Richard Wagner und Friedrich Nietzsche

  • Im Forum tauchen Richard Wagner und Friedrich Nietzsche in einzelnen Beiträgen auf. Es gibt jedoch keinen, der das Verhältnis der beiden Persönlichkeiten behandelt.


    Den Thread Titel habe ich bewusst in dieser neutralen Form gewählt.


    Im Internet stiess ich auf einen Artikel aus dem Jahr 1995 von Prof. Dr. Dieter Borchmeyer (*1941), Germanistisches Seminar der Universität Heidelberg. Er Zitat "... erforschte die Beziehung Nietzsches zu Wagner und veröffentlichte gemeinsam mit dem Wiener Philosophen Jörg Salaquarda (Anmerkung moderato, er verstarb 1999) die erste umfassende Dokumentation mit zahlreichen, bisher kaum bekannten Quellen."


    Gemeinsam gaben sie 1994 das zweibändige Standardwerk Nietzsche und Wagner. Stationen einer epochalen Begegnung heraus, das die Beziehung zwischen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner dokumentiert.


    Hier der Link zum erwähnten Artikel: Doppelgesichtige Passion: Nietzsche als Kritiker Wagners

    https://www.uni-heidelberg.de/uni/presse/rc9/5.html


    Die Ambivalenz, die das Verhältnis Friedrich Nietzsches zu Richard Wagner beschreibt, wird im letzten Abschnitt des Artikels mit dem Zitat aus "Die fröhliche Wissenschaft" deutlich, wenn der Philosoph von "Sternen-Freundschaft" schreibt.


  • Im Forum tauchen Richard Wagner und Friedrich Nietzsche in einzelnen Beiträgen auf. Es gibt jedoch keinen, der das Verhältnis der beiden Persönlichkeiten behandelt.

    Das ist in der Tat ein spannendes Thema, lieber Moderato. Und aufschlussreich für das Verständnis der Musik des 20. Jhd.


    Nietzsches Verhältnis zu Wagner war bis zuletzt immer ambivalent. Auch der Wagner-Kritiker Nietzsche bleib ein Bewunderer von Wagners Musik. Letztlich ist Nietzsches Wagner-Kritik auch eine Form der Selbstdistanzierung, die Abkehr von seiner "romantischen" frühen Phase, das, was er selbstironisch später die "Artistenmetaphysik" genannt hat.


    Aufschlussreich ist die Anekdote, wie Nietzsche bei Wagner in Ungnade fiel, als er einmal ganz unbedarft eine Brahms-Partitur auf den Flügel legte. Nietzsche hat starke Affinitäten eben auch zu Wagners Antipoden Eduard Hanslick, zum "Formalismus". Nietzsche war ein großer Stilist, der Stillosigkeit und Formlosigkeit verabscheute. Das war immer ein Kritikpunkt an Wagner. Dessen "unendliche Melodie" nannte er "Unendlichkeit ohne Melodie".


    Was Nietzsche in Bayreuth sehr abstieß, war der Antisemitismus. Nietzsche gehört zu den schärfsten Antisemitismus-Kritikern seiner Zeit. Da war er ein gebranntes Kind, weil seine unsäglich dumme Schwester Elisabeth mit dem Antisemiten-Führer Bernhard Förster verheiratet war.


    Bernhard Förster – Wikipedia


    Den Antisemitismus fand Nietzsche ekelhaft, in einem Brief an seine Schwerster bezeichnet er sich sarkastisch als "unverbesserlichen Europäer" und "Anti-Antisemiten". "Es gibt keine verlogenere Bande in Deutschland als diese Antisemiten!" schrieb er. Das war etwas, was ihn von Wagner trennte. Denn Wagner war ein militanter, sogar sehr gehässiger Antisemit.


    Den Neoklassizismus, Strawinsky oder Bartok, aber auch Ravel z.B. kann man sehr gut verstehen, wenn man Nietzsche liest, wie er Bizet zum Gegenentwurf zu Wagner aufbaut. Das ist schon sehr erhellend. Die ästhetische Begründung für die Abkehr von Wagner im 20. Jhd. findet man bei Nietzsche. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Borchmeyer ist ein wunderbarer Gelehrter, er versteht von Musik genauso viel wie von Literatur.

    Er hat einiges über Wagner geschrieben - und dieses Buch:


    nietzsche-cosima-wagner_9783458350637_cover.webp

  • Nietzsche war ein Träumer, Wagner ein Realist.


    Geld musste in die Kasse.


