Eugen d’Albert (1864-1932):
DER GOLEM
Musikdrama in drei Akten
Libretto von Ferdinand Lion und Margit Labouchère nach Arthur Holitscher
Originalsprache: Deutsch.
Uraufführung am 14. November 1926 in Frankfurt/Main.
Personen der Handlung:
Der Golem (Bariton)
Rabbi Loew (Bass)
Lea, seine Pflegetochter Sopran
Sein Jünger (Tenor)
Kaiser Rudolf II. (Bariton)
1. Jude (Tenor)
2. Jude (Bass)
Tycho Brahe (Stumme Rolle)
Chor / Statisten / Ballett: Volk der Juden, Männer, Frauen, Jünglinge, Mädchen Salomo, die Königin von Saba, Zwerge, Riesenneger, Knaben, Mädchen, Männer, die Affen, Pfauen und Kamele führen (Pantomimen)
Ort und Zeit: Prag im Jahre 1600.
Erster Akt.
Wie man aus der Bibel weiß, haben die Israeliten mit ihrem Anführer Mose ihren Auszug aus der ägyptischen Gefangenschaft vollzogen. Was aus dem biblischen Bericht nicht hervorgeht: die Auszügler haben einen magischen Stein, den Golem, vor ihrem Auszug aus Ägypten in der Erde vergraben.
Jetzt, man schreibt das Jahr 1600 nach Christi Geburt, findet ein jüdischer Rabbiner in Prag jenen Golem (wie der aus Ägypten nach Prag gekommen ist, bleibt das Geheimnis des Librettos!). Der Finder ist Rabbi Loew und der hat ihn, gemeinsam mit seinem Adlatus, in sein Haus geschafft. Loew ist sich ganz sicher, dass es ihm mit den nötigen magischen Kenntnissen gelingen wird, den Stein zum Leben zu erwecken. Dazu muss allerdings Lea, Loews Adoptivtochter, das Haus verlassen, folglich schicken Loew und sein Jünger Lea zu Bekannten. Sie ist kaum aus dem Haus, da beginnt Rabbi Loew mit der geheimnisvollen „Erweckungszeremonie“ des Golem.
Was da hoffnungsvoll beginnt, endet abrupt durch einen unangemeldeten Besucher, noch dazu von einem hohen Herrn, Kaiser Rudolf II. nämlich, der in Begleitung eines ebenso berühmten Astronomen und auch dänischem Adligen, erscheint, Tycho Brahe. Neugierig ist die Majestät, ist neugierig auf Fragen, die die letzten Dinge betreffen, und die Antworten soll halt Rabbi Loew dem Kaiser geben. Wird der es können? Kann die Majestät die Antworten, so sie denn gegeben werden, geistig verstehen und auch verarbeiten? Rudolf wünscht sich von Rabbi Loew eine Begegnung mit der Königin von Saba und Loew sorgt mit einer Laterna magica dafür, dass eine Begegnung zwischen der Herrscherin mit dem König Salomo zu sehen ist. Kaiser Rudolf ist allerdings nicht in der Lage, den verborgenen Sinn des Gesehenen zu erkennen und bricht, ohne von seiner Schwermut geheilt worden zu sein, mitsamt seiner Begleitung wieder auf.
Endlich, nachdem der Kaiser mit seinem Tross abgezogen ist, gelingt Loew der Versuch, den Golem zum Leben zu erwecken. Der Rabbi hat jedoch keine intellektuell höheren Ansprüche an den Neubelebten als den, einen Diener und Knecht aus ihm zu machen. An dieser Stelle der Handlung kommt Loews Jüngling ins Spiel: er, der sich an dem Vorhaben des Rabbi beteiligt hat, wünscht sich von seinem Lehrer als Lohn dessen Tochter Lea, die er aber noch nie gesehen hat. Der Rabbi hat auch keine Einwände gegen seinen Adlatus als seinen zukünftigen Schwiegersohn, spricht aber trotzdem eine Warnung aus: Lea ist tatsächlich nicht seine Tochter, sondern ein Findelkind und – möglicherweise – noch nicht einmal eine Jüdin, dafür aber Kind- und zugleich Über-Frau. Der Rabbi stellt Lea dem Jünger vor, die sich aber über den jungen Mann lustig macht, was dem natürlich nicht gefällt. Leas Aufmerksamkeit wird dann von jener seltsamen Kreatur gefesselt, die ihr Vater ihr gegenüber als einen stummen Diener ausgibt.
