Mythos und Mysterium alter Streichinstrumente

  • Zu Beginn meines zweiten Traktätchens über das Thema Stradivarius - ein Mythos denke ich darüber nach, ob nicht eine Erweiterung der Thread-Überschrift lauten sollte: Stradivarius et.al. - Mythos oder Mysterium?

    Mysteriös ist eine feineres Wort für geheinisvoll, etwas Unerklärliches u.v.m. Damit sind wir beim Punkt.

    Bei der "Blindverkosteung" einer Komposition wird allenfalls geschätzt 1% der Hörerschft erkennen können, ab es sich beim Streichinstrument um ein neues,

    ein altes, ein ganz altes oder ein berühmtes altes Musikinstrument handelt. Sowas geht gegen unsere Erfahrung, weil in jedweder Präsentation i.d.R.

    auch die Optik bei der Beurteilung eine Rolle spielt. Diese fehlt bei einer Musikaufnahme komplett - und sie würde auch nicht leichter fallen, wenn ein Bild dazu geliefert würde.


    Um dem gleich vorzubeugen: Eine solche Beurteilung kann man bei Tasteninstrumenten weit treffsicherer auch ohne Bild abgeben.

    Hier im Forum gibt es einige, die davon sehr beredt Zeugnis abgegeben haben. Die habens gut......


    Wer nun den Fragespieß umdreht und meint, man könne die Kriterien nennen, warum bei Kenntnis eines alten Instruments (mit Namen)

    eine Aufnahme so und so klingt, wird auch scheitern. Soviel Ehrlichkeit sollte sein. Das Urteil muß im Ungefähren bleiben.


    Auch immer wieder geäußerte Einwande, es käme bei dem Ergebnis des Spiels auf einem Streichinstrument vornehmlich auf den

    Spieler, die Saiten, sie Raumtemperatur, die Akustik, oder die physikalisch-akustischen Daten an, werden ebenso scheitern.

    Dann gerade das sind die Variablen, die nur im Idealfall zusammen passen. Dafür ist es völlig egal, welches Alter das Instrument hat.


    Eine Geige ist eine Geige ist eine Geige - woran soll man sich dann eigentlich halten?


    Es gibt von den hier in Rede stehenden alten Instrumenten - jenen mit Namen - auf der Welt noch ca. 650 Stück, davon etwa 6o Violoncelli.

    Mehr garantiert nicht. Forscher glauben, eine Gesamtzahl unter 2000 jemals gebauter solcher Instrumente sei realistisch, von dnen die

    meisten nicht mehr existieren.

    Ich möchte mich beschränken auf die Violoncelli, da ich dazu etwas beitragen kann. Gleichwohl ist das meiste auch auf die Geigenfamilie zu übertragen.


    Davon könnte dann in einer nächsten Seite die Rede sein.


    GC

  • Für Teil drei des Versuchs einer Annäherung an Mythos und Mysterium alter Streichinstrumente ist es hilfreich, wenn man sich auf zwei Ausflüge einläßt.

    Der erste geht nach Italien, der zweite nach Mittenwald.
    Ein weiterer Ausflug geht später dann nach Frankfurt/M.


    Der italienische Geigenbau im 17 Jahrhundert gilt als Wiege aller Geigenbauwerkstätten der Neuzeit. Der Geigenbau in Mittenwald ist quasi die Filiale.

    Daneben entstanden später weitere Centren kleinerer Bedeutung.

    Über die Alpenpässe nördlich von Bozen gelangten die italienischen Lehrlinge und Meister dorthin, um sich neue Märkte zu erschließen. Der heutige Mittenwalder "Bozener Markt" , der früher alle fünf Jahre abgehalten wurde, und heuer nach langen Querelen wieder auferstehen soll.

    bietet traditionell Zeugnis dieser Tradition. Musikinstrumente waren Teil der Marktware. Alte Mittenwalder Geigenbauerfamilien hatten ihre Lehrmeister vermittels der Kontakte jenseits der Alpen.

    Waren die Geigenbauer um 1700 und vorher noch mit der Herstellung eines kompletten Instruments incl. aller Einzelkomponente wie Beize, Lack, Wirbel und Zierat ausgelastet, enstanden nach und nach Werkstätten, die als Zulieferer für die Geigenbauer fungierten. Hälse, Griffbretter, Stege, Wirbel u.v a.mehr wurden fortan meist von Spezialisten an die Geigenbauer geliefert, die dann die Rohlinge weiter verarbeiteten. Dieses ist bis heute so.

    Lacke wurden hingegen - da sie erst ganz am Ende der Konstruktion gebraucht werden, in eigenen kleinen Labors entwickelt.

    Dieses Auslagern der Einzelkomponenten führte zu dem Begriff des "Verlagsgeschäftes" im Geigenbau.


    Der Bogenbau hat seine eigene Entwicklung und somit eine eigene Tradition.

