Holger Kaletha
Inhalt:
1. Die „Schwarze Messe“: Nur Schauerromantik?
2. Von der Poetisierung zur Subjektivierung der Sonatenform
3. Die „Ekstase“: Subjektiver Sinn als das Sonatenhafte der Sonate
4. Von der Fünften zur Neunte Sonate: Das Dämonische der Ekstase
5. Die Exposition: Zögern und Zaudern, das dämonische Klopfmotiv und irrlichtende Triller
6. Ereignishaftigkeit. Das diabolische Klopfmotiv und sein Versteckspiel
7. Die Ambivalenz der Themen als tönende Lebensphilosophie: Zweideutigkeit und Durchdringung, Verdeckung und Verstellung.
8. Die „Exposition“ der Durchführung: Auflichtung und Diakrisis
9. Das Geschehen der Durchführung: Rauschhafte Durchdringung und das Perfide dämonischer Weckung
10. Die Rolle des Vorschlagmotivs: Ahnung und Verdichtung des Ungeheuerlichen
11. Scriabin und Chopin: Die „Reprise“ als formdynamischer Verdichtungspunkt
12. Apotheose und Durchbruch: Die Aporie der Selbstüberwindung in der Ekstase
13. Vom ekstatischen Rausch zum Traum der Ekstase: Die Zehnte als Antwort auf die Neunte Sonate
1. Die „Schwarze Messe“: Nur Schauerromantik?
Alexander Scriabins „Schwarze Messe“, die Klaviersonate Nr. 9, ist vielleicht die Rätselhafteste aller zehn Sonaten des Komponisten. Der eher plakative Titel „Schwarze Messe“, der freilich nicht von Scriabin selbst stammt, sondern von seinem Freund, dem Pianisten Alexei Podgajetski, macht das Rätsel um diese Musik nur um so rätselhafter, gerade weil er dazu verleitet, Scriabins Werk vordergründig und vorschnell als ein dubios-abschreckendes Stück von „Schauerromantik“ zu verorten – und es damit möglicher Weise auch abzutun. Bringen uns Hörer diese irrlichtenden Triller des zweiten Themas, die unschlüssig und zugleich peinlich aufdringlich zwischen Höhe und Tiefe wie umgeben von unsichtbaren Gefängnismauern hin- und herpendeln, nicht auf einen musikalischen Horrortrip, so ähnlich, wie Edgar Allen Poes Erzählung Grube und Pendel den Leser in ein dunkles Verlies führt, wo sich der Schrecken des armen Eingekerkerten zu einer Apotheose des Schrecklichen steigert? Die Sonate endet schließlich mit einem Kulminationspunkt des Grauenvollen, dem Entsetzlichen einer verkehrten Apotheose, die den Menschen nicht in den Himmel hebt, sondern in der Hölle landen lässt: Das Lichthafte des dritten Themas, des Sehnsuchtsthemas mit seinen hochfliegenden Träumen, verwandelt sich mephistophelisch in sein Gegenteil, das absolute Dunkel: Die ganze Sonate kulminiert in einem rabenschwarzen Trauermarsch, einer Epiphanie des Teuflischen, des Geistes, der alles verneint, in welcher der Tod das Leben scheinbar besiegt.
Aber ging es Scriabin wirklich nur um schauerromantische Effekte? War dieser Komponist lediglich ein Romantiker und Décadent, ein höchst virtuoser Nervenkitzler, der die angespannten Nerven seine Hörer so weit reizen wollte, bis sie schließlich in eine Art Ohnmacht fallen? „Wie im Delirium“ lautet bezeichnend eine Spielanweisung in der Siebten Sonate, als sie ihrem Höhepunkt zustrebt. Ist Scriabins „Schwarze Messe“ also die Hyperbolie der schöpferischen Kraft der Musik als nicht mehr nur weiße, sondern nunmehr schwarze Magie? Geht es letztlich nur um die Demonstration der Macht der Musik, den Hörer nicht nur zu verzaubern, sondern sogar zu bannen, ihn in eine Art Trance zu versetzen? Eduard Mörikes Novelle Mozart auf der Reise nach Prag hatte im Zeichen der Zeit des Biedermeier vor den dämonischen Kräften der Musik gewarnt, die den Menschen in ein Reich jenseits von Gut und Böse führen und damit letztlich zugrunde richten. Wird nicht genau das in dieser „Schwarzen Messe“ zynisch gefeiert? Im Rausch des Horrers macht die Musik den Hörer gefügig, indem er das Erschreckende schließlich genießt. Das Böse, wird es in dieser „Schwarzen Messe“ nicht ästhetisiert und damit annehmlich gemacht, zum wohligen Schauer?