    Dafür waren Kompromisse einzugehen, was das Publikum betraf.

  • Das traf auch auf Nietzsche zu.


    Grundproblem: Nietzsche war Philosoph, Wagner war Künstler. Philosophen denken subjektiv-analytisch, Künstler denken subjektiv-künstlerisch.


    Detailproblem: Nietzsche sagt, der Mensch muss sich selbst helfen. Wagner sagt: Der Mensch braucht einen Erlöser.


    Fazit: Das konnte nicht gut gehen.


    Die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Judentum sind nur eine Folge der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt. Nietzsche bewunderte die Juden, weil sie nicht jammerten oder auf die Erlösung warteten, sondern sich in einer feindseligen Welt behaupteten. Wagner hasste sie, weil sie ihm im Weg standen. Heute würde er die Amerikaner hassen.

  • Nietzsche war ein Träumer, Wagner ein Realist.

    Es ist wohl eher umgekehrt. :D Wagner war immer ein Träumer, von großen revolutionären Ideen beseelt. Das ist eigentlich typisch für das 19. Jhd.: Alle "Realisten" waren im Grunde Träumer, das zeigen nicht zuletzt die nationalen Bewegungen 1848/49 - in Dresden beim Aufstand ist Wagner mit auf die Barrikaden geklettert und wurde nachher steckbrieflich gesucht, man hätte ihn standrechtlich erschossen, wenn Liszt ihm nicht durch seine Beziehungen zur Flucht in die Schweiz verholfen hätte. Damals hat sich Wagner stolz mit dem Anarchisten Bakunin fotografieren lassen. Wagner war in dieser Zeit ein militanter Linker, hat wahrscheinlich sogar Karl Marx gelesen. An Bakunin schrieb Wagner den folgenden enthusiastischen Brief:


    Wagner200

    Geld musste in die Kasse.

    Damals gab es noch die GEMA nicht. Wagner bekam nichts für seine Opern, wenn sie irgendwo gespielt wurden. Liszt hat ihn finanziell über Wasser gehalten, sogar seine geschiedene Ehefrau mit Geld am Leben erhalten, später kam das Geld vom bayrischen König Ludwig.

    Dafür waren Kompromisse einzugehen, was das Publikum betraf.

    Kompromisse hat Wagner in künstlerischen Dingen eigentlich nie gemacht.

    Grundproblem: Nietzsche war Philosoph, Wagner war Künstler. Philosophen denken subjektiv-analytisch, Künstler denken subjektiv-künstlerisch.

    Nietzsche war Philosoph und Künstler (Schriftsteller, Musiker) in Personalunion. "Artistenmetaphysik" (Nietzsche) meint: Die Kunst, speziell die Musik, ist die einzige Form von Metaphysik, die nach Kants Metaphysik-Kritik überhaupt noch möglich ist. "Analytisch" war der junge Nietzsche, der Wagner begegnete, überhaupt nicht. Ihre geistige Verbindung war die Lebensphilosophie von Artur Schopenhauer, von der beide ausgingen. In Nietzsches Denken gibt es drei Phasen: auf die romantisch-metaphysische erste Phase, wo er sich an Schopenhauer und Wagner orientierte, folgt die zweite "positivistische" der "fröhlichen Wissenschaft". Da orientierte sich Nietzsche an den französischen Moralisten u.a. und entwickelte seine psychologische Analyse. Die dritte Phase ist die des Zarathustra mit dem Gedanken der "ewigen Wiederkehr des Gleichen" und des "Willens zur Macht". Bei Wagner ist es auch komplizierter. Wagner begann als sozial- und religionskritischer Positivist. Er las zuerst die religionskritische Schrift von Ludwig Feuerbach, dessen Stil er in seinen Schriften bis in den Wortlaut hinein imitiert hat. Erst später hat er Schopenhauer gelesen. Bei Wagner kam die "positivistische" und "analytische" Denkphase zuerst, bei Nietzsche kam sie nachher.

    Detailproblem: Nietzsche sagt, der Mensch muss sich selbst helfen. Wagner sagt: Der Mensch braucht einen Erlöser.

    Der Erlösungsgedanke ist ein essentieller Bestandteil von Schopenhauers Philosophie. Es geht um die Erlösung vom "Willen" und seinem Leiden durch die Kunst. Diesen Gedanken haben sowohl Wagner als auch Nietzsche aufgenommen und sich darin getroffen. Nietzsche hat sich später erst davon distanziert und in diesem Kontext dann auch Wagner kritisch gesehen.

