Man muß ganz allgemein sagen, daß irgendwann JEDE Interpretaton etc "überholt" ist.
Dieser Eintrag hat mich zur Eröffnung eines Thread über diese Frage angeregt.
Ich bin nicht der Auffassung, daß Interpretationen veralten bzw. irgendwann als "überholt" abgetan werden können. Zunächst einmal muß festgehalten werden, daß eine inspirierte, geistvolle Interpretation zwar das Produkt eines Augenblicks ist, besser gesagt eine "Momentaufnahme", aber als reines Kunstprodukt kann sie lediglich aus geschmacklichen Gründen in Frage gestellt, nicht aber als "überholt" betrachtet werden. Viele ältere Aufnahmen können da als beredte Beispiele herangezogen werden.
Eine klangtechnisch brillant wiedergegebene, aber ohne geistige Inspiration dirigierte Sinfonie wird den Musikfreund spätestens beim zweiten Hören langweilen, während eine spirituell befeuerte Aufnahme auch dann noch ihre Meriten hat, wenn sie in technischer Hinsicht nicht den neuesten Errrungenschaften entspricht. Man erwirbt ja in der Regel eine CD oder LP nicht, um sie nach einmaligem Hören zur Seite zu legen, sondern um gemeinsam mit dem bzw. den Interpreten von Mal zu Mal tiefer in das aufgeführte Werk einzudringen, es zu verstehen und damit sich selbst zu eigen zu machen, denn das "Erleben" eines Werkes ist nur durch ein häufigeres Hören möglich. Solches aber verlangt zwingend höchste Qualitätsstandards der Aufnahme. Je genialer die Interpretation ist, desto größer ist die Chance auf erhöhte Aufnahmefähigkeit des Hörers.
Erst recht möchte ich der allgemein vertretenen Auffassung widersprechen, die Auslegung klassischer Musikwerke unterliege - wie Kleidung oder Autos - der Mode. Die Interpretation sei vom Zeitgeist abhängig, sie müsse sich diesem anpassen, um beim Konsumenten anzukommen. An dieser Stelle ein Wort zur "historisch-informierten Aufführungspraxis" (HIP), die ja seit der Mitte der 1960er Jahre virulent geworden ist. Nach meinem Dafürhalten geht es aber hier mehr um "Geschmack" bzw. um den Wunsch, das betreffende Werk mit den genau gleichen Ohren zu hören, wie der Komponist es - aufgrund der damaligen Verhältnisse - seinerzeit gehört hat. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, und wer das möchte, dem bietet sich inzwischen ein mehr als reichhaltiges Angebot, das von Monteverdi über Bach und Mozart bis zu Brahms reicht. Und doch bin ich der Meinung, daß auch Dirigenten der alten Schule, wie z.B. Scherchen oder Klemperer, mit einem klein besetzten modernen Orchester adäquate und zeitlos gültige Auslegungen hinterlassen haben. Ich denke beispielsweise an Klemperers späte Aufnahmen von Bachs Brandenburgischen Konzerten oder Händels Messiah, die noch heute den Musikfreund zu fesseln vermögen, oder Bachs Musik für Cembalo, die von Künstlern vom Range eines Friedrich Gulda
oder Edwin Fischer überzeugend auf einem modernen Klavier dargeboten wurden. Bei Mozarts Klavierwerken stellte sich die Frage, ob es sinnvoll ist, seine Werke auf einem sogenannten "Mozart-Flügel" zu spielen, um Originalität zu erzeugen, oder doch lieber einen modernen Bösendorfer- oder Steinway-Flügel zur Wiedergabe heranzuziehen, erstmals ernsthaft im Jahr 1956, als man den 200. Geburtstag des Komponisten feierte. Ich weiß nicht, welche Aufnahme dem damaligen Rezensenten zur Verfügung stand, aber er schreibt über "die Nachbildung eines Instrumentes mit den zu Mozarts Zeiten zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten." Der ungenannte Kritiker fährt fort: "Mag nun an einem veralteten Instrument wie an einem Stilmöbel atavistisches Wohlgefallen haben, wer da will, mit musikalischen Belangen hat das nichts zu tun. Mozart und Beethoven haben zu ihrer Zeit den technischen Verbesserungen des Klaviers lebhaftestes Interesse entgegengebracht. Besonders Mozart drang tief in seine Klangmöglichkeiten ein, sie wurden die Basis f+r seine Erweiterung des Klaviersatzes, was Farbe und Ausdruck angeht. Wie würde er sich gefreut haben, wäre ihm ein Flügel aus dem Jahr 1950 beschert worden! Wenn ich mich also mit der Auswirkung dieser Wiederbelebungs-Idee auf der Schallplatte befasse, so möchte ich dem Leser bekennen, daß mir die Aufnahmen vom Mozart-Flügel mit den beschränkten technischen Möglichkeiten trocken, öde und lieblos vorkommen, und daß mir die liebliche A-dur-Sonate, obgleich von einem der feinsinnigsten deutschen Pianisten auf dem Mozart-Flügel gespielt, mit ihrem stumpfen Getrommel statt Genuß - Kopfschmerzen bereitet hat."
Doch zurück zum eigentlichen Thema: Jeder Interpetation liegen zwei Tatsachen zugrunde, nämlich der vom Komponisten gefertigten Partitur mit ihrem Notenbild sowie den dymamischen, rhythmischen und sonstigen Ausführungsvorschriften, und der Lebendigmachung dieser Vorlage durch den reproduzierenden Künstler. Nun ergibt eine noch so sorgfältige Beachtung der Notenwerte und der übrigen Zeichen für sich allein lediglich eine "Ausführung". Die Anweisungen des Komponisten erhalten ihren musikalischen Sinn und Wert erst durch einen zweiten, entscheidenden Faktor, und das ist die "Auffassung" des Interpreten. Diese besteht im wesentlichen in der Vorbereitung und Befreiung der in den Noten enthaltenen Spannungen und ist eine schöpferischen Leistung in sich. Natürlich läßt die exakte Wiedergabe des Notentextes durchaus unterschiedliche Auffassungen zu, die Sache des Interpeten ist, andererseits müssen diese Auffassungen, wenn sie nicht in Willkür ausarten sollen, sich streng an die Partitur halten, aber auch das berücksichtigen, was zwischen den Noten zu lesen ist, den Stil des Werkes. Dieser Stil hat aber seinen Ursprung in der Person und der Zeitgebundenheit des Komponisten. Jede Interpretation, die sich an diese Leitlinien hält, wird als geistige Leistung des Interpreten ihren absoluten Wert behalten, und das über alle Zeiten und Moden hinweg. Ich will ein paar bedeutende Beispiele nennen: Artur Schnabels Beethoven-Sonaten (EMI), das Violinkonzert Beethoven mit Jascha Heifetz/Münch (RCA). das Brahms-Violinkonzert mit Szeryng/Monteux (RCA), Artur Rubinsteins und Dinu Lipattis Chopin-Aufnahmen, die "Zauberflöte" unter Böhm mit Wunderlich (DGG), Brendels Mozart- und Schubert-Aufnahmen oder Schuberts "Winterreise" mit Pears/Britten (Decca) sowie die Beethoven-Sinfonien unter Klemperer (EMI) und Karajan (1962, DGG), sie sind zeitlos gültig und werden ihren Wert, unabhängig von Mode und Zeitgeschmack, behalten.
So, nun habe ich mir ein paar Stunden Arbeit gemacht, und es würde mich freuen, wenn ich mit den obigen Ausführungen, die explizit meine Meinung wiedergeben und keinerlei Absolutheitsanspruch erheben, zu einer lebhaften Diskussion den Anstoß gegeben hätte. Denn Diskussionen sind hier im Forum rar geworden, obwohl sie doch eigentlich für eine solche Plattform das "Salz in der Suppe" sein sollten.
LG Nemorino
