Haydns Schöpfungsmesse erhielt ihren Namen durch ein Selbstzitat aus der Schöpfung. Haydn lässt beim „Qui Tollis“ der Gloria den Bass Solisten die Worte zu seiner Melodie aus dem Duett von Adam und Eva singen. Dieses weltliche Zitat brachte Haydn damals viel Kritik ein und er wurde von Kaiserin Theresa ersucht die entsprechende Stelle zu ändern. Diese Änderung hat überlebt und kann (als Anhang) in der Aufnahme von Richard Hickox und dem Collegium 90 gehört werden. Was dieses Zitat aber auch verdeutlicht, ist die Tatsache, dass Haydns vorletzte Messe, meiner Meinung nach, mehr von den späten Oratorien - vor allem den Jahreszeiten - beeinflusst wird als die anderen. Das beschränkt sich nicht nur auf das erwähnte Zitat, sondern ist in der gesamten Messe präsent. Komponiert wurde sie in 1801, also unmittelbar nach der Fertigstellung der Jahreszeiten. Sie weist auch eine reiche Besetzung auf: 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, Streicher, Orgel, gemischten Chor mit Sopran, Alto, Tenor und Bass Solisten. Das größere Orchester und seinen Einsatz in diesem Werk (und auch der Harmoniemesse) scheint auch von dem Umgang mit großen Orchestern in den Oratorien beeinflusst zu sein.
Das Kyrie beginnt mit einer langsamen Einleitung. Das ist in sich selber nicht ungewöhnlich, beginnen doch sehr viele Haydn Messen mit einer Einleitung. Was hier aber anders wirkt ist die fast schon pastorale Stimmung der Musik, die mehr an den Bittgesang aus den Jahreszeiten erinnert als an die der anderen Messen. Anstatt des Chors, erklingt die Alto Solistin und erst später folgt die Antwort vom Chor. Diese Einleitung ist natürlich wunderschön, wirkt aber auf mich wenig religiös und erhaben, sondern eher verträumt und pastoral. Das darauffolgende Allegro könnte auch gut ein Freudenchor aus Haydns Jahreszeiten sein und erinnert tatsächlich etwas an den Weinchor des Oratoriums. Der Mittelteil (Christe eleison) ist wieder mehr „kirchlich“ mit seiner geflochtenen Polyphonie des Solistenquartetts, aber das Kyrie kehrt wieder und lässt den Satz heiter ausklingen. Der 6/8 Takt ist für ein Kyrie auch eher ungewöhnlich und trägt wahrscheinlich auch dazu bei, die Stimmung hier „weltlicher“ zu machen.
Das Gloria beginnt zunächst normal mit einer einleitender Fanfare und dem Eintritt der Chors mit „Gloria in Excelsis Deo“. Wie üblich beruhigt sich die Musik für „et in Terra Pax“ und leitet dann weiter zu „laudamus te u.s.w.“. Die große Überraschung kommt mit „Gratias tibi“, wo die Musik einen abrupten Wechsel zu Moll macht. Dieser Abschnitt hat eine fast opernhafte Dramatik an sich und wirkt in einem sakralen Setting etwas deplatziert. Danach beruhigt sich die Musik etwas und führt zu der berühmten „Qui tollis“ Passage. Haydn ist für seinen Humor berühmt, jedoch in seiner Kirchenmusik ist kaum etwas davon zu bemerken. In der Tat ist diese Passage die einzige humorvolle, die ich aus Haydns Messen kenne. Der erste Witz ist dass Haydn vergessen hat das Tempo zu wechseln. Normalerweise wird (spätestens) mit „Qui tollis“ ein langsames Tempo eingeleitet. Der zweite Scherz ist natürlich das Zitat aus dem Oratorium, das damals fast jeder gekannt haben muss. Am lustigsten finde ich jedoch den erbosten Aufschrei des Chors (vielleicht Haydns Kritiker?) im richtigen Tempo und im wütenden Forte zu den Worten „Miserere nobis“. Danach folgt eine Arie für Alto und Sopran, die aber auch eher opernhaft (fast wie eine Liebesarie) klingt und mit vollem Chor abgeschlossen wird. Der dritte Teil endet traditionell mit einer großen Fuge, die aber gegen Schluss von kleinen Soli der Klarinetten und Oboen unterbrochen wird, was den Abschnitt wiederum sinfonisch einfärbt.
