Der Sendesaal Bremen

  • Der Sendesaal Bremen ist für mich einer der spannendsten Produktionsorte in der deutschen Klassikszene – nicht wegen seiner Größe oder weil er besonders prunkvoll ist, sondern wegen seiner richtig guten Akustik.

    Er wurde 1952 als Musikstudio von Radio Bremen gebaut und war von Anfang an komplett auf hochwertige Rundfunk- und Schallplattenproduktionen ausgelegt. Anders als viele Konzertsäle war er also nicht in erster Linie für Publikum gedacht, sondern eher als akustisches Werkzeug. Ziel war ein Raum, der Musik möglichst natürlich, klar und unverfälscht wiedergibt. Bis heute gilt er bei Musikern, Tonmeistern und Produzenten als echtes akustisches Highlight.


    Ich habe zu diesem Saal auch einen persönlichen Bezug. Einerseits als regelmäßiger Konzertbesucher, andererseits durfte ich Anfang der 2000er Jahre bei ein paar Klassikproduktionen indirekt mitwirken. Dabei habe ich hautnah erlebt, wie viel Wert dort auf Perfektion gelegt wurde.


    Eine Sache ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Bei einer Aufnahme musste eine Passage mitten im Hochsommer ganze dreizehnmal wiederholt werden, weil Renate Wolters Seevers mit den Klappengeräuschen des Kontrafagotts nicht zufrieden war.

    Irgendwann habe ich – rückblickend vielleicht etwas naiv – gefragt, ob sich das wirtschaftlich überhaupt noch darstellen ließe.

    Die Antwort war ziemlich eindeutig: Ich wurde freundlich, aber bestimmt aus dem Studio gebeten und mit einer Bockwurst und einem Kaffee im Innenhof „zwischengeparkt“. 😉


    Damals habe ich das vielleicht noch nicht ganz verstanden. Heute weiß ich, dass genau dieser kompromisslose Anspruch den Ruf des Sendesaals ausmacht. Dort wurde seinerzeit nicht einfach produziert, bis es „okay“ war, sondern so lange, bis wirklich alles gestimmt hat - musikalisch und klanglich.


    Eine wichtige Rolle dabei spielte dabei die vorbenannte Renate Wolter-Seevers, die viele Jahre als Tonmeisterin bei Radio Bremen gearbeitet hat.


    Sie war an zahlreichen internationalen Produktionen beteiligt und wurde mehrfach für den Grammy nominiert. 2015 bekam die Produktion **Marc-Antoine Charpentier – La descente d'Orphée aux enfers / **La Couronne de Fleurs mit dem Boston Early Music Festival Chamber Ensemble & Vocal Ensemble unter Paul O'Dette und Stephen Stubbs den Grammy Award for Best Opera Recording.

    Renate Wolter-Seevers war bei dieser Aufnahme die verantwortliche Tonmeisterin. Die Aufnahme entstand im Sendesaal.

    Leider verstarb sie viel zu früh.


    Wenn ich heute Aufnahmen höre, die im Sendesaal Bremen entstanden sind, erkenne ich oft genau das wieder, was ich dort immer wieder erlebe: eine tolle Transparenz, eine glaubwürdige Räumlichkeit und eine Natürlichkeit, die nicht auf Effekt aus ist, sondern einfach die Musik wirken lässt.


    Für mich gehört der Sendesaal Bremen deshalb ganz klar zu den wichtigsten Produktionsorten für klassische Musik in Deutschland – vielleicht nicht der bekannteste, aber definitiv einer, dessen Qualität man hört.


    Viele Grüße

    Stefan

    Ich bin seit vielen Jahren Klassikhörer, davon allerdings ca. 20 Jahre ausschliesslich wöchentlicher Konzerbesucher.
    Nun habe ich entdeckt, das eine CD, auf einer vielleicht recht guten Stereoanlage abgespielt, auch viel Freude bereiten kann.

