Wer war eigentlich dieser CHOPIN?

  • Einen Thread dieses Titels konnte ich nicht ausmachen; auch sonst keinen allgemein gehaltenen Chopin-Faden. So nehme ich folgende Meldung mal als Anlass dazu:


    Ein Buch beleuchtet das Liebesleben des Komponisten


    Zitat

    Die Queerfeindlichkeit und Misogynie des 19. und 20. Jahrhunderts reichen bis in unsere moderne Zeit. Sie haben Generationen von Chopin-Forscherinnen und -Forschern und mit ihnen das allgemeine Wissen über den Komponisten beeinflusst. Moritz Weber beleuchtet in seinem Buch anhand von neuen Quellen genau diese Themen, die lange Zeit tabu waren und zensiert wurden.

    Zitat

    In Polen gilt Frédéric Chopin bis heute als Nationalkomponist. Dass er in Liebensangelegenheiten mehr dem eigenen Geschlecht zugewandt war, wurde daher wie bei Tschaikowsky in Publikationen bis in die jüngste Vergangenheit weitestgehend ausgeblendet.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)


  • Nelson Goerner (Érard 1849)


    Orchestra of the 18th Century
    Frans Brüggen


    Moritz Weber schreibt dazu in seinem jüngst erschienenen Buch „Chopins Männer“ (Ss. 23-24/26)


    Zitat

    [23] Er widmet Tytus nun also [...] ganz offiziell auch die Variationen über Mozarts „Là ci darem la mano“ op. 2 für Klavier und Orchester, wenngleich das vor den Augen der Öffentlichkeit vielleicht „zu gewagt“ ist. Aber er kann ja nicht anders, „das Herz wollte es so“.


    [24] Woyciechowski bedankt sich auf dem Titelblatt des Klavierauszugs schliesslich handschriftlich mit „J'accepte avec plaisir“. Ob er damit nur die Widmung freudvoll akzeptiert, oder aber die verführerische Einladung im Duetttext aus Mozarts Oper, sei dahingestellt [...].


    [26] Dieses brillante frühe Konzertstück mit seiner interessanten Einleitung, in welcher Chopin das Verführungs-Thema Don Giovannis in der Introduktion allmählich entwickelt und es zum Schluss zu einer Polonaise verwandelt, hat bei der Uraufführung im Rahmen seines Wien-Debüts am 11. August im Kärntnertortheater für Furore gesorgt. Das Publikum habe während der Orchesterritornelle derart laut geklatscht, so Frédéric, dass er das Ensemble nicht mehr hören konnte. Es habe „einen solchen Effekt“ gemacht, dass er, „abgesehen vom Applaus nach jeder Variation, noch einmal auf die Bühne“ musste.



    Das Sujet scheint mir ebenso wenig zufällig ausgewählt wie das „J'accepte“ doppeldeutig ist.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Allein der Buchtitel dürfte in Polen als Provokation aufgefasst werden. So sehr ich Land und Leute schätze, aber solche Enthüllungen kommen dort überwiegend als Schmutzkampagne an (wie seinerzeit in Griechenland der "Alexander"-Spielfilm von Oliver Stone). Das Fryderyk-Chopin-Institut in Warschau als quasi offizielle oberste Instanz wiegelt - wenig überraschend - ab. Der Stil in den Briefen sei schlichtweg zeittypisch, die Übersetzungen zudem ungenau und die Nuancen verfälschend. Chopin gilt in Polen als Nationalkomponist und besitzt einen vergleichbar sakrosankten Status wie der polnischstämmige heiliggesprochene Papst Johannes Paul II. (SRF). Allerdings: "In den letzten zehn Jahren hat die polnische Gesellschaft einen historischen und rasanten Meinungsumschwung vollzogen. Während das Thema [d.h. die Haltung zu Homosexualität] über Jahre hinweg stark politisiert und polarisiert wurde, zeigen Langzeitstudien des staatlichen Meinungsforschungsinstituts CBOS sowie unabhängiger Institute eine tiefgreifende Liberalisierung." (KI)

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Allein der Buchtitel dürfte in Polen als Provokation aufgefasst werden. So sehr ich Land und Leute schätze, aber solche Enthüllungen kommen dort überwiegend als Schmutzkampagne an (wie seinerzeit in Griechenland der "Alexander"-Spielfilm von Oliver Stone).

