Werte Kollegen, hier ist er nun, der Thread wo mit Enthusiasmus, Engagement, Elan und Verve zu den beiden Instrumenten diskutiert werden kann.
Ein Spin Off von Schubert, Franz: Klaviersonate G-dur op. 78 D 894
Achtung fertig ... und Los!
Werte Kollegen, hier ist er nun, der Thread wo mit Enthusiasmus, Engagement, Elan und Verve zu den beiden Instrumenten diskutiert werden kann.
Ein Spin Off von Schubert, Franz: Klaviersonate G-dur op. 78 D 894
Achtung fertig ... und Los!
Der Flügel ist sicher näher am Original dran als ein moderner, hochgezüchteter Konzertflügel.
Da antworte ich als Philosoph. Ein "Original" gibt es hier ganz einfach nicht.
Ein Lesetipp:
Denn es ist nur Deine Sozialisierung und Deine Erfahrung, die dich zu dieser Einschätzung verleiten.
Nö. Hier geht es um allgemeines ästhetisches Empfinden. Was hölzern und ungelenk klingt, klingt hölzern und ungelenk. Man kann die Schwäche eines ästhetischen Mangels nicht durch irgendwelche historisierende Vernünfteleien zu einem Verdienst umlügen.
Ich könnte mir natürlich die Mühe machen, das mal zu zerpflücken.
Nur ein kurzes Beispiel. Die Unausgewogenheit des Hammerflügels und seine Grobschlächtigkeit führt dazu, dass man die durchführungsartige, allmähliche, sukzessiv-dynamische Entwicklung gar nicht mehr verfolgen kann wie vorbildlich bei Pollini (D 958 Finale) (ab 3:52), sondern bei Yano statt dessen permanent auf der Stelle tritt:
Hier geht es um allgemeines ästhetisches Empfinden.
Allein die Tatsache, dass ich es anders wahrnehme, führt Deine Aussage ad absurdum. Für mich ist das „allgemeine ästhetische Empfinden“ hier ein anderes als für dich. Für einen Hörer, der sich an historisch informierten Aufführungen orientiert und diese schätzt, ist das ästhetische Empfinden Deinem Empfinden vermutlich komplett entgegengesetzt.
Mich interessiert gar nicht zu sehr, wie nah der nachgebaute Flügel am Original dran ist, denn er klingt gewiss besser als die mir bekannten Originale, aber er ist sicher näher dran als der Steinway. Was allein aber noch nichts bedeutet, für mich zählt vor allem die Aufführung und die finde ich hier spannender als die von Pollini (den ich ja sehr schätze).
Vielleicht kann ja doch noch jemand das Interview von András Schiff weiter zitieren?
Das Tolle bei Schubert - gerade bei dieser Sonate - ist der Gegensatz von Stakkato und Legato.
... was man aber zu Schuberts Zeiten mit den vorhandenen Instrumenten gar nicht wiedergeben konnte. Ist also reine (Deine) Phantasie. Und die Sonate beinhaltet natürlich einiges andere, was deutlich „toller“ ist als Legato und Staccato.
Alle Interpreten, die auf einem Hammerflügel spielen - und das sind sehr gute Aufnahmen -, spielen da notgedrungen mf.
Genau. mf ist deren ppp. Was ist so schwer daran zu kapieren? ppp ist sinngemäß „so leise wie möglich“ - das kann man noch durch Einsatz des Moderators und/oder Una-Corda-Pedal beeinflussen. Der Klang ist natürlich ein anderer als der, den ich mit einem modernen Flügel erzeugen kann (der ggfs. noch leiser klingen kann; ob das so gewollt war, sei mal dahingestellt). Die Dynamikzeichen sind nun mal nicht in Phon angegeben.
Alfred Brendel, ein Schubert-Spezialist und gewiss ein großer Anschlagskünstler, hielt den Hammerflügel für "uninteressant".
Deswegen ist eben auch Alfred Brendel (für mich) uninteressant. ![]()
So schreibt er in „Naivität und Ironie“:
Zitat von S. 58Ich zweifle nicht daran, dass uns bei Mozarts Musik mit einem guten Pianoforte besser gedient ist als mit einem Fortepiano. Wenn wir von seinen Opern, seinen Orchesterwerken und seiner Kammermusik ausgehen, werden wir bemerken, dass die größere Farbigkeit und der dynamische Umfang den Ansprüchen Mozarts eher entspricht.
Was den ersten zitierten Satz betrifft, lieber Herr Brendel: umgekehrt wird ein Schuh daraus, won't it? Dem zweiten Satz stimme ich vollkommen zu, zweifle aber noch weniger daran, daß historische Instrumente im Allgemeinen und Fortepiani im Besonderen eine vielfältigere Farbigkeit aufweisen.
Bei Orchestern, die auf modernen Instrumenten spielen, vermag ich im Holzbläserbereich kaum die Instrumente zu unterscheiden, ihr Charakter ist klanglich immer mehr angeglichen; quasi wie bei den heutigen Automodellen, die man früher mit einem Blick erkennen und der richtigen Marke zuordnen konnte; heute gelingt das oft nicht mehr, weil alle grundlegend gleich aussehen.
Bei den Fortepiani haben wir zwei Charakteristika: zum einen klingt nicht ein Modell wie das andere, ein Rosendorfer also anders als ein Graf. Innerhalb der „Marke“ klingen die Register der Instrumente zudem noch sehr unterschiedlich auf ein und demselben Instrument; z.B. (je nach Instrument) im Tenor wie ein Herren-Chor, darüber wie Gitarren, weiter oben harfenähnlich. Dies haben heutige Konzertflügel nicht zu bieten: einer klingt wie der andere, jeder Ton muss gleich klingen. Es wurde für meinen bescheidenen Geschmack die Perfektionierung deutlich übertrieben. Der Kenner mag vielleicht einen minimalen Unterschied von einem Steinway zu einem Ibach oder Blüthner wahrnehmen: diese spielen aber für die Musik des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts überhaupt keine Rolle. Keines dieser Geräte vermag z.B. Beethovens Irritation darzustellen, wenn in op. 47 das Pizziccato der Violine kaum vom Klang der oberen Lagen des Claviers zu unterscheiden ist. In diesem Falle mindestens ist ein moderner Flügel völlig fehl am Platze.
ZitatEin Komponist komponierte vielleicht auf dem, aber nicht für den Flügel, der bei ihm zuhause steht.
Mag sein; mag aber auch nicht sein. Das würde ich so nicht pauschalieren. Auf Schubert und vielleicht (?) späten Beethoven kann das eventuell zutreffen. Sicher: Mozart hat auch Nachts am Clavichord, das er parallel zu seinem Walther-Flügel besaß, komponiert (z.B. die Zauberflöte, mutmaßlich dann auch die Clavierwerke); hier ist das Clavichord natürlich ein bloßes Vehikel. Bei Mozart und frühem bis mittleren Beethoven wissen wir aber sicher, welche Instrumente sie bekomponiert hatten und während ihrer Konzerte bespielten. Der Klang und die Technik dieser Instrumente kann daher nur maßgebend sein und hat die Komposition auch nachvollziehbar beeinflusst.
