Ermanno Wolf-Ferrari: Leben, Werk und Stil eines deutsch-italienischen Opernkomponisten

  • Ermanno Wolf-Ferrari gehört zu den bedeutendsten Opernkomponisten des frühen 20. Jahrhunderts. Obwohl sein Name heute weniger bekannt ist als jener von Giacomo Puccini oder Richard Strauss, erfreuten sich seine Werke vor dem Ersten Weltkrieg international großer Beliebtheit. Besonders seine geistreichen komischen Opern, die auf Vorlagen des venezianischen Dramatikers Carlo Goldoni beruhen, machten ihn weltberühmt. Wolf-Ferrari verband in einzigartiger Weise deutsche Kompositionstechnik mit italienischer Melodik und schuf damit einen unverwechselbaren Personalstil.

    Lebensdaten

    Ermanno Wolf-Ferrari wurde am 12. Januar 1876 in Venedig geboren und starb dort am 21. Januar 1948. Geboren wurde er als Hermann Friedrich Wolf. Sein Vater August Wolf war ein deutscher Maler, seine Mutter Emilia Ferrari stammte aus Venedig. 1895 fügte er den Mädchennamen seiner Mutter seinem Familiennamen hinzu und nannte sich fortan Wolf-Ferrari.

    Werdegang

    Zunächst wollte Wolf-Ferrari wie sein Vater Maler werden. Er studierte deshalb an der Accademia di Belle Arti in Rom sowie später in München. Während seines Aufenthalts in München entdeckte er jedoch seine eigentliche Leidenschaft für die Musik. Er wechselte an die Königliche Akademie der Tonkunst und studierte Komposition und Kontrapunkt bei Joseph Rheinberger.

    Nach seiner Ausbildung kehrte er nach Italien zurück und arbeitete zunächst als Chorleiter in Mailand. Dort lernte er bedeutende Persönlichkeiten des italienischen Musiklebens kennen, darunter Arrigo Boito und Giuseppe Verdi. Seine erste Oper Cenerentola wurde 1900 in Venedig uraufgeführt, fiel jedoch beim Publikum durch. Erst eine überarbeitete deutsche Fassung brachte ihm Anerkennung.

    Der eigentliche Durchbruch gelang 1903 mit der Kantate La vita nuova sowie der Oper Le donne curiose. Im selben Jahr wurde er Direktor des venezianischen Musikinstituts Liceo Musicale Benedetto Marcello, ein Amt, das er bis 1909 innehatte.

    Vor dem Ersten Weltkrieg waren seine Opern weltweit erfolgreich. Die Kriegsereignisse trafen ihn jedoch schwer. Als Künstler mit deutscher und italienischer Identität litt er besonders unter den nationalen Spannungen. In den Jahren nach dem Krieg entstand eine längere Schaffenskrise. Dennoch komponierte er weiterhin Opern, Konzerte und Orchesterwerke. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er überwiegend in Venedig, wo er 1948 starb.

    Stilbeschreibung

    Wolf-Ferraris Musik zeichnet sich durch eine seltene Verbindung deutscher und italienischer Traditionen aus. Zeitgenossen beschrieben seinen Stil häufig als eine Synthese aus:

    • deutscher kontrapunktischer Meisterschaft,
    • klassischer Formklarheit,
    • italienischer Gesanglichkeit und
    • venezianischem Humor.

    Während viele italienische Komponisten seiner Zeit dem leidenschaftlichen Verismo folgten, orientierte sich Wolf-Ferrari stärker an den Vorbildern Mozart, Rossini und dem späten Verdi, insbesondere an Falstaff. Seine Musik wirkt oft leicht, elegant und transparent. Die Orchesterbehandlung ist farbenreich, ohne überladen zu sein, und die Gesangsstimmen bleiben stets natürlich und melodisch geführt.

    Seine komischen Opern zeichnen sich durch feinen Humor, lebendige Ensembleszenen und eine geschickte Charakterzeichnung aus. In Werken wie I gioielli della Madonna näherte er sich zwar dem Verismo an, blieb jedoch insgesamt der klassisch ausgewogenen Form verpflichtet.

    Die wichtigsten Werke

    Le donne curiose (1903)

    Deutscher Titel: Die neugierigen Frauen

    Die Oper nach einer Komödie Carlo Goldonis machte Wolf-Ferrari schlagartig berühmt. Das Werk gilt als Wiederbelebung der traditionellen Opera buffa im 20. Jahrhundert.