    Die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Judentum sind nur eine Folge der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt. Nietzsche bewunderte die Juden, weil sie nicht jammerten oder auf die Erlösung warteten, sondern sich in einer feindseligen Welt behaupteten. Wagner hasste sie, weil sie ihm im Weg standen. Heute würde er die Amerikaner hassen.

    Das ist eine Verharmlosung und Vereinfachung und zudem sachlich-historisch falsch, was man so nicht stehen lassen kann. Juden haben Wagner nie, zu keiner Zeit, im Wege gestanden. Im Gegenteil. Wagner verdankt seinen jüdischen Freunden, Gönnern und Förderern alles. Trotzdem war er ein militanter Antisemit. Von seiner Schrift Das Judentum in der Musik hat zunächst Niemand Notiz genommen. Sie war völlig unbekannt. Zur "Sensation" wurde sie erst durch Wagners Neuveröffentlichung 1869. Diese war eigentlich völlig überflüssig und rein politisch motiviert. Wagners Schwiegervater Franz Liszt war entsetzt und schrieb ihm einen bitterbösen Brief. Wagners unsägliche Schrift hat - wirkungsgeschichtlich fatal - eine zentrale Bedeutung, weil sie den Antisemitismus, der bis dahin nur in Spelunken, wo sich der "Pöbel" traf, ein Thema war, im gehobenen Bildungsbürgertum hoffähig gemacht hat. In Bayreuth trafen sich die Antisemiten Deutschlands und empfanden das als ihre "Heimat". Das hat Nietzsche bemerkt und es ist ihm übel aufgestoßen. Adolf Hitler kannte Wagners Schrift in und auswendig - hat sie im Wortlaut benutzt in seiner Schmährede auf den jüdischen Regisseur Max Reinhardt in München. Winifred Wagner war es, die Hitler in seiner Haft das Papier besorgte, auf dem er sein Buch Mein Kampf schrieb.


    1869 hat Wagner den Text erweitert. Da findet sich die folgende Passage, die gerade in ihrer Unbestimmtheit so gefährlich ist und auch so gewirkt hat. Was Wagner da vorschlägt, das ist schließlich durch die "Judengesetze" der Nazis Wahrheit geworden. In Münster habe ich eine Aufführung von Gregori Frids Oper Das Tagebuch der Anne Frank gesehen. Das kleine jüdische Mädchen zählt da in einer Litanei auf, was ein jüdisches Mädchen im ganz normalen Alltagsleben alles nicht durfte. Wenn man vor diesem Hintergrund liest, was Wagner schreibt - man beachte seine zynische, menschenverachtende biologistische Sprache - dann wird einem ganz einfach übel:


    "Denn über eines bin ich mir klar: so wie der Einfluß, welchen die Juden auf das geistige Leben genommen haben, und wie er sich in der Ablenkung und Verfälschung unserer höchsten Kulturtendenzen kundgibt, nicht ein bloßer, etwa nur physiologischer Zufall ist, so muß er auch als unläugbar und entscheidend anerkannt werden. Ob der Verfall unserer Kultur durch eine gewaltsame (!!!, Hervorh. von mir) Auswerfung des zersetzenden fremden Elementes aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müßten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist."


    Die "Kräfte", die Wagner hier beschwört und die ihm noch unbekannt waren, im Nationalsozialismus wurden sie dann - tragisch für die Weltgeschichte - bekannt.

  • Heute würde er die Amerikaner hassen.

    Das ist rein spekulativ. Fakt ist hingegen, dass Wagner 1876 den Großen Festmarsch zur Eröffnung der hundertjährigen Gedenkfeier der Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika komponierte, eine seiner wenigen Auftragskompositionen (später durch Loriot zu einiger Bekanntheit gekommen). Da gab es also keine Berührungsängste.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Das ist rein spekulativ. Fakt ist hingegen, dass Wagner 1876 den Großen Festmarsch zur Eröffnung der hundertjährigen Gedenkfeier der Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika komponierte, eine seiner wenigen Auftragskompositionen (später durch Loriot zu einiger Bekanntheit gekommen). Da gab es also keine Berührungsängste.

    Das ist kein bisschen spekulativ. In der Vergangenheit standen die USA für Freiheit und "alles ist möglich". Wagner sah sich ständig irgendwo "behindert", insbesondere von Juden, die seiner Meinung nach das Kulturleben beherrschten und in dieser Funktion nur auf Kommerz aus waren.