Allein die Tatsache, dass ich es anders wahrnehme, führt Deine Aussage ad absurdum. Für mich ist das „allgemeine ästhetische Empfinden“ hier ein anderes als für dich. Für einen Hörer, der sich an historisch informierten Aufführungen orientiert und diese schätzt, ist das ästhetische Empfinden Deinem Empfinden vermutlich entgegengesetzt.
Da hast Du bei mir insofern schlechte Karten, als ich nicht nur Hörer, sondern Spieler des Klaviers bin. Seit meiner Jugend spiele ich Klavier. Und was ich gelernt habe und für das Wichtigste halte, was das Instrumentalspiel angeht, ist die Tongestaltung, d.h. einen schön klingenden Ton zu erzeugen. Da habe ich ein sehr gutes Ohr, wenn da etwas nicht stimmt.
Ich mache einen kleinen Umweg, um das was mich am Hammerklavierklang abstößt, zu erklären. Ich habe mich mal mit Kathinka Pasveer, eine der Lebensgefährtinnen von Karlheinz Stockhausen und eine vorzügliche Flötistin, unterhalten. Sie meinte, Stockhausen arbeitet mit den "schmutzigen" Tönen, die man als Flötist eigentlich vermeiden soll, so dass sie gar nicht hörbar werden. D.h. gemeint sind die Anblasgeräusche, also die Mechanik der Tonerzeugung. Der "reine Ton" ist der, der sich sozusagen loslöst von der Mechanik der Tonerzeugung, so dass diese unhörbar ist. So spielt der Flötist z.B. Debussy, den Nachmittag eines Fauns, den "reinen Flötenton", der dann seine Reize ausstrahlt und berauscht. Stockhausen dagegen macht Geräuschkompositionen, d.h. da soll man bei der Flöte das dann hören, was eigentlich nicht "Ton", sondern "Geräusch" ist.
Beim Hammerflügel ist es nun so, dass der Ton sich einfach noch nicht zu sich selbst befreit hat. Er ist noch kein "reiner" Klavierton, den gibt es nur auf dem modernen Konzertflügel. Beim Hammerflügel hat er sich noch nicht von der Mechanik des Anschlagens und der Anschlagsgeräusche vollkommen abgelöst, sondern man hört es klappern, klirren und klopfen. Der Geräuschanteil am Ton ist einfach sehr hoch. Und das schmerzt das ästhetische Empfinden.
Um das noch mit einem anderen Vergleich zu erläutern: Ich male Aquarelle, habe in meiner Studienzeit auch Ausstellungen gemacht und damit etwas Geld verdient.
Beim Aquarell ist der Reiz die Durchsichtigkeit der Farben, so dass sie immer durchschimmern. Wenn man die falschen Farben überlagert oder zuviel - Aquarell ist eine sehr schwere Technik - dann sagt der Maler, dass die Farbe "tot" gemalt ist. Dann ist sie stumpf und schimmert nicht mehr, d.h. es ist keine "reine" Farbe mehr, sondern eine schmutzige.
Der Hammerflügel hat so einen "toten", unreinen Ton ohne ästhetischen Schimmer und Reiz. Er ist zum großen Teil stumpf und unästhetisch unschön. Und das hat bautechnische Gründe. Auf der Messe in Frankfurt forderte uns Detlev, der Klavierbauer, auf, mal im Vergleich einen fabrikmäßig produzierten und einen handgefertigten Yamaha-Flügel anzuspielen. Letztere ist natürlich teuer. Aber man hört den Unterschied am Sustain-Effekt. Dazu schlägt man einen Ton laut an und schaut auf die Uhr, wie lange er sich als Ton hält nach dem Anschlag, bevor er abklingt. Die Zeit ist beim handgefertigten Yamaha wesentlich länger. Der Hammerflügel hat einen sehr geringen Sustain, d.h. er ist gleich schon verklungen, nachdem er angeschlagen ist. Das führt zu dem Eindruck des Hölzernen, Gläsernen.
Um das noch etwas besser zu verdeutlichen komme ich noch einmal zur Malerei. Der Reiz beim Aquarell ist die Grenze von Kontur und Verwischen - also dass die Konturen nicht völlig aufgelöst werden, aber auch nicht "hart" dastehen, sondern wieder so ein Flimmern und Flirren erzeugen. Das nennt der Künstler das "Malerische" eines Bildes. Bei Schubert ist genau das wichtig und das ist die große ästhetische Qualität von Pollinis gleichsam "malerischen" Ton: Es ist nicht nur ein einfaches bindendes Legato, sondern eben auch dieses Klangfarbliche, dass die Töne zu einem Kontinuum ineinanderlaufen ohne völlig zu verschwinden. Das geht aber nur auf dem modernen Flügel mit seinem sehr guten Sustain - weil die Töne liegen bleiben und sich so vermischen können. Beim Hammerflügel ist der Sustain so kurz, dass der Ton schon verschwunden ist gleich nachdem er angeschlagen wird, so dass diese Verschmelzung nicht stattfindet und entsprechend der Ton reizlos trocken wird und "hölzern" mechanisch klingt - "unmalerisch". Das ist ein essentieller Verlust bei Schubert, weil es die Semantik betrifft. Da geht jede historisierende Betrachtung einfach an der Sache vorbei. Zu Schuberts Musik gehört - das kommt von seinen Liedern her und ein Wilhelm Kempff hat es auch erkannt - das Fließen und die fließende Bewegung. In einem Fluss gibt es keine isolierten Tropfen, sondern nur den Fluss. Der Klang auf dem Hammerflügel fließt aber nicht, sondern tropft nur, und deshalb ist er für Schubert auch nicht wirklich geeignet.
Denn die Bewegungscharaktere von Schuberts Musik lassen sich ohne diese fließende Bewegung nicht vermitteln. Es ist eben ein Irrtum zu glauben, Komponisten schrieben für ein bestimmtes Instrument. Paul Bekker führte zu Beethoven aus, dass seine Klangvorstellungen die eines gar nicht existierenden idealen Klaviers seien. Er komponiert ein Klangideal, dem man dann versuchen muss, gerecht zu werden. Es geht also darum, welches Instrument der Klangidee von Schuberts Musik eher gerecht wird. Und das ist der moderne Flügel und nicht das Hammerklavier.
Ich kann natürlich verstehen, dass es Liebhaber des Hammerklavier-Klangs gibt. Wenn man das ist, dann hat man die Fähigkeit, über die klanglichen Schwächen des Instruments hinwegzuhören. Das kann ich als Ästhet leider nicht. Hammerklavierfreunde sind etwa so wie Menschen, welche die tot gemalten Flächen auf einem Aquarell nicht sehen, weil sie nur auf die Gegenstände schauen, die richtig dargestellt sind und dann sagen: Mit solchen schmutzigen Farben hat man diese Gegenstände früher immer gemalt und deshalb ist das richtig, weil man es früher halt so gemacht hat.