    Vollständige Oper:

    I quattro rusteghi (1906)

    Deutscher Titel: Die vier Grobiane

    Eine seiner erfolgreichsten Opern. Der Komponist verbindet venezianisches Lokalkolorit mit meisterhaftem Ensemblegesang und humorvoller Charakterzeichnung.

    Vollständige Oper:

    Alternative Aufführung:

    Il segreto di Susanna (1909)

    Deutscher Titel: Susannens Geheimnis

    Ein heiteres Intermezzo in einem Akt. Die Oper zählt heute zu den meistgespielten Werken Wolf-Ferraris.

    Komplette Aufnahme mit Renata Scotto und Renato Bruson:

    Alternative Aufführung:

    I gioielli della Madonna (1911)

    Deutscher Titel: Der Schmuck der Madonna

    Dieses Werk zeigt die dramatische Seite des Komponisten und enthält deutliche Einflüsse des Verismo.

    Direkte Gesamtaufnahme: https://www.youtube.com/result…a+Wolf-Ferrari+full+opera

    (Aktuell werden mehrere vollständige Aufnahmen angeboten; die verfügbaren Videos wechseln regelmäßig.)

    L'amore medico (1913)

    Deutscher Titel: Der Liebhaber als Arzt

    Eine Oper nach Molière, in der Wolf-Ferrari erneut seine Vorliebe für die komische Oper unter Beweis stellt.

    Direkte Videoübersicht:
    https://www.youtube.com/result…-Ferrari+L%27amore+medico

    Sly (1927)

    Oper nach Motiven aus Shakespeares The Taming of the Shrew. Sie gehört zu seinen bedeutendsten späteren Werken.

    Vollständige Oper:
    https://www.youtube.com/result…ry=Wolf-Ferrari+Sly+opera


    Il campiello (1936)

    Eine weitere Oper nach Carlo Goldoni, die den Charme des alten Venedig musikalisch einfängt.

    YouTube: https://www.youtube.com/result…Wolf-Ferrari+Il+campiello

    Bedeutung

    Wolf-Ferrari nahm innerhalb der Musikgeschichte eine Sonderstellung ein. Er gehörte weder den musikalischen Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts noch dem reinen Verismo an. Stattdessen bewahrte er klassische Ideale von Eleganz, Ausgewogenheit und melodischer Schönheit. Seine Opern gelten heute als wichtige Beispiele für die Erneuerung der italienischen komischen Oper im frühen 20. Jahrhundert.

    Werksverzeichnis (Auswahl)

    Opern

    • Cenerentola (1900)
    • Le donne curiose (1903)
    • I quattro rusteghi (1906)
    • Il segreto di Susanna (1909)
    • I gioielli della Madonna (1911)
    • L'amore medico (1913)
    • Gli amanti sposi (1925)
    • Sly (1927)
    • La vedova scaltra (1931)
    • Il campiello (1936)

    Chor- und Vokalwerke

    • La vita nuova op. 9
    • Talitha Kumi op. 3
    • La Sulamite op. 4
    • Otto cori op. 2

    Orchesterwerke

    • Sinfonia da camera op. 8
    • Arabesken op. 1
    • Suite Veneziana (1936)
    • Triptychon für Orchester (1936)

    Konzerte

    • Violinkonzert (1943)
    • Cellokonzert (1944)
    • Idillio-Concertino für Oboe, Hörner und Streicher
    • Concertino für Fagott und Orchester
    • Piccolo Concerto für Englischhorn, Hörner und Streicher (1947)

    Kammermusik

    • Klaviertrio Nr. 1
    • Klaviertrio Nr. 2
    • Streicherkammermusik verschiedener Besetzungen
    • Zahlreiche Lied- und Instrumentalwerke

    Literatur und Biographie: Die Lebensdaten und Werkangaben beruhen auf den offiziellen biographischen Angaben der Ermanno-Wolf-Ferrari-Gesellschaft sowie auf den einschlägigen biographischen Nachschlagewerken.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Lieber Orffeus!


    Danke für den schönen Beitrag über Ermanno Wolf-Ferrari. Ich möchte gern ein paar persönliche Anmerkungen hinzufügen.


    Du schreibst, dass sein Vater Maler war und er selbst das zunächst auch werden wollte. Interessanterweise wurde der Bruder von Ermanno dann Maler. Der ist mir vor einem guten Monat im Museo Revoltella in Triest untergekommen. Er nannte sich ebenfalls Wolf-Ferrari. Sein Vornamen war Teodoro.