    Diesbezüglich bezichtigt Weber sich quasi selbst:

    Zitat

    Bereits Julian Fontana erkannte die Schwierigkeit dieses Unterfangens. Er meinte, ganz offen über Chopin zu schreiben sei, wie wenn eine ganze Reihe von Malern die Schwarze Madonna in Polens wichtigstem katholischen Pilgerort Jasna Góra besudeln würde.

    Webers Buch richtet sich wohl eher nicht unmittelbar an die Polen, ist es doch in deutscher (äh ... schweizer: man erkennt es am fehlenden ß und für mich neuen Verben wie „werweissen“) Sprache verfasst und nicht etwa verallgemeinernd in englisch oder speziell in polnisch.


    Zitat

    Um auch nicht-polnischsprachigen Leser:innen Transparenz zu bieten, sind in den Fussnoten nicht nur die Seitenzahlen der neuesten polnischen Briefedition (KFC :P) angegeben, sondern auch die jüngsten englischen (Frick, 2016, CPL) und französishen (Sydow, 1981, CdFC), sofern die entsprechenden Briefe dort enthalten sind.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Polen sollte Chopin als Anlass und Leitbild nehmen, offen für LGBTQ+Rechte einzutreten, damit das bunte Leben aus den Hinterzimmern auf die Straße darf und Biografien nicht weiterhin verbogen werden. Aber der rechtskonservative Präsident Karol Nawrocki (PiS) und die unsägliche katholische Kirche werden Vorstöße der von Donald Tusk angeführten Regierung zur Liberalisierung weiterhin zu verhindern suchen. Zum Glück ist die polnische Gesellschaft - nicht zuletzt durch europäisches Recht und EU-Gerichtsurteile - unter Druck (bereits Teilerfolg durch gerichtlich erzwungene Anerkennung von in der EU geschlossenen gleichgeschlechtlichen Ehen).

    Russland hätte mit Piotr Ilitch Tchaikovsky ja auch einen geeigneten Protagonisten und Kulter-Helden ...

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • bereits Teilerfolg durch gerichtlich erzwungene Anerkennung von in der EU geschlossenen gleichgeschlechtlichen Ehen

    ... wurde aber vom polnischen Verfassungsgericht inzwischen wieder abgeschmettert. M. E. können die entscheiden, was sie wollen, denn es gilt: Europarecht vor nationalem Recht. Da hülfe nur ein Austritt aus der EU, dann können sie ihr polnisches Süppchen wieder selbst kochen.


    Donald Tusk

    Immer diese Donald Ts. :stumm:

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Webers Buch ist jedenfalls sehr gut lesbar; ich habe es heute Nacht zu lesen begonnen. Es entwickelt einen gewissen Sog trotz mich störender ewiger Wiederholungen ganzer Passagen und Querverweise auf zukünftige Passagen. Teilweise liest es sich romanhaft, bleibt aber in der Interpretation zumeist nüchtern, faktenorientiert und offen durch häufige Phrasen wie „bald so, bald so“.


    https://www.moritzweber.ch/

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Polen ist in der Frage zwar fraglos sehr gespalten. Anders als in Russland, gibt es dort allerdings eine nicht zu unterschätzende progressive Bewegung, die besonders von den Jüngeren getragen wird. Die oben zitierten Umfragen unterstreichen das. 62,1 % der Polen befürworten mittlerweile eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften und erstmals sogar auch eine Mehrheit von 51 % die Ehe für alle. Noch vor zehn Jahren waren nur ein Drittel für erstere und lediglich etwa 20 % für letztere. Von daher ist da langfristig wohl doch Bewegung zu erwarten, auch was die Haltung zu Chopin anbelangt.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Was Chopin über seine Landsleute dachte:


    Zitat

    Seine Abfahrt danach* stellt er sich triumphal vor: Mit gebündelten Notenblättern [...] werde er die Stadt mit der Kutsche verlassen. Überall werden die Tränen der Fans kullern, imaginiert er, vom Blank-Palast bis zur ikonischen Zygmunt-Säule [...]. Aber er werde nicht traurig sein, nur „wie ein kalter und trockener Stein lachen über diese armen Kinder“.

