Musica Florea - Originalklang aus Böhmen

  • Das tschechische Originalklang-Ensemble Musica Florea wurde 1992 durch den Cellisten und Dirigenten Marek Štryncl gegründet, welcher dem Orchester bis heute als künstlerischer Leiter vorsteht.


    Das in Prag ansässige Ensemble hat sich mit den Jahren vom Barock bis in die Spätromantik vorgearbeitet. Ein Schwerpunkt liegt nach wie vor auf dem böhmischen Repertoire. Als eines der führenden Originalklang-Orchester Tschechiens ist Musica Florea bei zahlreichen Festivals im In- und Ausland aufgetreten und hat eine beachtliche Diskographie vorzuweisen, darunter der erste komplette Zyklus der neun Sinfonien von Antonín Dvořák auf historischen Instrumenten beim Label Arta.


    Offizielle Website: https://www.musicaflorea.cz/


    hhud912szh8fa_300.jpg

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Eine wichtige Aufnahme unterschlagen, mit der wunderbaren Magdalena Kozena:

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Seine Achte Dvořák ist bemerkenswert und gehört zu meinen Liebsten!


    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Achte Dvořák

    Wenn ich das recht verstehe, haben sie Nr. 7 & 8 sogar doppelt eingespielt: 2009 als Auftakt der Reihe (die vom Video) und dann 2022 bzw. 2023 nochmal auf jeweils einer einzelnen CD mit anderem Beifang. Die Spielzeiten sind jedenfalls nicht völlig identisch, hier Nr. 8:


    I. 9:47 (2009) — 10:21 (2023)

    II. 10:15 (2009) — 10:39 (2023)

    III. 6:42 (2009) — 6:31 (2023)

    IV. 9:18 (2009) — 10:00 (2023)


    Musica Florea conducted by Marek Stryncl began their period instrument series of Dvorak's Symphonies with a two disc set of Symphonies 7 and 8. When stocks ran out this recording vanished from the Arta catalogue. Rather than repress more copies, it was decided to make new recordings.

    Why has Marek Stryncl decided to remake his interpretation of Dvorak's Symphony No. 7? "I have come to believe," he says, "that our interpretation of this work was not romantic enough. It clung to the legacy and influence of conductor Vaclav Talich who at the end of his life said that he would perform Antonin Dvorak's works without all this romantic overlay."

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Danke für die Vorstellung des Orchesters und einiger eingespielter Werke, lieber Joseph.


    Da ich tschechische Musik sehr schätze werde ich mich in kommender Zeit mit den Sinfonien von Anton Dvorak beschäftigen.


    Gerade höre ich



    und bin sehr angetan vom "Originalklang" des Orchesters. Hier wird nichts "seelenlos runtergespielt", sondern im besten Sinne miteinander musiziert. Neben ungewohnten "Orchesterfarben", einer sehr schönen Orchestertransparenz wird einerseits warmherzig, andererseits in manchen Tutti Passagen, etwa im Finalsatz, auch etwas "rustikal" gespielt. Ob Marek Stryncl das meinte mit "not romantic enough" wird sich demnächst zeigen, wenn ich mich mit den späteren Aufnahmen


    und


    beschäftigen werde...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Ehrlich gesagt kann ich mir keine „Verbesserung“ gegenüber der ersten Einspielung vorstellen ... bin gespannt, was Du berichten wirst.

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Ich bin ja ein großer Freund des "böhmischen Klangs" und sammle schon ewig Aufnahmen mit der Tschechischen Philharmonie. Es hat sich glaube ich bei keinem Orchester der Welt so der "historische" Klang erhalten wie in Tschechien. Die 8. Dvorak mag ich auch besonders. Die Trompete zu Beginn klingt unverwechselbar böhmisch - das ist aber bis heute so geblieben bei der Tschechischen Philharmonie. Aufnahmen von Musica Florea habe ich komischer Weise bislang nicht. Sie klingen ebenso unverwechselbar böhmisch - allerdings stören mich diese Schwelltöne. Da greife ich dann doch lieber zu Vaclav Neumann. Aber wie gesagt, ich werde mich mal durchhören und vielleicht die eine oder andere Aufnahme in meine Sammlung einfügen.


    Finale ab 26:41


  • Die 8. und 9. Dvorak gerade gehört. Hat mich glatt dazu inspiriert Mackerras und Fricsay wieder raus zu kramen ^^

    Ok, zugegeben, ganz so schlimm ists nicht, aber für den Alltagsgebrauch taugt es mir nicht. Schon gar nicht Ma Vlast, da ist einfach nicht genug Bums dahinter, aber eine hübsche Sichtweise.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Ich habe "Má vlast" mit Musica Florea dieser Tage komplett gehört und sehe es seither unter meinen Top-Favoriten, was angesichts der prominenten Konkurrenz etwas heißen will. Marek Štryncls Sinn für gekonnte Agogik ist faszinierend und erinnert mich in seiner Subjektivität tatsächlich an die romantische Geisteshaltung der Entstehungszeit dieser Werke. Selbst bei der zu Tode gehörten "Moldau" gibt es da "Unerhörtes" zu entdecken. "Bums" fehlte mir persönlich mitnichten; selten eine ähnlich bezwingend-dramatische Interpretation des düsteren "Tábor" vernommen.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Banner Strizzi
  • da hat einer das wegfegende Blech im Finale der Achten verpasst.

