Historically Informed Performances (HIP)

  • Karl Richter ist ohne Zweifel ein Meilenstein der Bach-Rezeption und als solcher natürlich zu respektieren. Zu seinen Verdiensten gehört es, Bach wieder in der Breite bekannt zu machen und letztlich natürlich wichtiger Teil der andauernden Renaissance zu sein.

    Dennoch höre ich Karl Richter seit etlichen Jahren gar nicht mehr. Ja, ich würde sogar sagen: Wenn ich Bach nur aus Richters Hand kennen würde (Dank an meinen Patenonkel, der mir in den 90er als Kind gezeigt hat, dass Bach auch anders klingen kann), wäre ich nicht in der Theologischen Bachforschung gelandet.

    Mein Hauptproblem mit Richter sind die vom Kollegen querstand angesprochenen langsamen Tempi, die nicht logisch herzuleiten sind, sondern eher aus einem brucknerhaft-romantischen Verständnis des damaligen Zeitgeistes (Thomaskantorat-Sukzession war davon auch nicht frei geblieben) zu kommen scheinen. Besonders in langsamen Sätzen und Arien und auch in manchen Chören wird die Musik dadurch häufig - für mich unerträglich - breit, phlegmatisch und bräsig (z.B. in BWV 140: Der Eingangschor tritt auf der Stelle und das herrliche Duett zerfällt nahezu - das ist ein dynamisches Gespräch zwischen Jesus und Gläubiger Seele, ein angeregter Dialog, keine Grabrede). Damit legt Richter die reiche innenwohnende theologische und religiöse Bedeutungsebene nicht grade frei, sondern deckt sie oft eher zu.


    Ich bin häufig an den Theologischen Fakultäten, bei Seminaren oder einfach bei Vortragsabenden als Referent für Theologische Bachforschung unterwegs, ich weiß also wovon ich rede: Für meine Musikbeispiele (wenn wir nicht das Glück haben, Livemusik zu haben) verwende ich stets HIPe Aufnahmen (Lutz, van Veldhoven, Gardiner, Herreweghe, Suzuki). Es ist gar nicht so selten, dass Menschen hinterher sagen: 'Wir wussten gar nicht, dass Bachkantaten so toll klingen können. Wir dachten immer die sind langweilig, nur was für die Kirche. Wir kannten halt nur Karl Richter'. Umgekehrt kommt es wesentlich seltener vor.


    Das kommt mir häufig zu kurz: Bei aller Wertschätzung für Künstler wie Karl Richter - Diffamierung seiner Leistung wird man aus meinem Mund nie hören - muss Kritik erlaubt sein. Umgekehrt kommt mir bei vielen Richter-Fans Wertschätzung für die atemberaubend fähigen, mitreißenden und oft auch theologisch verantwortungsvollen Interpretationen von Aufnahmen unter Herreweghe oder z.B. Lutz oft zu kurz. Wenn man sich diese Aufnahmen ebenfalls ohne Vorurteile und als Ausdruck unseres heutigen Zeitgeistes anhört, stellt man fest, dass sie große Qualitäten haben. Natürlich nicht ausnahmslos: Gardiner ist manchmal einfach wirklich zu schnell, Leusink hat teilweise grausige Sänge und einen schlechten Chor, zum Kauf von Harnoncourts GA würde ich niemanden raten (übertragen gesagt: Kinderschuhe werden halt irgendwann zu klein).


    Mit Lutz und Herreweghe konnte ich übrigens selber schon sprechen - es liegt auf der Hand wie sehr ihre Interpretationen auch Ausdruck von Frömmigkeit und theologischen Gedankenmachen sind - etwas das bei Bachkantaten nicht ganz unwichtig ist. Und es findet Niederschlag in der Interpretation.


    EDIT: Variatio delctat bzw. De gustibus stimmt natürlich immer. Vieles ist persönlicher Geschmack. Das einzige Mal im Jahr, dass ich gerne einen nicht-hippen Bach ist z.B. das WO der Dresdner mit Martin Flämig, weil es meine Kindheit geprägt hat und weil dieser Klang für mich einfach pures Weihnachtsgefühl ist. Da machst du nichts...

