„LA NAVARRAISE“ (‚Die Navarreserin‘) (Jules Massenet)
Épisode lyrique en deux actes de Jules Claretie et Henri Cain d’après la nouvelle „La Cigarette“ de Jules Claretie. /
Lyrische Episode in zwei Akten von Jules Claretie und Henri Cain nach der Erzählung „Die Zigarette“ von Jules Claretie.
Musik von Jules Massenet.
Uraufführung am 20. 6. 1894 am Royal Opera House, Covent Garden, London.
Personen:
Anita, la Navarraise / Anita, die Navarreserin – Sopran
Araquil, sergent au régiment de Biscaye / Araquil, ein Sergeant im Regiment von Biskaya – Tenor
Remigio, son père / Remigio, sein Vater - Bass
Garrido, général des troupes liberales / Garrido, ein General der liberalen Truppen - Bariton
Ramon, capitaine au régiment de Biscaye / Ramon, ein Hauptmann im Regiment von Biskaya – Tenor
Bustamente, sergent au mème régiment / Bustamente, ein Sergeant im gleichen Regiment – Bass
Un soldat / Ein Soldat – Tenor
Des soldats de différentes armes / Soldaten von verschiedenen Waffengattungen - Chor
L’action se passe dans un village basque pendant la guerre carliste de 1874. /
Die Handlung spielt in einem baskischen Dorf zur Zeit des Carlisten-Aufstands 1874.
Erster Akt:
Ein Bürgerkrieg hat Spanien in zwei Lager gespalten. Die aufständischen ‚Carlisten‘, geführt von Zuccaraga, haben die Stadt Bilbao eingenommen. Garrido (ein ‚Cristino‘), der gegnerische General der Liberalen, kehrt abends besiegt aus einem Gefecht zurück und bezieht mit seinen Soldaten Stellung in einem Dorf in der Nähe; er macht seinen Männern Mut und hofft, dass mit dem Tod ihres Anführers Bilbao zurück erobert werden kann und dass dann Frieden herrscht. Anita, eine junge Waise, die aus Navarra stammt und von der Dorfgemeinschaft deshalb als Fremde betrachtet wird, liebt einen der Soldaten: Araquil. Sie ist überzeugt, dass eine kleine Figur der Heiligen Jungfrau, die sie bei sich trägt, Araquil schützen wird. Anita wartet betend auf die zurückkehrenden Soldaten (Arie: ‚Vierge très bonne, ô Marie, fais qu‘il me revienne encor’) und es gibt ein freudiges Wiedersehen. Doch Remigio, Araquils reicher Vater, lehnt die fremde und mittellose Frau ab; bevor er seinem Sohn gestattet, sie zu heiraten, verlangt er eine Mitgift von 2000 Douros, wohl wissend, dass Anita eine solche Summe nicht wird zahlen können. Garrigo erkundigt sich über Araquils Verhalten in der Schlacht und ernennt ihn zum Leutnant, was Remigio mit Stolz erfüllt. Es wird langsam dunkel, als sie gehen. Ramon teilt Garrigo mit, dass sein Freund Ortéga gefallen ist und der General will wütend ein Kopfgeld auf Zuccaraga bieten (Duett Garrigo-Anita: ‚Misérable bandit! Il ne mourra donc pas?‘). Anita hört das mit und sie sagt Garrido, dass sie bereit ist, für 2000 Douros den Carlistenführer zu töten; sie schwört, darüber zu schweigen und ohne Garrigos Antwort abzuwarten, verschwindet sie im Dunkel der Nacht. Garrido bereitet für den Morgen einen Angriff vor und trommelt seine Soldaten zusammen. Araquil denkt an Anita (Arie: ‚Ô bien aimée, pourquoi n’es-tu pas là?‘). Ramon nähert sich ihm und er berichtet, dass sie gesehen wurde, als sie in das Lager des Feindes ging; durch Andeutungen weckt er in Araquil die Eifersucht. Die Soldaten trinken Wein und Bustamente spielt auf seiner Gitarre (Lied mit Chor: ‚J‘ai trois maisons dans Madrid’), dann befiehlt Ramon die Nachtruhe. Im Orchester erklingt ein stimmungsvolles ‚Nocturne’.
