Antonio Salieri (1750-1825):
LA LOCANDIERA (Die Gastwirtin)
Dramma giocoso in drei Akten
Libretto von Domenico Poggi nach Carlo Goldoni
Originalsprache: Italienisch.
Uraufführung am 8. Juni 1773 im Wiener Burgtheater.
Personen der Handlung:
Mirandolina, Gastwirtin (Sopran)
Fabricio und Lena, in ihren Diensten (Bariton und Sopran)
Graf von Albafiorita (Bariton)
Marchese von Forlimpopoli (Bass)
Cavalier von Ripafratta (Tenor)
Chor / Statisterie: Gäste, Dienerschaft, Passanten.
Ort und Zeit: Florenz im 18. Jahrhundert.
Erster Akt.
Eine typisch florentinische Gaststube im Rokoko.
Mirandolina
hat nicht nur ein florierendes Gasthaus, sondern ist auch eine
Schönheit, die bei den Kunden wegen ihrer gewinnenden Persönlichkeit
äußerst beliebt ist. Unter den Bewunderern Mirandolinas sind auch
Graf von Albafiorita und Marchese Forlimpopoli. Wenn man ehrlich die
Szenen analysiert, dann muss man zugeben, dass seitens der beiden
Adligen eher von Liebe als von Bewunderung zu sprechen ist. Graf und
Marchese bemühen sich nämlich mit allen Mitteln um die Gunst
Mirandolinas. Und die äußert sich nicht nur im Schreiben von
Liebesbriefen, die zum Beispiel auch eigene Gedichte enthalten,
sondern auch mit dem Geschenk von edlen Juwelen, ganz zu Schweigen
von den Blumen, die mittlerweile den Gastraum zu einem Blumenladen
werden ließen.
Das alles ist den Gästen natürlich nicht verborgen geblieben und besonders der Cavaliere Ripafratta, den man, ohne von ihm verklagt zu werden, einen Weiberfeind nennen darf, hat seinen Spaß insofern, als er sowohl den Grafen als auch den Marchese mit offen zur Schau gestelltem Vergnügen verspottet. Er lässt seine Verachtung des weiblichen Geschlechts allerdings auch Mirandolina spüren, behandelt sie herablassend und hat auch keine Scheu, sich frauenfeindlich zu geben. Die Wirtin aber überhört das einfach.
Eines Tages jedoch erweist sich das Sprichwort vom zum Brunnen gehenden Krug als wahr, denn Mirandolina beschließt, sich an dem Cavaliere zu rächen. Und das geschieht in typisch weiblicher Vorgehensweise: sie verführt Ripafratta und wundert sich, wie schnell das bei dem Cavaliere funktionierte.
Was bisher noch nicht zur Sprache kam, was man aber aus manchen kleinen Szenen erkennen konnte: Mirandolina hat sich in ihren Diener Fabricio verliebt - und scheint sogar auf Gegenliebe zu stoßen. Den ersten Akt beschließt eine Eifersuchts-Szene, in der Mirandolina alle Mühe hat, das Verliebten-Trio zu beruhigen.
Zweiter
Akt.
Gleiches
Bühnenbild.
Cavaliere Ripafratta leidet, weil er nicht weiß, ob Mirandolina ihn
liebt oder ihm nur etwas vorspielt. Er kommt bei seinen Überlegungen
zu dem Schluss, dass er Bedenken einfach bei Seite schieben sollte
und stattdessen seiner Angebeteten Gedichte schreiben und ihr
Geschenke unterbreiten muss.
Mirandolina hat ein zusätzliches Problem bekommen, denn ihr Diener und Kellner (und Verliebter) Fabricio erweist sich als ein sehr eifersüchtiger Zeitgenosse. Während eines zunächst ruhigen, dann aber durch Fabricios Aufbrausen etwas ausartenden Streits, platzt Mirandolina der Kragen - weshalb sie ihn aus dem Haus weist.
Trotz der durch Fabricios Rauswurf erneut gestiegenen Chancen der anderen Bewerber um Mirandolinas Hand hat einer aus dem Trio, nämlich Cavalier Ripafratta, eingesehen, dass die Gastwirtin an ihm kein Interesse hat, und er entschließt sich, abzureisen. Aus unerfindlichen Gründen bricht Mirandolina, als Ripafratta ihr diese Mitteilung macht, in Tränen aus und bringt den Cavaliere dazu, seinen Entschluss, abreisen zu wollen, noch mal zu revidieren: er unterbreitet ihr einen förmlichen Heiratsantrag. Und diese Szene sehen zufällig der hinzutretende Graf und der Marchese, werden nicht nur überrascht von Ripafrattas Vorgehensweise, sondern sogar wütend - und die Wut der beiden führt zu der Forderung an den Cavaliere, sich einem Duell zu stellen.