Das ist aber leider kein ästhetisches Argument. Die ästhetische Mangelhaftigkeit ist nun einmal da. Daran ändert keine historische Betrachtung etwas.
Mich interessiert gar nicht zu sehr, wie nah der nachgebaute Flügel am Original dran ist, denn er klingt gewiss besser als die mir bekannten Originale, aber er ist sicher näher dran als der Steinway. Was allein aber noch nichts bedeutet, für mich zählt vor allem die Aufführung und die finde ich hier spannender als die von Pollini (den ich ja sehr schätze).
Wo Du diese Gewissheiten hernimmst... ![]()
Mal konkret zum Schlusssatz von D 894 von Yano gespielt: Hier zeigt der Notentext ganz einfach - und auch schon der bloße Ansatz einer Analyse - dass Schiff einfach nicht Recht hat. Diese typischen Tropfenmotive bei Schubert klingen auf dem Hammerflügel viel zu rustikal und klobig. Nicht nur stimmt die Balance bei Yano nicht wie dagegen bei Wilhelm Kempff, der das wirklich mit einer klanglichen Delikatesse spielt. Für ein Piano und Pianissimo ist das alles viel zu laut und vor allem geht die Semantik verloren: Das ist einerseits eine Schlussgruppe die zugleich für das Folgende öffnet. Diese Dialektik des Schließens und zugleich Aufbrechens und Weitertreibens geht durch die Unausgewogenheit des Hammerflügels schlicht verloren. Die Musik stampft immer nur auf der Stelle wie ein Rumpelstilzchen.
Da gibt es keine Bewegung, nur Stillstand. Yanos Spiel ist deshalb für mich einfach nur tötlich langweilig. Dann der Ländler, der wirklich prosaisch volkstümlich klingt (ich hatte das biedermeierlich genannt). Kempff transzendiert das, indem er da "Schwung" hineinbringt, einen Bewegungsreiz des Vorwärtstreibens. Genau damit wird aus diesem Ländler Kunstmusik.
Genau. mf ist deren ppp. Was ist so schwer daran zu kapieren? ppp ist sinngemäß „so leise wie möglich“ - das kann man noch durch Einsatz des Moderators und/oder Una-Corda-Pedal beeinflussen. Der Klang ist natürlich ein anderer als der, den ich mit einem modernen Flügel erzeugen kann (der ggfs. noch leiser klingen kann; ob das so gewollt war, sei mal dahingestellt). Die Dynamikzeichen sind nun mal nicht in Phon angegeben.
Einfach nicht verstanden hast Du da, was ich meinte: Es geht nicht darum leise zu spielen, sondern darum einen wirklich tragfähigen leisen Ton zu spielen. Ein Arcadi Volodos kann in einem großen Saal wie der Bielefelder Oetker-Halle extrem leise spielen und der Ton ist so tragfähig, dass man ihn voll und deutlich noch in der hintersten Ecke hört. Dazu ist der Hammerflügel außerstande wegen seines mangelhaften Sustain. Die leisen Töne sind auf dem Hammerflügel zwar leise, aber sie tragen nicht, weil sie einfach viel zu schnell abklingen.
Schöne Grüße
Holger
Der Hammerflügel hat so einen "toten", unreinen Ton ohne ästhetischen Schimmer und Reiz.
?
Unrein sind allenfalls die Bässe moderner Flügel und Klaviere.
Einfach nicht verstanden hast Du da, was ich meinte: Es geht nicht darum leise zu spielen, sondern darum einen wirklich tragfähigen leisen Ton zu spielen.
Das ist egal; wenn es auf dem Hammerflügel nicht ging bzw. geht, kann das auch nicht gewollt sein.
Dazu ist der Hammerflügel außerstande
und auch nicht dazu gedacht. Wie das Werk, das darauf gespielt wurde und wird auch nicht.
Die leisen Töne sind auf dem Hammerflügel zwar leise, aber sie tragen nicht, weil sie einfach viel zu schnell abklingen.
Wenn Du meinst, dann ist das eben so. Aber das ändert eigentlich nichts. Das, was Du zu hören gewohnt bist und deswegen hören willst, gab es damals nicht. Punkt.
Kunst hat für mich nichts mit Perfektion zu tun (die Du z.B. erwartest, vermute ich). Die Schönheit ergibt sich aus dem Unperfekten. Vergleiche einen Hammerflügel als handgemaltes Gemälde von etwas mit einem modernen Flügel als perfektes, gestochen scharfes Foto von etwas. Das Gemälde hat - zumindest für mich - den besonderen Reiz. Fotos machen kann inzwischen jeder. Ich weiß, daß der Vergleich in gewisser Hinsicht hinkt, aber vielleicht verstehst Du, was ich damit meine? Oder anders:
Verbrenner versus Elektromobil: beide gelangen von A nach O, jedes auf seine Weise. Für mich aber ist das Elektromobil eben kein klassisches Auto mehr, ich vermisse die typischen Geräusche, die ein Auto eben macht. Beim Hammerflügel vs. modernem Instrument ist das ähnlich: mit beiden gelangt man notentechnisch von A nach O - aber es ist ein anderes (Authentizitäts-) Gefühl jeweils. Jeder Autofahrer, in 20 Jahren spätestens, wird Verbrenner verachten - viel zu kompliziert, viel zu viele komische Geräusche, manuelle Schaltung usw. (die bereitet ja heute bereits den jungen Fahrern Probleme und Abneigung) ... aber das echte Feeling vom Autofahren werden sie niemals haben.
Du bist eben eher der eAutofahrer mit neuester, perfekter Handykamera; ich fahre Verbrenner (Diesel) mit Schaltgetriebe und mich interessiert die Kamerafunktion des Handys eigentlich eher nicht. Perfektion in Klang und Spiel finde ich irritierend und zu künstlich - dann kann auch gleich ein Computer spielen, so wie eAutos demnächst autonom fahren werden.
Wenn Du wissen willst, wie sich Mozart auf der Reise nach Prag gefühlt hat: fahr Postkutsche. Wenn Du wissen willst, wie sich Haydn auf der Reise nach London gefühlt hat, nimm eine „Nusschale“ und fahre bei Seegang über den Kanal ... (Tüte nicht vergessen!
).
Nö. Hier geht es um allgemeines ästhetisches Empfinden. Was hölzern und ungelenk klingt, klingt hölzern und ungelenk.
Wer legt das fest? Das hängt von der Sicht- bzw. Hörweise ab. Wenn man es nicht anders kennt (wie eben die Clavieristen und Komponisten der damaligen Zeit), dann ist das unzutreffend. Anders kann man argumentieren, wie ich es auch tat, daß moderne Instrumente zu steril und künstlich, gar unmenschlich (weil: Irren ist menschlich, also auch Fehler - natürlich aus der heute perfektionierten Sicht) klingen.
Da antworte ich als Philosoph. Ein "Original" gibt es hier ganz einfach nicht.
