Bevor ich jeden Satz mit „Ich finde“ oder „Meiner Meinung nach“ beginne, möchte ich hier festhalten, dass alles was ich hier schreibe meine persönlich Meinung widerspiegelt.
Der Anstoss zu diesem Thread war eine Aufnahme von Haydns Sinfonie 56 von Antonini mit den Kammerorchester Basel. die Ulli in den Thread gestellt hatte. Der erste Satz klang sehr gut und überzeugend, so dass ich mir die ganze Sinfonie auf Spotify anhörte. Die Aufnahme war eine gute (generell mag ich Antoninis Dirigat), jedoch wurde im Finale so viel dazu gedichtet, dass ich das Stück kaum mehr erkannte und es irgendwie entstellt wirkte. Zwar gab es in den ersten drei Sätzen die eine oder andere Ausschmückung, aber die waren im Ramen des guten Geschmacks und änderten nicht die Identität des Stücks. Auch bei Feys Aufnahme gab es zu viel des Gutem im Finale. Aber wie viel soll ein Stück ausgeschmückt werden?
Dass ein Solist, oder ein Spieler der gerade solistisch hervorgehoben wird ausschmückt, leuchtet ein und ist auch wünschenswert. Am deutlichsten ist die Aufforderung zum Improvisieren im Konzert, wo es fast immer eine Kadenz gibt bei der der Solist seine Improvisationskünste darbieten kann. Solche Kadenzen gibt es auch in einigen langsamen Sätzen von Haydns op 9 und op 17 Quartetten, wo die Musik auf den „Kadenz-Akkord“ landet (ich weiß leider nicht, was für ein Akkord es ist) und dem Primgeiger signalisiert ein wenig zu improvisieren. Hier gar nichts zu machen und einfach von Notenblatt weiter zu spielen, wäre ein Fehler. Ich habe solche Aufnahmen schon erlebt und sie sind genauso unbefriedigend wie die wo überimprovisiert wird. Interessant ist auch noch die Tatsache, dass zwei von den bemerkenswertesten Kadenzen auskomponiert wurden: Die Kadenz zu Bachs 5. Brandenburger Konzert, die weit über das damals übliche hinaus geht und das Cembalo (Bachs eigenes Instrument) zum zentralen Instrument des Stücks macht und die Kadenz in Haydns Sinfonia Concertante, die die Solisten Gruppe als unabhängiges Kammer Ensemble etabliert und vom Orchester abhebt.
Eine Melodie etwas auszuschmücken, wenn man gerade eine Solopassage hat ist eine gängige Praxis, wie man bei vielen Trios der Menuette hören kann, bei der ein Instrument einen Solo spielt (meist die Oboe). Auch bei anderen Solos trifft man oft auf solche Mini Improvisationen. Die Frage die sich stellt: Braucht die Melodie das unbedingt? Vor langer Zeit schrieb ich über ein Vivaldi Konzert aus L‘Estro Armonico - op 3 Nr. 8 - in dessen Finale ein wunderschönes Violinsolo vorkommt. Es ist auch deswegen so schön, weil die Melodie sehr schlicht und einfach ist. Bei einer Aufnahme, die ich mir später zulegte wird diese Melodie mit lauter Verschnörkelungen überhäuft, so dass die schlichte Einfachheit der Melodie verloren geht. Beim ausschmücken lautet daher meine Divise: So viel wie notwendig und so wenig wie möglich.
Problematischer ist das Improvisieren in Sinfonien von einem begleitenden Cembalo. Erstens handelt es sich um ein Instrument, das in der Partitur gar nicht vorgesehen ist und wo sich die Frage stellt ob es überhaupt dabei sein sollte (meiner Meinung nach nicht). Zweitens ist es auch zweifelhaft ob das begleitende Tasteninstrument ° überhaupt von den Zuhörern wahrgenommen wurde. Wenn der Komponist wollte, dass es gehört wird, dann hätte er das sicherlich in der Partitur notiert. Das einzige Stück (dass ich kenne) wo das der Fall ist, ist Haydns Sinfonie 98. Die Tatsache, dass Haydn diesen Solo in der Partitur ausschreibt, ist ein Indiz dafür, dass man damals eher nichts von dem begleitenden Tasteninstrument hören wollte. Sonst hätte er bei der Uraufführung den Solo einfach dazu improvisiert.
Auch Fragwürdig finde ich das hinzu Dichten von Dirigenten bei gewissen Stücken. Das involviert meisten mehrere Spieler und so kann nicht wirklich von Improvisieren die Rede sein. Die zusätzlichen Einlagen von Hörnern und Pauken im Finale der oben erwähnten Sinfonie 56 ist so ein Fall, ein noch schlimmerer ist der Aufschrei des Orchesters bei Marc Minkowskis Darbietung der Paukenschlag Sinfonie. Es entstellt eine Aufführung die bis dahin sehr gut war und bringt nichts zu Haydns Musik. Seine Begründung dafür war, dass er denselben Überraschungsmoment wie bei der Uraufführung bringen wollte und da jeder den Paukenschlag kennt, hat er halt stattdessen das Orchester schreien lassen. Na ja… Grund dafür wird wahrscheinlich sein, dass die xte gute Aufführung eines Werkes nicht viel Aufmerksamkeit mit sich bringen wird, jedoch ein exzentrische Einlage schon. Ich finde es schade, weil Minkowskis Londoner durchwegs gute Aufnahmen sind, ausser die Paukenschlag Sinfonie und die Paukenwirbel Sinfonie, wo er seinen Pauker zu Beginn eine riesige Kadenz improvisieren lässt (ich mag den Wirbel).