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Ganz toll finde ich die Aufführungen der Bach-Kantaten der Schweizer J.S. Bach-Stiftung Sankt Gallen unter seinem Leiter Rudolf Lutz auch. Vor allem die theologischen Einführungen bzw. Reflexionen in den Katatenkonzerten, in denen die Kantate zweimal zur Aufführung kommt, einmal vor, einmal nach der Einführung, sind sehr erhellend. Und es ist sehr beeindruckend, auf welch hohem Niveau musiziert wird! Man ist dort mit ganz viel Herzblut dabei! Die Mitschnitte sind alle in voller Länge auf https://www.bachipedia.org im Video kostenlos nachzuhören.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Für meine Musikbeispiele (wenn wir nicht das Glück haben, Livemusik zu haben) verwende ich stets HIPe Aufnahmen (Lutz, van Veldhoven, Gardiner, Herreweghe, Suzuki).

    Gardiner ist manchmal einfach wirklich zu schnell, Leusink hat teilweise grausige Sänge und einen schlechten Chor, zum Kauf von Harnoncourts GA würde ich niemanden raten (übertragen gesagt: Kinderschuhe werden halt irgendwann zu klein).

    Ich weiß nicht, lieber Tristan, ob bewusst oder unbewusst, aber ein wichtiger Name scheint mir hier zu fehlen: Koopman. Gerade dieser Tage bin ich nach vielen Jahren doch wieder bei seiner Gesamteinspielung der Bach-Kantaten gelandet. Dermaßen auf Vollständigkeit bemüht war, wenn ich das recht überblicke, bisher sonst kein anderer, denke ich an Exoten wie bspw. BWV 193, BWV 207a oder an "Gaudete omnes populi", die Friedemannsche Bearbeitung von BWV 80 auf Latein. Glaubt man diversen Rezensionen, hält Koopman sein hohes Niveau von Anfang bis Ende und kann nicht nur auf ein exzellentes Orchester und einen tadellosen Chor, sondern auch auf überlegene Solisten bauen. Er setzte dieses Mammutprojekt, entstanden zwischen 1994 und 2005, beharrlich gegen manche Widerstände durch.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • ob bewusst oder unbewusst, aber ein wichtiger Name scheint mir hier zu fehlen

    Beides ;) Ich habe so meine kleineren - persönlichem Klangempfinden geschuldeten - Probleme mit Koopman. Die Qualität bleibt für mich eher nicht die ganze Zeit auf dem gleichen hohem Niveau. Das ist eher bei Rudolf Lutzs fast abgeschlossenem St. Gallener Zyklus der Fall.


    Aber du hast natürlich Recht, lieber Joseph: Es liegt im Wesen Ton Koopmans und seiner beispiellosen Faszination für jeden Bach-Schnipsel begründet, dass er unglaublich vollständig ist. Von BWV 193 hat Koopman selber die verwendete Rekonstruktion erstellt (Rilling verwendet eine andere).


    Da haben wir es wieder: Ob ich persönlich Koopmans Interpretationen nun mag oder nicht - sie sind ein sehr bedeutender Teil der Rezeptionsgeschichte.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Erst auf dem letzten Bachfest in Leipzig (Abschlusskonzert 2025) habe ich Ton Koopman mit seinen Amsterdam Baroque Orchestra and Choir in der H-Moll-Messe mit großer Begeisterung erlebt.


    Koopmans Verdienst ist es auch, die - bisher einzige - vollständige Gesamteinspielung aller Werke Dieterich Buxtehudes vorgelegt zu haben.