Doch, natürlich gab es das Original - es ist eben flüchtig und kann - zumindest zum großen Teil - rekonstruiert werden. Dazu muß ich nicht philosophieren, sondern nur nüchtern und klar denken, die Flügel nach alten Plänen oder Vorbildern nachbauen und darauf spielen und schon bin ich dem Original so nah wie möglich; mehr ist weder gewünscht, noch erforderlich.
willst Du nun auch den HIP-Mythos in Sachen Klavier verbreiten?
Was ist verwerflich daran, wenn Christian B. plötzlich Gefallen daran findet? Zumal es einen Mythos bloß in Deiner Gedankenwelt gibt. Daß jemand von herkömmlichen Interpretationen auf HIP umsteigt, ist tatsächlich recht selten und beinahe ein Wunder.
![]()
Das „Problem“ der HIP-Gegner verorte ich darin, daß die ganze moderne (ich nenne sie: herkömmliche) Spielkultur eben einfach für'n Ar*** ist ... ich verstehe, daß es schwerfällt, damit zu leben.
Es ist eben ein Irrtum zu glauben, Komponisten schrieben für ein bestimmtes Instrument.
Es geht also darum, welches Instrument der Klangidee von Schuberts Musik eher gerecht wird. Und das ist der moderne Flügel und nicht das Hammerklavier.
Natürlich kann Schubert auf dem modernen Flügel wunderbar klingen - ob das aber der Flügel ist, der am ehesten seinem Ideal entspricht, können wir nicht wissen. Sowas sollte man nicht behaupten.
Mir ging es aber um etwas anderes: Wenn man Schubert auf einem Graf hört, so wie ihn Yano spielt, können wir gleichsam hören, wie er komponiert hat. So wird im Finale von D.894 die Melodie bspw. so wiederholt, dass sie bspw. zuerst im mittleren Register gespielt wird, dann aber im unteren (oder oberen) mit einer völlig anderen Klangfarbe. Das war Schubert also wichtig, er hätte die Melodie auch innerhalb eines Registers wiederholen können.
Es gibt nun Pianisten, die versuchen diese Änderung der Klangfarbe auf einem Flügel herzustellen und die Großen ihres Fachs können das auch imitieren. Aber so richtig begriffen habe ich diese Kompositionsweise erst jetzt durch Yano. Es ist eine Erkenntnis, die ein modernes Instrument kaum vermitteln kann, so wie das ppp auf einem modernen Flügel selten gelingt. Es war dafür eben der ‚Moderator‘ vorgesehen, wie Schiff absolut schlüssig dargelegt hat. Seiner hohen Expertise in diesem Bereich vertraue ich mehr als persönlichen Geschmacksurteilen.
Solche interessanten Einsichten sollte man nicht mit einem hochgezüchteten, modernen Klangideal nivellieren, das ist argumentativ wenig überzeugend.
Er komponiert ein Klangideal, dem man dann versuchen muss, gerecht zu werden. Es geht also darum, welches Instrument der Klangidee von Schuberts Musik eher gerecht wird. Und das ist der moderne Flügel und nicht das Hammerklavier.
Satz 1 und 2 sind völlig korrekt, die Schlußfolgerung gerade nicht. Den modernen Flügel kannte Schubert nicht, also konnte er sich nicht vorstellen, was möglich sein würde (wünschen hingegen kann man sich viel). Brendel hat (s.o.) auch versucht, so zu argumentieren, allerdings - genau wie Du - ohne Argumente zu bringen. Wer (richtig und unverfälscht) hören kann, ist gleich vom Gegenteil überzeugt.
Mozart beispielsweise hat auch niemals über das dreigestrichene f hinauskomponiert in der Hoffnung, daß es die Tasten dereinst geben würde; also, was für ein Quatsch sollte solcher Ansatz sein? Das gilt auch noch für die ersten beiden Clavierkonzerte Beethovens: das intuitiv bzw. musikalisch richtige fis ist im Originalmanuskript aufgelöst zu falschem f (in anderen Werken dito). Erst ab op. 37 hatte Beethoven ein Instrument mit erweitertem Ambitus.
Das finde ich super:
Aber so richtig begriffen habe ich diese Kompositionsweise erst jetzt durch Yano. Es ist eine Erkenntnis, die ein modernes Instrument kaum vermitteln kann
Natürlich kann Schubert auf dem modernen Flügel wunderbar klingen - ob das aber der Flügel ist, der am ehesten seinem Ideal entspricht, können wir nicht wissen. Sowas sollte man nicht behaupten.
So einfach ist das nicht gedacht. Beethoven war Jemand, der Musiker und Instrumente mit seinen Ansprüchen überforderte. Der berühmte rheinisch derbe Ausspruch von ihm gegenüber einem Musiker, der meinte, was er wolle, sei unspielbar: "Was interessiert mich Dein scheiß Instrument!" Das ist der Geist der Idealismus: "Du kannst, denn du sollst!" Das Klangideal wohnt - mit Blick auf Schubert - der Musik ein und nicht dem Komponisten oder dem Instrument. Man darf auch nicht vergessen, dass in diesen Zeiten Transkriptionen, wo die Musik auf anderen Instrumenten gespielt wurde, die Regel war. Die ästhetische Idee ist die der Komposition - und die Frage ist dann, mit welchen instrumentalen Mitteln sie am adäquatesten - oder reichhaltigsten - realisiert wird.
Es gibt nun Pianisten, die versuchen diese Änderung der Klangfarbe auf einem Flügel herzustellen und die Großen ihres Fachs können das auch imitieren. Aber so richtig begriffen habe ich diese Kompositionsweise erst jetzt durch Yano. Es ist eine Erkenntnis, die ein modernes Instrument kaum vermitteln kann, wie eben auch das ppp auf einem modernen Flügel selten gelingt.
Das finde ich als Einzelerkenntnis ja durchaus hilfreich. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Aber die weiter reichenden Schlussfolgerungen sind dann problematisch, wenn daraus ein Authentizitäts-Anspruch abgeleitet wird, dass der Hammerklavier-Klang der authentischere sei und man sich so die Schwächen des Instruments schön redet, die eben musikalischen Sinn zerstören statt ihn zu befördern. Auf dem modernen Instrument werden ästhetische Qualitäten von Schuberts Musik hörbar, die auf einem Hammerflügel einfach nicht hörbar zu machen sind. Dieselbe Diskussion gibt es ja auch bei historischen Instrumenten, was das Orchester angeht. Auch da hat historisch der Wandel im instrumentalen Spiel dem Wandel der Ästhetik nicht Schritt gehalten, hinkte ihm gewissermaßen hinterher. Deswegen muss man Beethoven nicht so aufführen, als sei es Barockmusik, nur weil es zu Beethovens Zeit vielleicht mal so geschehen ist. Das wird seiner Musik eben nicht gerecht, auch wenn es historisch "richtiger" sein mag.
Solche interessanten Einsichten sollte man nicht mit einem hochgezüchteten, modernen Klangideal nivellieren, das ist argumentativ sehr wenig überzeugend.
