Karl Richter ist ohne Zweifel ein Meilenstein der Bach-Rezeption und als solcher natürlich zu respektieren. Zu seinen Verdiensten gehört es, Bach wieder in der Breite bekannt zu machen und letztlich natürlich wichtiger Teil der andauernden Renaissance zu sein.
Dennoch höre ich Karl Richter seit etlichen Jahren gar nicht mehr. Ja, ich würde sogar sagen: Wenn ich Bach nur aus Richters Hand kennen würde (Dank an meinen Patenonkel, der mir in den 90er als Kind gezeigt hat, dass Bach auch anders klingen kann), wäre ich nicht in der Theologischen Bachforschung gelandet.
Mein Hauptproblem mit Richter sind die vom Kollegen querstand angesprochenen langsamen Tempi, die nicht logisch herzuleiten sind, sondern eher aus einem brucknerhaft-romantischen Verständnis des damaligen Zeitgeistes (Thomaskantorat-Sukzession war davon auch nicht frei geblieben) zu kommen scheinen. Besonders in langsamen Sätzen und Arien und auch in manchen Chören wird die Musik dadurch häufig - für mich unerträglich - breit, phlegmatisch und bräsig (z.B. in BWV 140: Der Eingangschor tritt auf der Stelle und das herrliche Duett zerfällt nahezu - das ist ein dynamisches Gespräch zwischen Jesus und Gläubiger Seele, ein angeregter Dialog, keine Grabrede). Damit legt Richter die reiche innenwohnende theologische und religiöse Bedeutungsebene nicht grade frei, sondern deckt sie oft eher zu.
Ich bin häufig an den Theologischen Fakultäten, bei Seminaren oder einfach bei Vortragsabenden als Referent für Theologische Bachforschung unterwegs, ich weiß also wovon ich rede: Für meine Musikbeispiele (wenn wir nicht das Glück haben, Livemusik zu haben) verwende ich stets HIPe Aufnahmen (Lutz, van Veldhoven, Gardiner, Herreweghe, Suzuki). Es ist gar nicht so selten, dass Menschen hinterher sagen: 'Wir wussten gar nicht, dass Bachkantaten so toll klingen können. Wir dachten immer die sind langweilig, nur was für die Kirche. Wir kannten halt nur Karl Richter'. Umgekehrt kommt es wesentlich seltener vor.
Das kommt mir häufig zu kurz: Bei aller Wertschätzung für Künstler wie Karl Richter - Diffamierung seiner Leistung wird man aus meinem Mund nie hören - muss Kritik erlaubt sein. Umgekehrt kommt mir bei vielen Richter-Fans Wertschätzung für die atemberaubend fähigen, mitreißenden und oft auch theologisch verantwortungsvollen Interpretationen von Aufnahmen unter Herreweghe oder z.B. Lutz oft zu kurz. Wenn man sich diese Aufnahmen ebenfalls ohne Vorurteile und als Ausdruck unseres heutigen Zeitgeistes anhört, stellt man fest, dass sie große Qualitäten haben. Natürlich nicht ausnahmslos: Gardiner ist manchmal einfach wirklich zu schnell, Leusink hat teilweise grausige Sänge und einen schlechten Chor, zum Kauf von Harnoncourts GA würde ich niemanden raten (übertragen gesagt: Kinderschuhe werden halt irgendwann zu klein).
Mit Lutz und Herreweghe konnte ich übrigens selber schon sprechen - es liegt auf der Hand wie sehr ihre Interpretationen auch Ausdruck von Frömmigkeit und theologischen Gedankenmachen sind - etwas das bei Bachkantaten nicht ganz unwichtig ist. Und es findet Niederschlag in der Interpretation.
EDIT: Variatio delctat bzw. De gustibus stimmt natürlich immer. Vieles ist persönlicher Geschmack. Das einzige Mal im Jahr, dass ich gerne einen nicht-hippen Bach ist z.B. das WO der Dresdner mit Martin Flämig, weil es meine Kindheit geprägt hat und weil dieser Klang für mich einfach pures Weihnachtsgefühl ist. Da machst du nichts...








