Historische Flügel vs. Moderne Konzertflügel - ein Disput

  • Warum tut man solches Beethoven an, nicht aber Tschaikowsky? Man könnte ja auch bei Tschaikowsky mit einer Verdoppelung der historisch verbrieften Besetzung auftrumpfen.

    Es kommt auf das Werk an. Du kannst beispielsweise bei Händels Feuerwerksmusik problemlos verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen, ohne daß es dem Werk einen Ast abbricht ... die Musik ist harmonisch einfach gesetzt. Wenn aber die zwei Flöten (oder Oboen, oder Clarinetten oder Fagotte oder gar alle zusammen) bei Beethoven schon nicht (immer) dasselbe spielen, wird's eben zu Lasten der Filigranität schwierig. Das ist wie beim Kochen und Backen: einfaches Verdoppeln der Zutaten bringt zwar die doppelte Menge, aber nicht das gleiche Geschmacksergebnis. Da benötigt man dann von der ein oder anderen Zutat etwas mehr oder weniger. Es hängt auch viel an der Klanglichkeit des Raumes für Liveerlebnisse und/oder der Aufnahmetechnik.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Was würde beispielsweise die Berliner Philharmoniker daran hindern, in einem Konzertprogramm, welches aus Beethovens Klavierkonzert Nummer 5 "Emperor" und Tschaikowskys Symphonie Nummer 6 *Pathétique" besteht, zunächst, für den Beethoven, mit ca. 35 Musikern auf die Bühne zu kommen, anstatt, wie bei denen üblich historisch unkorrekt mit 60 bis 80, um dann, nach der Pause, für den Tschaikowsky, historisch korrekt mit 85 bis über 100 Musikern aufzutreten?

    Das kann ich Dir nicht sagen, in Dortmund ist es seit Jahren schon übliche Praxis, mit (relativ) authentischer Orchestergröße aufzulaufen. Deswegen kenn ich live keinen überbetonten Beethoven. Oder Mozart.


    Mich wundert allerdings, dass an der von mir ebenfalls sehr geschätzten Aufnahme der Beethovenschen Klavierkonzerte mit François-Frédéric Guy unter dem Dirigat von Philippe Jordan das Orchestre Philharmonique de Radio France vermutlich mit 80 bis 100 Musikern beteiligt ist und doch einen viel transparenteren Klang hinbekommt, als etwa das Philharmonia Orchestra unter Alcea Galliera. Spielkultur und Aufnahmetechnik werden ihren Teil dazu beigetragen haben.

    Ich kann ja nicht alles kennen. Bei Gieseking / Galliera ist allerdings gerade die Orchestertrabnsparenz das, was mich gestern bei mHören beeindruckt hat. Das mag an dem Remaster liegen, bei den Beethoven KKs landen bei mir eher Kempff, Backhaus oder Rubinstein auf dem Plattenteller (wenngleich die Auswahl erheblich größer ist). Was die Franzosen betrifft: das will ich wohl glauben und werde auch mal reinhören. Den Orchesterklang bei Beethoven hat schn Cluytens formidable-luftig und transparent hinbekommen (und das mit den Berlinern!).


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Bei Gieseking / Galliera ist allerdings gerade die Orchestertrabnsparenz das, was mich gestern bei mHören beeindruckt hat.

    Lieber Thomas,


    leider fehlen mir von Gieseking die Aufnahmen der Konzerte - bei den Soloaufnahmen ist meine Gieseking-Sammlung dagegen groß. Alceo Galiera hat auch Claudio Arrau begleitet - er ist ein hervorragender Dirigent für diese Aufgabe. Da muss ich mal schauen, dass ich an diese Aufnahme gebraucht drankomme.


    Hast Du diese Box? Die werde ich mir demnächst mal ordern...


    Sehr interessant, Beethoven KK 1 mit Hans Rosbaud von 1937, KK 4 mit Karl Böhm von 1939 und KK 5 mit Bruno Walter von 1934.



    5024709173082.jpg





    :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Und nochmal kurz zurück zur Schönen Müllerin mit Nigl und Gergelyfi an Tafelklavier: Soweit ich das bisher anhand der Hörschnipsel beurteilen konnte, fängt diese Aufnahme den Klang und die Atmosphäre damaliger privater Soiréen vortrefflich ein. Dort wird es nunmal nicht wie mit einem Steinway in der Wigmore Hall geklungen haben. Einrichtungen wie Tafelklaviere waren alltäglich.

    Das mag ja sein. Nur ist das dann von lediglich historischem Interesse für einen kleinen esoterischen Kreis von Hörern, die unbedingt hören möchten, wie es mal geklungen hat, unabhängig von der ästhetischen Qualität - der eklatanten klanglichen Mangelhaftigkeit dieser Instrumente. Das hat dann aber darüber hinaus keine Bedeutung. Hörer, die auf klangliche Qualität Wert legen und durchaus auch mal Klaviermusik auf historischen Instrumenten hören, werden deshalb zu Andreas Staier etwa greifen wollen, der darauf Wert legt, dass die historischen Instrumente stets Solidität auch in klanglicher Hinsicht haben, also niemals wirklich solche eklatanten Mängel aufweisen, so dass man zwar die "Schwächen" immer noch hört, aber der Klang immer erträglich und gut anhörbar bleibt und damit der Hörer, der die überragende Klangqualität moderner Instrumente gewohnt ist, nicht abgeschreckt und vergrault wird. Solche Aufnahmen wie diese dagegen sind etwas für Hartgesottene.


    Um das mal mit einem Vergleich zu erläutern: Man kann sich ein historisches Fachwerkhaus kaufen, weil man es gemütlicher findet darin zu leben als in einem modernen Haus aus kühlem Beton mit allem Komfort. Dann nimmt man auch solche durch den Denkmalschutz bedingten Einschränkungen in Kauf, wie dass das Bad vielleicht klein ist, die Toilette nur über Treppen erreichbar, die Fenster nicht schön groß usw. Es ist aber etwas Anderes, wenn Denkmalschutz und "historisch informiertes Wohnen" bedeuten soll, dass man wie im Mittelalter auf dem Plumpsklo draußen sein "Geschäft" verrichtet, man durch die fehlende Wasserspülung eine ständige Geruchsbelästigung im Haus hat, die Wände historisch korrekt feucht sind und schimmeln, man nur in einem Zimmer überhaupt heizen kann mit Holz oder Kohle, in allen anderen Zimmern dagegen im Winter mit Schal, Handschuhen und Mütze sitzen muss, es bei Wind durch alle Fugen und Ritzen zieht, ganz so wie es vor hunderten Jahren war und schließlich hier und heute selbst unter diesen Bedingungen zufrieden sagt: Dieses historisch informierte Wohnen ist das schönere und gemütlichere Wohnen, ganz egal, ob es stinkt, schimmelt und überall zieht, man deshalb verschnupft in einer Ecke hockt. Denn man kann sich ja schließlich selbst dann, wenn man frierend und schnupfend und mit Übelkeit wegen des permanenten Gestanks da sitzt, sehr romantisch vorstellen und "ahnen", wie gemütlich so ein Wohnen in einem alten Haus vor dem wärmenden Kamin sein kann! In so ein Haus "historisch informierten" Wohnens passt dann ein solches Tafelklavier, wo man wenn überhaupt nur ahnend sich imaginieren darf in der Fantasie, dass da überhaupt noch etwas aus diesem Ding herauskommt, was irgendwie entfernt etwas mit "Klang" zu tun hat, wenn man krampfhaft von dem abstrahiert, was einfach nur nervt. Da hört bei mir jedenfalls leider jegliches Verständnis auf. So "historisch informiert" will ich weder leben noch hören. Ich ziehe das gute und bessere Leben dem schlechteren vor. :P


    Was würde beispielsweise die Berliner Philharmoniker daran hindern, in einem Konzertprogramm, welches aus Beethovens Klavierkonzert Nummer 5 "Emperor" und Tschaikowskys Symphonie Nummer 6 *Pathétique" besteht, zunächst, für den Beethoven, mit ca. 35 Musikern auf die Bühne zu kommen, anstatt, wie bei denen üblich historisch unkorrekt mit 60 bis 80, um dann, nach der Pause, für den Tschaikowsky, historisch korrekt mit 85 bis über 100 Musikern aufzutreten? Warum tut man solches Beethoven an, nicht aber Tschaikowsky? Man könnte ja auch bei Tschaikowsky mit einer Verdoppelung der historisch verbrieften Besetzung auftrumpfen. Warum nicht die "Pathétique" mit 250 Musikern? Wir wissen alle, dass damit nichts gewonnen wäre. Aber im klassischen Reportoire handelt man weiter unreflektiert.

    Aus Konzerten kenne ich sehr wohl, dass ein Klavierkonzert von Mozart oder Beethoven mit kleinerer Besetzung gespielt wird als die im gleichen Konzert erklingende Symphonie. Außerdem ist es historisch belegt so, dass selbst Mozart z.B. dasselbe Stück je nach Gelegenheit mal mit kleinerer und sehr großer Besetzung gespielt hat. Die Besetzungsstärke wurde den situativen Gegebenheiten angepasst. Man kann in einem großen Saal wie der Berliner Philharmonie ein Beethoven-Klavierkonzert eben nicht einfach in derselben Besetzung spielen wie in einem Salon des 18. Jhd. Wieso das nicht "historisch informiert" und unreflektiert sein soll, erschließt sich mir nicht.


    Wenn ich ein vom Orchester her überragend gespieltes 5. Klavierkonzert von Beethoven nennen sollte, fiele mir zuerst Günter Wand ein - ein Konzertmitschnitt mit Emil Gilels. Das ist wirklich herausragend! De CD-Box ist bei JPC offenbar immer noch erhältlich:


    Klangmasse verhilft auch dem KK 5 nicht zum Vorteil. Das Heroische Moment bei Beethoven lässt sich nicht mit dem Vorschlaghammer beschwören. Das gilt übrigens genauso für seine Sinfonien, etwa die Eroica. Die klanglich überzeugendsten Aufnahmen liefern Kammerorchester (Smithsonian Chamber Orchestra unter Jaap Schröder oder Kammerorchester Basel unter Giovanni Antinini).

    Das widerspricht allerdings der historischen Entwicklung, die heraus aus den Privatzirkeln zum großen öffentlichen Konzert geht. Eine Beethoven-Symphonie und ein Beethoven-Konzert ist keine Kammermusik! Arnold Schönberg hat sich dann bewusst gegen diese klassisch-romantische Tradition gestellt, indem er "Kammersymphonien" komponierte, also selbst die große Symphonie dem Klangideal der Kammermusik unterstellt hat. Das war ein Novum. Es wäre deshalb ahistorisch, das auf Beethoven zurück zu projizieren. Ich habe die Aufnahme von Schoonderwoerd mit der "Eroica" und sie durchaus mit Gewinn gehört. Das aber deshalb, weil ich so einen "Versuch" als eine Reduktion und Transkription betrachte genauso wie eine Transkiption einer großen Mahler-Symphonie für Kammerorchester von Schönberg. Zu einer Beethoven-Symphonie gehört der große Orchesterapparat und die große Wirkung! Das ist ihr "Originalklang"!

    Und so schön das Spiel Giesekings ist; das Orchester ist mehr als nur Begleitung und bestimmt den Gesamteindruck wesentlich mit. Somit sind Aufnahmen wie jene mit Aimard unter Harnoncourt, der das Chamber Orchestra of Europe mit ca. 40 Musikern auftreten lässt, der Sache doch dienlicher: Mehr Durchhörbarkeit und Klangfarben statt einheitlicher Masse und Brei. Das führt dann auch so interessanteren Klangsynthesen zwischen den Orchesterinstrumenten und Klavier.

    Das ist das typische HIP-Vorurteil, wo alle - auch die spätere Musik der Klassik und Romantik - nach der Elle der Barockmusik gemessen wird. Um 1800 ändert sich das Klangideal. Auch ein Harnoncourt will nicht wahrhaben, was der integrale Orchesterklang der nachbarocken Zeit bedeutet, den man nicht einfach privativ als "Einheitsbrei" abwerten kann. Integration ist nicht gleichbedeutend mit Nivellierung. Der Gegensatz Soli-Tutti gehört einfach zu einem Beethoven-Konzert. Das ändert sich dann bei den Liszt-Konzerten, insbesondere dem 2., wo das Klavier als Instrument zwischen Instrumenten in das Orchester gleichsam einrückt, was in die Moderne vorausweist.


    Bei mir genau umgekehrt: endlich Chopin und keine Fahrstuhlmusik mehr. Zu Zeiten, als der moderne Flügel noch maßgebend und tonangebend war, bestand für mich zwischen Richard Clayderschrank und Chopin kein nennenswerter Unterschied.

    Chopin auf dem Hammerflügel ist absolut unmaßgeblich und wird es auch bleiben. Das ist faktisch so und auch theoretisch, wenn man über Chopin wirklich "historisch informiert" ist. Rubinstein oder Alexis Weissenberg (ausgerechnet!) oder anderen großen Chopin-Interpreten allesamt die Seichtigkeit eines Richard Clayderman vorzuhalten ist einfach nur lächerlich und - ich muss es leider sagen - ein Zeichen für fehlendes Verständnis für das Wesen von Chopins Musik überhaupt. :D :hello:

  • Chopin auf dem Hammerflügel ist absolut unmaßgeblich und wird es auch bleiben. Das ist faktisch so und auch theoretisch, wenn man über Chopin wirklich "historisch informiert" ist. Rubinstein oder Alexis Weissenberg (ausgerechnet!) oder anderen großen Chopin-Interpreten allesamt die Seichtigkeit eines Richard Clayderman vorzuhalten ist einfach nur lächerlich und - ich muss es leider sagen - ein Zeichen für fehlendes Verständnis für das Wesen von Chopins Musik überhaupt.

    Umgekehrt wird ein Schuh daraus! 8-)

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • So, wie Deine vorherige Aussage.

    Höre Dir mal das Interview von Joachim Kaiser mit Friedrich Gulda an. Da fragt ihn Kaiser, warum er Chopin spiele, ausgerechnet er, wo Chopin doch eher als "Salonkomponist" gelte. Sehr interessant, was Gulda antwortet, dass er natürlich Chopin nicht seicht spiele. Was aber die wirklich großen Chopin-Spieler wie Rubinstein auch nie getan hätten! Sic! Wenn Gulda das sagt...

  • Was interessiert mich Gulda ... und wenn es für mich dennoch wie Riccardo Clayderschrank klingt, liegt's vielleicht am Instrument. Was weiß ich, das ist für mich jedenfalls kein Chopin, sondern unerträglich. Und dabei wird es bleiben. Ich spreche nicht am Türrahmen mit Leuten, die mich von irgendeinem Gegenteil überzeugen wollen.


    Du kannst Deine immer gleichen Bewertungen, die inzwischen wohl kaum jemanden mehr interessieren und langweilen, auch einfach mal lassen; sie bewirken bloß, daß die immer gleichen Gegenargumente folgen (da schließe ich mich mit ein; steter Tropfen höhlt den Stein) und sie bezwecken nur, daß Du Dich einmal mehr über alle diese Themen erhaben fühlen kannst; wenn du das brauchst, tut es mir leid. Da spiele ich nicht mehr mit - oder wiederhole mich eben so lange, bis es allen zum Hals raushängt; als Stoizität verteilt wurde, war ich der erste in der Schlange.


    Ich bleibe in meinem ULLIversum; da kennt man mich, da schätzt man mich. :hello:

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    (F. Chopin an Tytus)

  • Zu Zeiten, als der moderne Flügel noch maßgebend und tonangebend war, bestand für mich zwischen Richard Clayderschrank und Chopin kein nennenswerter Unterschied.

    Das habe ich natürlich bewusst pointiert und herausfordernd geschrieben; mea culpa. :saint:


    Aber ist ist m. E. was dran: ich nehme hier vermehrt wahr, daß bei Neuerscheinungen häufiger zu HIP anstelle zur herkömmlichen Einspielung gegriffen wird. Selbst Alfred_Schmidt hat im Vivaldi-Fagott-Fred moniert, eine Aufnahme sei „nicht Fisch, nicht Fleisch“, weil die Interpretin auf einem modernen Gerät bläst, während das Orchester aber auf hist. Instrumenten spielt.

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    Jawoll, den Kauf konnte ich mir weiland nicht verkneifen. Eine lohnenswerte Anschaffung, zumal das, was ich bislang davon gehört habe, sehr gut remastert ist (außer die Aufnahmen mit Karajan, warum auch immer). Und, wie gesagt, bei Giesekin/Galliera war ich tatsächlich von der feinen Transparenz von den Socken.


    Ich möchte in dem Zusammenhang auch deutlich machen, um nicht falsch verstanden zu werden: weder diskreditiere ich A.S oder andere Künstler, noch bestreite ich ihre Fähigkeiten, gewiss auch musikwissenschaftlichen An- und Einsichten. Sie erreichen lediglich mich als einfachen Hörer nicht. Zudem sind bestimmte Detailfragen für mich irrelevant, wenn in meinen Ohren das Ergebnis gut klingt. Was sich für Ulli falsch anhört ist für mich das über Jahrzehnte Vertraute, und ich unterstelle, daß Rubinstein, Anda und Laroccha durchaus auch heute noch viele Liebhaber finden. Ich billige auch jedem sein Hörvergnügen zu; wäre wäre ich auch, das jemandem abzusprechen oder zu rechten. Aber komme mir keiner mit "absoluten Wahrheiten" umd die Ecke, die dazu angetan sind, mein Hörvwergnügen zu diskreditieren. Suum cuique.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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  • Du kannst Deine immer gleichen Bewertungen, die inzwischen wohl kaum jemanden mehr interessieren und langweilen, auch einfach mal lassen; sie bewirken bloß, daß die immer gleichen Gegenargumente folgen

    Wird sich wohl nicht ändern, fürchte ich.


    Nigls Müllerin erfährt gerade sehr viel Aufmerksamkeit, von wegen esoterisch kleiner Kreis usw. Alles Quatsch, wie so oft halt. Ich war selber überrascht, wie gut das Konzept aufgeht. Er ist aber auch wirklich ein begnadeter Sänger. Das ist gewiss eine der faszinierendsten Aufnahmen des Werks und das Tafelklavier ist innerhalb des stimmigen Konzepts nicht von Nachteil.


    Die konsequente Hauskonzert-Umsetzung schält eine Nähe und Betroffenheit aus dieser Musik heraus, die man selten so hört. Das halte ich für bedeutender ist als die meisten anderen Aufnahmen der letzten 10-15 Jahre.


    https://www.br-klassik.de/aktu…lerin-album-tipp-100.html

  • Was interessiert mich Gulda ... und wenn es für mich dennoch wie Riccardo Clayderschrank klingt, liegt's vielleicht am Instrument. Was weiß ich, das ist für mich jedenfalls kein Chopin, sondern unerträglich. Und dabei wird es bleiben. Ich spreche nicht am Türrahmen mit Leuten, die mich von irgendeinem Gegenteil überzeugen wollen.

    Nein, es liegt nicht am Instrument, es liegt an Dir. :D

    Du kannst Deine immer gleichen Bewertungen, die inzwischen wohl kaum jemanden mehr interessieren und langweilen, auch einfach mal lassen; sie bewirken bloß, daß die immer gleichen Gegenargumente folgen (da schließe ich mich mit ein; steter Tropfen höhlt den Stein) und sie bezwecken nur, daß Du Dich einmal mehr über alle diese Themen erhaben fühlen kannst; wenn du das brauchst, tut es mir leid. Da spiele ich nicht mehr mit - oder wiederhole mich eben so lange, bis es allen zum Hals raushängt; als Stoizität verteilt wurde, war ich der erste in der Schlange.

    Du wirst gemerkt haben, dass ich Deine Ansichten, wenn sie gut begründet sind wie im Falle von Verzierungen bei Mozart, sehr wohl aufnehme und mir auch zu eigen mache. Aber man kann nun wirklich nicht im Ernst einem Artur Rubinstein oder einem Svjatoslav Richter unterstellen, sie spielten Chopin seicht auf dem erbärmlichen Niveau von Richard Clayderman, weil man angeblich auf einem modernen Konzertflügel generell und absolut Chopin nur als seichten Kitsch produzieren könne, egal, wer es ist, ein Rubinstein oder ein Piano-Klimperer wie Clayderman. Das ist einfach nur schräg und eine komplett absurde Behauptung. Letztlich macht man mit solchen grotesken Vergleichen das ganze Unternehmen HIP, was eine ernste und Ernst zu nehmende Sache ist, lächerlich. Denn dann geht es im Grunde nur noch um einen "Hammerklavier-Sound", den man unbedingt haben will, also einen Sound, und die Musik, um die es eigentlich gehen sollte, wird irrelevant.


    Jawoll, den Kauf konnte ich mir weiland nicht verkneifen. Eine lohnenswerte Anschaffung, zumal das, was ich bislang davon gehört habe, sehr gut remastert ist (außer die Aufnahmen mit Karajan, warum auch immer). Und, wie gesagt, bei Giesekin/Galliera war ich tatsächlich von der feinen Transparenz von den Socken.

    :thumbup: Das werde ich dann auch nachholen! :) Die Remasterings von apr sind Top und auch die Klappentexte der CDs vorbildlich informativ. :hello:

  • Du wirst gemerkt haben, dass ich Deine Ansichten, wenn sie gut begründet sind wie im Falle von Verzierungen bei Mozart, sehr wohl aufnehme und mir auch zu eigen mache.

    Das stimmt. :cheers:


    Aber man kann nun wirklich nicht im Ernst einem Artur Rubinstein oder einem Svjatoslav Richter unterstellen, sie spielten Chopin seicht auf dem erbärmlichen Niveau von Richard Clayderman, weil man angeblich auf einem modernen Konzertflügel generell und absolut Chopin nur als seichten Kitsch produzieren könne, egal, wer es ist, ein Rubinstein oder ein Piano-Klimperer wie Clayderman.

    Das habe ich so überhaupt nicht geschrieben; ich schrub von Instrumenten, nicht von deren „Bediensteten“ oder „Bedienern“; mir ging es ganz klar um den Klang. Hier zeigen die alten Instrumente, die aus heutiger akustischer Sicht mitunter spröde und brüchig erklingen, tiefere Seelenzustände als dies mit einem modernen Flügel möglich wäre, weil gerade das per se explizit ausgeschlossen werden soll(te).

    Denn dann geht es im Grunde nur noch um einen "Hammerklavier-Sound", den man unbedingt haben will, also einen Sound, und die Musik, um die es eigentlich gehen sollte, wird irrelevant.

    Nein, denn der Sound ist ja mit dem Werk, der Musik also, untrennbar verbunden (Ausnahme: Bearbeitungen); das müssen wir an der Stelle auch nicht weiter diskutieren und zum 327ten Male aufrollen, denn auch diesbezüglich widerspricht Deine Deinung meiner Meinung. Daß Du den Sound nicht magst, ist Deine Sache und ich werde Dich (abgesehen davon, daß es mir nie gelingen würde) auch nie überzeugen wollen, ihn zu schätzen oder gar zu lieben. Aber Deine Art, mal schnell eine CD herauszugreifen (hier: Nigl - Schubert) und gleich drauflos zu krächzen (ohne die CD je insgesamt gehört zu haben), ist mir allmählich wirklich über. Es ist das, was mich eigentlich gestört hat - nicht das Ergebnis Deiner Störung, das grundsätzlich vorhersagbar ist.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Das habe ich so überhaupt nicht geschrieben; ich schrub von Instrumenten, nicht von deren „Bediensteten“ oder „Bedienern“; mir ging es ganz klar um den Klang. Hier zeigen die alten Instrumente, die aus heutiger akustischer Sicht mitunter spröde und brüchig erklingen, tiefere Seelenzustände als dies mit einem modernen Flügel möglich wäre, weil gerade das per se explizit ausgeschlossen werden soll(te).

    Das ist eine Behauptung von Dir, die wiederum ziemlich schräg ist, aber ein Standardargument von HIP, das sich sogar bei Harnoncourt findet, wenn auch nicht so krass formuliert. Es wird dort von Harnoncourt immer wieder behauptet, dass die modernen Instrumente nur zu oberflächlichem, glatt poliertem Schönklang fähig wären und die musikalische "Wahrheit" der Klangrede nur auf historischen Instrumenten wiedergegeben werden könne. Das ist dann der Punkt, wo HIP ins Ideologische kippt, weil so eine pauschalierende Behauptung absurd ist und ganz einfach durch die interpretatorischen Großtaten der ganz großen Jahrhundertpianisten evident widerlegt wird. Bei den großen, maßstabsetzenden Interpretationen braucht man die Frage nach dem verwendeten Instrument schlicht nicht für sich, weil sie für sich sprechen. Mit solchen "Argumenten", wo es letztlich nur ums Abstreiten geht, tut man HIP letztlich keinen Gefallen, sondern fordert nur die Reserve heraus. Die großen Leistungen auf dem modernen Flügel werden so in Abrede gestellt. Bezeichnend werden sie von HIP-Enthusiasten wie Dir letztlich einfach ignoriert und als nicht existierend betrachtet. :D


    Mal ein Beispiel. Rubinsteins Interpretation der 3. Chopin-Ballade ist singulär. Niemand spielt das so lebenslustig-lebendig, kraftvoll und zugleich vielschichtig differenziert. Das ist einfach ein Wunder. Wer das nicht hören will, der ist es selber Schuld.


    Daß Du den Sound nicht magst, ist Deine Sache und ich werde Dich (abgesehen davon, daß es mir nie gelingen würde) auch nie überzeugen wollen, ihn zu schätzen oder gar zu lieben.

    Dass man Dich nicht zum Liebhaber des modernen Instrumente bekehren kann, ist mir klar. Mir geht es aber nicht um den Sound. Ich mag sehr wohl historische Instrumente, oft mehr, als die ganz neuen. Nur habe ich einen etwas weiteren Begriff von "historisch". Ich sehe nicht ein, warum man nicht einen Bechstein von 1890 einem von 1830 vorziehen soll, wenn er schlicht besser klingt und gewisse Schwächen nicht mehr hat. Für mich zählt, was ich hören und empfinden kann und nicht das "Deutungsbrumborium", was um das Spiel mit alten Instrumenten veranstaltet wird, wenn es nur dazu dient, die unüberhörbaren klanglichen Schwächen weg zu disputieren.

    Aber Deine Art, mal schnell eine CD herauszugreifen (hier: Nigl - Schubert) und gleich drauflos zu krächzen (ohne die CD je insgesamt gehört zu haben), ist mir allmählich wirklich über.

    Es war nicht irgendeine CD, sondern sie steht in den Charts bei JPC momentan auf Platz 1. Und die Frage ist finde ich schon erlaubt, was die Motivation hinter solchen Veröffentlichungen ist. Zu Harnoncourts Zeiten war das "Warum" von HIP-Veröffentlichungen klar. HIP war eine Pioniertat. Heute hat man das Gefühl, dass HIP längst nach "marktstrategischen" Gesetzen funktioniert und viele dieser Produktionen künstlerisch eher fragwürdig sind. HIP ist ein Verkaufsschlager und man sucht jeden historischen Winkel ab mit der Lupe gleichsam, was man noch auf den Markt bringen kann. Mit Tafelklavier gab es den Schubert noch nicht, vielleicht findet man demnächst noch ein anderes Klavier, und es kommt dann ebenfalls noch. Ich sehe nicht, warum man das nicht thematisieren darf, dass man - anders als der erwähne Staier - so gar nicht selektiv alles produziert, was sich verkaufen lässt, auch wenn das klangliche Ergebnis mehr als unbefriedigend ist. Meine Frage ist da wie schon erwähnt die nach der Motivation, die mir nicht mehr selbstverständlich beantwortet scheint wie früher durchaus. ;)

  • Das ist eine Behauptung von Dir, die wiederum ziemlich schräg ist, aber ein Standardargument von HIP, das sich sogar bei Harnoncourt findet, wenn auch nicht so krass formuliert.

    Na also, dann habe ich gute Gesellschaft (wenn die mir auch nicht recht ist).

    Das ist dann der Punkt, wo HIP ins Ideologische kippt,

    Nein, es geht nämlich gar nicht um „Wahrheit“, sondern einfach um die klangliche Nähe zur damaligen Zeit.

    Bezeichnend werden sie von HIP-Enthusiasten wie Dir letztlich einfach ignoriert und als nicht existierend betrachtet.

    Ignoriert ja, natürlich - mich interessiert das soviel wie ein Sack Reis, der in China umfällt (BTW kleine Anekdote: in China ist das den dt. Behörden in der Tat egal, in dt. Restaurants nicht; zumal dann nicht, wenn er einen Feuerlöscher bedeckt: 1.000 € Bußgeld!). Als nicht existierend betrachte ich das aus vorgenanntem Grund nur für mich.

    Ich sehe nicht ein, warum man nicht einen Bechstein von 1890 einem von 1830 vorziehen soll, wenn er schlicht besser klingt und gewisse Schwächen nicht mehr hat.

    Weil ein Bechstein von 1890 ein völlig anderes Instrument ist als einer von 1830.

    Es war nicht irgendeine CD, sondern sie steht in den Charts bei JPC momentan auf Platz 1.

    Klar, und das hast Du gleich mal zum Anlass genommen, darüber herzuziehen, statt vornehm zu fragen, ob die schon jemand kennt und etwas dazu schreiben kann.

    Und die Frage ist finde ich schon erlaubt, was die Motivation hinter solchen Veröffentlichungen ist.

    Sicher; die wurde aber auch hinreichend beantwortet.

    Heute hat man das Gefühl, dass HIP längst nach "marktstrategischen" Gesetzen funktioniert und viele dieser Produktionen künstlerisch eher fragwürdig sind. HIP ist ein Verkaufsschlager und man sucht jeden historischen Winkel ab mit der Lupe gleichsam, was man noch auf den Markt bringen kann.

    Sicher; schwarze Schafe gab es immer und wird es immer geben - aber deswegen ist nicht gleich jede Neuveröffentlichung ein solches.

    Mit Tafelklavier gab es den Schubert noch nicht, vielleicht findet man demnächst noch ein anderes Klavier, und es kommt dann ebenfalls noch.

    Hoffentlich. Die Wahl des TKs wurde ja hinreichend verargumentiert.


    NB der von Dir verlinkte Rubinstein entlockt mir genau die befürchteten Assoziationen: es ist der Klang des Instruments. Ähnlich ist es bei modernem Orchesterklang: der erweckt in mir sofort den Eindruck von Filmmusik.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Nein, es geht nämlich gar nicht um „Wahrheit“, sondern einfach um die klangliche Nähe zur damaligen Zeit.

    Doch, wenn man sagt, das Spielen auf einem Instrument bleibe beim Oberflächenglanz hängen und könne keine Ausdruckstiefe erreichen, dann geht es um die Wahrheit, nämlich um das, was zur Erscheinung kommen kann: a-letheia.

    Weil ein Bechstein von 1890 ein völlig anderes Instrument ist als einer von 1830.