    Koopman - wie auch Herreweghe und Gardiner - hält an vergleichsweise großen Chören fest, während - angestoßen durch Joshua Rifkins spektakulärer H-Moll-Messe - einige Zeitgenossen wie Sigiswald Kuijken zu solistischer Besetzung der Chorpartien übergegangen sind. Die Frage nach der Authentizität der solistischen Besetzung hätte vielleicht das Potential zu großen Grabenkämpfen im Forum, ähnlich der Frage nach dem richtigen Klavier. Persönlich bin ich in der Frage tolerant. Solistische Besetzung, durchgängig angewendet, würde in der Praxis ja auch bedeuten, allen Kirchenchören (mit ihrer langen Tradition) Bach wegzunehmen.

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    (Louis Spohr)

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  • Beides ;) Ich habe so meine kleineren - persönlichem Klangempfinden geschuldeten - Probleme mit Koopman. Die Qualität bleibt für mich eher nicht die ganze Zeit auf dem gleichen hohem Niveau. Das ist eher bei Rudolf Lutzs fast abgeschlossenem St. Gallener Zyklus der Fall.


    Aber du hast natürlich Recht, lieber Joseph: Es liegt im Wesen Ton Koopmans und seiner beispiellosen Faszination für jeden Bach-Schnipsel begründet, dass er unglaublich vollständig ist. Von BWV 193 hat Koopman selber die verwendete Rekonstruktion erstellt (Rilling verwendet eine andere).


    Da haben wir es wieder: Ob ich persönlich Koopmans Interpretationen nun mag oder nicht - sie sind ein sehr bedeutender Teil der Rezeptionsgeschichte.

    Dann sind wir grundsätzlich völlig d'accord. ;) Würde ich stattdessen den Namen Gardiner einsetzen, dann träfe das mein persönliches Empfinden auch recht gut, ohne diesem wahrlich bedeutenden Interpreten Alter Musik irgendein Verdienst absprechen zu wollen. Natürlich habe ich mir längst nicht alle Kantaten mit Koopman angehört und würde von den gehörten auch nicht zwingend behaupten wollen, dass es die jeweils "beste", alle anderen überflügelnde Darbietung sei. Nur ein Beispiel: BWV 21 scheint auch mir bei Lutz (und Pierlot) noch überzeugender zu sein. Bei anderen Kantaten kommt man, zumindest für meine Begriffe, an Koopman nur schwer vorbei, gerade wenn es Originalklang-Instrumentarium sein soll. Bei solch gewaltigen Aufnahmeprojekten ist es wohl schlechterdings unmöglich, bei wirklich jedem Werk die "Referenzaufnahme" zustandezubringen. Freuen wir uns, dass wir mittlerweile doch bei einem erfreulichen Zustand angelangt sind und es wohl für praktisch jede Bach-Kantate eine sowohl künstlerisch als auch klanglich überragende Interpretation gibt, wovon man vor einigen Jahrzehnten nur träumen konnte.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Ich kann nur beitragen, dass ich mit Richter groß geworden bin. Als Student hatte ich das damals absurde Projekt alle Bach-Kantaten einmal als Schallplatten vorliegen zu haben, was bereist am Preis geschweige denn an der Verfügbarkeit scheiterte. Damals war ich von den Kantaten und Bach "begeistert". In der IT war mein erstes kleines Passwort "jsb"^^.

    Aber dann kamen andere Barock-Kompositionen in die Wahrnehmung und damit die Erfahrung, das "Barock" auch ganz anders klingen kann. Bei den Bachkantaten würde ich heute eher nicht Richter hören, bevorzuge jedoch einfach zu einer Kantate die für mich überzeugenste Darbietung, unabhängig vom Dirigenten, Künstlern und Orchester. Es muss mein Herz berühren.

    Mit Lutz und Herreweghe konnte ich übrigens selber schon sprechen - es liegt auf der Hand wie sehr ihre Interpretationen auch Ausdruck von Frömmigkeit und theologischen Gedankenmachen sind - etwas das bei Bachkantaten nicht ganz unwichtig ist. Und es findet Niederschlag in der Interpretation.

