Warum Schellacks? Ein Pianophiler denkt nach

  • Pianophile haben Glück: selbst Aufnahmen aus der Zeit der akustischen Aufzeichnung könne gut klingen. Und man kann sogar das Typische des individuellen Klanges eine Pianisten heraushören. Bei Orchestermusik ist das schwieriger, manchmal trifft man auf sehr gute Aufnahmen nach 1927, aber aus mir nicht erklärlichen Gründen sind die oftmals recht basslastig. Aber das ist nicht der Punkt.


    Die interessante Phase der Schallaufzeichnung setze ich in den Jahren nach 1920 an. Brahms ist noch nicht allzu lange tot, Debussy und Ravel weilen noch unter den Lebenden, Bach wird gerade wieder- und neu entdeckt (also weg vom romantischen Getöse, hin zu sachlicher Klarheit), eine spannende Zeit, in der nun die wachsende Plattenindustrie anfängt, ihre Kataloge zu füllen. Mit Ausnahme von Caruso gibt es den Plattenstar noch nicht, jedenfalls nicht im Klassikbereich.


    In den englischen Columbia-Studios stand ein Steinway, in den Abbey-oad Studios ein Bechstein. Debussy selbst mochte Erard, zog aber Bechstein vor, weil das Instrument seine Klangfarben besser abbildete.


    Auch wenn bei mir sich einige echte Schellacks auf dem Plattenteller drehen, so gibt’s bei mir auch einige Aufnahmen aus dieser Zeit auf CD oder LP.


    Gehe ich von den originalen Schellacks aus, so unterscheidet sich das Hörverhalten im Vergleich zu LP und CD deutlich. Die Schellackplatte schaffte 5 min, dann musste umgedreht werden. Ich lege die Platte auf und kann gar nichts anderes machen als zuhören. Bei Bachs WTK passen in der Regel ein Präludium zusammen mit der Fuge auf ein Seite. Das Rauschen oder Schleifen der alten Platten ist gar nicht mal so schlimm, es wird zu einer Art white-noise, die ungefilterte Musik hat mit einem mono-Tonabnehmer oft eine breite Bühne.


    Vor allem aber: de Musik ist unmittelbar. Ein Pianist wie Evlyn Howard-Jones war Pianist, Dirigent und Lehrer. Er hatte sich als Interpret von Bach einen Namen gemacht als das WTK zum Standard der Pianistenausbildung wurde. Die Platte war ein Medium, für das er angefragt wurde wie für ein Konzert. Ebenso wie für sein Aufnahme der Mondscheinsonate. Diese Musiker gingen ins Studio, setzten sich an den Flügel und: es spielte. So klingt es jedenfalls. Zwei Tage hat Howard-Jones für seine 8 Präludien und Fugen gebraucht, nicht mehr. Harriet Cohen ähnlich. Diese Musiker lebten fürs Spielen und unterrichten, Harriet Cohen war eng mit Arnold Bax verbunden, Howard-Jones musikalisch mit Delius. Mit der Kritikerhysterie, in der 185.000sten Aufnahme der Pathetique etwas „Neues“ oder Besonderes hören zu wollen oder sie beiseite zu schieben hatten diese Musiker noch gar nichts zu tun.


    Und später Walter Gieseking. Dessen erste Plattenaufnahme zu akustischer Zeit noch galt Bach, dann kamen -auch akustisch- Debussy, Ravel, Poulenc, Grieg. Diese Aufnahmen profitieren freilich von heutigen Restaurierungsmöglickeiten, aber man hört schon noch, daß die aus akustischer Zeit stammen (der krasseste Unterschied ist übrigen der Bajazo-Prolog, den Heinrich Schlussnus zweimal aufenommen hat. Einmal akustisch -muss um 1920 gewesen sein- und dann elektrisch -naturgemäß nach 1926. Gleiche Plattenfirma übrigens. Und es hört sich an, als hätte man einen Vorhang weggezogen, allein schon der Umstand, dass keine Stroh-Geigen mehr gebraucht wurden).


    Harriet Cohen hat in akustischer Zeit sogar ein Cembalo-Konzert von Bach aufgenommen, gespielt, wie damals üblich, auf einem Flügel. Wenn man sich die Aufnahme anhört ist man erstaunt, wie gut die Balance von Flügel und Orchester passt, wenn das dan auch noch vernünftig gespielt hätte...


    Nochmal zur Unmittelbarkeit des Klanges: die Aufnahmen waren nicht zu schneiden. Es wurde vorher festgelegt, wieviel Takte für eine Plattenseite gespielt werden konnten und in dieser Portionierung wurde aufgenommen.


    Wie selbstverständlich und unmittelbar diese Musik auch nach 100 Jahren noch klingt (Aufnahmen wie den Erstversuch der Aufnahme von Buch 1 des WTK mit Cohen und Howard-Jones würde ich in meine persönliche one of a kind Rubrik einsortieren) wird wohl daran liegen, daß für die Plattenaufnahmen kein großer Budenzauber veranstaltet wurde. Und die Musiker Musiker waren und nicht in erster Linie Plattenstars. Und für Klavierliebhaber angesicht's des Threads über alte vs neue Instrumente: bei Debussy, Ravel und Poulen haben wir nahezu Zeitgenossenschaft von Komponist, Pianist und Instrumentenwahl, Brahms, der ja auch die Entwicklung des Flügels miterlebt hat wäre mit dem Instrument, das Harriet Cohen spielt, wohl auch recht zufrieden gewesen (die Cohen war 2, als Brahms starb, also noch ziemlich dicht dran).


    Herzliche Einladung, diesen Schätzen näher zu treten.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:



    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Die interessante Phase der Schallaufzeichnung setze ich in den Jahren nach 1920 an.

    Genau genommen 1925. Da kamen die ersten sogenannten "elektrischen" Aufnahmen auf den Markt.


    (der krasseste Unterschied ist übrigen der Bajazo-Prolog, den Heinrich Schlussnus zweimal aufenommen hat. Einmal akustisch -muss um 1920 gewesen sein- und dann elektrisch -naturgemäß nach 1926. Gleiche Plattenfirma übrigens. Und es hört sich an, als hätte man einen Vorhang weggezogen,

    Akustisch - vs. Elektrisch:

    Es wurde eine ganze Oktave dazugewonnen - ein rein physikalischer Vorgang - und das hört man natürlich. es kling weniger quäkig weil enigstens ein Teil der Höhen aufgezeichnet werden konnt. Bis zum sogannannten naturgetreuen Klng war es noch ein weiter Weg. Genau genommen ist der bis heute nicht erfolgreich beende. Man höre einen Originalen Konzertflügel gegen eine High End Stereoaufnahme.....


    Klavieraufnahmen (das gilt für die meisten Soloinstrumente mit Ausnahme der Violine)sind immer überzeugender als Orchester, weil der Klang eines einzelnen Instrument weniger komplex ist, als wenn - wie naturgemäß beim Orchester - mehrere - noch dazu von der Tonerzeuging unterschiedliche Instrumente (Streicher, Bläser, Schlagzeug aller Arten) gleichzeitigaufgeeichnet werden müssen. Da ist die damalige (und eigentlich auch heutife) Aufnahmetechnik überfordert.


    Wie sehr man eine eingeschänkte Tonqqualität in Kauf nimmt ist einerseits vom persönlicher Anspruch, andrerseits von den Umständen abhängig. So habe ich eher bescheidene Tontechnik bei Schnabel in Kauf genommen, weil ich hören wollte wie er Beethoven spielt. Es gab nämlich dereinst (in den dreissiger Jahre) ein "geflügeltes Wort": "wenn man Beethoven unverfälscht hören will. dann muß man Schnabel wählen"

    Ich war damals ein bisschen enttäusche, den er spielte- gemessen an heutigen "Tatenlöwen" eher "neutral2. Aber das ist eben das " Unverfälschte"

    Heute höre ich ihn mit "anderen Ohren"


    Man mag über Schellackplatten denken was man mag, IMO klingen sie fast immer besser als jeder Transfer, wo die Techniker den Klang "verbessern " wollen und ihn verfälschen.

    Subjektives Ureil: Wärend die moderaten Transfers saube und einen Touch weich oder stumpf klingen, klingen Schellacks, durch ein "Hochfrequenzrauschen" überlagert, brillianter und härte - ich würde sagen unmittelbarer....