    *gemeint ist seine Dernière in Warschau

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Was Chopin über seine Landsleute dachte

    .... das Zitat zeigt wohl eher, wie überzeugt der zwanzigjährige Chopin von sich selber war.


    Ist die Quelle des Zitats Eleonore Bünings Buch „Chopin: Der Poet am Klavier"?


    Die zitierte Stelle findet sich in einem Brief Chopins an Tytus Woyciechowsk (Brief Nr. 66, datiert am 22. September 1830): "Łzy jak groch padać będą ze wszech stron, wzdłuż i wszerz miasta, od Kopernika do Zdrojów, od Banku do kolumny króla Zygmunta. A ja jak kamień zimny i nieczuły, śmiać się będę z biednych ludzi, co mię tak czule żegnać będą...“

    ("Erbsengroße Tränen werden von überall herabfallen, über die ganze Stadt hinweg – von Copernicus bis Zdroje, von der Bank bis zur Sigismundsäule. Und ich, kalt und gefühllos wie Stein, werde über die armen Leute lachen, die mir einen so zärtlichen Abschied bereiten...)

    aus: Chopin. Briefe (Herausgegeben von Krystyna Kobylańska, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1983). In dieser Standardausgabe der deutschen Übersetzung ist der ganze Brief auf den Seiten 78–81 abgedruckt.

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Banner Strizzi
  • Ist die Quelle des Zitats Eleonore Bünings Buch „Chopin: Der Poet am Klavier"?

    Nein. Webers Buch.


    Wobei ich; ganz ehrlich; an so mancher Übersetzung/Übertragung meine Zweifel hege - nicht, daß ich polnisch könnte, aber:


    Zitat

    Życzenie (Der Wunsch), Gdzie lubi? (Wo es ihm gefällt), Poseł (Der Bote) und Wojak (der Krieger).

    ... es müsste wohl „Wo gefällt es ihm?“ heißen (?).


    Zitat von Moritz Weber

    Wenn nicht anders vermerkt, stammen die Übersetzungen sämtlicher polnischer, französischer, italienischer, englischer und spanischer Texte von mir. Vielen Dank an die jeweiligen Muttersprachler:innen [...]. Bei den polnischen Texten wurden jene Übersetzungen zum Vergleich herangezogen, die im SRF-Feature Chopins Männer publiziert worden sind.

    Bei manchen (gefühlten) „Fehlern“ bin ich mir unsicher, ob es dem Schweizerdeutsch geschuldet sein kann:


    Zitat

    Seinem Geliebten schreibt einen „Kärtchen“ zu dessen Namenstag am 4.1.1831 und [...]

    versus 6 Seiten später (recte)

    Zitat

    [...], wie schon ein Jahr zuvor mit dem Kärtchen.

    :/


    Wie dem auch sei, mir gefällt das Buch aus den Gründen:


    Zum einen war mir Chopins Biographie bislang nur rudimentär bekannt, hier kann ich Lücken - wenn auch vielleicht nicht vollständig - schließen. Zum anderen werden auch Chopin umgebende Personen, insonderheit hier natürlich jene männlichen Geschlechts, sehr genau beleuchtet; in Biographien spielen solche in der Regel eher eine untergeordnete Rolle. Für ein Gesamtbild der Sternensystems Chopin ist das schon recht aufschlussreich.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Zitat von Moritz Weber: Chopins Männer, S. 84

