Frauenliebe und -sterben, Hamburger Staatsoper, 17.04.2026

  • Unter diesem abgewandelten Schumann-Titel bindet Tobias Kratzer Robert Schumanns Liedzyklus "Frauenliebe und -leben", Bela Bartoks "Herzog Blaubarts Burg" und Alexander von Zemlinskys "Eine florentinische Tragödie" zusammen. Was dabei herauskommt ist ziemlich gutes Musiktheater!


    Gesangspartien
    Insgesamt nur sechs Solisten bestreiten diesen Abend aus Liedzyklus und zwei Einaktern. Es gibt zwei große Gewinner und die bestreiten den Bartok gemeinsam und zumindest gesanglich alleine, was den Mittelteil dieses Abends zum absoluten Höhepunkt macht. Los geht es aber mit Schumann und den singt am gestrigen Abend Annette Dasch. Ein durchaus großer Name mit wunderbar warmer zum Mezzo neigender Stimme. Gestern allerdings gibt es immer mal leichte Intonierungsschwächen, ein Kratzen und eine relativ leise - na klar, sie singt einen Liedzyklus, keine Oper, Vortrag. Ich vermute eine leichte gesundheitliche Angeschlagenheit. Schade, ich habe mir extra einen der Abende rausgesucht, wo sie singt - denn den Schumann teilen sich über die Aufführungen hinweg ganze vier Sopranistinnen.

    Heldin des Abends, auch beim Schlussapplaus, ist Annika Schlicht. Ihre Judith strahlt vor Kraft und Wandelbarkeit. Sie verleiht der Figur gleichzeitig Selbstbewusstsein, Verführung, Angst und Zweifel und sich steigernde Erkenntnis und damit Abneigung. Ein tolles Rollenportrait, dazu immer stimmlich voll da - auch beim berühmten hohen C zur fünften Tür.

    Johan Reuter steht ihr als Blaubart nur sehr wenig nach. Da er auch den Simone im Zemlinsky gibt, hat er am meisten Bühnenzeit an diesem Abend und auch wenn er vereinzelt im dichten Zemlinsky-Orchesterklang untergeht, ist das vor allem im Bartok eine großartige Leistung. Er legt seinen Blaubart als überzeugende Mischung aus Infernalität, Unsicherheit und Verzweiflung an. Das deckt sich dann kongenial mit Schlichts Judith.

    Thomas Blondelle hat als Guido in der Florentinischen Tragödie zu keiner Zeit Probleme mit dem lauten Orchester und rundet den Abend und die starken Leistungen seiner beiden Kollegen damit passend ab. Im Spiel ist er in der Lage, der Tragödie die zweifellos innewohnenden Elemente einer Komödie abzugewinnen.

    Die beiden Männer streiten sich um Bianca, gesungen von der Kanadierin Ambur Braid. Sie hat insgesamt erstaunlich wenig Text und spielt im kurzen Negligee eher die Verführerin. Was sie zu singen hat ist absolut in Ordnung und souverän, bleibt aber natürlich weniger im Gedächtnis, als Schlichts Judith.


    Orchester
    Das Philharmonische Staatsorchester ist in Hochform. Und das liegt vor allem auch an Dirigentin Karina Canellakis. Die amerikanische Griechin ist eine anerkannte Bartok-Spezialistin und große Kennerin dieser Oper. Man merkt es wirklich von vorne bis hinten, mit welcher Begeisterung sie diese beiden Partituren angeht und wie sich die Spielfreude aufs Orchester überträgt. Man freut sich im Bartok auf und über jede neue Türöffnung. Frau Canellakis darf gerne wiederkommen! Das sieht das gesamte Publikum so, denn der Jubel für sie und das Orchester ist ungewöhnlich groß.


    Inszenierung
    Die Kombination dieser drei Stücke gelingt dem neuen Hamburger Chef-Intendanten wirklich fabelhaft. Besonders die Kombination aus Schumann und Bartok ist szenisch derartig gelungen, dass ich große Lust habe, mir die Produktion nochmal anzuschauen. Es geht um Frauenbiographien und Rollenbilder und wie sie sich - nicht - ändern. Schumanns namenlose Frau, deren Gefühlswelt und Lebensentwurf sich ganz selbstverständlich um die Belange des Mannes drehen. Zemlinskys Dreiecksgeschichte in der die Frau, innerhalb der gesellschaftlichen Hülle einer Ehe, Verhandlungssache zweier Männer wird. Und radikalisiert: Bartoks Herzog Blaubart, der Femizide begeht und sich nimmt was er für sich braucht.

