisch trifft die Orgel aus dem Pfeifenbestand heraus; Französisch-klassisch weitgehend; Französisch-symphonisch als Annäherung über Schwellwerk und Zungen, nicht als Cavaillé-Coll-Ersatz. Genau die Gewichtung, die Schweitzer in Günsbach auch gewählt hatte.
Auf der anderen Seite gibt es vom reinen Imitieren abgesehen (was bei einer Orgel viel sinnhafter erscheint als das Nachmachen eines Cembalos auf einem modernen Flügel) immer noch den Aspekt, dass die erweiterte Disposition das Stück noch einmal so erscheinen lassen kann, wie man es bisher noch nicht gehört hat.
Allein die modernen und ggf. technisch erweiterten Dispositionen der Orgeln machen noch keine HIP.
Umgekehrt wird ein Schuh draus. HIP spielt man auf alten Instrumenten (oder deren Nachbauten) nicht auf modernen. Deine Ausführungen oben geben dich als HIP-Anhänger des Orgelspiels zu erkennen.