WEILL, Kurt: DIE BÜRGSCHAFT

  • „DIE BÜRGSCHAFT“ (Kurt Weill)


    Oper in drei Akten. Text von Caspar Neher und Kurt Weill nach Johann Gottfried Herders Parabel „Der afrikanische Rechtsspruch“.


    Musik von Kurt Weill.


    Uraufführung am 10. 3. 1932 an der Städtischen Oper in Berlin.


    Personen:


    Johann Mattes, ein Viehhändler im Lande Urb – Bariton

    Anna, seine Frau – Mezzosopran

    Luise, Johanns und Annas Tochter – Sopran

    David Orth, ein Getreidehändler im Lande Urb – Bass

    Jakob, sein Sohn – Tenor

    Der Richter von Urb – Tenor

    Ellis, der Kommissar – Sprache / Gesang

    Die Dreierbande (Gläubiger, Wegelagerer, Erpresser, Häscher, Agenten) – Tenor, Bariton und Bass

    Der Ackerverkäufer - Tenor

    Ein Ausrufer - Sprache / Gesang

    Der Adjutant des Kommissars – Tenor

    Ein Schreiber - Tenor

    Eine Altstimme – Alt


    Ort und Zeit: Irgendwo und irgendwann im Lande Urb.



    Die Handlung:


    Vorspiel:

    Der Viehhändler Johann Mattes hat beim Glücksspiel sein ganzes Vermögen verloren und muss dies seiner Frau Anna beichten. Sie gibt ihm den Rat, seinen Freund, den Getreidehändler David Orth, der ihm regelmäßig das Futter für seine Tiere liefert, um Hilfe zu bitten. Eine Dreierbande in der Gestalt von Mattes’ Gläubigern räumt sein Haus leer. Nach einem kurzen Gewitter kommt Mattes mit Orth zurück. Dieser hat Mattes versprochen, für ihn bei der Bank zu bürgen und die Gläubiger sind einverstanden. Chorstimmen berichten, dass auf Grund dieser Bürgschaft Mattes ein Darlehen erhielt und schon nach zwei Tagen die Schuld getilgt hat. Es erklingt ein Zitat von Karl Marx, das noch mehrmals in der Oper vorkommen wird: ‚Es ändert sich nicht der Mensch. Es sind die Verhältnisse, die seine Haltung verändern‘.



    Erster Akt:

    Sechs Jahre sind vergangen. Mattes kommt zu Orth, um von ihm seine letzten zwei Säcke Spreu zu kaufen. Zu spät erinnert Orths Sohn Jakob seinen Vater daran, dass er in diesen zwei Säcken sein ganzes Geld aus Angst vor Dieben versteckt hat. Orth ist sich sicher, dass sein ‚bester Kunde‘ Mattes das versteckte Geld finden und ihm sofort bringen wird. Mattes wird auf seinem Heimweg von drei Wegelagerern (die Dreierbande) überfallen, die das Geld aber nicht finden. Auf dem Fluss sind Schiffe mit Getreidelieferungen nach Urb zu sehen. Orth beginnt, an seinem Freund Mattes zu zweifeln, da dieser das Geld nach drei Tagen nicht zurückgebracht hat. Anna Mattes ist das Verhalten ihres Mannes nicht entgangen; sie sorgt sich auch um ihre Tochter Luise, die dem Elternhaus in die ‚große Stadt‘ entfliehen möchte. Mattes redet sich ein, dass das Geld, das er fand und womit er einen Acker kaufen möchte, nicht Orth gehörte und dieser die Lastschiffe bezahlt hat.


    Während eines dichten Nebels rudern Mattes und Orth außer Sichtweite getrennt auf dem Fluss, um die von den Lastkähnen zerfetzten Netze einzuholen. So erfährt Mattes, dass Orth die Schiffe nicht bezahlen konnte und in finanziellen Schwierigkeiten steckt; er verspricht, Orth bald zu besuchen. Nach dem Kauf des Ackers taucht die Dreierbande (als Erpresser) bei Mattes auf: sie kennen sein Geheimnis und drohen ihm, Orth alles zu verraten. Als Mattes sich weigert, Schweigegeld zu zahlen, stehlen sie sein Ruderboot, um an das andere Ufer zu Orth zu gelangen, doch Mattes kommt ihnen schwimmend zuvor. Er bringt Orth sein Geld zurück, aber dieser will das Geld nicht nehmen und schlägt vor, zu dem weisen Richter von Urb zu gehen, um die Angelegenheit zu klären.



    Zweiter Akt:

    Der Richter fällt folgendes Urteil: Mattes und Orth sollen ihre fast erwachsenen Kinder Luise und Jakob miteinander vermählen und ihnen das Geld zur Hochzeit schenken. Beide Väter akzeptieren diesen Richterspruch. Doch da verkündet ein Ausrufer plötzlich, dass fremde Eroberer - ‚die große Macht‘ - in Urb einmarschiert sind und als Verwalter des Landes einen Kommissar namens Ellis entsandt haben. Der Richter sieht voraus, dass zukünftig das Gesetz des Geldes und der Macht gelten wird. Luise Mattes ist in der ‚großen Stadt‘ verschwunden und Anna ahnt, dass sie Ihre Tochter nicht mehr wiedersehen wird.


    (Die folgende Szene wurde auf Vorschlag von Carl Ebert während der Proben zur Uraufführung in Berlin von Kurt Weill und Caspar Neher neu geschrieben): Die Dreierbande bietet sich dem Kommissar als Häscher an. Dieser und sein Adjutant verkünden das neue System, das es der ‚großen Macht‘ mittels Eisenbahnverbindungen ermöglicht, das Land auszubeuten, worauf der Richter zu passivem Widerstand aufruft. Ellis erklärt dessen Urteil gegen Mattes und Orth für ungültig und setzt den Richter ab; der Dreierbande befiehlt der Kommissar, die beiden Männer zu verhaften. Der Fall wird neu verhandelt und das umstrittene Geld für die ‚große Macht‘ beschlagnahmt. Die ‚Verbrecher‘ Mattes und Orth sollen begnadigt werden, wenn sie bereit sind, der neuen Regierung zu dienen. Anna Mattes, die ihre Tochter sucht, glaubt Luises Stimme zu vernehmen.



    Dritter Akt:

    Weitere sechs Jahre sind vergangen. Eine Altstimme singt von der neuen Zeit, in der die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden sind; die Bevölkerung muss durch vier symbolische Tore gehen, die da heißen: Krieg, Teuerung, Hunger und Krankheit. Ein großer Chor verherrlicht bei Marschmusik den Krieg, während ein kleiner Chor berichtet, dass Mattes und Orth zu Kriegsgewinnlern wurden, weil sie die Armee mit Fleisch und Brot belieferten. Der habgierige Mattes überzeugt drei Agenten der ‚großen Macht‘ (die Dreierbande), alles Vieh des Landes in seine Ställe zu treiben.


    Der Chor verkündet das Ende des Krieges. Einige Frauen bitten Orth um Mehl aus seinen vollen Speichern, doch er befiehlt seinem Sohn, ihnen nichts zu verkaufen, weil er noch reicher sein wird, wenn sie hungern. Ein kleiner Chor erzählt von Bürgern, die um ein Stück Brot kämpften, das in der Gosse lag. Mattes lässt durch die Agenten den Kommissar um Schutz für sich bitten vor den hungernden Menschen. Die einer Seuche zum Opfer gefallene Anna Mattes liegt sterbend in einem Krankenhaus, während zur gleichen Zeit (auf der geteilten Bühne) Luise, die eine Prostituierte geworden ist, sich weigert, den letzten Brief ihrer Mutter zu lesen, den Jakob Orth ihr überbringt.


    Die drei Agenten hetzen die Bürger gegen Mattes auf, dessen Bitte vom Kommissar abgelehnt wurde. In seiner Not beschließt er, Orth wieder um Hilfe zu bitten. Doch diesmal weigert dieser sich, für Mattes einzustehen und die beiden Männer beginnen, sich zu prügeln. Orth gewinnt den Kampf und liefert Mattes an die wütenden Bürger aus, die ihn erschlagen. Sterbend fragt Mattes: ‚David Orth, warum hast du mich verraten?‘ und Orth entgegnet ihm: ‚Alles vollzieht sich nach einem Gesetz, dem Gesetz des Geldes, dem Gesetz der Macht.‘



    Kurt Weill tat sich nach dem Bruch mit Bertolt Brecht wegen dessen Sympathie für den doktrinären Marxismus 1930 mit dem Bühnenbildner Caspar Neher zusammen, um eine Oper ‚mit starker und einfacher Handlung‘ (Weill) nach Johann Gottfried Herders Parabel „Der afrikanische Rechtsspruch“ aus dem Jahre 1774 zu schreiben. Es war Nehers erster Versuch eines Operntextes und Weill arbeitete kräftig am Libretto mit, verlangte jedoch von seinem Verleger, dass die gedruckte Partitur den Aufdruck ‚Oper von Weill. Text von Neher‘ tragen sollte. Für die Komposition benötigte Kurt Weill nur vier Monate bis Oktober 1931. Die Uraufführung am 10. 3. 1932 an der Städtischen Oper in Berlin war äußerst erfolgreich (mit einem Dutzend Folgevorstellungen) und viele Kritiken klangen geradezu enthusiastisch. Mehrere deutsche Bühnen setzten die Oper auf ihren Spielplan und auch die Wiener Staatsoper zeigte Interesse. Doch mit Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 begann in Deutschland der Anfang vom Ende...


