Musikerinnen und Musiker - sitzend oder stehend?

  • Es gibt Orchester, die spielen sitzend und solche, die geben stehend der Musik Ausdruck. Die Cellisten sind aus verständlichen Gründen davon ausgenommen.


    Eine Marotte oder steckt mehr dahinter? Ändert sich der Klang, sind Musiker und Musikerinnen stehend aufmerksamer?


    Die Regel ist: In einem Violinkonzert steht der Solist, die Orchestermitglieder ausser die Kontrabassisten sitzen. Auch Streichquartettensembles spielen sitzend.


    Und es gibt die Ausnahmen, wenn alle, denen es möglich ist, auf beiden Beinen stehen und die Instrumente spielen. Ein Alleinstellungsmerkmal, das man in diesem Fall wörtlich nehmen kann.


    Standen die Mitglieder vergangener Epochen oder sassen sie?


  • Was ich für die Bläser sagen kann: stehen ist für das Zwerchfell bestimmt von Vorteil. Die Atmung wird nicht eingeschränkt.


  • Collegium Musicum in Jena um 1750


    Collegium_musicum.jpg


    Wie die oben verlinkte Abbildung zeigt, steht hier das Orchester, mit Ausnahme derjeniger Musiker, die es instrumentenbedingt nicht können.


    Wenn man Abbildungen der jeweiligen Epochen studiert, wird man Beispiele für stehendes wie auch sitzendes Musizieren finden.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

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  • Auf die Musik hat das kaum Einfluss.

    Weiß ich nicht; im Stehen hat man doch mehr Bewegungsfreiheit bzw. die Freiheit, der musikalischen Agilität freien Lauf zu lassen: man sieht das viel bei Streichern, vor allem aber auch bei Clarinetten und Oboen, wie die Musiker/innen diese dirigentenstabgleich durch den Äther wirbeln und darin herumrühren.


    Auf historischen Gemälden sieht man Musiker in Gruppierungen zumeist stehend. Ich denke, es kommt - gestern wie heute - auf die Größe des Ensembles an. Eine Bruckner- oder Mahler-Sinfonie im Stehen? Wohl kaum ...


    Solisten, mit Ausnahme von Cello, Tasteninstrumenten und Vergleichbaren, stehen sängergleich wohl immer.

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Ich denke, es kommt - gestern wie heute - auf die Größe des Ensembles an.

    ...und natürlich auf das Alter der Ausführenden, deren physische Verfassung einerseits, und deren Temperament andrerseits.

    Sehr gut bei Dirigenten zu beobachten, die zumeist erst in hohem Alter sitzend dirigieren.


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Eine Bruckner- oder Mahler-Sinfonie im Stehen? Wohl kaum ...


    Doch, durchaus. Ich war im Mai bei Curentzis mit seinem Orchester Utopia. Vor der Pause gab des es Berg-Violinkonzert, nach der Pause Mahler 1. Mahler 1 wurde komplett im Stehen gespielt, das Berg-Konzert zuvor weitgehend im Sitzen, teilweise im Stehen. Das Konzert war übrigens umwerfend gut, siehe hier:


    Konzertbesuche und Bewertung


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Arbeitsrechtlich könnte es Probleme geben, wenn die Krankschreibungen durch die stehende Tätigkeit zunehmen. Deswegen glaube ich nicht, dass sich das durchsetzen wird.

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  • Kann man so oder so machen. Auf die Musik hat das kaum Einfluss.


    Das dachte ich auch mal, bis ich in dem besagten Currentzis-Konzert gewesen bin. Natürlich fehlt hierfür die Gegenprobe (also ob es anders geklungen hätte, wenn das Orchester Mahler 1 im Sitzen gespielt hätte), aber das körperliche Engagement beim Spielen im Stehen übertrug sich (nach meinem Empfinden) auf die Musik.


    Kein Instrumentalsolist (Violine, Flöte etc.) wird ein Solokonzert im Sitzen spielen, außer wenn dies medizinisch geboten ist (wie bei Perlman) oder durch das Instrument erforderlich ist (z. B. beim Klavier und beim Cello). Da kann man sich schon fragen, wieso ein Tutti-Geiger oder -Flötist sitzt, wenn doch das Spielen im Stehen irgendeinen Vorteil zu haben scheint - sonst könnten ja auch die Solisten sitzen.


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  • Doch, durchaus.

    Okay, dann widerrufe ich und behaupte das Gegenteil. Doch: Bässe im sitzen? Auf 'nem Hochstuhl? :/ Sitzende Contrabäße sind mir noch nie bewusst ins Blickfeld geraten.