    Darum geht es nicht. Es geht um das bessere und deutlich hörbar bessere und das schlechtere Instrument.

    Klar, und das hast Du gleich mal zum Anlass genommen, darüber herzuziehen, statt vornehm zu fragen, ob die schon jemand kennt und etwas dazu schreiben kann.

    Zum Glück gibt es die Hörschnipsel zum Probehören. Wenn ich eine versalzene Suppe mit dem Löffel koste, muss ich sie nicht bis zu Ende auslöffeln, um festzustellen, dass sie versalzen und damit ungenießbar ist.

    Sicher; schwarze Schafe gab es immer und wird es immer geben - aber deswegen ist nicht gleich jede Neuveröffentlichung ein solches.

    Das ist sehr oberflächlich vorbei gedacht an dem, worum es geht. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es bei der großen Fülle von Neuveröffentlichungen in diesem Bereich längst nicht mehr um rein künstlerische, dafür aber um kommerzielle Gründe geht bzw. man über den Wandel der Motivation solcher Produktionen, die zur Routine geworden sind, nicht mehr reflektiert.

    NB der von Dir verlinkte Rubinstein entlockt mir genau die befürchteten Assoziationen: es ist der Klang des Instruments. Ähnlich ist es bei modernem Orchesterklang: der erweckt in mir sofort den Eindruck von Filmmusik.

    Über so ein Urteil kann ich nur mein absolutes Befremden äußern. Aber natürlich, auf der Welt gibt es jede Kuriosität. :D

  • Doch, wenn man sagt, das Spielen auf einem Instrument bleibe beim Oberflächenglanz hängen und könne keine Ausdruckstiefe erreichen, dann geht es um die Wahrheit, nämlich um das, was zur Erscheinung kommen kann: a-letheia.

    Für mich hat das mit „Wahrheit“ nichts zu tun - die werden wir eh nie erfahren. Wahrheit ist, da wir es mit wissen nicht beweisen können: Glaubenssache - und von sowas halte ich Abstand. Für mich ist das von mir Beschriebene einfach eine Darstellung dessen, was ich empfinde. Nicht mehr, nicht weniger.

    Darum geht es nicht. Es geht um das bessere und deutlich hörbar bessere und das schlechtere Instrument.

    Es geht um das Instrument, daß es zur Zeit der Komponistion bereits gab.

    Zum Glück gibt es die Hörschnipsel zum Probehören.

    Auf die Teaser bin ich zunächst auch reingefallen.

    Das ist sehr oberflächlich vorbei gedacht an dem, worum es geht. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es bei der großen Fülle von Neuveröffentlichungen in diesem Bereich längst nicht mehr um rein künstlerische, dafür aber um kommerzielle Gründe geht bzw. man über den Wandel der Motivation solcher Produktionen, die zur Routine geworden sind, nicht mehr reflektiert.

    Ja, ich wollte das an dieser Stelle nicht breittreten. Zum Glück kann man sich ja selbst aussuchen, was man kaufen/hören möchte und muß nicht jedes Angebot wahrnehmen; so betrachte ich den Nigl-Schubert übrigens auch: als ein Angebot, sich darauf einzulassen. Mir bekommt es gut; es bringt mir die Molinara tatsächlich näher als je zuvor.

    Über so ein Urteil kann ich nur mein absolutes Befremden äußern. Aber natürlich, auf der Welt gibt es jede Kuriosität.

    Das ist kein Urteil, sondern die Darstellung meiner Empfindung; ich hab mir das nicht ausgesucht (würde es aber auch nicht ändern wollen, wenn ich es könnte). Vermutlich ist das falsch antrainiert: wenn ich Wagners Walkürenritt höre, sehe ich Fliegebomben. Wenn ich moderne Orchester höre, denke ich an Filmmusik - beim modernen Klavier/Flügel an R.C. - alle diese drei Dinge brauche ich nicht, wenn ich „meine Musik“ hören möchte.


    Man kann sich das vielleicht auch so vorstellen: jedesmal, wenn ich Musik höre, läuft bei mir ein Film ab (Kopfkino): und wenn im Film (z. B. „Amadeus“) jemand auf einem Steinway spielen würde, passt das eben nicht zusammen.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Von Nigl/Georgelyfi gibt es ja auch ein Mozartalbum, das Konzept finde ich spannend, aber dieses Instrument - auf dem Mozart komponiert hat! - ist nicht meine Welt.


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  • aber dieses Instrument - auf dem Mozart komponiert hat! - ist nicht meine Welt.

    Genau das ist es: das Instrument, auf dem Mozart komponiert hat. Sonst nichts. Wir hören also, wie die Zauberflöte im Status der Entstehung für Mozart geklungen hat - aber nicht so, wie sie hat klingen sollen. Es ist ein interessantes Experiment, das ich jederzeit selbst nachbauen kann, denn ich habe so ein Ding. Die CD hatten wir, glaube ich, irgendwo schonmal besprochen (?). Ah, da:


    Komponisten und ihre Tasteninstrumente


    Wie ich's schon oben schrieb:


    Das Tafelklavier z.B. Schumanns kann man in seiner Funktion mit dem Clavichord Mozarts gleichsetzen; es eignet sich allenfalls für Hausmusik und/oder zum Komponieren.

    Man kann aber hier ein Ohr in die Kompositionswerkstatt Mozarts werfen. :S

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Während hier wieder die Emotionen hochkochen, bleibe ich entspannt. Die Frage nach dem geeigneten Instrument ist mir keine religiöse. Allein das musikalische Ergebnis ist es, was mich überzeugen muss. Potentiell kann das sowohl das historische, als auch das moderne Instrument.


    Im Falle Joseph Haydns ist mir die Gesamtaufnahme der Solo-Klavierwerke, sowie der drei gesichert-echten Klavierkonzerte, mit Jean-Efflam Bavouzet (auf Yamaha) derzeit die liebste. Im Regal habe ich außerdem: Rudolf Buchbinder, Ronald Brautigam und Christine Schornsheim. Bavouzet bietet einfach alles: Einen perfekten Klang, intelligente und humorvolle Interpretationen, historisch-informierte Tempi und Phrasierungen, sowie eine fantasievolle und stilechte Auszierungs- und Verzierungspraxis. HIP ist eben so viel mehr, als nur die Wahl des Instrumentes.


    Die korrekteste Einspielung im Hinblick auf die Wahl der Instrumente ist sicherlich die von Christine Schornsheim (Capriccio). Sie spielt - je nach Entstehungszeit der Werke - auf einem Cembalo, Clavichord oder Hammerflügel.


    Der Ansatz von Ronald Brautigam (BIS) hingegen - nämlich: alle Werke auf demselben McNulty-Flügel zu spielen - ist eher jener hypothetischen Situation vergleichbar, in welcher sich Haydn gegen Ende seines Lebens an sein neuestes Clavier setzte, und alle seine Werke, von den frühen Divertimento-Sonaten bis zu den späten Londoner Sonaten und den f-moll-Variationen, Revue passieren ließe.


    Beide HIP-Einspielungen - Schornsheim und Brautigam - finde ich interessant, als rekonstruierte historische Erfahrung. Wenn ich aber Haydn im Hier-und-Jetzt in bester Umsetzung hören will, greife ich zu Bavouzet.

    Rudolf Buchbinders (Teldec) - und vor ihm noch Artur Balsams - Verdienst ist es, Haydn ins Bewusstsein und für die Programme von Klavierabenden und von Schallplattenaufnahmen, zurückgebracht zu haben. Inzwischen haben sich aber auch die Erfahrung mit Haydns Musik und das Wissen über sie gemehrt.

    All das bringt Bavouzet zusammen. Vermutlich hat sich noch kein Pianist so viel Zeit (und damit auch Raum für gründliche Reflexion und reiches Ausprobieren) genommen wie er: Sein Haydn-Aufnahmeprojekt für Chandos lief zwölf Jahre (2009-2021).




    Bei anderen Komponisten sind es bisweilen gerade auch die Einspielungen auf historischen Instrumenten, die mir am meisten gefallen. Bei Schubert-Klavier-Gesamteinspielungen konnte mich das moderne Klavier noch nicht ganz überzeugen, obwohl ich einiges mit Alfred Brendel im Regal stehen habe. Und wenn das derzeit Beste, was mir der derzeitige Markt hergibt, auf historischem Clavier gespielt ist, dann ist es halt so. Dann greife ich eben zu Jan Vermeullen.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Haydn gibt es auch von Staier und Bezuidenhout. Manchmal ist weniger mehr. Auf dem modernen Flügel finde ich Richter unübertroffen, allerdings muss man sich seine vielen Aufnahmen zusammensuchen. Für den langsamen Satz der Sonate #46 lässt er sich 13 Minuten Zeit und es ist keine Sekunde langweilig.


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  • Chopin hört sich auf einem hochwertigen, modernen Flügel großartig an, egal ob Steinway oder Fazioli oder was immer Valentina Lisitsa gerade spielen möchte, selbst Bösendorfer - auf ´m Hammerklavier habe ich ihn noch nie gehört und ich denke (festgefügtes Vorurteil), daß mir da auch nichts entgeht. Ich habe Hammerklavier oft genug bei Beethoven gehört und es hat so etwa die Chance einer "snowflake in hell", mit modernen Flügeln klangtechnisch mitzuhalten.


    Ich empfinde den Abstand in der Klangqualität zwischen Hammer und Grand noch größer als der zwischen Eierschneider und Grand. Noch mehr entsetzt mich allerdings klassischer Rausch oder das Fehlen von Höhen und Bässen bei wohlgereiften Aufnahmen.


    Holgers Vergleich zwischen Schöner Wohnen und Authentischer Wohnen finde ich lustig.


    Von Clayderschrank habe ich immer nur einfache Sachen gehört, was man halt so lernt im ersten Semester an der Musikhochschule, an technisch Schwieriges hat er sich wohl nicht rangewagt. Das kann man nicht als ernsthaften Vergleich zu richtigen Pianisten gelten lassen.

  • Haydn gibt es auch von Staier und Bezuidenhout.

    Gewiss. Aber keine Gesamtaufnahmen der Solo-Klavierwerke.

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    (Igor Levit)

  • Chopin ... auf ´m Hammerklavier habe ich ihn noch nie gehört und ich denke (festgefügtes Vorurteil), daß mir da auch nichts entgeht.

    Meines Wissens gibt es nur eine Gesamtaufnahme der Solo-Klavierwerke und der Klavierkonzerte von Chopin auf historischem Instrument (Érard von 1849) aus einer Hand, nämlich die mit Tatiana Shebanova für das NIFC.


    Tatiana Shebanova (Erard-Piano 1849), Orchestra of the Eighteenth Century, Frans Brüggen



    NIFC, Box mit 14 CDs

    Zitat

    Diese Veröffentlichung ist in zweifacher Hinsicht von besonderer Bedeutung: Erstmals wurde hier das Klavierwerk Chopins von einer einzelnen Interpretin auf historischen Instrumenten aufgenommen. Wichtiger noch ist der Aspekt, dass wir es hier mit dem künstlerischen Vermächtnis der 2011 verstorbenen Pianistin Tatiana Shebanova zu tun haben, die damit ihre Diskografie abschloss und gleichzeitig krönte. Deutlich werden hier die natürliche Sensibilität der Künstlerin für Klangfarben und die außergewöhnliche Fähigkeit, die Textur eines Werks überzeugend zu gestalten. Aus Anlass ihres zehnten Todestags wird dieses in den Jahren 2007 bis 2010 entstandene Herzensprojekt wiederveröffentlicht.

    Es bietet sich außerdem mit Shebanova die einmalige Gelegenheit, dieselbe Künstlerin und dasselbe Gesamtwerk auch auf modernem Instrument zu erleben, dank Ihrer Gesamtaufnahme für das Label DUX. Damit ist ein idealer Vergleich möglich.


    Es handelt sich somit bei Chopin / Shebanova um das Paradebeispiel für diesen Thread, an dem sich gerne alle abarbeiten mögen.



    DUX, Box mit 10 CDs



    DUX, 1 CD



    DUX, 1 CD

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Für mich hat das mit „Wahrheit“ nichts zu tun - die werden wir eh nie erfahren. Wahrheit ist, da wir es mit wissen nicht beweisen können: Glaubenssache - und von sowas halte ich Abstand. Für mich ist das von mir Beschriebene einfach eine Darstellung dessen, was ich empfinde. Nicht mehr, nicht weniger.