    In der Uraufführung sangen in den Hauptrollen: Hans Reinmar (Johann Mattes), Lotte Lenya (Anna Mattes), Irene Eisinger (Luise Mattes), Wilhelm Rode (David Orth), Henk Noort (Jakob Orth), Björn Talén (Der Richter von Urb) und Josef Burgwinkel (Ellis, der Kommissar); der Dirigent war Fritz Stiedry. Carl Ebert, der Intendant der Städtischen Oper Berlin, der die erste Aufführung der „Bürgschaft“ in Caspar Nehers Bühnenbild auch inszenierte, regte für den zweiten Akt eine Änderung an, die von Kurt Weill und Caspar Neher noch während der Proben erfolgte. Der ‚Kampfbund für deutsche Kultur‘ (eine Unterorganisation der NSDAP) übte unmittelbar nach der Premiere starken Druck auf alle Theater aus, die die Oper auf ihren Spielplan gesetzt hatten, doch nur die Bühnen in Düsseldorf (mit dem Dirigenten Jascha Horenstein) und Wiesbaden (hier leitete Karl Rankl die Premiere) widersetzten sich. Alfred Einstein schrieb über „Die Bürgschaft“: ‚Diese Oper trägt das Gesicht der Zeit, ohne wie „Mahagonny“ der Zeit die Faust unter die Nase zu halten. Wenn es eine ernsthafte ‚Oper der Zeit‘ gibt, so ist es „Die Bürgschaft“.‘


    Im Jahr 1957 entsannen sich Caspar Neher und Carl Ebert dieser Oper und schufen (unter musikalischer Mitwirkung von Gottfried von Einem) eine Neufassung; vor allem die unverhohlene Kapitalismuskritik wurde mit Rücksicht auf die in Berlin nach wie vor präsenten Amerikaner abgemildert. Inzwischen war die Orchesterpartitur der 1932 geänderten Szene im zweiten Akt – vom Ende der Nummer 13 bis Anfang der Nummer 14 - verloren gegangen (sie tauchte erst 1993 beim Verlag ‚Universal Edition‘ wieder auf). Doch die Oper konnte sich im ‚Wirtschaftswunder-Land‘ der BRD nicht durchsetzen, was sich auch durch eine konzertante Aufführung 1980 in Berlin nicht änderte.


    Erst 1998 brachte eine Inszenierung des progressiven Stadttheaters in Bielefeld, das während der 25jährigen Intendanz von Heiner Bruns einige vergessene Opern der Weimarer Republik wieder spielte (und die z. T. auf CD dokumentiert sind) die Wende. U. a. berichtete das Magazin ‚Fono Forum‘ über die Aufführung der Erstfassung von 1932 (Premiere am 29. 4. 1998), wo der Rezensent Ingo Dorfmüller abschließend darum bat, dass von der eindrucksvollen Produktion mit William Oberholtzer (Mattes) und Martin Blasius (Orth) unter der musikalischen Leitung von Rainer Koch auch ein Mitschnitt gemacht würde, was aber leider versäumt wurde. Ein Beauftragter des ‚Spoleto Festival USA‘ sah eine Vorstellung, erkundigte sich nach den Rechten für die amerikanische Premiere und beauftragte den Bielefelder Regisseur Jonathan Eaton auch mit der Inszenierung in Charleston 1999, wo die Oper für die ‚EMI‘ eingespielt wurde. Georg Kaiser schrieb 1941 die prophetischen Worte: ‚Kurt Weills Musik ist eine unsterbliche Sache, denn die Kunst lebt länger als die Politik.‘



    Carlo

  • „DIE BÜRGSCHAFT“ (Kurt Weill)



    Es gibt folgende Aufnahmen:



    Johann Mattes – Tomislav Neralic / Anna Mattes – Irene Dalis / Luise Mattes – Ursula Schirrmacher / David Orth – Josef Greindl / Jakob Orth – Theo Altmeyer / Der Richter von Urb – Helmut Krebs / Ellis – Bernhard Minetti / Die Dreierbande – Martin Vantin, Ernst Krukowski und Peter Roth-Ehrang / Der Ausrufer – Oswald Zowislok / Der Adjutant – Carl Friedrich Schubert / Der Schreiber – Willam Forney / Zwei Männer – Roland D. Kunz und Oswald Zowislok / Eine Altstimme – Nada Puttar / Der Chor und das Orchester der Städtischen Oper Berlin / Chorltg.: Hermann Lüddecke / Dirigent: Artur Rother (Berlin, Städtische Oper, 6. 10. 1957). Ein Live-Mitschnitt der Premiere durch den RIAS Berlin. Diese Aufnahme - von der Zweitfasssung der Oper mit einer Spieldauer von 123,38 Minuten – wurde am 8. 10. 1957 gesendet und ist im Archiv des Deutschlandradios Berlin noch erhalten.



    Johann Mattes - Toni Blankenheim / Anna Mattes – Gisela Litz / David Orth – Josef Greindl / Jakob Orth – Heinz Hoppe / Der Richter von Urb – Helmut Krebs / Ellis – Richard Lauffen / Die Dreierbande - Kurt Marschner, Horst Günter und Sigmund Roth / Der Ackerverkäufer – Joshard Daus / Der Ausrufer – Benno Gellenbeck / Eine Altstimme – Ursula Zollenkopf / Der Chor und das Sinfonie-Orchester des Norddeutschen Rundfunks / Chorltg.: Max Thurn / Dirigent: Hermann Scherchen / Funkregie: Egon Monk (Hamburg, Funkhaus, 18. 3. - 23. 3. 1958). Die Aufnahme des NDR ist stark gekürzt; es fehlt vor allem die Rolle von Johann Mattes’ Tochter Luise. Zur Einleitung spricht Hans Curjel. (Wiederholt u. a. am 3. 3. 1960 im dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks.)



    Johann Mattes – Wolfgang Schöne / Anna Mattes – Kaja Borris / Luise Mattes – Norma Sharp (statt Helen Donath) / David Orth – Thomas Stewart / Jakob Orth – Volker Horn / Der Richter von Urb – Hans Sojer / Ellis – Wolf Appel / Die Dreierbande – Peter Haage, Jörn W. Wilsing und Josef Becker / Der Ausrufer und Der Adjutant – Steven Haas / Der verstärkte Kammerchor Ernst Senff / Chorltg.: Ernst Senff / Das Radio-Symphonie-Orchester Berlin / Dirigent: Janos Kulka (Berlin, Großer Sendesaal des SFB, 8. 9. 1980). Eine Produktion des Senders Freies Berlin als (gekürzte) konzertante Aufführung im Rahmen der Berliner Festwochen 1980 mit einer Rundfunksendung in der Internationalen Konzertsaison 1980/81 der EBU (European Broadcasting Union). Ursprünglich war Helen Donath als Interpretin der Luise vorgesehen; Norma Sharp sprang kurzfristig ein. In der Pause des Konzerts wurden Hans W. Heinsheimers Erinnerungen an Kurt Weill gesendet.



    Johann Mattes – Frederick Burchinal / Anna Mattes – Margaret Thompson / Luise Mattes – Ann Panagulias / David Orth – Dale Travis / Jakob Orth – Joel Sorensen / Der Richter von Urb – Enrico Di Giuseppe / Ellis – John Daniecki / Die Dreierbande - Peter Lurié, Lawrence Craig und Herbert Perry / Der Ackerverkäufer, Der Ausrufer, Der Adjutant – Mark Duffin / Eine Altstimme – Katherine Ciesinski / The Westminster Choir / Chorltg.: Andrew Megill und Joseph Flummerfelt / The Spoleto Festival USA Orchestra / Dirigent: Julius Rudel (Charleston/South Carolina, Sottile Theatre, 10. 6. 1999). Eine Studio-Aufnahme der Erstfassung - in deutscher Sprache – zwischen zwei Vorstellungen beim ‚Spoleto Festival USA‘ (Regie: Jonathan Eaton) als Amerikanische Erstaufführung, veröffentlicht 2000 von EMI auf zwei CDs (5 56976 2) mit einer Gesamtdauer von 143,10 Minuten.



    Johann Mattes – Kostadin Argirov / Anna Mattes – Margaret Thompson / Luise Mattes – Christina Gerstberger / David Orth – Ulf Paulsen / Jakob Orth – Lassi Partanen / Der Richter von Urb – Günter Krause / Ellis – Ivan Moutaftchiev / Die Dreierbande – Mark Rosenthal, Taimo Toomast und Juhapekka Sainio / Eine Altstimme – Jana Frey / Der Chor, der Extrachor und das Orchester des Anhaltischen Theaters Dessau / Chorltg.: Markus Oppeneiger / Dirigent: Golo Berg (Dessau, Anhaltisches Theater, 1. 3. 2002). Eine Inszenierung (Regie wie in Bielefeld 1998, aber in anderer Ausstattung: Jonathan Eaton) zum ‚10. Kurt Weill Fest‘ in Dessau als Privatmitschnitt.



    Der Rundfunk der DDR brachte am 28. 4. 1990 eine Sendung von Kurt Weills „Die Bürgschaft“, zu der ich aber keine näheren Angaben habe.



    Carlo