2. Von der Poetisierung zur Subjektivierung der Sonatenform
Man kann freilich Scriabins Musik so erleben und auffassen – und sie dann „ethisch“ als böse Verzauberung und Sinnes-Verführung brandmarken, so wie Eduard Mörikes Novelle es im Falle von Mozarts Don Giovanni getan hat. So aber bleibt man letztlich an der wenn auch faszinierend schillernden Oberfläche von Scriabins Musik hängen, hält sich an ihren bloßen Effekt und reduziert sie damit auf den Wirkungsaspekt. Wozu hat sich Scriabin dann aber in die große und lange Tradition der Gattung Klaviersonate eingereiht und sie fortschreiben wollen und nicht einfach ein effektvolles Charakterstück komponiert? Ausgerechnet die Form der Klaviersonate wählt der Komponist, die in Bezug auf dieses Instrument eine vergleichbare Rolle spielt wie die große Symphonie für die Orchesterliteratur. Und das nicht ohne Grund. Denn zur Geschichte der Sonatenform gehört, dass sie mehr ist als nur ein bloßes Schema, sondern immer auch den Sinn transportiert, der zu ihr gehört: den eines musikalischen Dramas. Im Sonatensatzdrama wird ein Konflikt zunächst exponiert, im Durchführungsteil ausgetragen und in der Reprise der Exposition schließlich das Ergebnis präsentiert, entweder die Versöhnung oder den „Sieg“ einer der Kräfte über ihren dramatischen Gegenspieler. Nimmt man Scriabins „Schwarze Messe“ als einen Beitrag zur Gattung der Klaviersonate ernst, dann erscheint sie nicht mehr bloß als ein gefährliches und fragwürdiges Abenteuer von Schauerromantik – der Effekt und Schauder ist vielmehr nur die Außenseite von so etwas wie einer dramatischen Handlung, die sich in ihr abspielt.
Scriabin stellte sich aber nun nicht einfach in die Tradition der Klaviersonate, er schuf zugleich etwas Neues. Er „benutzte“ in seinen späten Sonaten nicht mehr nur die Sonatenform, um ein musikalisches Drama zu komponieren, er revolutionierte sie, indem er sie zum Ausdrucksträger von Subjektivität umformte. Was das bedeutet, kann man sich durch ein Bild klarmachen: Die herkömmliche Klaviersonate ist eine Art Schauspiel, dem man zuschaut, wo also handelnde Personen auftreten und ihre Rededuelle ausfechten. Im Sonatensatz-Drama erscheinen diese dramatis personae in Gestalt von sowohl harmonisch als auch von ihrem Charakter her gegensätzliche Themen. Die Sonatenform gibt den Themen und thematischen Konflikten sozusagen die Bühne, um ihren Konflikt auszutragen. Damit ist die „Form“ der Sonate aber auch nicht unmittelbar ausdrucksvoll: Sie stellt ein dramatisches Geschehen nur dar, drückt es aber nicht wirklich aus. In diese Richtung, die Form zum Ausdrucksträger zu machen, ging Franz Liszt, als er in einem Brief von 1859 ironisch bescheiden „um die Erlaubnis“ bat, „die Formen durch den Inhalt bestimmen zu dürfen“. In seinen frühen Sonaten, etwa der Zweiten und der Dritten, nimmt sich Scriabin dieses Recht, indem er wie Liszt der musikalischen Form einen Sinn gibt mit der Zugabe eines poetischen Programms. In seinen späten Sonaten geht er nun noch einen entscheidenden Schritt weiter: Scriabin poetisiert die Sonatenform nicht nur, er subjektiviert sie in radikaler Weise: Die Sonatenform wird zur Repräsentation von Subjektivität, zum Spiegel eines Prozesses subjektiver Selbstwerdung und Selbsterkenntnis, der sich in ihr und durch sie vollzieht. Dies ist schließlich das, was Scriabin in seinen poetisch-mystischen „prometheischen Fantasien“ die Ekstase nennt.