    Ein anderes Mal begegnete mir der Namen des Komponisten selbst überraschend. Ich war zu einem runden Geburtstag in dem Ort Ottobrunn, nahe München gelegen, eingeladen. Und wo fand das Event statt: Im dortigen Kultur- und Veranstaltungszentrum mit dem Namen Wolf-Ferrari-Haus. Auf dem Ortsgebiet von Ottobrunn hat der Komponist nämlich mehrere Jahre gelebt und gearbeitet.


    Da ich Salzburger bin, interessiert mich natürlich auch Wolf-Ferraris Bezug zum Mozarteum. Hier kann man alle (!) Jahresberichte des Mozarteums herunterladen: Archiv & Dokumentation - Universität Mozarteum

    Schaut man 1939 nach, so sieht man, dass Wolf-Ferrari als neuer Lehrer erwähnt wird. Das Fach Komposition musste er sich allerdings mit Cesar Bresgen teilen, einem eifrigen Nationalsozialisten. Direktor wurde ebenfalls in diesem Jahr Clemens Krauss. Dass Krauss Wolf-Ferrari bewunderte, kann man auch hier nachlesen: Klaus Ulrich Spiegel - Wolf-Ferrari: Der Kuckuck


    Ich möchte mit einer - wie ich finde - netten Anekdote um Wolf-Ferrari enden. Karl Terkal, das Wiener Original, wurde einmal von dem fantastischen Radiomoderator und Opernkenner Gottfried Cervenka (man kann kaum glauben, dass er schon über zehn Jahre tot ist) nach seinen Anfängen in Graz gefragt. "Was waren dort Ihre großen Partien?" - "Olles, wos ich glernt hob, is von do unten: Turandot, Rigoletto, Traviata ... (überlegt) ... Neigierige Fraun ...". Cervanka unterbricht: "Wolf-Ferrari." - "Jo, vom Ferrari!"

  • Obwohl es hier in dem sehr gelungenen Beitrag von Orffeus in erster Linie um den Opernkomponisten Ermanno Wolf-Ferrari geht, ist mein mit Abstand liebstes Werk das Violinkonzert, 1943 geschrieben für die Violinistin Guila Bustabo "in Bewunderung" und 1944 von ihr und den Münchner Philharmonikern unter Oswald Kabasta uraufgeführt.

    Es ist ein Werk voller Melodiosität, Virtuosität, Lyrik, Wärme, in seiner Tonalität scheinbar komplett aus der Zeit gefallen. Beim WDR gibt es eine Werkeinführung, auf youtube ist es zu hören:



    Der Werbepartner listet immerhin vier Aufnahmen, die noch erhältlich und allesamt sehr hörenswert sind:



    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • mein mit Abstand liebstes Werk das Violinkonzert

    Der Werbepartner hat noch viel mehr, nämlich diese zum aktuellen Sensationspreis erhältliche Box mit 8 CD´s voller Orchesterwerke incl. dem Violinkonzert und Kammermusik, als da wären:

    Orchesterwerke: Idillio - Concertino op. 15 für Oboe, Streicher & 2 Hörner; Serenata für Streicher; Suite-Concertino op. 16 für Fagott, Streicher & 2 Hörner; Concertino op. 34 für English Horn, Streicher & 2 Hörner; Violinkonzert op. 26


    +Kammermusik: Violinsonaten Nr. 1-3; Klaviertrios Nr. 1 & 2; Klavierquintett op. 6; Sonate für Cello & Klavier op. 30; Duo für Violine & Cello op. 33; Streichquartette op. 23 & a-moll; Streichquintett op. 24; Streichtrios c-moll, a-moll op. 32, h-moll


    +Klavierwerke: 6 Bagatellen; 11 Variazioni sul Menuetto del "Falstaff" die G. Verdi; Chopin-Phantasie h-moll; Scherzino; Impromptus op. 13 Nr. 1-3; 3 Klavierstücke op. 14



    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • ist mein mit Abstand liebstes Werk das Violinkonzert

    PS: Fühlst Du Dich auch im ersten Satz (ca. Minute 7) melodisch direkt in die lustige Witwe katapultiert?

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Es ist mir tatsächlich vorher nicht so deutlich aufgefallen, lieber Orffeus, aber beim genauen Hinhören vernehme ich eine Abwandlung der "Königskinder"-Melodie. "Sie konnten zusammen nicht kommen..." Eine Anspielung auf das Verhältnis von Ermanno Wolf-Ferrari und der wesentlich jüngeren Guila Bustabo wird in dem Zitat vermutet.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler