Du hattest folgendes geschrieben:
Er sagt: Die Werke, so wie sie im Notentext aufgeschrieben und instrumentiert sind, sind historisch vergänglich. Unvergänglich ist die "Idee" des Werks, die man eben in unterschiedlicher (vergänglicher, also zeitgebundener) Realisierung auf verschiedenen Instrumenten historisch konkret jeweils zur Verfügung hat. Das ist Anti-HIP. "Authentisch" ist die Idee des Werks, die ist aber schlicht eine auf keinem historischen Instrument greifbare Vorstellung.
Es leuchtet mir nicht ein, was daran Anti-HIP sein soll. Das gibt es bei Busoni nicht.
Dein Satz:
'Authentisch" ist die Idee des Werks, die ist aber schlicht eine auf keinem historischen Instrument greifbare Vorstellung.'
kann demnach nicht im Sinne von Busoni sein.
Es gibt bei ihm keinen Unterschied zwischen historischen und modernen Instrumenten.
Allenfalls ist die Idee auf keinem Instrument greifbar. Das kann ich nachvollziehen in dieser Logik.
Hier hast du meines Erachtens uminterpretiert, um eine (fiktive) Anti-HIP-Haltung zu konstruieren?
Falls Du das anders siehst, bitte ich den Satz mit einer Quellenangabe zu belegen.
Inzwischen habe ich mir Busonis Ästhetik besorgt. Sie sind ja gemeinfrei und digital gut verfügbar.
Das dürfte wohl der entsprechende Absatz in der Ästhetik sein:
"Der Geist eines Kunstwerkes, das Maß der Empfindung, das Menschliche, das in ihm ist – sie bleiben durch wechselnde Zeiten unverändert an Wert; die Form, die diese drei aufnahm, die Mittel, die sie ausdrückten, und der Geschmack, den die Epoche ihres Entstehens über sie ausgoß, sie sind vergänglich und rasch alternd.
Geist und Empfindung bewahren ihre Art, so im Kunstwerk wie im Menschen; technische Errungenschaften, bereitwilligst erkannt und bewundert, werden überholt, oder der Geschmack wendet sich von ihnen gesättigt ab. –
Die vergänglichen Eigenschaften machen das „Moderne“ eines Werkes aus; die unveränderlichen bewahren es davor, „altmodisch“ zu werden. Im „Modernen“ wie im „Alten“ gibt es Gutes und Schlechtes, Echtes und Unechtes. Absolut Modernes existiert nicht – nur früher oder später Entstandenes; länger blühend oder schneller welkend. Immer gab es Modernes, und immer Altes. –"
und weiter der wohl zentrale Abschnitt:
"Jede Notation ist schon Transkription eines abstrakten Einfalls. Mit dem Augenblick, da die Feder sich seiner bemächtigt, verliert der Gedanke seine Originalgestalt. Die Absicht, den Einfall aufzuschreiben, bedingt schon die Wahl von Taktart und Tonart. Form- und Klangmittel, für welche der Komponist sich entscheiden muß, bestimmen mehr und mehr den Weg und die Grenzen.
Es ist ähnlich wie mit dem Menschen. Nackt und mit noch unbestimmbaren Neigungen geboren, entschließt er sich oder wird er in einem gegebenen Augenblick zum Entschluß getrieben, eine Laufbahn zu wählen. Mag auch vom Einfall oder vom Menschen manches Originale, das unverwüstlich ist, weiterbestehen: sie sind doch von dem Augenblick des Entschlusses an zum Typus einer Klasse herabgedrückt. Der Einfall wird zu einer Sonate oder einem Konzert, der Mensch zum Soldaten oder Priester. Das ist ein Arrangement des Originals. Von dieser ersten zu einer zweiten Transkription ist der Schritt verhältnismäßig kurz und unwichtig. Doch wird im allgemeinen nur von der zweiten Aufhebens gemacht. Dabei übersieht man, daß eine Transkription die Originalfassung nicht zerstört, also ein Verlust dieser durch jene nicht entsteht. –
Auch der Vortrag eines Werkes ist eine Transkription, und auch dieser kann – er mag noch so frei sich gebärden – niemals das Original aus der Welt schaffen.
– Denn das musikalische Kunstwerk steht, vor seinem Ertönen und nachdem es vorübergeklungen, ganz und unversehrt da. Es ist zugleich in und außer der Zeit, und sein Wesen ist es, das uns eine greifbare Vorstellung des sonst ungreifbaren Begriffes von der Idealität der Zeit geben kann."
Wirklich ein faszinierender, leuchtender Text!
Aber Anti-HIP ist hier nicht herauszulesen.
HIP ist in diesem Sinne eine Transkription, aber eben eine, die sich von der Wahl der Instrumente an die Originale orientiert. Aber es bleibt eine Transkription und die von HIP beanspruchte Authentizität ist natürlich nur eine Annäherung.
(bearbeitet 11:38)