3. Die „Ekstase“: Subjektiver Sinn als das Sonatenhafte der Sonate
Scriabins späte Klaviersonaten, sie sind im Grunde nichts Anderes als Ausdrucksformen der „Ekstase“. Ohne diesen subjektiven Sinn bleibt hier die Sonatenform gerade auch als Form betrachtet unverständlich. Versuche, die Sonatenform der revolutionären Fünften Sonate „formalistisch“ im Sinne von Eduard Hanslick als ein sich selber genügendes Themenspiel der „tönend bewegten Form“ zu betrachten, enden bezeichnend in dem fast schon verzweifelten Aufschrei eines Analysten: Das ist doch eher so etwas wie ein Rondo als eine Sonate! Die scheinbar sonatenfremden rondohaften Züge sind es aber gerade, in denen sich die subjektive Semantik der „Ekstase“ herauszudeutend verbirgt. Scriabin reduziert das Sonatensatzdrama in seiner Subjektivierung auf seinen elementar einfachsten Kern: den dramatischen Themenkonflikt. Damit extrahiert er das Sonatenhafte der Sonate. Sonatenhaft ist die sich erhaltende und aufstauende Spannung zwischen den gegensätzlichen Themen als eine sich durchhaltende Polarität. Dass auch Scriabin ohne Bedenken auf die Tradition der Gattung »Klaviersonate« zurückgreifen konnte, ermöglicht nicht zuletzt die in der „Ekstase“ selbst liegende Polarität von Strebungen und Gegenstrebungen, die sich mit dieser spezifischen Polaritäts-Semantik der dramatischen Sonatenexposition gut verträgt.
Unter der „Ekstase“ versteht Scriabin im Wesentlichen eine Erhebung und Verwandlung, die sich im schöpferischen Selbstbewusstsein des Künstlers vollzieht: die des »kleinen« zu einem »großen Ich« – eine Problematik der Selbstüberwindung des alltäglichen menschlichen Daseins, die einmal an Nietzsches philosophische Konzeption des Übermenschen, aber andererseits auch den Symbolismus erinnert: spleen und idéal in Baudelaires Les Fleurs du Mal. Die Ekstase meint aber nicht etwa eine erhoben-erhabene Zuständlichkeit des Bewusstseins, eine Art permanente Entrückung, einen bloßen Rausch; sie ist vielmehr Dynamik und Bewegung: ein unaufhörliches Streben und eine Bewegung des Über-sich-selbst-hinaus-Wollens. Dieser Prozess ist nun keineswegs linear, sondern zyklisch: Dem Aufstreben des »großen Ich« korrespondiert immer auch der Rückfall in das »kleine Ich«, d.h. letztlich geht es darum, in einer hin- und her schwankenden Bewegung des Aufschwungs und Abschwungs den aufstrebenden schöpferischen Kräften ein Übergewicht zu verschaffen. Der Bezug zur klassischen Sonatenexposition liegt hier in der Komplementarität der gegensätzlichen Kräfte. In der Ekstase ereignet sich ein unaufhörliches Wechselspiel zweier miteinander streitender Grundkräfte: Der alle Grenzen sprengende Enthusiasmus schöpferischer Aktivität trifft auf ein gravitätisches Beharrungsvermögen, die lyrische Passivität der Ermattung, ein sehnsüchtig schmachtendes Bei-sich-selbst-bleiben als die gegenläufig-inhibierende Kraft der aufstrebenden Ekstase.