    BTW: das Bergkonzert mit Curry hatte ich auch mal gebucht (Mannheim); er hatte Rücken und wurde unvorteilhaft ersetzt. Da nutzte auch die Kopatchinskaja nichts ... Live hatte ich ihn aber dennoch mehrfach in Stuttgart erwischt.


    NB: Ich glaube, bei Opernaufführungen sitzen und saßen schon immer alle brav im Graben - sonst würden sie das Bild stören. Bei halbscenischen Darbietungen mit einem Orchester-Darsteller-Mix auf der Bühne kann das durchaus aber gut im Stehen funktionieren.

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Arbeitsrechtlich könnte es Probleme geben, wenn die Krankschreibungen durch die stehende Tätigkeit zunehmen. Deswegen glaube ich nicht, dass sich das durchsetzen wird.


    Auch bei anderen Berufen wird weitgehend im Stehen gearbeitet. Dass man in Proben sitzt, die über mehrere Stunden gehen, ist vollkommen verständlich, aber für eine einstündige Sinfonie kann man im Konzert auch durchaus mal eine Stunde stehen.


    Ich habe mir meinen Bandscheibenvorfall übrigens wahrscheinlich durch das viele Arbeiten im Sitzen geholt...


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  • Okay, dann widerrufe ich und behaupte das Gegenteil. Doch: Bässe im sitzen? Auf 'nem Hochstuhl? :/


    BTW: das Bergkonzert mit Curry hatte ich auch mal gebucht (Mannheim); er hatte Rücken und wurde unvorteilhaft ersetzt. Da nutzte auch die Kopatchinskaja nichts ... Live hatte ich ihn aber dennoch mehrfach in Stuttgart erwischt.


    Bei Instrumenten, die eine sitzende Position erfordern, saßen die Musiker natürlich. Für die Bässe gibt es ja meistens diese Hocker zum Ausruhen, aber gespielt wird m. W. üblicherweise im Stehen, oder nicht? Ich schaue im Konzert zu selten auf die Kontrabässe...


    Das Berg-Konzert wurde an dem Abend zum Glück nicht von Frau Kratzadingskaja gespielt, sondern von Vilde Frang.


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  • Das Berg-Konzert wurde an dem Abend zum Glück nicht von Frau Kratzadingskaja gespielt, sondern von Vilde Frang.

    Mir egal, welcher wilde Fang das kratzt ... ich hatte Currentzis gebucht und was anderes vorgesetzt bekommen. ||

    Ist das HIP oder kann das weg?

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  • Auch bei anderen Berufen wird weitgehend im Stehen gearbeitet.

    Aber nicht stundenlang auf einer Stelle. ^^ Es ist auch eine Frage des Alters. Kann man dem 64jährigen zumuten, Stunden zu stehen? Und in der Praxis geht es wohl kaum, dass einige Musiker stehen und andere sitzen bunt durcheinander - bis auf die Reihe hinten mit den Kontrabässen, die steht.

  • Aber nicht stundenlang auf einer Stelle. ^^ Es ist auch eine Frage des Alters. Kann man dem 64jährigen zumuten, Stunden zu stehen? Und in der Praxis geht es wohl kaum, dass einige Musiker stehen und andere sitzen bunt durcheinander - bis auf die Reihe hinten mit den Kontrabässen, die steht.


    Wieso denn "stundenlang"? Ein Stück in einem klassischen Konzert ist in der Regel maximal ca. eine bis eineinhalb Stunden lang.


    Orchestermusiker besitzen heutzutage in der Regel Fähigkeiten auf Solisten-Niveau. Das Beethoven-Violinkonzert dauert ca. 40 bis 45 min., das von Brahms auch. Das kann ein Sologeiger komplett im Stehen spielen. Wenn er/sie dann Tutti bei Mahler 1 spielen soll (Spieldauer ca. gute 10 min. länger), dann geht das auf einmal nicht mehr im Stehen? Das leuchtet mir nicht ganz ein.


    Ich bin Laien-Chorsänger. Wir hatten mal ein Konzert mit den Requien von Mozart und Saint-Saens, Spieldauern ca. 50 min. bzw. ca. 40 min. Aus Platzgründen konnten wir in den Soloteilen nicht sitzen, sondern mussten durchgehend stehen. Das haben alle Choristen durchgehalten, auch die etwas älteren, obwohl wir am gleichen Tag noch eine Stell- und Verständigungsprobe am gleichen Ort zu absolvieren hatten.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Die rechtliche Seite ist nicht zu unterschätzen. Stockhausen scheiterte mit seinen Proben-Vorstellungen in den USA bei den Orchestergewerkschaften. Deshalb hat er dann die Proben mit Studentenorchestern gemacht. ^^


    Ich bin Laien-Chorsänger. Wir hatten mal ein Konzert mit den Requien von Mozart und Saint-Saens, Spieldauern ca. 50 min. bzw. ca. 40 min. Aus Platzgründen konnten wir in den Soloteilen nicht sitzen, sondern mussten durchgehend stehen.