    Kulisse ist durchgängig ein bürgerliches Wohnhaus mit Treppen, Flügel und verschiedenen Türen (incl. Schranktüren), die im Blaubart zur Anwendung kommen. Schön anzusehen und absolut passend für die erzählte, verbindende Geschichte.

    Beginnend mit dem Schumann-Liederzyklus kommt Leben in dieses Wohnzimmer. Die namenlose Frau verliebt sich, schreibt Tagebuch, bekommt ein Kind und stirbt sozusagen Lied für Lied in diesem Wohnzimmer. Hier spielt sich ihr ganzes Leben in den vorgegebenen Grenzen ab. Annette Dasch spielt das schön, besonders im letzten Lied, wo ihr sterbend fast die Stimme gewollt versagt. Sie wird in den Sarg gelegt und von Ensemblemitgliedern, die hier und an anderen Stellen nur spielen, aber natürlich nicht singen, abtransportiert. Währenddessen - und ich habe es nicht bemerkt (!) - betritt das Orchester leise den anfangs noch verlassenen Graben und macht sich bereit übergangslos anzuschließen. Direkt an das pianistische Nachspiel des letzten Liedes schließt Canellakis nun den Beginn der Bartok-Oper an. Ein toller Übergang, der Gänsehaut verursacht! Zu den ersten Blaubart-Tönen hinterlegt der trauernde Pianist ihr Tagebuch im nun verschlossenen Flügel. Ein wichtiges Detail, denn wenig später wird dieser Flügel die erste Tür sein. Wenn die Bartok-Judith nun das Tagebauch der namenlosen Schumann-Frau findet, dann verbinden sich ganz organisch Frauen-Biographien über die Generationen hinweg. Erst recht, wenn Annette Dasch dann als eine der von Blaubart getöteten Frauen am Ende der Oper wieder auftaucht. Es geht um die Möglichkeit und die Austauschbarkeit solcher Biographien. Eine namenlose Frau, gefangen in den Normen ihrer Zeit. Und dann die gleiche und doch eine andere namenlose Frau, als Opfer eines Femizids in einem toxisch männlichen System. Das ist hier nicht künstlich gewollt, sondern klug und geschickt umgesetzt. Ganz diese Höhe kann die Verbindung zur Florentinischen Tragödie nicht halten, wenngleich es geschickt ist, dass Reuter beide Hauptrollen singt. Nun kein wahnsinniger Frauenmörder, gleichwohl aber ein Mörder auf einer anderen Ebene: Er bringt seinen Nebenbuhlen um die Ecke, mit dem er zuvor um seine Frau wie um eine Ware geschachert hatte. In Sachen Rollenbildern hat sich auch hier nichts geändert. Bianca aber ist keine namenlose Frau mehr und gibt sich auch nicht so. Sie ist selbstbewusst, fast gelangweilt und in ihrem Opportunismus eine echte Oscar-Wilde-Figur. Man kann Kratzer wohlwollend auslegen, dass hier durchaus ein roter Faden zu erkennen ist: Biancas Leben findet zwar inmitten von Männern statt, die sie sogar als Ware behandeln. Aber im Gegensatz zur Schumann-Frau lässt sie ihr Schicksal davon nicht mehr abhängig machen und im Gegensatz zu den Bartok-Frauen fällt sie der Männlichkeit auch nicht zum Opfer. Sie ist sogar eigenständig genug, um ihre Loyalität zu wechseln, von Guido zu Simone. Allerdings - es ändert sich vielleicht doch nichts? - damit wieder dem Narrativ des starken, sogar gewalttätigen Mannes folgend.


    Fazit

    Dass ein solches Konstrukt über verschiedene Werke nie ganz aufgehen kann und in gewisser Weise auch ein offenes Kunstwerk ist, ist klar. Dennoch gelingt Kratzer hier besonders im ersten Teil außergewöhnliches Musiktheater. Etwas das man unbedingt sehen sollte und wenn man sich drauf einlässt, dann garantiert dieser Abend einige wahre Höhepunkte und Gänsehaut-Momente. Bartoks großartige Oper funktioniert schon mir ihrer außergewöhnlich spannenden Handlung fast immer, dennoch habe ich sie hier neu hören und deuten können. Zemlinskys opulenter Fin-de-siècle-Klang ist ohnehin meine Sache. Wenn dann vor allem Schlicht, Reuter und Canellakis dazu beitragen, dass Kratzers Idee wirklich funktioniert, dann ist das ein glänzendes Beispiel dafür, wie Oper heute sein kann und sollte.




    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)