Diese ekstatische Subjektivierung der Sonatenform ergibt in der Fünften Sonate eine Reduktion der Semantik der klassischen Sonate auf den Themendualismus ohne das Schema Exposition – Durchführung – Reprise. Exposition und Durchführung verschmelzen in der unaufhörlichen Bewegung der Ekstase: Die Exposition multipliziert sich im Kräftespiel der Ekstase zu einer »ewigen Wiederkehr des Gleichen« und die Durchführung mit ihrem Grundsinn dynamischer Kontraststeigerung und Intensivierung wird zum treibenden Bewegungsmoment dieser grenzenlos-entgrenzten Exposition: dynamische Veränderung als der immer wiederkehrende Anlauf zur Ekstase, die sich stetig erneuernde Wiederbelebung ermatteter Kräfte; Durchführung durchaus als »Verarbeitung« der Themen, aber nun im Sinne der titanischen Arbeit des Sisyphos, den ewig hinunterrollenden Stein stets wieder heraufrollen zu müssen, wobei Scriabins Ekstase allerdings anders als der mythische Held des Absurden immer weiter aufsteigend zum fern bleibenden letzten Gipfel höher und höher steigt. In den sich rondohaft multiplizierenden Reprisen wird ihr Sinn der Schluss bildenden Synthese zum Verschwinden gebracht, indem jeder Abschluss zugleich ein Neubeginn ist im fortwährenden Rücklaufen in den Anfang, in der Fünften Sonate in einer Art Vulkanausbruch der immer wieder neu erwachenden Kräfte – raumgreifend aus der Basstiefe hinaufschießend in die höchsten Höhen des Diskants. Die Fünfte Sonate kennt demnach kein »Finale« mehr, sie führt also zu keinem Ende und Abschluss, sondern zeigt Scriabins Äußerungen zufolge lediglich einen Ausschnitt aus der unendlichen Spiralbewegung der Ekstase. Gerade die rondohaften Züge der Fünften Sonate, indem sie sonatenhaft durchgeführt nicht mehr nur »statische« Refrains bedeuten, sondern zu Motoren in einer Steigerungsbewegung sich mehr und mehr intensivierender Kontraste werden, verraten ihren subjektiven, ekstatischen Ausdruckssinn: Aus der abschließenden Reprise wird eine unendliche Spirale des Rücklaufens und neu Beginnens. Die Geschlossenheit des klassischen Sonatensatzes wandelt sich zur unabschließbaren, offenen Form.
4. Von der Fünften zur Neunte Sonate: Das Dämonische der Ekstase
In der Fünften Sonate bekommt die Sonatenform den subjektiven Sinn der Ekstase, damit behält sie aber zugleich auch ihre „dramaturgische“ Funktion eines Bedeutungsträgers und zugleich dynamischen „Motors“ des dramatischen Konflikts, den sie, ihren Kontrast mehr und mehr verschärfend, vorantreibt. Die Neunte Sonate dagegen dynamisiert die klassisch-romantische Klaviersonate in einer anderen Richtung: Von der Sonatenform bleibt nur noch das nackte Schema übrig, das zwar Orientierung gibt, aber längst kein Sinnträger und Ausdrucksträger der dramatischen Entwicklung mehr ist. Scriabins Neunte reduziert nicht nur wie die Fünfte die Sonate auf ihre Sonatenhaftigkeit, den sonatenhaften Sinn dramatischer Polarität, sie löst ihn gleichsam von innen her auf, »liquidiert« im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne die Identität der Themen. Statt der Eindeutigkeit identifizierbarer Gedanken gibt es nur noch haltlose Zweideutigkeit, statt einer Habitualität fest umrissener Charaktere nur Labilität und Ambivalenz. Okkasionelle Wandlungsfähigkeit, das Schwanken und »Schillern« aller Gestalten der Neunten kennt keine unangreifbare thematische Selbständigkeit, alles hängt irgendwie mit allem anderen zusammen; assoziative Motivverschmelzungen in jeder möglichen Variante rauben den individuellen Themen ihr klar und deutlich erkennbares Gesicht. Was ist also noch sonatenhaft an dieser Sonate? Wie entwickelt sich aus einer solchen scheinbar durch nichts mehr eingeschränkten Fantasie der Assoziation so etwas wie eine stringente Intention und Dramaturgie? Was ist noch dramatisch an einem solchen Drama? Muss das geschlossene Ganze einer dramatischen Sukzession unter solchen Bedingungen nicht zerfallen und zerbrechen in ein Diskretum, eine lose Aufeinanderfolge von Ereignissen ohne Regel und Gesetz?