    Dass gewisse Inhalte der Briefe an W[..] eben nicht dem gängigen Sprachgebrauch unter Männern entsprechen, deutet Chopin wiederholt selbst an. Er schirmt seine Liebeskorrespondenz bewusst vor fremden Blicken ab und hütet sie wie einen Schatz: „Deine Briefe verstecke ich wie eine Schleife einer Geliebten“. Er betont zudem mehrmals, Tytus und andere Adressaten sollten seine Briefe nicht herumzeigen: „Zeige diesen Brief nicht. Denn ich schäme mich dafür“, „Deinen Brief hat niemand ausser mi gelesen“, „Erzähl niemandem davon, weil es ist ein Geheimnis“.

    Die Frage liegt auf der Zunge, ob nicht Chopin Bedenken hatte, daß diese Briefe auf dem Postweg in die falschen Hände gerieten und von den Obrigkeiten gescannt wurden? Da wäre er ganz schön im Arsch gewesen ... auf den folgenden Seiten erfolgt ein Zusammentragen von Konsequenzen homosexueller Untaten jener Zeit in Frankreich, Russland und Polen. Mit den Gesetzen ist Chopin aber, ganz im Gegensatz zu seinem entsprechenden Aktionsradius, nie in Konflikt geraten.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Konsequenzen homosexueller Untaten jener Zeit in Frankreich, Russland und Polen

    Interessant. In Frankreich wurde Homosexualität bereits während der Revolution 1791 entkriminalisiert (europaweiter Rekord), nochmal bestätigt durch den napleonischen Code pénal impérial von 1810. Im April 1832, zur Zeit der Julimonarchie und kurz nachdem Chopin nach Paris gekommen war (Oktober 1831), wurde das Schutzalter erstmals auf elf festgelegt (1863, also bereits nach Chopins Tod, dann auf 13 angehoben). Frankreich war in Sachen Legalisierung der Homosexualität wirklich Vorreiter. Keine Regierung nach 1791, nicht einmal das Vichy-Regime, stellte sie je wieder grundsätzlich unter Strafe. Polen und vor allem Russland sind freilich eine andere Geschichte. Offenbar war sie in Polen zumindest im Herzogtum Warschau, wo Chopin 1810 geboren wurde, nach Einführung des Code Napoléon ab 1808 bis 1815 (Auflösung durch den Wiener Kongress) legal.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Interessant. In Frankreich wurde Homosexualität bereits während der Revolution 1791 entkriminalisiert

    Yes, but:

    Zitat

    Obwohl per Gesetz nicht strafbar, ahndete man Liebe und Sex unter Männern trotzdem, etwa gemäss Artikel 330 wegen „unsittlichen Verhaltens“ oder „öffentlichem Exhibitionismus“. Homosexuellen drohte ausserdem eine gesellschaftliche Ächtung und damit für viele der finanzielle Ruin: Sogar der Marquis de Custine, [...] der wegen seines Adelsstandes kaum angreifbar ist, sieht sich mit Marginalisierung, Vorurteilen, übler Nachrede, homophoben Anfeindungen und einem schlimmen gewaltsamen Übergriff konfrontiert. Homosexuelle wurden auch oft zu Opfern von Erpressern, ein prominentes Beispiel ist später der Komponist Camille Saint-Saëns.

    Im Prinzip kaum anders als heute :stumm:


    Aus meinem eMail-Postfach:


    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Das ist natürlich richtig. Bei Chopin frage ich mich gleichwohl, ob er teilweise auch deswegen nach Frankreich ging, weil es dort zumindest vergleichsweise besser war als im russisch regierten Kongresspolen. Noch bei Oscar Wilde spielte der späte Rückzug ins liberalere Frankreich auch insofern eine Rolle.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Das ist natürlich richtig. Bei Chopin frage ich mich gleichwohl, ob er teilweise auch deswegen nach Frankreich ging, weil es dort zumindest vergleichsweise besser war als im russisch regierten Kongresspolen.

    Ja, das wird thematisiert.


    (Ich hab langsam Bedenken, das gesamte Buch zu zitieren).

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)