  • Hallo Stefan, Deinen Beitrag habe ich sehr gern gelsesen. Die Geschichte der deutschen Sendesäle hat mich schon immer interessiert. Auf der Seite "Bremen erleben" habe ich folgenes gelesen, was ich ergänzend beisteuern möchte, gewisse Doppelungen in Kauf nehmend: "Der Sendesaal Bremen ist hervorragendes Aufnahmestudio und Konzertsaal in einem. Er wurde 1952 speziell für Radio- und Studiobedürfnisse gebaut. Die Einführung der nebengeräuschfreien, klanglich hochwertigen Ultrakurzwelle UKW im Jahre 1949 stellte neue Herausforderungen an die Studiobauten. Eine geradezu revolutionäre Bauweise wurde daher hier getestet und erfolgreich eingeführt: der Saal ist komplett Raum-in-Raum gebaut, Decken und Wände des Innenraumes lagern an 655 Federn der Außenschale, wodurch der Innenbereich optimal gegen Außengeräusche isoliert ist. Diese Tatsache kombiniert mit der hervorragend gelungenen Akustik macht aus dem Sendesaal einen Schatz, der mittlerweile auch denkmalgeschützt ist."


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    Zugangsbereich zum Sendesaal, rückwärtig der Saalbau von 1952 (Aufnahme von 2009) - Wikipedia

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Radio Bremen wird nach meinem Eindruck manchmal etwas belächelt, eine mögliche Fusion mit dem NDR zumindest immer wieder mal in den Raum gestellt. Solch einen großartigen Sendesaal hätte die Freie Hansestadt Bremen andernfalls aber nicht bekommen. Wenn man dann zudem bedenkt, was alles womöglich nie stattgefunden hätte (selbst die famose und längst legendäre Loriot-Serie wäre ohne Radio Bremen vielleicht nicht entstanden), wird man die Vielfalt der deutschen Landesrundfunkanstalten noch höher einschätzen.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Radio Bremen wird nach meinem Eindruck manchmal etwas belächelt, eine mögliche Fusion mit dem NDR zumindest immer wieder mal in den Raum gestellt. Solch einen großartigen Sendesaal hätte die Freie Hansestadt Bremen andernfalls aber nicht bekommen.

    Der Sendesaal Bremen hat mittlerweile nichts mehr mit Radio Bremen zu tun. Anfang 2009 wurde das gesamte Areal mit allen Gebäuden des früheren Funkhauses von Radio Bremen an die „Sendesaal Karree Gesellschaft“ verkauft, hinter der eine Bauträgerfirma des Bremer Bauunternehmers und Mäzens Klaus Hübotter und die Bremer Bauunternehmung Kathmann stehen.

    Betreiber des Sendesaals Bremen ist der Verein Freunde des Sendesaales e. V. in Bremen, der sich jahrelang für den Erhalt des vom Abriss bedrohten Sendesaals eingesetzt hatte. Der Verein führt hier öffentliche Konzerte durch und bietet den Saal zusammen mit den technischen Einrichtungen für Einspielungen an.

  • Ich kann mich sehr gut an die Konflikte erinnern, nach dem Radio Bremen in die Innenstadt umzog und es um die Konversion der Liegenschaften von Radio Bremen ging. Es stand lange Zeit fest, das der Saal abgerissen würde. Zum Glück entstand der Verein "Rettet den Sendesaal" und so wurde diese Objekt in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Unvergesslich der Abend wo wir alle angespannt im Sendesaal warteten und dann bekannt gegeben wurde, das der Saal durch das Engagement des Bauunternehmers und Kulturmäzens Dr. Hübotter gerettet war.


    Wenn ihr mal nach Bremen kommt lohnt sich ein Konzertbesuch auf jeden Fall.




    Viele Grüsse


    Stefan


    Orfeo:

    Du hast natürlich Recht, es ist der Verein "Freunde des Sendesaals" und "Rettet den Sendesaal" war eine Kampagne. So speichert man Dinge im Laufe der Jahre falsch ab ;-) .

    Ich bin seit vielen Jahren Klassikhörer, davon allerdings ca. 20 Jahre ausschliesslich wöchentlicher Konzerbesucher.
    Nun habe ich entdeckt, das eine CD, auf einer vielleicht recht guten Stereoanlage abgespielt, auch viel Freude bereiten kann.

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