Scriabins „Schwarze Messe“ irritiert gerade den durchaus vorgebildeten, mit den bedeutenden Klaviersonaten der Klassik und Romantik vertrauten Hörer: Alles, was in diesem Stück als formale Architektur eindeutig und eindeutig erkennbar zu sein scheint, ist letztlich der bloße Schein von Eindeutigkeit, in dem sich ein dämonischen Verwirrspiel von Andeutungen, Zweideutigkeiten nur versteckt mit all dem, was aus ihm folgt: den verwirrenden Umkehrungen und diabolischen Verkehrungen des Sinnes. Diese Musik mit ihrer Verflüssigung alles Festen und irgendwie Halt Versprechenden zieht dem Hörer immer wieder den Boden unter den Füßen weg, oder anders gesagt: Die musikalische Landschaft, die Scriabin hier entwirft, gleicht einem einzigen großen Sumpf, wo derjenige, der sich da hinein wagt, nie weiß, ob auch das vermeintlich Trittfeste nicht doch nur ein gefährlich schwankender Boden ist, in den er genau dann rettungslos zu versinken droht, wenn er auf ihm so etwas wie Trittfestigkeit sucht. Aber, wird die zweifelnde und verzweifelnde Verständnisbemühung fragen, gibt es hier nicht doch wenigstens – in Anlehnung an Jean François Lyotard gesagt – den „Trost der schönen Form“ als Rettungsanker des Sinnverstehens mit den schematischen Umrissen wenigstens von dem, was die fleißige Musikwissenschaft eine „Sonatenhauptsatzform“ nennt, die sich bei aller Zweideutigkeit und Uneindeutigkeit des Inhalts letztlich eindeutig identifizieren lässt? Bleiben bei allem musikalischen Verwirrspiel nicht doch „Exposition“, „Durchführung“ und „Reprise“ erkennbar?
Freilich, wer will, kann selbst in diesem rätselhaften Musikstück mit der Suche nach einer „Sonatenhauptsatzform“ fündig werden. Nur verhält es sich damit eher so wie mit Scriabins Spielanweisung „legendenhaft“, legendaire für das erste Thema. Wir haben keine Klaviersonate mehr wirklich leibhaft vor uns, nur noch eine Legende, eine Erzählung von ihr wie aus einer sehr fernen Zeit. Die Sonatensatzform dieser Sonate wirkt eher wie die lange verfallene Ruine eines Schlosses, wo allein noch die nackten Wände stehen geblieben sind. Man sieht Tore, Türen und Fenster, also die Architektur der Fassade, aber nicht mehr, was sie einst bedeuteten, denn die bewohnten Zimmer und Flure hinter den architektonischen Mauerlöchern, sie sind verschwunden. Man weiß also nicht mehr, was sich dahinter zeigte, wo die Tore und Türen letztlich hinführten, zum Königszimmer oder zur Küche. Auch wenn man das Skelett einer Sonatenarchitektur in Scriabins Neunter Sonate ausfindig machen kann, so findet man keine wirkliche Syntax der Sonatenform mehr, welche Satzteile und Abschnitte nicht nur abteilt, sondern zugleich in ihrer Bedeutung gliedert für das Ganze: Hauptgedanke und abschweifender Nebengedanke, Hauptsatz und Nebensatz. Das zeigt schon die vermeintliche Exposition, die aus drei selbständigen thematischen Gedanken besteht: Auf das erste Thema mit seiner unschlüssigen Vorwärtsbewegung, die abrupt abbricht und worauf das dämonische Klopfmotiv antwortet, folgt ein zweites „Thema“, eine energiegeladene Triller-Pendelbewegung