    Hier kommt für mich die entscheidende Frage: Kommt die Interpretation von der inneren Qualität dem im Text Beschriebenen nahe? Oder ist das ist nur wieder eine qualitativ hochwertige Musiknummer? Ich weiß, dass viele das nicht nachempfinden können, aber das war doch der intendierte Hauptzweck der Kantaten damals: die Menschen mit musikalisch begleitender Musik durch die Texte zu berühren. Und so empfinde ich die Wirkung einer Kantate heute z.B. bei Graupner mit viel weniger Mitteln und kleinen Ensembles deutlich für mich passender.

    Mehr Musik ins Leben, mehr Leben in die Musik.

  • Ich bin kein Bach Kenner, es sind nur einzelne Kantaten (oder Chöre daraus), die ich mag, nämlich die "fröhlich-optimistisch-strahlenden"

    Ton Koopman: Mir war der Name natürlich ein Begriff und ich habe eine Orgel-CD und eine Haydn Doppel CD von ihm. Ansonst ging er an mir ziemlich vorbei. Aber neulich sah ich einen youtube clip, wo er dirigierte. Und ich war begeistert. Damals dachte ich: "u musst dich ein bissl umhörfen und dann ein paar Aufnahmen mit ihm kaufen.....solange es noch welche gibt....


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Im Reigen der Bach-Kantaten-Spezialisten - Richter (75 Kantaten aufgenommen), Leonhardt (ca. 90), Harnoncourt (ca. 100), Rilling (komplett), Leusink (komplett), Lutz (fast komplett), Koopman (komplett), Herreweghe (50-60), Gardiner (komplett) - fehlt doch noch ein Schwergewicht: Masaaki Suzuki (komplett).


    Wie beurteilt ihr seine Einspielungen des Bachschen Kantatenwerkes musikalisch und im Hinblick auf die theologische Ausdeutung im Vergleich zu einem oder mehreren der zuvor Genannten?

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Diese Box habe ich:


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    Und von Ton Koopman Orgelwerke von Bach - was er eingespielt hat als Box.


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    Die Kantaten sind nicht mein Repertoire. Aber ich habe mal für ein Familienmitglied die kompletten Bach-Kantaten nach Holland transportiert... ^^

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  • Die oben von Dr. Holger Kaletha abgebildete Low-Budget-6-CD-Box Bachscher Orgelwerke mit Ton Koopman ist die Wiederveröffentlichung von Aufnahmen aus den 1980er Jahren, die zuvor beim Label Novalis erschienen waren.


    Er hat aber für Teldec (Das Alte Werk, Bach 2000) ab ca. 1995 auch eine Gesamteinspielung (als Box mit 16 CDs) unternommen.



    Auch in zwölf Einzelveröffentlichungen erschienen (einige davon sind Doppel-CDs).

    Beispielhaft verlinkt: Volume 1:


    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • fehlt doch noch ein Schwergewicht: Masaaki Suzuki (komplett).


    Wie beurteilt ihr seine Einspielungen des Bachschen Kantatenwerkes musikalisch und im Hinblick auf die theologische Ausdeutung im Vergleich zu einem oder mehreren der zuvor Genannten?

    Suzukis GA ist erfreulich konstant auf einem sehr hohem Niveau. Man macht damit definitiv nichts falsch!

    Ich persönlich habe für mich festgestellt, dass ich Suzukis Einspielung bei nahezu keiner Kantate meine Lieblingsinterpretation nennen würde, aber sie ist immer ziemlich gut.

    Es gibt kleinere Schwächen, wie manche Sänger (das'Problem' gibt es natürlich fast immer, am wenigsten habe ich persönlich das bei Lutz, All of Bach und Herreweghe) oder z.B. die furchtbare eingesetzte Orgel in manchen Kantaten. Aber man kann sich eigentlich immer drauf verlassen, eine tolle Qualität geboten zu bekommen.


    Die theologische Ausdeutung bleibt mMn häufig etwas weniger profiliert, als bei Lutz, Herreweghe oder van Veldhoven.

    Wir hatten vor einiger Zeit hier schonmal darüber gesprochen.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Ich möchte an dieser Stelle ein Thema aufgreifen, das schon in dem anderen thread kurz erwähnt wurde, aber nie vertieft betrachtet worden ist: Die Erfahrung, dass historisch informiert aufgeführte Kammermusik neue Einsichten vermitteln kann, weil bspw. das Ineinander von Klavier und Violinie so dicht ist wie in der neuen Aufnahme von Ibragimova und Tiberghien, dass die Instrumente an einigen Stellen kaum mehr zu unterscheiden sind.


    Ulli hat andere Beispiele genannt, auch in Besprechungen wurde gerade dieser Aspekt betont. Gerne würde ich einige Werke daraufhin etwas genauer betrachten. Theoretische Fragen und vor allem wertende Vergleiche mit modernen Aufführungen sind dabei möglichst zu vermeiden, weil sich diese Diskussionen immer sehr destruktiv entwickelt haben.


    Das wäre zumindest mein Wunsch als thread-Initiator und ich würde mich freuen, wenn man ihn berücksichtigt.


    Es geht mir mehr um die Musik und die Neuentdeckung unbekannter kompositorischer Verfahren. Gerade Beethovens Violinsonaten haben da einiges zu bieten. Aber auch seine Cello-Sonaten. Auch auf Liedzyklen könnte man unter diesem Gesichtspunkt eingehen. Klavier-Trios? Unbedingt auch Orchesterwerke!


    Hier die schon erwähnte, erfrischene Aufnahme von Ibragimova - die Entdeckung ist unter anderem im ersten Satz der A-Dur Sonate op. 2,2 zu machen:


  • Viktoria Mullova hat ihre Karriere mit atemberaubenden Aufnahmen unter anderem von Vivaldi und Brahms (beide mit Abbado) begonnen, sie verfügt über eine unglaublich klare und reine Intonation.

    Wohin entwickelt man sich, wenn man so beginnt?

    Zuletzt hat sie historisch informierte Aufnahmen von Beethovens Violinsonaten vorgelegt, heute wurde daraus ein Album wiederveröffentlicht. Besonders gut gefällt mir hier das "Andante scherzoso" aus der etwas unbekannteren Sonate op. 23.


  • Ich möchte an dieser Stelle ein Thema aufgreifen, das schon in dem anderen thread kurz erwähnt wurde, aber nie vertieft betrachtet worden ist: Die Erfahrung, dass historisch informiert aufgeführte Kammermusik neue Einsichten vermitteln kann, weil bspw. das Ineinander von Klavier und Violinie so dicht ist wie in der neuen Aufnahme von Ibragimova und Tiberghien, dass die Instrumente an einigen Stellen kaum mehr zu unterscheiden sind.


    Ulli hat andere Beispiele genannt, auch in Besprechungen wurde gerade dieser Aspekt betont. Gerne würde ich einige Werke daraufhin etwas genauer betrachten. Theoretische Fragen und vor allem wertende Vergleiche mit modernen Aufführungen sind dabei möglichst zu vermeiden, weil sich diese Diskussionen immer sehr destruktiv entwickelt haben.


    Mir ist ehrlich gesagt noch nicht ganz klar, wie das hier laufen soll.


    Man soll etwas über HIP-Aufnahmen von Kammermusik und über daraus gewonnene Erkenntnisse schreiben, aber dabei nicht wertend mit Aufnahmen mit modernem Instrumentarium vergleichen? Wie soll ich denn diese "neue[n] Einsichten" darlegen, wenn ich nicht wertend ausführen darf, was der Unterschied zu einer herkömmlichen Aufnahme ist? Und ist nicht bereits die Mitteilung "neue[r] Einsichten" (neu im Vergleich zu was?) ein wertender Vergleich?


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Es war der Versuch, aus den bisherigen Gegenüberstellungen, die ich nicht besonders gewinnbringend finde, rauszukommen und vielleicht ein anderes Niveau zu erreichen. Die Thematik birgt mehr Facetten als die Frage, ob einem nun den Klang der Instrumente gefällt oder nicht. Kann freilich jeder machen wie er will. Jedenfalls geht es in dem anderen Thread vor allem um das Klavier, aber da gibt es doch noch mehr zu entdecken? Meinetwegen auch mit Vergleichen, daran soll es nicht scheitern.