    Hab ich gehört. Hier:


    Bei den anderen nicht so, da war mir zu viel Volksfest dabei.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Inzwischen befinde ich mich im 2. Satz der 8. Sinfonie in der späteren Aufnahme und habe inzwischen herausgehört, was Marek Stryncl mit "not romantic enough" in den früheren Interpretationen meinte: er ist in den späteren Aufnahmen viel freier in der Agogik. Er zieht manchmal das Tempo unvermittelt an, bremst es stellenweise vor "musikalischen Höhepunkten" ab, lässt manchmal mehr legato spielen als man es von anderen Aufnahmen gewohnt ist.


    Ich sehe gerade, dass Marek Stryncl seine Herangehensweise selbst beschreibt:



    »Als Richard Wagner, Antonín Dvořáks großes Idol, Beethovens Symphonie Nr. 3 in der Aufführung des Orchesters des Prager Konservatoriums hörte, bemerkte er angewidert, dass die Aufführung nicht gut genug sei, weil es nur sehr wenige Tempowechsel gebe. Er fügte hinzu, dass wir uns anhören sollten, wie solche symphonische Musik von Pianisten gespielt wird.


    Und tatsächlich enthalten Klavieraufführungen dieser Art von Musik nicht nur in Aufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert, sondern auch heutzutage verschiedene Agogiken, Accelerandi, Ritardandi, Rubati, verschiedene Artikulationen. Nach romantischem Ideal sollte eine solche Interpretation auch für das Sinfonieorchester gelten. Dies ist so, obwohl die meisten dieser Vorzeichnungen oder Verzierungen vom Komponisten nicht in die Partitur aufgenommen wurden.


    Es ist daher an der Zeit, die ursprüngliche Schönheit der vielfältigen romantischen Interpretation wiederzubeleben und keine Angst davor zu haben, ›Risiken einzugehen‹. Auch Antonín Dvořák hatte keine Angst. Er und Richard Wagner haben stets eine radikale Herangehensweise an die Flexibilität des Tempos gefördert.« (Marek Štryncl)


    Frei nach dem Motto: Das Wichtigste in der Musik steht nicht in der Partitur. So wie Joseph II es ein paar Beiträge vorher beschreibt: "Marek Štryncls Sinn für gekonnte Agogik ist faszinierend und erinnert mich in seiner Subjektivität tatsächlich an die romantische Geisteshaltung der Entstehungszeit dieser Werke."


    Es ist schade, dass die CDs beim Werbepartner nicht mehr erhältlich sind, obwohl sie, wie im Falle der 8. Sinfonie, stellenweise erst vor etwas mehr als zwei Jahren herausgebracht wurden.

    Das ist sicherlich kein Dvorak für alle Tage, aber man ist angehalten, mit "neuen Ohren" zu hören, sowohl in Bezug auf die freie Agogik als auch auf den wunderbar farbigen, warmen, virtuosen, transparenten Orchesterklang. Für mich eine eindeutige Bereicherung in der Aufführungsgeschichte der Sinfonien von Anton Dvorak.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Inzwischen befinde ich mich im 2. Satz der 8. Sinfonie in der späteren Aufnahme und habe inzwischen herausgehört, was Marek Stryncl mit "not romantic enough" in den früheren Interpretationen meinte: er ist in den späteren Aufnahmen viel freier in der Agogik. Er zieht manchmal das Tempo unvermittelt an, bremst es stellenweise vor "musikalischen Höhepunkten" ab, lässt manchmal mehr legato spielen als man es von anderen Aufnahmen gewohnt ist.

    Den dritten Satz habe ich noch nie so "unböhmisch" und klebrig wagnerhaft gehört. Das ist einfach kein Allegretto grazioso. So ungraziös geht der idiomatische böhmische Klang verloren - die elegante Leichtigkeit. Kein Vergleich mit der oben verlinkten sehr überzeugenden Supraphon-Aufnahme von Charles Mackerras - der Australier Mackerras ist bekannter Maßen ein Experte für tschechische Musik, er hatte wegen seiner jüdischen Frau nicht in Berlin, sondern in Prag studiert - der das zugleich leicht und leidenschaftlich spielt. ^^ :hello:

  • Dvorak huldigte seinem Idol Wagner deutlich hörbar in seinen symphonischen Frühwerken (Symphonien Nrn. 1 und 2) und frühen Opern (Alfred, Der König und der Köhler), fand aber nach 1870 - bei anhaltender Wagner-Bewunderung - bald zu seiner eigenen böhmischen Idiomatik.

    Insofern sollte man Dvorak nicht wie Wagner spielen. Man muss auch die böhmische folkloristische Rhythmik und Melodik, die für seinen Nationalstil prägend war, interpretatorisch berücksichtigen, d.h. auch in der Akzentuierung und Agogik.


    Die Dvorak-Aufnahmen mit Musica Florea werde ich mir noch anhören. Im Falle der Neunten bietet sich ein Vergleich mit Anima Eterna unter Immerseel an.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Marek Štryncls Dvorak Aufnahmen polarisieren sicherlich. Die Sinfonien werden bewusst "subjektiv" interpretiert. Das mag gefallen oder auch nicht.


    Bei der 9. Sinfonie übertreibt es der Dirigent in meinen Ohren. Hier klingt es wie "anders machen, um des anders machen Willens" und hat mir für in den Tempi nichts organisches, nichts fließendes, sondern lediglich etwas manieriertes. Gleiches gilt auch für den Solopart des Englischhorns im 2. Satz.


    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler