Bei diesen Beiträgen über 'richtig oder falsch' wird mir immer wieder bewusst, was es bedeuten würde, in einer Diktatur zu leben, wo Ideologen vorgeben, was andere zu denken (und zu fühlen) haben und wo sie für andere allgemein gültige Regel aufstellen. Da erfasst mich dann auch im Hochsommer ein kalter Schauer – aber zum Glück dauert das nur kurz, denn wir leben nicht in solch einer Welt.
Es gibt auch eine Diktatur der Beliebigkeit, welche kategorisch verbietet, Sachverbindlichkeiten anzuerkennen, weil es das Subjekt in seiner Eitelkeit als Beleidigung empfindet, dass seine maßlose Willkürfreiheit eingeschränkt wird.
Dr. Holger Kaletha Ich sehe nicht, wie durch das schnellere Tempo Kochs die Balance der Sonate gestört wäre.
Wir haben einleitend zwei kürzere gegensätzliche Szenen, einmal mit dem ersten Satz eine prelude-artige Totenklage, dann mit dem zweiten Satz ein heiteres Menuett mit Trio, über welche dann mit dem letzten Satz und Schwerpunkt der Sonate das finale Inferno hereinbricht. Die ersten beiden Sätze bilden zusammen das Gegengewicht zum Finalsatz.
Das ist ein komplexes Thema. Hier geht es darum, dass das sehr ungewöhnliche hochexpressive Finale unmotivert erscheint, wenn dem ersten Satz das Sostenuto-Gewicht mit resignativen Zügen (Uhde) geraubt wird, und er zu einer Belanglosigkeit wird, so dass man den heftigen Gefühlsausbruch im Finale nicht mehr versteht, worauf er eigentlich reagiert, so dass man nicht mehr weiß, woher dieser Ausbruch kommt. Auch Satz 1 und 2 bilden einen klaren Kontrast, der durch Kochs Tempo-Hetze in Satz 1 verschwindet. Dann trifft so ein Urteil wie das von Robert Schumann zu, der Chopins Trauermarschsonate auch nicht verstand und meinte, Chopin habe da nur einige seiner seltsamsten Kinder zusammengebracht, die eigentlich nicht zusammenpassen.