  • Christian B.


    Vielleicht meinst Du gerade solches?



    Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791)

    Werke für Tangentenflügel und Violine

    Sonate D-Dur KV 7*

    Präludium und Fuge C-Dur KV 394

    Sonate C-Dur KV 296*

    Sonate G-Dur KV 379**

    Sechs Variationen G-Dur KV 360**


    Thomas Leininger, Tangentenflügel, Wien 1786 aus dem Dunstkreis Anton Walters

    Isabelle Schau, Violine nach Jacobus Stainer, G. O. Klier 1992 (*), Lorenzo & Tomaso Carcassi Flozenz, 1764 (**)


    Eine sehr musikalische Aufnahme: man hört den beiden Interpreten die Spielfreude regelrecht an - und die ist extrem ansteckend. Die Instrumente sind wunderbar aufeinander abgestimmt, bzw. passen sie wirklich sehr gut zusammen. Besonders in der G-Dur-Sonate KV 379 entfaltet die Kombination Tangentenflügel/Violine völlig neue Klangsphären: in der 5. Variation des Finalsatzes werden sehr bizarre und skurrile Klänge erzeugt, die man nicht auf das erste Hören hin mit einem gewissen Herrn Mozart in Verbindung bringen möchte.


    Besonders gelungen sind auch die Auszierungen in den Wiederholungen.


    Noten: IMSLP


    Klangbeispiel:


    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Vielen Dank für den Hinweis, aber der Tangentenflügel klingt doch sehr gezupft - die G-Dur Violinsonate mit den Variationen ist ansonsten ein Wunderwerk.


    Fasziniert hat mich zuletzt das Largo aus Beethovens Geister-Trio, dessen Charakter mit historischen Instrumenten ein anderer und tatsächlich sehr unheimlich ist! Der auf Czerny zurückgehende Name kommt nicht von ungefähr, aber verstanden habe ich ihn erst jetzt. Der Effekt ist mit modernen Instrumenten wie weggeblasen und in Wohlklang aufgelöst. Nicht so hier! Einmal mehr wird klar, dass auch Beethoven für die Instrumente seiner Zeit komponiert hat (später mag das anders gewesen sein), bzw. Klänge intendiert hat, die sich auf modernen Instrumenten nicht einstellen.



    Und ich hatte schon auf das heikle Finale von Bruckner 7. Sinfonie hingewiesen, das der HIP-Experte Andrew Manze wie sonst kaum jemand ins Gleichgewicht bringt (mit dem NDR-Orchester!).

  • aber der Tangentenflügel klingt doch sehr gezupft

    Ist er aber nicht - das ist je eben der Witz an der Sache; gezupft wäre Cembalo, beim Tangentenflügel - wie der Name sagt - tangiert die Tangente die Saite 8-)

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Kann es sein, dass es neben der o.g. wunderbaren Aufahme von Staier, Sepec und Queyras nur eine weitere Einspielung des Klaviertrios op. 70 Nr. 1 gibt, die HIP-orientiert ist? Ich meine die Aufnahme mit Immerseel, Beths und Bylsma (Sony), ziehe persönlich aber Staier vor. Gerade bei diesem Werk erscheint mir das verwunderlich, da im Largo assai sich ja vor allem auf historischen Instrumenten die Wirkung entfaltet, die Czerny dazu veranlasst hat, das Trio als "Geister-Trio" zu bezeichnen. Auf modernen Instrumente klingt der Satz viel ausgeglichener und harmloser.


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  • Kann es sein, dass es neben der o.g. wunderbaren Aufahme von Staier, Sepec und Queyras nur eine weitere Einspielung des Klaviertrios op. 70 Nr. 1 gibt, die HIP-orientiert ist?