    Ohne Columbus und seine Entdeckung würden noch heute Streichinstrumente in Bogenform verwendet, da erst durch den Beginn des

    Handels mit Übersee das ultraharte Bauholz des Fernambuk-Baums in Europa bekannt wurde. Die schöne Farbe rot bracxhte die findigen

    Instrumentenbauer auf die Idee, daraus die Bogenstangen zu fertigen, wie wir sie heute kennen. Mit der Einschränkung, dass ab

    Jahrtausendwende durch die Karbonstangen im Fahrrradbau dieses Material auch im Geigenbau verwendet wird.

    Den Unterschied kann man äußerlich kaum nocherkennen, der Spieler erkannte ihn anfangs wegen des gleichmößigeren und seiner Farbe am Gewichtes. sehr wohl.

    Der Fernambukbogen hat eine um mehrere Gramm schwerere Spitze, was in der Hand entsprechend sptürbar ist Inzwischen liegen die Gewichte bei beiden Bauformen bei 58 -60g, billige Karbonstangen sind etwas schwerer. Selbstverständlich sind Karbonstangen unvergleichlich haltbarer -

    was gemäß dem Liedanfang: "Schlag noch einmal den Bogen um mich....." durchaus praktisch ist:).

    Eine sehr gute und humorvolle Unterscheidung beider Bauformen seht ihr hier:

    (Auf Youtube zu sehen)

    [tsp]



    Die Bespannung des Bogens erfolgt heute wie früher mit Rosshaaren, die natürlich

    nicht den lebenden Tieren abgeschnitten wurdxen, sondern bei der Ledergewinnung abfallen. Dass es unbedingt Haare von männlichen

    Schimmeln sein müssen, a.) wegen der Farbe und b.) da der Stutenurin anatomiebdingt die Haare Struktur und Farbe schädigt, ist

    kein Mysterium. Daß es Pferde aus kalten Ländern wie Sibirien, Kirgiesien oder Nordchina sein müssen, weil diese widerstandsfähiger seien, ist hingegen ein Mythos. Weder Mythos noch Mysterium ist der Umstand, dass auf tierischen Haare wegen ihrer schuppigen Oberfläche das Harz Kolophonium besser

    hält als auf glattem Kunstmaterial.


    Fortsetzung Traktat vier folgt


    GC

  • Zu einem weiteren Mysterium - Teil vier.

    Da die Herkunft einer Geige schon immer durch den berühmten eingeklebten "Zettel" festgestellt werden konnte, gilt die Echtheit nur unter dieser Prämisse. Den Zetteln, die in jedem Streichinstrument an nicht sichtbarer Stelle neben dem Schallloch eingeklebt ist, kann man allerdings nur bei anerkannter Echtheit Glauben schenken. Schon mancher hat für sein Instrument einen hohen Preis aufgrund gefälschter Zettel zahlen müssen. Es gibt nur noch wenige Kenner in der Szene, die einen echten von einem falschen Zettel unterscheiden können. Auch hierbei - wie fast überall im Streichinstrumentenbau - haben sich die Kenntnisse über Generationen weitervererbt. Dem heutigen Streicher wird als Gutachter z.B. der Name Zunterer aus Wallgau immer wieder begegnen.

    Für die Erkennbarkeit von Geigen und Violoncelli gibt es ein untrügliches Zeichen, welches sogar bei gewisser Übung für jedermann erlernbar ist:
    Die Form, Größe und Lage der F-Löcher. Jede Geigenbauerwerkstatt trachtet bis heute ihre eigenen Instrumente gegenüber der Konkurrenz durch eine eigene Formensprache zu kennzeichnen. Diese Formen wurden dann ein Leben lang beibehalten und dienen heute der Identifizierung - oder dem Nachbau.
    Natürlich sind auch noch weitere, für den Laien weniger sichtbare Merkmale typisch, aber immer wiederkehrend.

    Wenn in einer "Klein gegen Groß"- TV-Sendung ein Kind gegen David Garrett auftritt, um Geigen mit ihren Namen und die Erbauer zu erkennen, so ist eine erste Werkstatt-Zuordnung über die F-Löcher schnell getroffen. Die Erkennung der typischen Flammung des Ahornbodens führt dann sicher zum richtigen Ergebnis. Das soll hier nur der Erklärung dienen, nicht die Leistung der Rate-Kandidaten schmälern.

    Was früher als geballtes Wissen nur über Bücher zustande kam, ist im Zeitalter des Internet eine Breitenwirkung erfahren, die sogar den Markt für alte Musikinstrumente kolossal verändert hat. Insofern sind Mysterien nur noch selten im Musikbetrieb zu finden. Die nostalgische Note verschwindet dann vollends

    im marktwirtschaftlichen Umfeld.


    GC

  • Mythos und Mysterium - ein Violoncello, ein Cellokonzert, zwei Cellisten. Teil fünf


    An einem Violoncello Stradivari von 1712 - dem berühmten Dawidow - lässt sich beispielhaft nachweisen, dass Mythen und Mysterien nur im
    Kopf des Betrachters entstehen., Beide sind durch belegbare Fakten unterfütterbar - und damit des Nimbus’ enthoben.