Es geht nicht um Nivellierung - die ästhetische Idee ist zudem nicht historisch. Es geht um die Totalität - wie man einem Musikstück von Schubert als Totalität, also in der Summe aller seiner Eigenschaften - am ehesten gerecht wird, ohne Abstriche. Und das ist auf dem modernen Flügel der Fall. Da gewinnt das Werk nur - auch beim Hörer, der ästhetische Genuss ist größer als mit einem scheppernden Hammerklavier mit seiner Unausgewogenheit und Holprigkeit.
Schöne Grüße
Holger
Es geht um die Totalität - wie man einem Musikstück von Schubert als Totalität, also in der Summe aller seiner Eigenschaften - am ehesten gerecht wird, ohne Abstriche. Und das ist auf dem modernen Flügel der Fall. Da gewinnt das Werk nur - auch beim Hörer, der ästhetische Genuss ist größer als mit einem scheppernden Hammerklavier mit seiner Unausgewogenheit und Holprigkeit.
Ich verstehe solche Aussagen in dieser Absolutheit nicht. Es ist doch offensichtlich nicht mehr als Dein Geschmack, den Du hier zu Geltung bringst. Als solcher ist er natürlich zu respektieren, aber einen Anspruch gegen den Geschmack anderer wird nicht ableitbar sein. Dabei hilft auch die Tatsache, dass Du mal Klavier spielen gelernt hast, nichts.
Abgesehen davon ist es ja ein Leichtes zu sehen, dass das von verschiedenen Pianisten, die alle auch spielen gelernt haben, verschieden gesehen wird.
Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Aber die weiter reichenden Schlussfolgerungen sind dann problematisch, wenn daraus ein Authentizitäts-Anspruch abgeleitet wird, dass der Hammerklavier-Klang der authentischere sei und man sich so die Schwächen des Instruments schön redet, die eben musikalischen Sinn zerstören statt ihn zu befördern.
Da wird rein gar nichts schön geredet. Das Hammerclavier wurde weiterentwickelt, keine Frage. Durch die Weiterentwicklung ergeben sich neue Klangmöglichkeiten, die gewisse Gruppen überzeugen mögen. Was wäre, wenn der Hammerflügel eben - wie z.B. das Cembalo - gerade nicht weiterentwickelt worden wäre? Dann wäre der Klang authentisch wie der des Cembalos - warum sollte er es also heute nicht sein?
Es gibt nun Pianisten, die versuchen diese Änderung der Klangfarbe auf einem Flügel herzustellen und die Großen ihres Fachs können das auch imitieren.
Man kann übrigens auch auf modernen Flügel den Moderator betätigen, tut es aber m. W. selten bis nie, weil es völlig anders klingt (was so gewollt ist; es klingt dumpf, eben gedämpft und nicht bloß „leiser“). Der Moderator gilt m. W. weitestgehend als Nachbarschaftshilfe und nicht als Artikulationsmittel.
Man kann eben ein damals mögliches piano oder pianissimo nicht mit einem heute möglichen gleichsetzen. Wenn ich ppp also „so leise wie möglich“ interpretiere, dann nehme ich die Stelle auf und schraube künstlich die Lautstärke auf beinahe Unhörbarkeit herunter. Niemand wird mir weißmachen, daß das so vom Komponisten gedacht war, nur weil es heute so möglich ist.
Franz Schubert besass kein eigenes Tasteninstrument. Er nutzte, das was ihm in den Wohnungen zur Verfügung stand.
Moritz von Schwind zeichnete 1820 * das Zimmer seines Freundes an der Wipplingerstrasse. Eines der vielen Domizile, die der Komponist bewohnte.
* So lese ich die Jahreszahl beim Monogramm.
Das waren zum Teil bescheidene Instrumente.

Es geht um die Totalität
Die Totalität einer Erfahrung ist (zumeist) eine fiktive Projektion des Erfahrenden.
Ich verstehe solche Aussagen in dieser Absolutheit nicht. Es ist doch offensichtlich nicht mehr als Dein Geschmack, den Du hier zu Geltung bringst. Als solcher ist er natürlich zu respektieren, aber einen Anspruch gegen den Geschmack anderer wird nicht ableitbar sein. Dabei hilft auch die Tatsache, dass Du mal Klavier spielen gelernt hast, nichts.
Geschmack ist eben nicht nur subjektiv. Kant: Über guten Geschmack kann man nicht streiten, weil er (auf der Erkenntnis einer allgemeinen ästhetischen Idee beruhend) allgemeingültig ist. Ich bin nunmal auch Ästhetiker von Profession. Ich kann gut begründen, warum auch Musiker bestimmte Eigenschaften des Spiels auf so einem historischen Instrument anziehend finden. Auch ein Hammerklavier vermittelt ästhetische Qualitäten. Nur eben nicht die, um die es geht, wenn es sich um den Klavierton und den Klavierklang als solchen handelt. Außerdem ist die Fixierung auf die Wahl des Instruments eine Verkürzung. Es geht um die ästhetische Idee von Schuberts Musik, von Schuberts Klaviersonaten, u.a. auch um das Schubert-Bild, und auch um Fragen der Klangästhetik eines romantischen Musikstücks, nicht zuletzt um die musikhermeneutische Ebene und die Frage der poetischen Idee, welche in diesem speziellen Musikstück zum Ausdruck gebracht wird. Alle diese Ebenen gilt es aufeinander in Beziehung zu setzen. Damit habe ich mich im Unterschied zu Dir eingehender beschäftigt. ![]()
Abgesehen davon ist es ja ein Leichtes zu sehen, dass das von verschiedenen Pianisten, die alle auch spielen gelernt haben, verschieden gesehen wird.
Es gibt aber auch dafür Begründungen, warum bestimmte Dinge verschieden gesehen werden, etwa weil es Pianisten gibt, die auf die klangästhetische Seite mehr oder weniger Wert legen, wie es Jewgeny Kissin mal schön zum Ausdruck gebracht hat.
Die Totalität einer Erfahrung ist (zumeist) eine fiktive Projektion des Erfahrenden.
So eine Behauptung heißt nur, dass Du Dich mit ästhetischen Fragen der Schubert-Interpretation nicht beschäftigen willst und sie für überflüssig hältst. Dann kann man sich aber letztlich ernsthaft über Interpretationsfragen in Sachen Schubert nicht mehr unterhalten. Es gibt aber nunmal Interpreten, dazu gehört Wilhelm Kempff, der in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselfigur ist, der eine solche "Totalität der Erfahrung" herstellen kann und entsprechend Schubert überragend interpretiert, weil er Beziehungen herstellen kann zwischen den verschiedenen Ebenen und entsprechend in der Lage ist, die Gegebenheit des Notentextes so zu deuten, dass ein konsistenter, in sich geschlossener Sinnzusammenhang entsteht und die Musik entsprechend was ihre Bedeutungsebene und Ausdrucksfähigkeit angeht nicht kastriert wird.