    Atlantis mit Jaap Schroeder und Penelope Crawford müsste es noch geben ... (?)

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Atlantis

    Schwer zu finden, weil die sich auch Castle-Trio nennen und ganz andere Interpreten beherbergen: *omg*


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    Lambert Orkis, Fortepiano Conrad Graf, Wien c1830
    Marilyn McDonald, Violine Andreas Guarneri, Cremona 1670
    Kenneth Slowik, Violoncello Carlo Antonio Testore, Milano 1708

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Voilà (unbedingt hören!):


    Ludwig van Beethoven

    Klaviertrios Nrn. 4-6

    Trio Alterna




    CD, Genuin, 2023


    Instrumente:


    Fortepiano

    Wiener Fortepiano von

    Conrad Graf (1821/22) aus der Sammlung des

    WDR


    Violine

    England, Goulding Manufaktur

    um 1800

    Bogen: England, frühes 19. Jahrhundert, anonym


    Cello

    Kopie nach Montagnana 1740 von

    Eduardo Francés Bruno (2015)

    Bogen: Kopie nach John Dodd 1781 von

    Eduardo Francés Bruno (2017)


    Aufnahmen aus dem Klaus-von-Bismarck-Saal, WDR, Köln

    28./29. März 2022 · 16./17. Mai 2022

    Zitat

    Recreating the tonal language of a composer and the essence of an entire age is the goal of the young Trio Alterna, which has recorded a CD of piano trios by Ludwig van Beethoven on GENUIN that includes the composer's magnificent "Ghost Trio". Takahiko Sakamaki (piano), Anna Dmitrieva (violin), and Amarilis Dueñas CastAn (cello) are all distinguished representatives of their generation in the field of historical performance practice. The trio, which began its career by winning a prize at the International Competition "Beethoven in his Time" in 2020, not only performs on period instruments but also consults period sources and manuscripts of the works being performed for its interpretations.

    Text von Presto Music

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Vielen Dank für die Empfehlung, gefällt mir sehr gut! Ich bin doch erstaunt, dass es von dem Geistertrio so wenige historisch informierte Aufnahmen gibt, zumal sich die Geister offenbar nur mit diesen Instrumenten anlocken lassen.


    Beethovens Violinsonaten und Klaviertrios habe ich bisher eher als Pflichtprogramm wahrgenommen. Auf historischen Instrumenten erhalten sie einen völlig neuen Stellenwert. Es gibt viel zu entdecken. Auch das bekannte Erzherzogtrio, das bei Faust, Melnikov und Queyras bestens aufgehoben ist! Der langsame Satz ist zum Niederknien.


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  • dass es von dem Geistertrio so wenige historische Aufnahmen gibt

    Du meinst bestimmt historisch informiert, historische Aufnahmen gibt es schon seit 1939 (Elly Ney war das) :saint:8)

    (Sorry, den konnte ich mir jetzt nicht verkneifen)


    Liebe Größe vom Thomas :cheers::hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Eine weitere HIP-Einspielung mit dem Geister-Trio ist unterwegs:


    RES10386_Beethoven_Piano_Trios_Op_70_Ghost_Rautio.jpg


    https://www.resonusclassics.co…op-70-no-2-woo-39-hess-48


    In der Einspielung der Klaviertrios Opus 1 hat das Rautio Piano Trio folgendes Clavier verwendet:


    Paul McNulty, after Walter & Sohn (1805).

    Five and a half octaves, with sustain,

    moderator and una-corda knee levers.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • In Schuberts Arpeggione-Sonate gibt es im letzten Satz eine bezaubernde Passage, in der das Ineinander der Stimmen auf historischen Instrumenten einen völlig anderen Klang erzeugt als auf modernen Insturmenten. Muss man gehört haben! Ich habe direkt die Stelle verlinkt.


  • Das Adagietto wurde vorab schon veröffentlicht und es klingt geradezu spektaulär anders - durchsichtige Linien und faszinierende Klänge! Bin sehr gespannt auf den Rest und die Meinung der Mahler-Experten.


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