    Also genau das, was man heute dem amerikanischen Kulturimperialismus vorwirft. Sieh dir mal das Kinoprogramm in einer beliebigen deutschen Stadt an. Oder die Verkaufszahlen in der U-Musik. Wagner hätte das gehasst. Was er aber - heute wie damals - nicht wahrhaben will: Mindestens die Hälfte der Misere liegt auch am Kosumenten. Die sind übrigens von Land zu Land verschieden. In Frankreich, aber auch in Itlaien, und erst recht in Südamerika hört man viel mehr einheimische Musik. Es hat also schon etwas Verschwörungstheoretisches, wenn man eine böse Macht dafür verantwortlich macht, dass es in Kunst und Kultur nur um Kommerz geht.


    Aber wie gesagt: Zu Wagners Zeiten ging in der Hinsicht von den USA keine "Gefahr" aus.

  • Die "Kräfte", die Wagner hier beschwört und die ihm noch unbekannt waren, im Nationalsozialismus wurden sie dann - tragisch für die Weltgeschichte - bekannt.

    Und doch ist es unzulässig, Wagner für der Verbrechen der Nazis verantwortlich zu machen. In einen Opern ging es um Erlösung und Mitleid. Etwas was der NS-Ideologie diametral entgegen steht.


    Umgekehrt wird Nietzsche von manchen als Theoretiker des Faschismus gesehen. Was genauso dumm ist.

  • Das ist kein bisschen spekulativ.

    Es bleibt Spekulation á la "Was wäre gewesen, wenn ...". Wagner starb 1883. Weder weiß man seriöserweise, wie er 1933, exakt 50 Jahre später, auf die sog. "Machtergreifung" reagiert hätte (auch wenn darüber viel philosophiert wurde und wird); geschweige denn weiß man, wie er fast 150 Jahre nach seinem Ableben die heutigen USA beurteilt hätte.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

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  • Wagner sah sich ständig irgendwo "behindert", insbesondere von Juden, die seiner Meinung nach das Kulturleben beherrschten und in dieser Funktion nur auf Kommerz aus waren.

    Wagner richtet sich in seiner Schrift insbesondere gegen Meyerbeer und gegen Mendelssohn. Meyerbeer hat er im realen Leben bewundert und Meyerbeer hat ihn auch finanziell unterstützt, als er es nötig hatte. Juden waren in seinem Leben diejenigen, die ihn unterstützt haben. Wagners Antisemitismus ist ein Konstrukt und dass Juden das Kulturleben beherrscht hätten, ist nichts als ein antisemitisches Klischee.

    Also genau das, was man heute dem amerikanischen Kulturimperialismus vorwirft. Sieh dir mal das Kinoprogramm in einer beliebigen deutschen Stadt an.

    Es gibt ein deutsches Kino, ein französisches Kino und Hollywood ist heute längst international und nicht mehr "amerikanisch". Viele prominente Regisseure in Hollywood sind gar keine Amerikaner, sondern Europäer. Wir leben in einer globalisierten Welt.

    Und doch ist es unzulässig, Wagner für der Verbrechen der Nazis verantwortlich zu machen. In einen Opern ging es um Erlösung und Mitleid. Etwas was der NS-Ideologie diametral entgegen steht.

    Karl Jaspers hat sehr schön mit Blick auf das Verhältnis der Deutschen nach 1945 zum Nationalsozialismus zwischen "Schuld" und "historischer Verantwortung" unterschieden. Es gibt keine Kollektivschuld der nachgeborenen Deutschen, aber sehr wohl eine historische Verantwortung, auch wenn es keine Schuld im engeren Sinne gibt. Natürlich ist Wagner nicht Schuld am Holocaust. Aber mit den antisemitischen Fantasien bis hin zu Gewaltfantasien, die er durch seine Schrift in die Welt gesetzt hat, hat er schließlich Wirkung gewollt und sie schließlich auch bekommen. Dafür trägt er - und mit ihm Bayreuth - eine "historische Verantwortung" im Sinne von Jaspers.


    Von Max Scheler gibt es den Ausspruch: "Kennen Sie einen Wegweiser, der auch in die Richtung läuft, in die er weist?" Hätte sich Wagner nur an die tief humane Mitleidsethik seines Tristan gehalten, so mitleidlos und gehässig, wie er in seinem Antisemitismus war! Das ging sogar so weit bis zu der Widerwärtigkeit, dass sich angesichts des Berichts einer Feuerkatastrophe Cosima und Richard Wagner schadenfroh über die toten jüdischen Menschen geäußert haben!