Schöne Grüße
Holger
Da wird rein gar nichts schön geredet. Das Hammerclavier wurde weiterentwickelt, keine Frage. Durch die Weiterentwicklung ergeben sich neue Klangmöglichkeiten, die gewisse Gruppen überzeugen mögen. Was wäre, wenn der Hammerflügel eben - wie z.B. das Cembalo - gerade nicht weiterentwickelt worden wäre? Dann wäre der Klang authentisch wie der des Cembalos - warum sollte er es also heute nicht sein?
Doch. Weil man über die klanglichen Schwächen dieser Instrumente nicht reden darf, weil es ja so authentisch ist. Der Klaviersatz von Beethovens und Schuberts Sonaten ist so, dass er für ein Cembalo nicht geeignet ist.
Man kann übrigens auch auf modernen Flügel den Moderator betätigen, tut es aber m. W. selten bis nie
Ein Flügel hat keinen Moderator, nur ein Klavier. Beim Flügel wird die Mechanik verschoben, so dass statt drei Saiten nur zwei angeschlagen werden.
So eine Behauptung heißt nur, dass Du Dich mit ästhetischen Fragen der Schubert-Interpretation nicht beschäftigen willst und sie für überflüssig hältst.
Du scheinst zu vergessen, wer dieses Thema hier initiiert hat.
Ich halte Deiner „Totalität einer Erfahrung“ die Expertise einiger mit historischen Instrumenten geschulten Pianisten entgegen, die mir den Klaviersatz Schuberts näher gebracht und neue Einblicke geschenkt haben. Das ist auch eine ästhetische Erfahrung, zudem unerwartet und für mich wertvoll. Deiner Totalität stelle ich eine vielschichtige Realität, bestehend aus historischer Betrachtung und Analyse des Klaviersatzes, entgegen.
Noch ein Nachtrag: ich schätze die ästhetische Erfahrung eines modernen Flügels sehr, aber bestimmte Einsichten in den Klaviersatz Schuberts sind damit, wie oben ausgeführt, nicht möglich. Insofern handelt es sich auch nicht um eine „totale Erfahrung“.
Diese bleibt eine Fiktion.
Ich bin nunmal auch Ästhetiker von Profession.
Das mag sein. Daraus folgt aber nicht, dass Du einen "guten" oder auch nur "besseren" Geschmack hast, oder? ![]()
Die klanglichen Vor- und Nachteile eines Hammerflügels gegenüber einem modernen Flügel sind eben immer im Verhältnis zu ihrer Funktion zu sehen. Ein Stahlrahmen kann den Ton weiter tragen als ein Holzrahmen, der Ton ist aber eben auch ein anderer. Es ist ein nicht ganz von der Hand zu weisender Gedanke, dass es sinnvoll sein kann, Musik auf den Instrumenten zu spielen, für die sie seinerzeit komponiert wurde.
Dass man auch hier approximieren muss ist selbstverständlich. Dass daraus wichtige Erkenntnisse erwachsen können, muss ja kaum diskutiert werden.
Was einen von den Alternativen instrumental zufrieden stellt, ist offensichtlich von Musiker zu Musiker sehr unterschiedlich und hängt sicher auch von der Art Musik ab, die man spielen möchte.
Hier ein Ausschnitt aus dem Booklet der Einspielung der Mozart Sonaten von Robert Levin
Zitat von Ulrich Leisinger aus dem Booklet zu Robert Levins Einspielung der Mozart Sonaten
Der Hauptunterschied zwischen dem historischen und dem modernen Klavier besteht darin, dass die Holzhämmer des Fortepianos viel kleiner und leichter als die des modernen Flügels sind und dass die Hämmer - wenn überhaupt nicht mit Filz, sondern allenfalls mit einer dünnen Schicht Leder bezogen waren. Dies bedeutet, dass der Klang des Hammerklaviers viel reicher an Obertönen ist und dass der Ton zugleich viel schneller abfällt als beim modernen Flügel. Das heutige Klavier hat starke, mit Kupferdraht umsponnene Basssaiten, die einen volleren, zugleich aber auch mulmigeren Klang erzeugen als die relativ dünnen Saiten von Mozarts Klavier. Infolgedessen ist es auf dem modernen Klavier viel schwieriger, das verletzliche Gleichgewicht zwischen den beiden Händen zu wahren, während auf Mozarts Klavier auch die tiefen Töne stets sauber ansprechen. ....
Wenn man einen klaren, gut durchhörbaren Bass haben möchte, bietet sich doch dann das historische Gerät an. Ob das Endergebnis einen ästhetisch befriedigt, ist mit dieser Lösung alleine natürlich nicht garantiert.
Es gibt aber auch dafür Begründungen, warum bestimmte Dinge verschieden gesehen werden, etwa weil es Pianisten gibt, die auf die klangästhetische Seite mehr oder weniger Wert legen, wie es Jewgeny Kissin mal schön zum Ausdruck gebracht hat.
Das Zitat ist zwar lustig, aber offensichtlich tendenziös. Es wird wenig Pianisten geben, die auf die klangästhetische Seite wenig Wert legen, und wenn, dann eher die, die einfach die Geräte spielen, die dann so herumstehen, was in aller Regel dann modernes Material ist.
Hier vielleicht ein paar Äußerungen des Pianisten András Schiff aus dem Booklet zu seiner Einspielung von Deutsch 894. Leider habe ich nicht die Ausgabe des Fono Forum, so dass ich da nicht zitieren kann.
Zitat von András Schiff aus dem Booklet...
Dieser Zwiespalt zeigte sich in meinen damaligen Äu ß erungen, in Arti keln und Interviews. Da schrieb ich einmal sarkastisch: „Die Zeit wird noch kommen, da wir Schubert_Sonaten auf Hammerklavieren von Conrad Graf spielen werden.∑
Und siehe da: kaum dreißig Jahre sind vergangen, und meine Prophezeiung erfüllt sich – durch mich selbst.
Aha!
Zitat von András Schiff
Meine Begegnung mit Mozarts Hammerklavier von Anton Walter Mitte der 80er Jahre war viel erfreulicher, geradezu beglückend. Sie war wegweisend für mein weiteres Leben. Mozarts Musik in seinem Geburtshaus auf seinem eigenen Hammerflügel spielen zu dürfen war ein Privileg und ein unvergessliches Erlebnis. Seine Werke klangen auf dem Instrument von Walter völlig neu und kühn. Die c_Moll_Fantasie K V 475 wirkte ungeheuer dramatisch, wie eine Zusammenfassung der Oper Don Giovanni .
Offensichtlich ist die Entscheidung Schiffs getrieben von klangästhetischen Gedanken.
Der Klaviersatz von Beethovens und Schuberts Sonaten ist so, dass er für ein Cembalo nicht geeignet ist.
Tatsächlich ... wer hat denn was anderes behauptet?
Doch. Weil man über die klanglichen Schwächen dieser Instrumente nicht reden darf, weil es ja so authentisch ist.