    Die Geschichte dieses Violoncellos legte fälschlicherweise nahe, dass der später ermordete russische Zar Alexander II. es möglicherweise
    selbst bis 1881 habe spielen können. Die Hintergrundgeschichte - und wie das Instrument zu seinem Namen kam - geht u.a. aus folgenden Quellen hervor.

    https://tarisio.com/cozio-archive/property/?ID=40277

    Karl Juljewitsch Dawidow war russischer Komponist, Dirigent und Cellist. Ihm wurde das Instrument vom Zaren geschenkt.

    Dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Juljewitsch_Dawidow.

    1964 bekam Jacqueline du Pré das Violoncello von ihrer Patentante als Geschenk, welches sie bis zu ihrem Tod 1987 im Eigentum besaß.
    Vorher waren sechs andere Personen Eigentümer.

    Danach wurde es an die Firmengruppe Louis Vuitton als Eigentümerin verkauft und ab 1988 in den Besitz von Yo Yo Ma übergeben, der es bis heute spielt.



    An derselben Komposition - dem Cellokonzert von A. Dvorak - läßt sich trefflich zeigen, warum dasselbe alte Instrument unter den Händen von zwei unterschiedlichen Solisten wie Du Pre und Yo Yo Ma so unterschiedlich klingt - jedem Instrumenten-Mythos und jedem -Mysterium zum Trotz.



    Entwickelt hat sich bei Jacqui ein Stil, den man als Klang-Erotik bezeichnen kann, bei ihm ein Stil in Klang-Sophistik.
    Hat das Violoncello durch seine Stellung vor dem Körper schon per seeine naheliegend erotische Anmutung, kann
    Dssselbe bei einer alten Violine u.U. als eine Haltung des Kindes durch seine Mutter gedeutet werden.
    Beide Haltungen haben unbewußt Auswirkungen auf das Spiel, subsp. den Klang.

    (Wem diese Deutung zu gewagt ist, kann darüber nachdenken, ob vergleichbare, aber andere Charaktereigentschaften nicht auch bei
    anderen Musikinstrumenten im Hintergrund die Interpretationen steuern. Gespräche mit Solchen weisen die Wahrscheinlichkeit nach.)

    Während sie beklagt hat, dass das Cello gelegentlich mit ihr spricht - was auf eine Diskussion mit unterschiedlichern Standpunkten hindeutet ---



    --- kann bei ihm keinerlei Differnez der Meinungen zwischen Cello und Spieler erkannt werden.



    Forscht man nach den Ursachen für diese Unterschiede, kommt man zu dem schlichten Ergebnis bei ihr: Das Cello ist trotz zur Körpergröße
    passender Saitenlänge für ihre spezielle Spielhaltung an der Schulter zu breit. Die gebeugte Haltung besonders bei extrovertierter Betonung erzeugt
    einen Widerstand gegen das Cello - insbesondere beim Lagenwechsel.. Dieser ständig drohende Kampf fordert sie zu noch intensiverer Deutung heraus,
    was für die Wirkung sehr gut, für ihr Gefühl aber wahnsinnig anstrengend ist. Das hat sie auch merhfach zu verstehen gegeben.

    Nicht so bei Yo Yo Ma, der bei ähnlicher Körpergröße immer ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Agogik und Technik auf demselben
    Instrument erzeugt. Da zeigt sich nie ein stimulierender Widerstand, wodurch eine eine angestrengte Klangwirkung entstehen könnte..

    Fazit: Nicht jeder Mythos kann für unterschiedliche Spieler denselben Stimulus erzeugen.

    Das Mysterium mit einem hohen Marktwert kann also niemals den Mythos einer allerhöchsten Klangqualität erzeugen,

    darüber entscheiden gottseidank immer die Interpreten.


    GC




  • „Nicht der Musiker besitzt das Instrument, sondern das Instrument besitzt ihn“. Das Goffriller ist jetzt in anderen Händen, es wird - so wunderbar solide es
    gebaut ist - noch oft seinen Spieler wechseln. Das Cello „denkt“ in anderen zeitlichen Dimensionen. Es hat viele Spieler beglückt und wird dies auch in der Zukunft tun."

    Zitat aus der hochinteressanten Beschreibung des Besitzers eines Violoncellos aus der Werkstatt des Matteo Gofriller.


    https://valentinerben.com/klei…chen-grosse-auswirkungen/

    Valentin Erben war lange Jahre Cellist im Alban-Berg-Quartett.


    Kürzlich schrieb er mir in anderem Zusammenhang, wie sehr er mit seinem Gofriller mitfühlte, als es von Kammeerton 415 zurück auf 440

    gestimmt werden mußte. Man spüre, wie sich das Instrument freue, wenn es einmal beim Herabstimmen nicht so gequält werde.

    Ein weiterer Hinweis darauf, sie sehr die alten Violoncelli (und Geigen) als vermenschlichte persönöiche Lebensbegleiter fungiieren.

    Wenn man so will, sind diese Liebesbeziehungen ein Mysterium.


    GC

  • Ich finds traurig, daß solche Beziehungen so wenig öffentlich gemacht werden, wenn ich an die folgenden Generationen denke.:

    Schneller und wenig nachhaltiger Musik-Konsum heißt die Devise - möglichst keine Kritik daran, man holt sich nur blutige Nasen.

    Wie gut,, dass es Musikschulen gibt.


    GC

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