Richard Strauss ist unter allen großen Liedkomponisten der einzige, dem ich in all den vielen Jahren meiner Betätigung im Kunstliedforum keinen eigenen Thread Richard Strauss gewidmet habe. Zwei Gründe gab es dafür. Der erste war die Tatsache, dass das geschätzte Tamino-Mitglied hart zu diesem Komponisten bereits einen umfangreichen Thread vorgelegt hatte (Richard Strauss und seine Lieder).
Der andere war ein sehr persönlicher: In jungen Jahren hatte ich eine Phase, in der ich regelrecht vernarrt in Straus-Lieder war, sie so intensiv hörte, dass sich eines Tages ein regelrechter Überdruss einstellte und ich keines mehr hören konnte.
Nun auf einmal ist eine neue Lage entstanden. Seit etwa einem Jahr befasse ich mich mit dem historischen Prozess der Entwicklung der musikalischen Moderne, dazu gehören natürlich auch Studien der Musik von Richard Strauss, und so reifte allmählich der Gedanke heran, ich könnte einiges vom dem, was ich dabei an Erkenntnissen und Einsichten gewann und noch gewinne, in Gestalt eines Threads zu dessen Liedkomposition hier ins Forum einbringen. Und das möchte ich nun auch tun. Den Thread von hart dürfte das nicht tangieren, denn dieser ist stark auf den gesanglichen Aspekt ausgerichtet, während dieser liedanalytisch angelegt sein wird und insofern eine Ergänzung zu jenem darstellt.
Ich hoffe und wüsche mir sehr, dass er das genauso sieht.
Strauss hat mehr als 200 Klavierlieder, um diese soll es hier ja gehen, komponiert, 193 sind erhalten, 14 verloren gegangen. Vierzig davon sind von ihm selbst orchestriert, einige nachträglich von der Klavierliedfassung, Dieser Sachverhalt allein erweist ihn an sich als einen Großen in der Reihe der Liedkomponisten. So eindeutig ist das bei ihm im Urteil der Musikwissenschaft aber nicht. So meint etwa Elisabeth Schmierer, man könne ihn „nicht, wie etwa Hugo Wolf oder Gustav Mahler und erst recht nicht wie den Komponisten der Wiener Schule, den Platz eines Schöpfers genuin neuer Liedkonzeptionen zusprechen“, und das trifft ja auch zu. Eine eigene, seine Kompositionen auszeichnende Liedsprache hat Strauss nicht entwickelt. Er war daran aber auch in gar keiner Weise interessiert.
Aber da ist auf der anderen Seite die Feststellung von Christian Thielemann:
„Das Lied ist Strauss wahnsinnig wichtig, seine erste und seine letzte Komposition sind jeweils Lieder. Ich würde sagen: Vieles , wenn nicht alles kommt bei ihm aus dem Liedgesang - das Textgefühl, die Sprachbehandlung, das Gespür für Tempi, seine ungeheure melodische Erfindungsgabe. In den Liedern probiert er sich aus, seine Besetzungen reichen da von der schlichten Klavierbegleitung über das Streichquartett mit Flöte bis zur riesenhaften Orchesterbesetzung á la >Heldenleben<. Die Lieder spiegeln sein Oevre wider, seine ganze Entwicklung“. (Christian Thielemann, Richard Strauss, Ein Zeitgenosse, München 2024, S. 275)
Und das trifft ebenfalls zu. Strauss die Einstufung als großen Liedkomponisten vorzuenthalten wäre von den sachlichen Gegebenheiten her schlicht widersinnig.
Wie ist dieses zwiespältige Urteil über ihn unter den musikwissenschaftlichen Fachleuten zu erklären. Ich denke, das hat ganz wesentlich mit seiner kompositorischen Grundhaltung zu tun, aus der heraus seine Lieder entstanden sind. Für ihn ist Musik grundsätzlich „Ausdruck“. „Ausdruck, so hat er sich einmal geäußert, nicht als Hanslick´sche >tönende Form“<“, vielmehr als „Programmmusik“. Nur so ist sie für ihn „wahre Kunst“. „Ausdruck ist eine ebenso präzise Sprache wie die Wortsprache, allerdings für Dinge, deren Ausdruck eben der letzteren versagt ist.“
Und in einem Brief Hans von Bülow, August 1888 heiß es:
„Eine Anknüpfung an den Beethoven der Coriolan-, Egmont- und Leonore- III-Ouvertüre, der >Les Adieux<, überhaupt an den letzten Beethoven, dessen gesamte Schöpfungen nach meiner Ansicht ohne einen poetischen Vorwurf wohl unmöglich entstanden wären, scheint mir das einzige, worin eine Zeit lang eine selbständige Fortentwicklung unserer Instrumentalmusik noch möglich ist.“
Musik braucht für ihre Genese bei Strauss also eine textliche Vorlage. Seine Musik ist wesenhaft wortgeneriert, und von daher gesehen, gehören seine neun „Tondichtungen“, seine Opern und seine Lieder in ihrer Genese und ihrem musikalischen Wesen grundsätzlich zusammen. Aus der Zeit seines hohen Alters ist die Bemerkung überliefert, er „reagiere eben sehr stark auf glückliche Worte“. Und das verrät etwas höchst Bedeutsames über die Genese seiner Liedkompositionen.
Anders als dies bei den Großen der romantischen Liedkomposition, einem Schubert, Schumann oder Hugo Wolf etwa, der Fall ist, geht für ihn die Wahl eines lyrischen Textes und dessen Vertonung nicht aus einem aus der Begegnung mit einer poetischen Aussage erfolgenden subjektiv-personalen Ausdrucksbedürfnis hervor, vielmehr fungiert der lyrische Text bei ihm als Impulsgeber, Auslöser für die Entfaltung einer Musik, die in den Tiefen seines Unterbewusstseins bereits vorhanden war.
In seiner schriftlichen Hinterlassenschaft findet sich eine diesbezüglich höchst vielsagende Bemerkung:
„Ich nehme ein Gedichtbuch zur Hand, blättere es oberflächlich durch, es stößt mir ein Gedicht auf, zu dem sich, oft bevor ich es nur ordentlich durchgelesen habe, ein musikalischer Gedanke findet. (…) Offenbar hatte sich da innerlich Musik angesammelt u. zwar Musik ganz bestimmten Inhaltes - treffe ich nun da, wenn sozusagen das Gefäß bis oben voll ist, auf ein nur ungefähr im Inhalt correspondierendes Gedicht, so ist das opus im Handumdrehen dar.“
Bei der Liedkomposition geht es Strauss also nicht um die Umsetzung eines lyrischen Textes in Musik, hervorgehend aus der in der Begegnung mit ihm und der subjektiven Betroffenheit durch die poetische Aussage sich einstellen Bedürfnis, daraus eine liedmusikalische Aussage zu machen, vielmehr dient ein lyrischer Text bei ihm dazu, einer bereits in noch unstrukturierter Gestalt vorhandenen Musik eben diese Struktur, Form und Gestalt zu verleihen.
Das Gedicht ist also als autonomes poetisches Gebilde nicht Gegenstand einer Vertonung in Gestalt seiner Umsetzung seiner lyrisch-textlichen Aussage und seiner Metaphorik in Liedmusik, es fungiert bei Strauss lediglich als Hilfsmittel zur Genese und Gestaltwerdung von Musik.
Darin, in dieser liedkompositorischen Grundhaltung, die seinem allgemeinen Verständnis von Musik als textgeborene und textinspirierte Schöpfung entspricht, unterscheidet er sich grundsätzlich von allen in der Tradition der romantischen und spätromantischen Tradition stehenden und arbeitenden Großen der Liedkomposition, und das verleiht ihm eine singuläre Ausnahmestellung unter ihnen.
Aus dieser liedkompositorischen Grundhaltung geht auch die spezifische Eigenart seines Lied-Oeuvres hervor: Seine große Vielgestaltigkeit in der Thematik und der kompositorischen Faktur: Das auf die Bühne des Konzertsaals gehörige Podiumslied, als dessen Schöpfer Strauss zu Recht gilt. In seiner A-priori-Ausrichtung auf das große Publikum gründet seine spezifische, zwar keine neue Liedsprache verkörpernde, aber charakterliche Eigenart, die sich durch die stark auf die klangliche Außenwirkung der Liedmusik unter Einsatz aller diesbezüglichen Mittel des klanglichen Kolorits einschließlich der theatralischen auszeichnet. Darin entfaltet er eine ungewöhnlich große kompositorische Schöpfungskraft, so dass man in ihm, und deshalb der Titel dieses Threads, einen regelrechten liedmusikalischen Klangzauberer sehen kann.
Seine Betätigung als Liedkomponist erstreckt sich über seine ganze kompositorische Lebenszeit, weist aber eine Untergliederung in Phasen unterschiedlicher Aktivität auf. Der größte Teil seiner Lieder, fast drei Viertel, entstand in der Zeit von 1884 bis 1901. Ein großer Teil davon ist seiner Frau Pauline gewidmet, die sich in hohem Maß als gesangliche Interpretin bei Konzerten betätigte. Ihr Tod hat ganz wesentlich mit dem vorübergehenden Rückgang der Liedkomposition zu tun, aber auch die Tatsache, dass Strauss sich ganz und gar der Opernkomposition widmete. In den Jahren 1894 bis 1906 entstanden immer wieder einmal einzelne Lieder, aber im Jahr 1918 setzte die Liedkomposition in vollem Umfang wieder ein.
Was die Auswahl der zur Vertonung heran gezogenen lyrischen Texte anbelangt, so zeichnet sie sich durch die hohe Zahl von fünfzig Autoren aus, weist darin eine deutliche Bevorzugung zeitgenössisch moderner Autoren wie August von Schack, Herrman von Gilm und Felix Dahn, John Henry Mackay, Karl Henkell und vor allem Richard Dehmel auf, erstreckt sich aber über eine große Zeitspanne der deutschen Lyrik, dabei auch Dichter wie Goethe oder Clemens Brentano berücksichtigend.
Die nachfolgenden Liedbesprechungen können natürlich nur in zahlenmäßig stark begrenzter Auswahl vorgenommen werden. Diese erfolgt in Orientierung an der Chronologie ihrer Entstehung und Publikation, die Strauss schon sehr früh und konsequent in Opus-Gruppen veranlasst hat, sie auf diese Weise als gewichtigen und bedeutsamen Teil seines kompositorischen Werkes ausweisend.
Hinter diesem Auswahlprinzip steht die Absicht, der Frage nachzugehen, ob es einen Wandel in der kompositorischen Faktur seiner Lieder und ihrer Thematik gibt. Denn es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass in Strauss´ Themenwahl der Zufall Regie führte. Briefliche Zeugnisse sprechen sehr klar dagegen.