Natürlich darf man drüber reden; nur sind eben die vermeintlichen Schwächen eben keine - es ist eine Hörgewohnheit (von der Du nicht abrücken magst, was natürlich Dir überlassen bleibt).
Beim Flügel wird die Mechanik verschoben, so dass statt drei Saiten nur zwei angeschlagen werden.
Das ist das Una- bzw. Due-Corde-Pedal (Una gibt's beim modernen Flügel nicht mehr, weshalb z.B. Beethoven quasi unspielbar geworden ist; vgl. 4. Clavierkonzert).
Kant: Über guten Geschmack kann man nicht streiten, weil er (auf der Erkenntnis einer allgemeinen ästhetischen Idee beruhend) allgemeingültig ist.
Er ist nicht allgemeingültig, sondern allenfalls verallgemeinert und zum Usus geworden bzw. für allgemeingültig erklärt worden. Solche „Gesetze“ lassen sich aber, wie bekannt, revidieren und ändern. Die Worte eines seit 220 Jahren Vermoderten zählen also mehr als der Klang eines überlebt habenden „gleich alten“ Instruments? Kant hat bis 1804 gelebt - er hat also dann den Klang des Hammerflügels der Mozartzeit (unbeledert und scheppernd) für allgemeingültig erklärt und den der Schubert-/Beethovenzeit gar nicht geKANT. Das war der neueste Stand der Technik.
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Noch ein Nachtrag: ich schätze die ästhetische Erfahrung eines modernen Flügels sehr, aber bestimmte Einsichten in den Klaviersatz Schuberts sind damit, wie oben ausgeführt, nicht möglich.
Das verstehe ich so nicht. Für das Hörerlebnis ist entscheidend, wie ein Klaviersatz bestmöglich zum Klingen gebracht wird. Und das passiert auf dem modernen Konzertflügel ohne wirklich wesentliche Abstriche (wobei ja auch moderne Instrumente sehr unterschiedlich sind, nicht jedes ist gleich gut für Schubert geeignet). Die Frage freilich, wie Schubert dazu gekommen ist, bestimmte Dinge so zu notieren wie sie notiert sind, dafür kann der Hammerflügel mitunter wichtige Hinweise liefern. Das sind aber zwei ganz verschiedene Dinge.
Das mag sein. Daraus folgt aber nicht, dass Du einen "guten" oder auch nur "besseren" Geschmack hast, oder?
Nein. Geschmacksurteile sind abhängig von den Maßstäben des Urteils und sie sind mitunter sehr selektiv. Wenn man den Barockstil nach den ästhetischen Maßstäben der Renaissance misst, dann erscheint er als eine Art Entartung, als schwülstig, überladen usw. Dann hat man aber den ästhetischen Eigenwert des Barock nicht erkannt, d.h. ihn am falschen Maßstab gemessen. Und dann gibt es die selektive Wahrnehmung aufgrund eines Interesses. Wer sich für die ästhetischen Qualitäten des Klaviertones nicht interessiert, der hört über die Schwächen dieser Instrumente hinweg, nimmt sie nicht wahr, bzw. nicht so, dass sie ihn stören, also nicht als etwas für das ästhetische Empfinden Zentrales und Relevantes, sondern nur am Rande.
Die klanglichen Vor- und Nachteile eines Hammerflügels gegenüber einem modernen Flügel sind eben immer im Verhältnis zu ihrer Funktion zu sehen. Ein Stahlrahmen kann den Ton weiter tragen als ein Holzrahmen, der Ton ist aber eben auch ein anderer. Es ist ein nicht ganz von der Hand zu weisender Gedanke, dass es sinnvoll sein kann, Musik auf den Instrumenten zu spielen, für die sie seinerzeit komponiert wurde.
Das ist die typische HIP-Apologie, zu behaupten, so ein sowohl bautechnisch als auch klanglich nicht ausgereiftes historisches Instrument sei vollkommen, sondern hätte nur eine andere Funktion gehabt. Dann blendet man seine eklatanten Schwächen aus und behauptet, der moderne Konzertflügel sei in keiner Hinsicht das bessere Instrument, sondern hätte nur eine andere Funktion, dass man mit ihm lauter spielen kann in großen Sälen. Beim Klavier ist es aber eben anders als bei Streichinstrumenten wie der Violine, die schon seit Jahrhunderten ausgereift sind und man nichts verbessern kann. Im Klavierbau dagegen gibt es einen Fortschritt. Die Entwicklung des Klaviers als ein ausgereiftes Instrument ist erst abgeschlossen mit dem modernen Konzertflügel. Man darf auch nicht vergessen, dass der Hammerflügel schon zu Beginn und Mitte des 19. Jahr den Anforderungen des bürgerlichen Konzertlebens nicht gewachsen war, also gerade seine Funktion nicht erfüllen konnte. Zu Mozarts Zeiten gab es noch den reinen Klavierabend nicht, sondern nur gemischte Programme mit Gesangsdarbietungen, Instrumentalspiel und darunter auch der Vortrag eines Klavierstücks. Der Erste überhaupt, der einen reinen Klavierabend gab, war Franz Liszt. Bei Liszt gingen pro Abend ungefähr 4 (!) dieser Instrumente zu Bruch - sie waren nachher für den Schrott. Der Holzrahmen brach einfach durch, weil er den Belastungen nicht standhielt. Das lag aber nun nicht daran, dass Liszt brutal gespielt hätte, er wahr berühmt für seine hoch poetischen Interpretationen von Beethoven und Schubert, den er über alles liebte. Auch unterstützte er sehr den zeitgenössischen Klavierbau. So spielte er bei seinen Tourneen durch Europa immer die Instrumente aus dem jeweiligen Land.
Was einen von den Alternativen instrumental zufrieden stellt, ist offensichtlich von Musiker zu Musiker sehr unterschiedlich und hängt sicher auch von der Art Musik ab, die man spielen möchte.
Die Spezialisten für solche Instrumente werden natürlich begründen, warum sie das tun. Ist ja auch in Ordnung und durchaus eine Bereicherung. Nur gibt es schlechterdings kein Klavierstück, das nicht zufriedenstellend auf einem modernen Instrument gespielt werden könnte.
Wenn man einen klaren, gut durchhörbaren Bass haben möchte, bietet sich doch dann das historische Gerät an. Ob das Endergebnis einen ästhetisch befriedigt, ist mit dieser Lösung alleine natürlich nicht garantiert.
