Enjott Schneider - Wer sich nicht häutet verkrustet

  • Der Musik des Komponisten Enjott Schneider (*1950) bin ich erstmals in der Verfilmung des Romans Schlafes Bruder von Robert Schneider (mit dem er nicht verwandt ist) begegnet. Er war es auch der den Regisseur Joseph Vilsmaier (1929-2020) auf den Stoff aufmerksam machte. Wer die Szene in der Kirche mit dem Orgelspiel gesehen und gehört hat, wird sie nicht vergessen.


    Übrigens: Die Themen, die der Komposition zugrunde liegen sind der Choral „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder" aus der Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen" BWV 56 von Johann Sebastian Bach und das "Elsbeth Thema von Enjott Schneider/Huber von Goisern.



    In einem Interview, dem ich den Zusatz im Thredtitel entnehme, erfährt man etwas zu den Lebensdaten.


    Geboren wurde Enjott Schneider 1950 in Weil am Rhein. „Ich komme aus einer sozial sehr tiefen Schicht und überdies aus einer kaputten Kriegsgeneration“, sagt er. Dennoch hat er Geige, Klavier, Akkordeon, Trompete und Orgel gelernt, an der Musikhochschule Freiburg studiert und sich zum Dr. phil. promoviert. Neben dem Komponieren in praktisch allen Musikgenres war ihm das Unterrichten ein Leben lang Herzensanliegen. Neben einer Professur an der Hochschule für Musik und Theater München wirkte er auch als Dozent für Neue Musik an der Hochschule für Katholische Kirchenmusik in Regensburg. Er ist Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie, war Aufsichtsrat der GEMA und ab 2013 Präsident des Deutschen Komponistenverbands.


    Das ganze interview kann man hier nachlesen: https://www.krone.at/3903820


    Beim Werbepartner sind einige Bundles mit seinen CDs erhältlich. Ich habe mit zwei angeschafft und war von der Vielfalt der Ausdrucksformen, Breite in der Beschäftigung eines Genres z. B. Orgelsinfonien und Tiefe der musikalischen Aussagen überrascht.



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  • Zur erwähnten Toccata aus dem Film Schlafes Bruder gibt es auf Schott zur Partitur diesen Kommentar:


    Die TOCCATA SCHLAFES BRUDER wurde von Enjott Schneider 1995 komponiert. Im worldwideweb kursieren die merkwürdigsten Gerüchte, wer diese Toccata komponierte. Die Genese der Musik war folgende:


    1) Enjott Schneider las 1993 auf seinem Flug nach Bombay (unterrichtete als Gastprofessor am Staatlichen Filminstitut Pune/Indien Filmmusikdramaturgie) den Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider und rief von Bombay aus den Regisseur Joseph Vilsmaier an: "Das ist unser Stoff, hole Dir sofort die Verfilmungsrechte!"

    2) Wieder zurück aus Bombay war Romanautor Robert Schneider schon bei Joseph Vilsmaoier und das Experiment der Umsetzung ging los.

    3) Enjott Schneider komponierte und produzierte (mit Harald Feller an der Orgel) auf der Basis seines "Elsbeth-Themas" alle Orgelmusiken (z.B. Lehrer erhängt sich, erster Auftritt als Wunderorganist in der Dorfkirche etc.) und alle Begleitungen der Gemeindechoräle (z.B. auch "Nun komm der Heiden Heiland" mit Knabensopran-Solo)... vor den Dreharbeiten waren auf diese Weise alle Playbacks auf Band, um danach bildgenau zu drehen.

    4) Von August bis November 1994 entstanden mit meiner Orgeltoccata, wie sie gedruckt auch bei Schott Music vorliegt ca. 10 Versionen des "Orgelwunders", die in meinem Archiv meistenteils noch dokumentiert sind. Die TOCCATA SCHLAFES BRUDER wurde an der Orgel der Stadtpfarrkirche Erding/Bayern von Harald Feller eingespielt, unter Beisein des Komponisten und des bayerischen Rundfunks, der dies schön in einer Dokumentation festhielt. Für Enjott Schneider war dies ein "unvergeßlicher" Tag, denn Mittags 12 Uhr fuhr er in seinem Audi 100 von Basel nach Erding, hatte beim Kaiserstuhl/Freiburg einen Totalschaden-Unfall (mit Rettungsmanöver ins freie Feld mit Tempo 160!!!), um dann in einem Leihwagen zur Toccata-Aufnahme nach Erding schnellstmöglich weiterzufahren, um pünktlich zur Aufnahme um 19 Uhr dort zu sein.

    5) Weil die Eindimensionaliät einer einzigen Toccata nicht ausreichte, um die Genialität und göttliche Besonderheit des Orgelspiels von Elias Alder darzustellen, improvisierte Enjott Schneider in der folgenden Zeit noch etwa 30 Minuten zusätzliche Musik, die zur Überlagung benutzt werden sollte und auch genutzt worden ist.

    6) Nach im Januar 1995 Enjott Schneider für 5 Wochen bei Hubert von Goisern im österreichischen Goisern wohnte und man gemeinsam an der Filmmusik weiterarbeitete, entstand in Teamwork zusätzlich zum "Elsbeth"-Thema, das dem Film an vielen Stellen zugrunde liegt, noch ein "Elias"-Thema in F-Dur.

    7) Bei der Endmischung im Frühjahr 1994 war immer noch Unzufriedenheit über die mangelnde "Überwältigung" der Zuschauer...Deshalb improvisierte Harald Feller noch zusätzlich im Salzburger Dom über das von Hubert von Goisern und Enjott Schneider gemeinsam geschaffene "Elias Thema", um den maximal-optimal gesteigerten Abschluss zu finden (wo dann zusätzlich auch Windgeräusche und Effekte des Sounddesigners Stefan Busch hingelegt wurden)..... So ließ sich dann endlich durch Kumulieren verschiedenster Tonebenen das übernatürlich-göttliche Spiel des Elias zu einem fulminanten Ende steigern.


    Die Musik ist also im letzten Viertel eine Teamarbeit aus verschiedenen Klangebenen. dasselbe gilt auch für die optische Seite: Die Aussenansicht und die räumliche Innennsicht des Orgelwunders wurde in Kutna Hora/Tschechien gedreht. Die Bilder des Innenlebens - der Mechanik und Abstrakten - der Orgel wurden an der Brucknerorgel in Linz gedreht, wobei Enjott Schneider die Passagen und Läufe spielte bzw. improvisierte. Die virtuos gleitenden Finger wurden z.T. in Kutna Hora gedreht, z.T. an der Brucknerorgel in Linz, wo Enjott Schneider dem Schauspieler André Eisermann die Passagen vorspielte, und er dann in dieser Art imitierte....


    ...soweit zu den Gerüchten um die Entstehung der Orgeltoccata, wozu z.B. bereits ein ganzes Buch geschrieben wurde: allerdings, ohne den Komponisten dazu interviewt zu haben!