und darauf dann als dritter musikalischer Gedanke das, was dem lyrischen „Seitenthema“ in der Sonatensatzlogik entsprechen würde. Nur bezeichnend legt diese Themenfolge die Bedeutung der Themen gar nicht mehr eindeutig fest. Das zweite Thema, die dynamische Trillerpassage, erscheint zum Schluss der Exposition als Auslauf und damit Fortsetzung des „Seitenthemas“. Solche assoziativen Umstellungen zeigen: Die Reihenfolge der Themen wird in gewissem Sinne beliebig. Die musikalischen Gedanken zeigen sich als selbständige Individuen, die sich frei miteinander assoziieren lassen. Und diese Assoziationsfreiheit wird durch keine formale Festlegung mehr wirklich kategorisch eingeschränkt.
Der russische Musiktheoretiker Boris Assafjew unterschied von der architektonischen „Form als Kristallisation“ die dynamische „Form als Prozess“. Scriabins Neunte Sonate lässt sich von daher als die Liquidation der Kristallisationsform der Sonate verstehen, die sich in einen formdynamischen Prozess auslöst. Ermöglicht wird das vor allem durch zwei Prinzipien der Gestaltung: An die Stelle der Themensetzung, welche die thematischen Gedanken klar und deutlich gegeneinander absetzt und abgrenzt, tritt zum einen die assoziative Durchdringung und die damit verbundene Veruneindeutigung der Gedanken in einem Geschehen der Bedeutungsverdichtung. Der formdynamische Prozess treibt diese Durchdringung des vermeintlich klar Verschiedenen immer weiter voran, so dass schließlich das lichthafte und schöne „Seitenthema“ als das Gegenteil seiner selbst erscheint: als ein rabenschwarzer, schäbiger Trauermarsch.
Der Blick auf das motivisch-thematischen Material enthüllt: Scriabin gestaltet offenbar zum anderen das syntaktische Prinzip der Sonatenexposition, das Gegeneinanderstellen zweier in ihrem Charakter kontrastierender Themen, zu einem individuellen Artikulationsprinzip assoziativer Verdichtung um: Dramatische Polarität steckt so bereits im einzelnen Thema, das sich selber mehr oder weniger offenkundig mit einer Ambivalenz und Zweideutigkeit behaftet kundgibt. Der subjektive Sinn der „Ekstase“ in der Neunten Sonate, er liegt genau in diesem diabolischen Spiel assoziativer Veruneindeutigung: Die „Ekstase“ wird zur Epiphanie von Ambivalenz und gipfelt so in einem Titanismus diabolischer Verkehrung: Im Schlusshymnus dieser „Schwarzen Messe“ werden die düsteren, gravitätischen Beharrungskräfte gefeiert, die über die aufstrebenden, schöpferischen Kräfte des Menschen triumphieren. Die „Ekstase“ der Neunten kulminiert in einer verkehrten Apotheose, welche den Menschen nicht etwa titanisch zum Übermenschen aufrichtet, sondern in einen Strudel der Verirrung und Verwirrung hineinzieht, aus dem er nicht mehr herauskommt, quasi endgültig in ihm gefangen scheint: den menschlich-allzumenschlichen Abgrund seiner kranken Seele. Scriabins Neunte Sonate, sie ist damit gewissermaßen der Gegenentwurf zur Fünften Sonate: Dem »großen Ich« mit seinen hochfliegenden Träumen werden die Flügel gestutzt, die Oberhand gewinnt das »kleine« Ich mit seinem lähmenden Zögern und Zaudern.