    LG aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Leider habe ich nicht mehr die Möglichkeit meine Schellacks abzuspielen, in meiner alten Wohnung hatte ich noch eine Plattentruhe von 1960 stehen, diese meterbreiten massiven Dinger mit Schellack überzogen, Weltempfänger, und einem Plattenspieler, der von 16 - 78 U/min alles abspielen konnte. Musste aus Platzmangel zu einem anderen Besitzer umziehen. Die Schellacks blieben, vielleicht findet sich noch einmal die Gelegenheit. Wenn ich es wirklich in die Köppe bekomme, und die Dame des Hauses überzeugen kann, würde ich rund 100 Meter Fußweg in Kauf nehmen, und das Ladengeschäft dieses Herren beehren, der hat einige Abspielgeräte im Verkauf - und Tausende Schellacks, laut eigenem Bekunden ist er der umfangreichste Händler Deutschlands in diesem Sektor ;)

    Schellackplattenshop

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Uii, interessante Sachen hat der Mann im Angebot, er ruft allerdings auch stolze Preise auf. Ich hatte gestern nochmal einen verträumten Blick über meine kleine Schellacksammlung streifen lassen und müsste zum Threadgegenstand vielleicht och Anmerkungen machen:


    Die Schellackära endet Mitte bis Ende der 1950er Jahre. Zumindest in Deutschland. Nach Ende des Kriegs hat sich das Material noch einmal verbessert, ebenso die Aufnahmetechnik. Aber buis sich die neue Technik Vinyl und 33 UpM oder 45 UpM verbreitet hatte, das zog sich. LPs waren ohnehin eher für Betuchte, die verbreiteten Formate waren dann die 25 cm LP und die Vnylsingle. Die ersten Aufnahmen von Samson Francois und Aldo Ciccolini erschienen ausschließlich als Schellack-Platte, wie etwa die legendäre Aufnahme von Scarbo 1948 oder Ciccolinis Mozart und Scarlatti 1950. Ein von Ansermet aufgenommenes Album (4 25 cm-Schellacks im Album) von Rimski-Korsakoffs "Scherazade" erschien Anfang der 1950er als Album 4 17-cm Vinylsingles im Album).


    Der Blick zurück in diese Ära sollte unser Ohr dafür schärfen, wie stark die moderne Technik unser Musikhören verändert hat. Im Bereich der klassischen Musikaufnahmen bekommen wir aber auch ganz andere künstlerische Selbsverständnisse dokumentiert.


    Wenn man von den Schellackalben absieht, in denen Werke gekauft wurden, die das 5- resp. 10-min-Format sprengen (etwa Beethoven 9, Oskar Fried, 1927, 7 Platten), dann kommt man auf eine Wertschätzung der kleinen Stücke oder Werke im 10 min-Format. Diese Rezeption lebt bis in die 1960er Jahre weiter, Nachfolger der Einzelschellack ist die Vinyl-Single, auch im Klassik-Bereich sehr verbreitet. Auch ich hatte als Kind einige davon.


    Die Betrahtungen des Pianophilen gehen also in zwei Richtungen: Hörgewohnheit und Rezeption: das geht das Schellacktypische über die eigentliche Schellackzeit hinaus bis in die 1960er, die Dokumentation des Künstlerischen dürfte früher enden, spätestens mit dem großen Sündefall der Musikproduktion, dem Schneiden und somit bilden von Artefakten, die mit der Realität der Aufführung nichts mehr u tun haben.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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  • oder Ciccolinis Mozart und Scarlatti 1950

    Diese Aufnahmen sind ein gutes Stichwort, denn zumindest die Scarlattis sind naturgemäß als Schellackplatte erschienen. Bei Mozart bin ich mir nicht ganz sicher. Die vier Scarlatti-Sonaten hat Ciccolini 1953 noch einmal aufgenommen, weiterhin mono, aber: anderer Flügel. In den Pariser Pathe-Studion stand wohl ein Steinway, der auch auf den meisten Aufnahmen Ciccolinis zu hören ist. Die ersten Scarlatti-Aufnahmen machte er allerdings auf einem Piano Gaveau. Gaveau war einer der drei großen Klavierbauer in Frankreich, verschmolz allerdings später mit Erard. In Paris hat Gaveau einen eigene Saal für Jaz- und Klassikaufführungen eingerichtet, in dem Gaveau-Instrumente gespielt wurden und auch Ciccolini griff von Fall zu Fall zu einem Gaveau. So eben auch bei seinen ersten Plattenaufnahmen. Einen wunderbaren Blühklang hat dieses Instrument, Steinway dagegen wirkt dagegen kalt und hart. Bei Scarlatti war das leider Ciccolinis einziger Zugriff auf ein Gaveau-Instrument, alle weiteren Scarlatti-Aufnahmen entstanden -leider- auf Steinway. Aber auch hier ist das Thema die Art des Musikhörens: so eine Schellack legt man auf wie eine (spätere) Single und hört nur ein Stück. Ciccolini spielt K 259, und ich kann zwar nicht die Nadel wieder an den Rillenanfang setzen, heute drücke ich die Zurück-Taste, ums nochmal zu hören.



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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