Rabbi Loew verlässt mit seinem Jünger die Behausung und Lea ist mit dem stummen Diener allein. Es ist interessant zu beobachten, dass sich Lea für den stummen Neuling im Hause ihres Vaters interessiert, und zwar so sehr, dass sie sofort beginnt, diesem Wesen die Sprache beizubringen. Der Erfolg, den Lea bei ihren Bemühungen hat, korrespondiert allerdings nicht mit dem Gesichtsausdruck des Golem, denn nach Begeisterung sieht das keinesfalls aus. Eher, so empfindet das Publikum es, will es scheinen, als habe der Golem kein Interesse daran, menschlich gesehen zu werden. Er bemüht sich stattdessen, seine dienerischen Aufgaben, so eintönig sie auch sein mögen, zur Zufriedenheit seines Patrons auszuführen...
Zweiter
Akt.
Rabbi Loew hadert während
des Laubhüttenfestes mit Gott. Obwohl seine Gemeinde reichlich
Gebete zum Himmel schickt, schweigt der Höchste zu den Klagen seiner
„Schafe“.
Loew
kommt zu dem
Schluss, dass er sich in die Synagoge begeben
sollte, um sich dort intensiv mit Gott
betend zu unterhalten. Lea und der
Golem bleiben natürlich im Haus zurück,
und wir müssen konstatieren, dass der
Golem die menschliche Sprache vergessen zu haben scheint. Dafür ist
ein anderer sehr mit Lea beschäftigt, denn der Jünger des Rabbi hat
sich ins Haus begeben, nachdem der Hausherr gegangen war und macht
der schönen Lea den Hof. Er malt ihr beispielsweise ein ruhiges und
gottesfürchtiges Leben zu Zweit aus und er
teilt ihr den Namen „Golem“ für das Wesen mit.
Aber Lea, die immer noch von diesem
merkwürdigen Hausbewohner fasziniert ist,
mag sich mit ihrem Verehrer nicht weiter beschäftigen,
und bemüht sich eifrigst, den Jünger
fortzuschicken. Dann aber wendet sie sich
dem Golem zu und küsst ihn, einer Eingebung folgend, auf die Wange.
Durch diese intime Berührung wird der Golem wieder der menschlichen
Sprache mächtig und beide geben sich ein Liebesgeständnis. Als
jetzt eine Gruppe Juden erscheint, um Rabbi Loew zu treffen, nimmt
der Golem seinen Platz ein und segnet die Gruppe. Der Hausherr ist
zwischenzeitlich zurückgekommen und hat sowohl den Kuss als auch die
Segnung der jüdischen Gruppe mitbekommen. Und das führt zu einem,
wenn auch verzögertem Wutausbruch: er reißt Lea an sich und stürmt
mit ihr aus dem Haus. Der Golem steht zunächst wie erstarrt, zeigt
dann aber plötzlich eine menschliche Reaktion: er stürzt den beiden
nach...
Dritter
Akt.
Der Rabbi ist mit Lea aus Prag
geflohen und hat sie in das Observatorium Tycho Brahes verschleppt.
Auch die verängstigte Gemeinde kommt zu diesem Ort und sammelt sich
um Loew, während man in der Ferne Flammen über dem Ghetto
aufsteigen sieht. Die Gemeindemitglieder zeigen sich nicht nur
erstaunt, sondern auch entsetzt. Was sie nicht wissen, sich aber
fragen, ist, wer den Brand gelegt haben könnte. Die jungen Männer
sind bereit, ihre Heimatgemeinde zu retten und rennen in Richtung des
Feuers davon. Mütter und Greise ergeben sich dem Schrecken und die
jungen Mädchen der Resignation. Es wird immer klarer, dass der Golem
hinter dem Brand steckt. Jetzt ist Lea an der Reihe. Sie lockt den
Golem durch süßen Gesang heran, ist sich aber darüber im Klaren,
dass sie beide diesen Tag nicht überleben werden. Um die Raserei des
Golem zu unterbinden, tötet Loew seine Adoptivtochter, in der
Hoffnung, dass dadurch auch der Golem sein Menschsein verliert.
Tatsächlich geht der Golem zu Grunde, wird zu tönerner Materie...

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