Zweiter Akt:
Im Morgengrauen rufen die Soldaten zum Kampf. Anita erscheint bei Garrido, verwundet und mit zerrissenem Kleid; sie scheint wie in Trance zu sein. Sie überzeugt Garrido, dass sie Zuccaraga getötet hat und er besteht darauf, dass sie niemandem davon erzählt; sie erhält die versprochene Geldsumme und sie ist glücklich, dass ihr Traum wahr werden wird, Araquil zu heiraten (Arie: ‚Mon argent, l‘argent rouge! Voici ma dot!‘). Aber da wird Araquil von Soldaten auf einer Trage gebracht, tödlich verwundet, als er Anita in das Lager des Feindes gefolgt ist. Sie kann ihm die Wahrheit nicht sagen und als sie ihm das Geld zeigt, beschuldigt er sie der Prostitution (Duett Araquil-Anita: ‚Blessé, mourant. J‘espère. Car je mourrai par toi!‘). Araquils Vater und Ramon sagen ihm, dass die Glocken läuten als Zeichen von Zuccaragas Tod. Entsetzt erkennt Araquil die Wahrheit und stirbt. Anita hält das Geläute der Glocken für ihre Hochzeitsglocken, sie sagt lachend, dass sie die Mitgift zahlen kann und die Gäste bereits in der Kirche warten. Die Umstehenden erkennen mit Schrecken, dass sie wahnsinnig geworden ist. Anita bricht über Araquils Leiche zusammen.
Emma Calvé, eine berühmte Carmen und die erste Pariser Santuzza, bot 1894 das Libretto von Henri Cain, mit dem sie zeitweilig zusammen lebte, Jules Massenet zur Vertonung an. Inzwischen hatten die ersten Opern des Verismo („Cavalleria rusticana“ 1890, „I pagliacci“ 1892 und „Manon Lescaut“ 1893) ihren Siegeszug über die Bühnen begonnen und Massenet, der gerade mit seiner „Thais“ einen großen Erfolg errungen hatte, machte sich an die Arbeit. Auf die Uraufführung am 20. 6. 1894 im Londoner Opernhaus Covent Garden - mit Emma Calvé (Anita), Albert Alvarez (Araquil), Pol Planҫon (Garrido) und Charles Gilibert (Remigio) unter der Leitung von Augustus Harris - folgte Brüssel am 26. 11. 1894 und schließlich Paris (Opéra Comique, Salle du Châtelet) am 3. 10. 1895, ebenfalls mit Emma Calvé. Die New Yorker Metropolitan Opera brachte die Oper am 30. 11. 1921 zur Aufführung mit Geraldine Farrar (Anita), Giulio Crimi (Araquil), Léon Rothier (Garrigo) und Louis D’Angelo (Remigio) unter der Leitung von Albert Wolff.
Die Reaktionen von Publikum und Presse waren sehr geteilt; man hatte Massenet – dem ‚Komponisten der Frauen‘ – die Vertonung einer solchen naturalistischen Opernhandlung nicht zugetraut. Spötter prägten zwar für die „Navarraise“ in Anspielung auf Pietro Mascagnis Oper den Begriff ‚Calvélleria espagnol‘, doch enthält die Partitur kaum spanisches Kolorit, abgesehen von einem kurzen Fandango und dem Soldatenlied mit Gitarrenbegleitung, beides im ersten Akt. Anitas Schlussworte sind von Massenet nicht komponiert worden; er schreibt, dass ‚sie in Gelächter verfällt und nach einem Ausbruch der Hysterie leblos zusammenbricht‘, für zweieinhalb Takte ist nur das Geläute der Glocken und ihr Lachen zu hören.
Der geschichtliche Hintergrund der Handlung von „La Navarraise“ ist der zweite sogenannte ‚Carlistenkrieg‘. Der spanische König Fernando VII. hatte 1830 sein einziges Kind, die gerade geborene Tochter Isabella, als Thronerbin eingesetzt, was dessen Bruder Carlos nicht akzeptieren wollte und es kam nach Fernandos Tod vor allem im Baskenland und in Navarra von 1833 bis 1839 zum Bürgerkrieg. Die Anhänger von Carlos (die ‚Carlisten‘), die – beeinflusst von der katholischen Kirche - stark reaktionär geprägt waren und Sonderrechte für einige spanische Regionen beanspruchten, verloren schließlich. 1868 wurde Königin Isabella von ihren eigenen Generälen abgesetzt, weil sie nach deren Ansicht zu nachsichtig mit den Carlisten umging. Ein Herzog von Aosta bestieg den spanischen Thron und dankte bereits nach einem halben Jahr ab, worauf die erste spanische Republik ausgerufen wurde, die bis 1875 Bestand hatte. 1872 rief ein neuer Thronprätendent (ebenfalls mit Namen Carlos) zur Revolution auf. Der zweite ‚Carlistenkrieg‘ nahm wieder im Baskenland und in Navarra seinen Anfang und dehnte sich bald über ganz Spanien aus; dies ist die Zeit, in der die Oper „La Navarraise“ spielt. (Erst 1876 – nach der Inthronisierung von Isabellas Sohn, Alfonso XII., und mehreren siegreichen Schlachten der Royalisten gegen die Carlisten – endete diese unruhige Periode der spanischen Geschichte.)
Carlo