    Ein Glaubenssatz ist, wenn gesagt wird, auf keinem modernen Instrument könne man den Tiefgang erreichen, der auf einem historischen Instrument erreichbar sei. Das ist dann Glaube - und er ist ganz einfach evident widerlegbar, nämlich durch die Wahrheit, was tatsächlich ist. Niemand hat Schuberts B-Dur-Sonate je so tiefsinnig gespielt wie Svjatoslav Richter. Und er spielt auf einem modernen Instrument. Damit ist der HIP-Glaube als Irrglaube erwiesen. Ganz einfach.

    Es geht um das Instrument, daß es zur Zeit der Komponistion bereits gab.

    Das hatten wir alles schon und drehen uns im Kreis. Das reicht für die Begründung eines rein historischen Interesses, aber eben nur für das. Die Urintention von HIP war aber immer, über das rein Historische hinauszugehen. Harnoncourt nennt dieses "Mehr", was über das Nur-Historische hinausgeht, "Werktreue". Harnoncourt wollte mit dem Spiel auf historischen Instrumenten Werktreue wieder erreichen und der originalen Intention des Komponisten wieder entsprechen, was durch das Spiel auf modernen Instrumenten verloren gegangen sei. Ich habe das die Rekonstruktion von "Originalklang-Authentizität" genannt. Wieso aber ist es mehr "werktreu", Mozart, Beethoven, Schubert usw. auf einem Instrument der Entstehungszeit zu spielen, als auf einem heutigen Instrument? Das ist erst einmal nur eine unbegründete Behauptung, die der Begründung bedarf. Und dafür reicht es nicht, darauf zu verweisen, dass es damals die heutigen Instrumente noch nicht gab.

    Ja, ich wollte das an dieser Stelle nicht breittreten. Zum Glück kann man sich ja selbst aussuchen, was man kaufen/hören möchte und muß nicht jedes Angebot wahrnehmen; so betrachte ich den Nigl-Schubert übrigens auch: als ein Angebot, sich darauf einzulassen. Mir bekommt es gut; es bringt mir die Molinara tatsächlich näher als je zuvor.

    Das mag ja in Deinem individuellen Einzelfall so sein. Aber wie ist es allgemein? Ist es nicht ganz einfach so: Früher war eine Schallplattenveröffentlichung jedes Mal etwas Neues, eine Sensation: Den Ring auf Schallplatte gab es nicht usw. Im CD-Zeitalter: Der Liebhaber von Sängern hat sehnsüchtig auf jede Neuveröffentlichung von entlegenen Mitschnitten der Callas oder von Pavarotti usw. gewartet. Heute im Streaming-Zeitalter ist alles verfügbar. Es gibt nichts Neues und keine Überraschungen mehr. Das Angebot ist nicht nur gesättigt, sondern es ist ein Überangebot und der Nutzer ist damit übersättigt. Er kennt alles und langweilt sich. Einzig HIP bietet noch solche Sensationen wie einst Soltis Ring, Veröffentlichungen von solchem, was es noch nicht gab: Aktuell Mahler auf Wiener Originalinstrumenten um 1900, Schubert auf dem Tafelklavier. Man wartet nur noch auf den Debussy, gespielt auf Pariser Instrumenten von 1910, den Carl Maria von Weber auf dem Hackbrett, weil er es vielleicht mal gespielt hat, den Bartok gespielt auf Budapester Instrumenten von 1940, die Beethoven-Sonaten auf einem bislang unbekannten Müller-Flügel, der sensationell entdeckt wird im Jahre 2032. Ganz sicher wird das im Zeitalter gelangweilter Streamer alles sofort gekauft. Was hat das aber noch mit der - musikalisch sehr berechtigten - Urintention von HIP zu tun? :D

    Man kann sich das vielleicht auch so vorstellen: jedesmal, wenn ich Musik höre, läuft bei mir ein Film ab (Kopfkino): und wenn im Film (z. B. „Amadeus“) jemand auf einem Steinway spielen würde, passt das eben nicht zusammen.

    :D Das verstehe ich. Da musst Du dann aber auch zugeben, dass das sehr "außermusikalische" Gründe sind von der Art wie: "Er" hat "Ihr" den ersten Kuss gegeben, als gerade im Radio der Liebesstraum erklang. Seitdem muss er sich, jedesmal wenn er den Liebestraum hört, an diesen Kuss erinnern. Leider hat er inzwischen eine neue Geliebte. Deshalb hat ihm das den Liebestraum verleidet und er hört ihn nicht mehr - er will nämlich seine verflossene Angebetete endlich vergessen! :D :cheers: :hello:

  • Ein Glaubenssatz ist, wenn gesagt wird, auf keinem modernen Instrument könne man den Tiefgang erreichen, der auf einem historischen Instrument erreichbar sei. Das ist dann Glaube - und er ist ganz einfach evident widerlegbar, nämlich durch die Wahrheit, was tatsächlich ist. Niemand hat Schuberts B-Dur-Sonate je so tiefsinnig gespielt wie Svjatoslav Richter. Und er spielt auf einem modernen Instrument. Damit ist der HIP-Glaube als Irrglaube erwiesen. Ganz einfach.

    Es geht um den klanglich intendierten Tiefgang; den kann ein moderner Flügel nicht erreichen, weil er anders klingt.


    Das hatten wir alles schon und drehen uns im Kreis.

    Ach ... 8-)

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Es geht um den klanglich intendierten Tiefgang; den kann ein moderner Flügel nicht erreichen, weil er anders klingt.

    Das Gegenteil ist richtig. Der klanglich intendierte Tiefgang (was ist das überhaupt?) ist nur auf dem modernen Flügel erreichbar. Im Vergleich mit absoluten Klangkünstlern wie Horowitz, Michelangeli, Gilels oder Volodos sind in dieser Hinsicht alle Pianisten, die nur auf historischen Instrumenten spielen, biederes Mittelmaß. Da muss ich mich bremsen, um mich nicht zu ärgern, um mich nicht zu wiederholen: Solche Urteile sind für mich Ausdruck eines tief sitzenden Ressentiments gegen die wirklich ganz große Klavierspielkunst. Die höchste Kunst des Klavierspiels gibt es nur auf dem modernen Flügel, nicht zuletzt, weil die historischen Instrumente wegen ihrer Beschränkungen und Mängel eine solche Kunst zu entwickeln nicht erlauben. Da ich wirklich die Klavierspielkunst als Kunst liebe, reagiere ich sehr empfindlich auf solche Ressentiments.

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