Das Credo beginnt zunächst in gewohnten Bahnen, jedoch die Tenor Arie im „et incarnatus est“ klingt dann doch eher wie aus einem Singspiel. Noch eigenartiger ist das „Crucifixus“: Ein chromatisch windender Bass Solo wird von einem jähem Aufschrei des Chors zu den Worten „sub Pontio Pilatus“ gefolgt. Diese Stelle ist zwar dramatisch, aber auch theatralischer als die entsprechenden Abschnitte der anderen Messen. Der dritte Teil des Credos ist dann wieder halbwegs „normal“ und endet in einer Fuge zu „et Vitam Venturi“.
Wie in fast allen Haydn messen, wird der Sanctus hymnenartig vom Chor gesungen, jedoch die etwas unruhige Begleitung in Triolen vom Orchester geben diesem Abschnitt dann doch eine ganz andere Stimmung als in den anderen Messen. Der zweite Abschnitt, beginnend mit „Pleni sunt coeli“ ist recht ausgelassen und und steigert sich zu einem jubelten „Hosanna in excelsis“, das den Satz abschließt.
Das wunderschöne Benedictus ist ein Dialog der Solisten, mit einer großzügigen Beteiligung des Chors. Anders als in seinen anderen Messen, wartet Haydn nicht bis zum Schluss des Satzes für das „Hosanna in excelsis“, sondern lässt den Chor mit diesen Wörtern immer wieder den Satz unterbrechen. Auch wird die Musik des Hosannas aus dem Sanktus hier nicht wiederholt.
Das „Agnus Dei“ ist vielleicht der „sakralste“ Abschnitt der Messe. Es beginnt tief ernst und führt nach der dreimaligen Wiederholung zum „Dona nobis Pacem“. Der Abschnitt ist klingt fast triumphierend und geht sofort in eine Fuge über. Etwas später in diesem Abschnitt gibt es noch zwei kleine Soli für die Klarinette, die in diesem Werk eine durchaus prominente Rolle hatte. Die Messe endet schließlich fröhlich und mit ausgelassener Stimmung.
Meine „Sekularisierung“ dieser Messe soll auf keinem Fall ein Werturteil sein. Die Schöpfungsmesse zählt zu meinen Favoriten gerade weil sie so anders ist. Jedoch waren es vielleicht Werke wie diese Messe, die Haydn damals als Kirchenkomponist viel Kritik einbrachten. „Nicht ernste genug“, „zu frivol“ und „zu fröhlich“ waren die damaligen Urteile gegen Haydns Kirchenmusik. Jedoch war Haydn ein Komponist der stets die vorherrschenden Normen in Frage gestellt hat und somit auch die Musik erneuert hat. Was bei dieser Messe heraussticht, ist zum einem die sehr farbige Instrumentation, die für die Zeit eher ungewöhnlich war und die ausgelassene, ja fast schon fröhliche Stimmung des Werks (die Schöpfungsmesse weist keinen einzigen Abschnitt in einer Moll Tonart aus). Insofern sind Haydns letzten sechs Messen zukunftsweisend und hatten sicherlich einen Einfluss auf Schuberts und Bruckners Messen. Was Haydns damalige (und vielleicht jetzige) Kritiker betrifft, so möchte ich hier gerne den Komponisten selber zitieren: „Gott hat mir ein fröhliches Herz gegeben, also wird er mir es schon verzeihen wenn ich ihm fröhlich diene“.