Was Leisinger da schreibt, ist insofern aufschlussreich, weil es die Schönfärberei von HIPies zeigt. Ein Hammerklavier soll obertonreicher sein als ein Steinway mit Duplex-Skala? Stimmt das wirklich? Selbst wenn, ist aber die Frage, wie sich das überhaupt auswirkt. Wenn es nämlich gleichzeitig so ist beim historischen Instrument, dass der Ton "schnell abfällt", dann ist der Sustain gering. D.h. die Töne klingen nicht nach - und genau deshalb bringt der behauptete Obertonreichtum im Diskant schlicht und einfach so gut wie nichts. Weil der Ton schon gleich wieder weg ist, wenn er angeschlagen wird. Deswegen klingt ein Steinway eben tausendmal farbiger und tonreicher im Diskant als so ein Instrument, dass oben herum nur klirrt und nadelt und dünn nach Blech klingt. Und was er da über den bass eines modernen Flügels schreibt, ist - Entschuldigung - schlicht und einfach nur großer Quatsch. Von welchem Flügel redet er überhaupt? Ein Bösendorfer Imperial hat einen substanzreichen, vollen Bass, ein Steinway ist im Bass sehr schlank. Dann soll er doch mal zeigen, welche berühmte Mozart-Aufnahme auf einem Steinway eingespielt im Bass diffus klingt. Wenn er recht hätte, wäre der moderne Konzertflügel völlig ungeeignet um z.B. Ravel zu spielen. Was natürlich eine völlig unsinnige Behauptung ist. Das ist einfach nur ein Werbetext für HIPies, die es glauben wollen. ![]()
Das Zitat ist zwar lustig, aber offensichtlich tendenziös. Es wird wenig Pianisten geben, die auf die klangästhetische Seite wenig Wert legen, und wenn, dann eher die, die einfach die Geräte spielen, die dann so herumstehen, was in aller Regel dann modernes Material ist.
Kissin hat in diesem Interview ausgeführt, dass es zwei Kategorien von Pianisten gibt. Das war nicht tendentiös gemeint und ist es auch nicht. Beispiele für die beiden "Parteien" hat er auch genannt: Für die Klangästheten exemplarisch Emil Gilels und für die andere Kategorie von Pianisten Glenn Gould.
Schöne Grüße
Holger
Er ist nicht allgemeingültig, sondern allenfalls verallgemeinert und zum Usus geworden bzw. für allgemeingültig erklärt worden. Solche „Gesetze“ lassen sich aber, wie bekannt, revidieren und ändern. Die Worte eines seit 220 Jahren Vermoderten zählen also mehr als der Klang eines überlebt habenden „gleich alten“ Instruments? Kant hat bis 1804 gelebt - er hat also dann den Klang des Hammerflügels der Mozartzeit (unbeledert und scheppernd) für allgemeingültig erklärt und den der Schubert-/Beethovenzeit gar nicht geKANT. Das war der neueste Stand der Technik.
Erst einmal ist das Philosophie. Und die beruht auf bleibenden Erkenntnissen. Solange man dagegen nicht philosophisch überzeugend argumentiert, bleibt das nur - mit Verlaub - Geschwafel. Kant war zudem nicht besonders Musik affin. Die Musik nimmt bei ihm den niedrigsten Rang unter den Künsten ein und ist ihm eher ein lästiges, störendes Geräusch. ![]()
Für die Klangästheten exemplarisch Emil Gilels und für die andere Kategorie von Pianisten Glenn Gould.
Gould soll kein Klangästhet gewesen sein? Wie kommst Du auf so eine absurde Behauptung. Weil Dir sein Klang nicht gefällt?
Die Spezialisten für solche Instrumente werden natürlich begründen, warum sie das tun.
Sagen wir es einfach neutraler! Die, die auf solchen Instrumenten spielen, können es begründen. Ein Beispiel oben ist András Schiff. Man kann seine Begründung sogar lesen ![]()
Nur gibt es schlechterdings kein Klavierstück, das nicht zufriedenstellend auf einem modernen Instrument gespielt werden könnte.
Was meinst Du mit Klavierstück? Es ist an manchen Stellen schon begründet worden, was man hören kann und was nicht. es ist auch kein Zufall, dass es einer Marcelle Meyer bedurfte, um Couperin oder Rameau auf einem Flügel zu spielen. Und selbst bei einer so exorbitanten Könnerin, wirst Du feststellen, dass es viele Nuancen gibt, die erst auf einem Cembalo zu hören sind.
Die Musik nimmt bei ihm den niedrigsten Rang unter den Künsten ein und ist ihm eher ein lästiges, störendes Geräusch.
Okay, damit kann ich leben, wenngleich es unschwer verdeutlicht, wie Unrecht er hatte. Also ignorieren wir Kants Aussagen zum Thema forthin.
Erst einmal ist das Philosophie. Und die beruht auf bleibenden Erkenntnissen. Solange man dagegen nicht philosophisch überzeugend argumentiert, bleibt das nur - mit Verlaub - Geschwafel.
Wenn von Allgemeingültigkeit die Rede ist, gilt nicht ausschließlich das völlig realitätsferne philosophische Geschwafel.
Gould soll kein Klangästhet gewesen sein? Wie kommst Du auf so eine absurde Behauptung. Weil Dir sein Klang nicht gefällt?
Ich hatte glaube ich deutlich genug gesagt, dass dies Kissins Klassifizierung ist. Das muss man sich schon anhören, wie Kissin das begründet hat. Glenn Gould hat bezeichnend für seine zweite Aufnahme der Goldberg-Variationen einen Yamaha-Flügel gewählt, nicht, wie er es selber gesagt hat, wegen des Klangs, der ihn nicht interessierte, sondern allein wegen der vorzüglichen Spielmechanik des Instruments. (Was auch stimmt, ich habe noch nie so einen von der Spielbarkeit her hyperpräzisen und leichtgängigen Flügel angespielt wie den Yamaha CF-3S.)
Sagen wir es einfach neutraler! Die, die auf solchen Instrumenten spielen, können es begründen. Ein Beispiel oben ist András Schiff. Man kann seine Begründung sogar lesen
Ganz neutral kann eine Begründung nicht nur richtig, sondern immer auch falsch sein oder wenn nicht ganz falsch, so auch nicht völlig zwingend. Begründungen kann man vernünftig beurteilen und bewerten.
Was meinst Du mit Klavierstück? Es ist an manchen Stellen schon begründet worden, was man hören kann und was nicht. es ist auch kein Zufall, dass es einer Marcelle Meyer bedurfte, um Couperin oder Rameau auf einem Flügel zu spielen. Und selbst bei einer so exorbitanten Könnerin, wirst Du feststellen, dass es viele Nuancen gibt, die erst auf einem Cembalo zu hören sind.
Vom Cembalo haben wir aber nicht geredet. Das ist ein eigenes Thema.
Okay, damit kann ich leben, wenngleich es unschwer verdeutlicht, wie Unrecht er hatte. Also ignorieren wir Kants Aussagen zum Thema forthin.
So kann man nur reden, wenn man den Zeitkontext von Kant nicht kennt. Im Hintergrund bei Kant steht die Empfindsamkeit des 18. Jhd. und die empfindsame Musikrezeption, wonach Musik vor allem "das Herz rühren" soll. Weil Musik primär empfindsam und nicht über den Bezug auf eine ästhetische Idee rezipiert wird, nimmt sie den untersten Rang unter den Künsten ein.
Wenn von Allgemeingültigkeit die Rede ist, gilt nicht ausschließlich das völlig realitätsferne philosophische Geschwafel.
Deine Vorurteile über Philosophie kannst Du gerne für Dich behalten.
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