    Das glaube ich gerne. Nur Profi-Musiker müssten das jeden Tag tun. Das ist schon ein nicht unbedeutender Unterschied. Dazu kommen ganz praktische Dinge. Was ist, wenn die 2. Geige 1.50m klein ist und vor ihr dann ein Hüne der 1. Geige steht, ein Lulatsch von 1.90 m? Bei einem 120 Mann-Orchester ist das schon ein Problem. Können alle Musiker den Dirigenten frei sehen? Solisten machen auch ziemlich ausladende Bewegungen. Das geht bei Orchestermusikern in "Reih und Glied" nicht. Die brauchten dann Training, damit sie nicht den Ellenbogen von der Violine nebenan dauernd im Gesicht haben.... ^^ Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass man damit, die Konvention des sitzenden Spiels beim Orchester zu ändern, bei den Musikern nicht durchkommt.

  • Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass man damit, die Konvention des sitzenden Spiels beim Orchester zu ändern, bei den Musikern nicht durchkommt.

    Zumal da auch eine Menge Voodoo im Spiel ist. Bessere Atemtechnik bei Holzbläsern, bessere Beweglichkeit bei den Streichern, dramatischerer Ausdruck aufgrund erhöhter Körperspannung... Ich denke: Es ist Show, damit es beim Publikum gut aussieht, vor allem wenn da so ein Zappelphillip als Dirigent steht.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

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  • Da würde ich nicht stehen sondern schreiend weglaufen :hahahaha:

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Nur Profi-Musiker müssten das jeden Tag tun.


    Die meisten Sinfonie-Orchester spielen nicht täglich Konzerte.


    Dazu kommen ganz praktische Dinge. Was ist, wenn die 2. Geige 1.50m klein ist und vor ihr dann ein Hüne der 1. Geige steht, ein Lulatsch von 1.90 m?


    In welcher Orchester-Aufstellung steht ein Mitglied der ersten Violine vor einem Mitglied der zweiten Violine?


    Davon abgesehen ist das Argument nicht sonderlich plausibel, denn Chöre stehen immer beim Singen in Konzerten, und auch dort sind Menschen nicht einheitlich groß gewachsen. Im Chor lernt man, auf Lücke zu stehen.


    Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass man damit, die Konvention des sitzenden Spiels beim Orchester zu ändern, bei den Musikern nicht durchkommt.


    Das kann allerdings sein. Ich finde nur, dass es wenig Sachargumente gegen das Spielen im Stehen gibt, außer den damit verbundenen Unbequemlichkeiten.


    Ich habe gestern übrigens 180 min. Vorlesung im Stehen gehalten...


    LG :hello:

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  • Doch, durchaus. Ich war im Mai bei Curentzis mit seinem Orchester Utopia. Vor der Pause gab des es Berg-Violinkonzert, nach der Pause Mahler 1. Mahler 1 wurde komplett im Stehen gespielt, das Berg-Konzert zuvor weitgehend im Sitzen, teilweise im Stehen. Das Konzert war übrigens umwerfend gut, siehe hier:


    Konzertbesuche und Bewertung


    LG :hello:

    Ich schließe mich dir erneut an. Anderes Currentzis-Konzert, gleicher Eindruck. Die 1. Geigen standen plötzlich an einer melodisch exponierten Stelle auf, und es fegte, zur Komposition völlig passend, ein bemerkenswert musikantischer Schwung durch den Saal. :thumbup:

  • Ich hatte Leusink zuvor noch nie in Aktion gesehen. Der scheint ja echt eine coole Socke zu sein.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

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    (Igor Levit)

  • Auszug aus einer KI-Antwort:


    Warum im Stehen musiziert wird

    Bessere KörperspannungDas Stehen erlaubt eine freiere Entfaltung der Atmung und des gesamten Bewegungsapparates.
    Intensivere KommunikationOhne Stühle können sich die Musiker besser zueinander drehen und direkter auf Impulse reagieren.
    SichtbarkeitIn flachen Sälen ist das stehende Orchester für das Publikum deutlich besser zu sehen.
    Visuelle EnergieDie physische Bewegung der Musiker überträgt sich optisch und emotional direkt auf die Zuschauer.

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    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

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  • Es gibt einige Kammerorchester, die entweder grundsätzlich oder fallweise im Stehen musizieren, u.a.:


    - Aurora Orchestra (UK)

    - Kammerorchester des BR - oft ohne Dirigenten, dann angeführt vom Konzertmeister (DE)

    - Dogma Chamber Orchestra (DE)

    - Zürcher Kammerorchester (CH)

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