    Umgekehrt wird Nietzsche von manchen als Theoretiker des Faschismus gesehen. Was genauso dumm ist.

    Das hat Nietzsches Schwester Elisabeth nach seinem Tod verbrochen, wo sich ihr armer Bruder leider nicht mehr wehren konnte.

  • Hallo Holger,


    ich spreche von der Zeit der ersten Festspiele.


    Das Projekt Festspielhaus hat Wagner natürlich verändert.


    Er hat lernen müssen, dass man auch Geschäftsmann sein muss, um als Künstler erfolgreich zu sein.


    Schwärmereien und weltfremde Ideen aus früheren Zeiten hatten hier nichts mehr zu suchen, hier ging es um das Musikbusiness.


    Nietzsche ist stehengeblieben, Wagner und insbesondere Cosima haben einen weltweit erfolgreichen Kulturbetrieb aufgebaut.


    PS: Die Ausgabe der Patronatsscheine kennst du?

  • ich spreche von der Zeit der ersten Festspiele.


    Das Projekt Festspielhaus hat Wagner natürlich verändert.


    Er hat lernen müssen, dass man auch Geschäftsmann sein muss, um als Künstler erfolgreich zu sein.


    Schwärmereien und weltfremde Ideen aus früheren Zeiten hatten hier nichts mehr zu suchen, hier ging es um das Musikbusiness.

    Schau mal hier:


    Bayreuther Festspiele – Wikipedia


    Die ersten Festspiele fanden 1876 statt - da gehörte Nietzsche zu den Gästen. Sie waren aber alles andere als finanziell erfolgreich, vielmehr in dieser Hinsicht ein Fiasko, das so groß war, dass die nächsten Festspiele erst 6 Jahre später wieder stattfinden konnten - also trotz Patronatscheinen! :D


    Der künstlerische Erfolg der Aufführungen wurde durch einige bühnentechnische Pannen beeinträchtigt. Wegen des finanziellen Misserfolgs – es verblieben Schulden in Höhe von 148.000 Mark – konnten die nächsten Festspiele erst 1882 (mit der Uraufführung des Parsifal) ausgerichtet werden.


    Bayreuth wäre nie gebaut worden, wenn Wagner nicht den romantischen Träumer König Ludwig als Mäzen gehabt hätte, der das unternehmerisch betrachtet unkalkulierbare Risiko einging und Unsummen ausgegeben hat ohne Rücksicht auf den bayrischen Staatshaushalt.

    Nietzsche ist stehengeblieben, Wagner und insbesondere Cosima haben einen weltweit erfolgreichen Kulturbetrieb aufgebaut.

    Schopenhauer war ein Modephilosoph - in jedem bürgerlichen Wohnzimmer stand eine Schopenhauer-Ausgabe gleich neben Goethe und Schiller. Nietzsche hat Schopenhauer als Modephilosoph beerbt - er war nicht nur erfolgreich als Schriftsteller, sondern unglaublich erfolgreich. Nietzsche ist ein wirkungsgeschichtlicher Gigant bis heute - und seine Wirkung war beileibe nicht auf die Philosophie beschränkt, sondern ging weit darüber hinaus. Bezeichnend, dass der Zarathustra nicht nur Gustav Mahlers Lieblingsbuch war, sondern er sogar seiner kleinen Tochter daraus vorgelesen hat, also einem Kind! ^^ :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Irgendwie kommen wir da gedanklich nicht zusammen.


    Wie du aber selbst feststellst, musste Geld in die Kasse kommen, um Schulden zu begleichen und den Fortbestand der Festspiele zu sichern.


    Der Grundgedanke, Musik und Drama als wesentliches Mittel zur Erziehung der gesamten Gesellschaft zu benutzen, war damit für Wagner nicht mehr konsequent durchsetzbar.


    Neues Motto: Holen wir uns deshalb die Leute an den Hof, die Einfluss und Geld für unsere Zwecke besitzen.


    So verabschiedet sich Nietzsche aus Bayreuth.

  • Wie du aber selbst feststellst, musste Geld in die Kasse kommen, um Schulden zu begleichen und den Fortbestand der Festspiele zu sichern.


    Der Grundgedanke, Musik und Drama als wesentliches Mittel zur Erziehung der gesamten Gesellschaft zu benutzen, war damit für Wagner nicht mehr konsequent durchsetzbar.

    Ach so hast Du das gemeint! Da habe ich Dich nicht richtig verstanden ^^ Ja, Wagners Unternehmen war aber wenn man so will von Anfang an "mehrdeutig". Wenn mehrere Interessen zusammenspielen, reicht eines für den Erfolg. Bayreuth hat von der Gründung des Kaiserreichs profitiert. Denn der Ring wollte letztlich einen deutschnationalen Mythos schaffen, also Musik und "Oper" als Stätte nationaler Identifikation. Da hat Wagner wohl den genau richtigen Zeitpunkt erwischt, wenn auch mit "Anlaufschwierigkeiten". Die soziale Ader hat er aber behalten und war bedacht, dass die Eintrittspreise so waren, dass die Karten erschwinglich blieben. In dieser Hinsicht ist Bayreuth eben nicht Salzburg. Es ist aber schon abenteuerlich, dass der einst steckbrieflich gesuchte Revoluzzer Wagner, der sich in der Schweiz verstecken musste, schließlich zum Liebling des deutschen Kaiserreichs wurde. :D

  • Ich würde sagen, wir haben alle von Wagner profitiert, denn z.B. erst mit und durch ihn inkl. Hans von Bülow wurde Orchesterschulung ernsthaft betrieben.


    So sind die Berliner Philharmoniker das Orchester geworden, wie wir es kennen.


    Gleiches gilt für die Ansprüche an die Raumakustik, den Orchestergraben oder die Verdunkelung während der Vorführung.

  • Ich würde sagen, wir haben alle von Wagner profitiert, denn z.B. erst mit und durch ihn inkl. Hans von Bülow wurde Orchesterschulung ernsthaft betrieben.


    So sind die Berliner Philharmoniker das Orchester geworden, wie wir es kennen.


    Gleiches gilt für die Ansprüche an die Raumakustik, den Orchestergraben oder die Verdunkelung während der Vorführung.

    Ja genau, die Akustik in Bayreuth war wegweisend. Die muss auch heute noch erlebbar sehr beeindruckend sein - ich bin in Bayreuth allerdings nie gewesen.


    Aber um noch einmal auf das Verhältnis von Wagner und Nietzsche zurückzukommen. Nietzsches sehr ambivalentes Verhältnis zu Wagner hat letztlich - so sehe ich es - etwas mit der grundlegenden Ambivalenz von Wagner selbst zu tun. Als Dramentheoretiker (so wie er es in seiner Schrift Oper und Drama ausgeführt hat) war Wagner ein Rationalist. Die Motive der Handlung müssen vom Zuschauer immer verständlich sein - deshalb hat er dann die Leitmotivtechnik usw. erfunden, damit der Zuschauer und Zuhörer immer genau weiß, warum gerade was passiert. Andererseits war er als Musiker ein Romantiker, der den Hörer verzaubern und berauschen wollte. Wagner hatte freilich den Anspruch, beide Pole, den "rationalistischen" und den "intuitionistischen", in Einklang zu bringen, was sich zwar theoretisch denken, aber praktisch schwer verwirklichen lässt, wenn die (rauschhafte) "Wirkung" der Musik so dominant ist. Bei Nietzsche ist das der Gegensatz des "Dionysischen" (der Rausch) und "Apollinischen" (die Distanz schaffende Anschauung). Auch er wollte beides in Einklang bringen. Wenn aber das Rauschhafte das dominierende Erlebnis bei Wagner ist, dann fordert das die Gegenreaktion heraus, so bei Bert Brecht und Kurt Weill, welche durch das epische Theater, das Distanz schafft, verhindern wollten, dass der Zuschauer und Zuhörer seinen Verstand im Theater ausschaltet, indem er sich nur berauschen lässt. Nietzsche hat in seiner Wagner-Kritik hervorgehoben, dass es Wagner letztlich nur um die "Wirkung" ginge. Genau da liegt das Problem, dass sich das Wirkungsmoment zu verselbständigen droht, was ein Grundproblem allerdings vielleicht weniger von Wagner, als der Wagner-Rezeption ist. :hello:

  • Wagner auf den vorderen Rängen im Festspielhaus vs TV Übertragung sind natürlich 2 Welten.


    Eine weitere Steigerung ist 1.Reihe Mitte, wo man direkten Blickkontakt zu den Darstellern bekommt.


    Wenn dich dann so eine dralle Walküre aus kurzer Distanz anblickt und dabei aus voller Kehle singt, ...


    Man glaubt ja vorher gar nicht, wie laut und emotional das rüberkommt.