Dritter Akt.
Gleiches
Bühnenbild.
Die Lage ist für alle verzwickt.
Zu einem Duell ist es - man darf sagen: Gottseidank - nicht gekommen.
Hier hat offensichtlich die Vernunft gesiegt. Das Verliebten-Trio ist
sich aber im Klaren darüber, dass nur einer von ihnen Erfolg haben
kann, zwei also in die berüchtigte Röhre
schauen werden.
Die Situation bekommt nun eine entscheidende Wende: Mirandolina hat ihren Fabricio wieder eingestellt. Für die Gastwirtin wird es prekär, denn in ihrem Gasthaus hängt der Haussegen schief und sie erkennt, dass sich etwas ändern muss. Das hier jeder auf den anderen mit Eifersucht schielt, ist einem gedeihlichen Zusammenleben nicht förderlich. Der Knoten wird gelöst, weil das Trio aus Graf, Marchese und Cavaliere erkennen muss, dass die Angebetete sie zum Narren gehalten hat und sie entschließen sich, gemeinsam das Feld zu räumen, denn Mirandolina hat insoweit die Katze aus dem Sack gelassen und erklärt, dass sie Fabricio heiraten werde. Und sie gibt an, sich auf keinen Fall an den bisher erhaltenen Geschenken bereichern zu wollen, weshalb sie sie jetzt auch an die Verehrer zurückgeben werde, mit Ausnahme der Blumen - die sollen der Gaststätte weiter als Schmuck dienen. Sofern noch irgendwelche Unstimmigkeiten geherrscht haben sollten, so sind sie ausgeräumt, denn das Verliebten Trio ist ganz ruhig geblieben, nimmt die Geschenke zurück und gratuliert dem Paar Fabricio und Mirandolina, wünscht ihnen für die Zukunft alles Gute und ein jeder gibt dabei die Geschenke erneut an das Brautpaar.
Quelle:

Anmerkungen.
200 Jahre hielt sich das Gerücht, der Italiener Antonio Salieri sei zwar ein solider Handwerker, aber kaum inspirierter Komponist gewesen wie es etwa Mozart war. Und der Amadeus-Film, in dem Milos Forman fleißig an der Geschichte weiterstrickte, hat daran nichts geändert. Vielleicht aber das Interesse an diesem Thema geweckt.
Es könnte Cecilia Bartoli gewesen sein, die mit ihrer Salieri-CD eine Wende brachte, die den kaiserlichen Kammerkomponisten und Kapellmeister der italienischen Oper, später auch Nachfolger von Giuseppe Bonno als Kapellmeister der kaiserlichen Hofkapelle in Wien, zu einem besseren Ruf verhalf.
Als der dreiundzwanzigjährige Salieri in Wien Carlo Goldonis Komödie „La Locandiera”, der man auf deutschen Theatern den Titel „Mirandolina“ gegeben hat, vertonte, konnte er seinen später berühmten Stil noch nicht entwickelt haben. Vorstellbar (und hörbar) ist es auch nicht, dass das Libretto von Domenico Poggi, der Goldonis Charakterkomödie in einen Buffa-Anzug gepresst hatte, ihn zu Höhenflügen geführt hätte. Poggi hat den Figuren kaum Charakterzüge mitgegeben; die langen Rezitative, die sich zwischen den Arien hinziehen, lassen Goldonis Vorlage als eine geniale Komödie erscheinen, an die Poggi bei weitem nicht herankommt.
Dabei ist Salieris Musik nicht ohne einen gewissen Charme und zeigt auch manchmal schöne melodische Einfälle. Aber damals, Anno 1773, war Antonio Salieri noch längst nicht der große Konkurrent, den Mozart zu befürchten gehabt hätte. Aber es zeichnete sich ab, dass er Musik schrieb, die beim Publikum ankam. La Locandiera wurde ziemlich schnell nach der Wiener Uraufführung in Prag, Warschau, Florenz, Dresden, Kopenhagen, Graz und Pressburg gegeben. Mit der Zeit geriet die Komödie in Vergessenheit; Fabio Luisi hat sie 1989 in Lugo nach zweihundertjährigem Schlaf, aber stark gekürzt, wieder zu neuem Leben zu Wecken versucht, ob ihm das gelungen ist, kann man an der oben gezeigten CD überprüfen, zumindest so lange sie noch erhältlich ist.
© Manfred Rückert
