Ich habe zu spät gesehen, das es schon einen Thread zu ihm gibt, die KI hat ihn im Komponistenverzeichnis unter "S" einsortiert, aber sei´s drum, geschrieben ist geschrieben, doppelt hält besser, und ein wenig Beachtung hat er allemal verdient:
Joly Braga Santos gilt als der bedeutendste portugiesische Symphoniker des 20. Jahrhunderts. Mit seinen sechs Symphonien schuf er einen Werkzyklus von internationalem Rang und trug entscheidend dazu bei, die portugiesische Kunstmusik in Europa bekannt zu machen. Sein Schaffen verbindet portugiesische Traditionen mit spätromantischer Klangpracht und einer später zunehmend modernen Tonsprache.
Leben und Ausbildung
José Manuel Joly Braga Santos wurde am 14. Mai 1924 in Lissabon geboren. Schon früh zeigte sich seine außergewöhnliche musikalische Begabung. Er studierte Violine und Komposition am Nationalkonservatorium von Lissabon und wurde Schüler von Luís de Freitas Branco, dem damals führenden portugiesischen Komponisten. Dessen Einfluss prägte die ersten Schaffensjahre des jungen Komponisten entscheidend.
Während des Zweiten Weltkriegs war Portugal kulturell weitgehend von den musikalischen Entwicklungen Europas abgeschnitten. Braga Santos orientierte sich daher zunächst an portugiesischen Traditionen, insbesondere an der Renaissance-Polyphonie sowie an regionalen Volksliedern des Alentejo. Diese Einflüsse prägen seine frühen Werke deutlich.
1945 reiste er nach England und traf dort Ralph Vaughan Williams, der ihn dazu ermutigte, die musikalischen Traditionen seiner Heimat stärker in seine Kompositionen einzubeziehen. Später setzte Braga Santos seine Ausbildung im Ausland fort: Er studierte Dirigieren bei Hermann Scherchen und Antonino Votto sowie Komposition bei Virgilio Mortari in Italien. Diese Begegnungen erweiterten seinen kompositorischen Horizont erheblich und führten zu einer stilistischen Weiterentwicklung in seinem späteren Schaffen.
Neben seiner Tätigkeit als Komponist arbeitete Braga Santos als Dirigent, Lehrer, Musikkritiker und Journalist. 1977 wurde ihm für seine Verdienste um die portugiesische Kultur der Orden Ordem de Sant'Iago da Espada verliehen. Er starb am 18. Juli 1988 in Lissabon im Alter von 64 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.
Die Symphonien als Zentrum seines Schaffens
International bekannt wurde Braga Santos vor allem durch seine sechs Symphonien. Die ersten vier entstanden in bemerkenswert kurzer Zeit zwischen 1946 und 1950 und wurden unmittelbar nach ihrer Fertigstellung vom Portugiesischen Radio-Symphonieorchester aufgeführt. Schon diese frühen Werke zeigen eine außergewöhnliche Beherrschung der Form und Orchestrierung.
Symphonie Nr. 1 op. 9 (1946)
Die erste Symphonie ist den Opfern des Zweiten Weltkriegs gewidmet. Sie vereint lyrische Themen mit monumentaler Architektur und zeigt Einflüsse von Vaughan Williams und Sibelius.
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Symphonie Nr. 2 op. 13 (1947)
Die zweite Symphonie erweitert die Dimensionen ihres Vorgängers und zeichnet sich durch eine besonders kraftvolle dramatische Gestaltung aus.
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Symphonie Nr. 3 op. 15 (1949)
Dieses Werk ist seinem Lehrer Luís de Freitas Branco gewidmet und gehört zu den melodisch reichsten Kompositionen Braga Santos'.
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Symphonie Nr. 4 op. 16 (1950)
Die vierte Symphonie gilt als sein Meisterwerk. Sie verbindet emotionale Tiefe mit groß angelegter symphonischer Architektur und gehört heute zu den wichtigsten Werken der portugiesischen Musikliteratur.
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Symphonie Nr. 5 „Virtus Lusitaniae“ op. 45 (1966)
Nach einer längeren kompositorischen Pause entstand die fünfte Symphonie in einem deutlich moderneren Stil. Chromatik und komplexere harmonische Strukturen treten stärker hervor.
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Symphonie Nr. 6 op. 62 (1972)
Die sechste Symphonie stellt eine Synthese zwischen seiner frühen melodischen Schreibweise und den modernen Techniken seiner Reifezeit dar.
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Weitere bedeutende Werke
Neben seinen Symphonien hinterließ Braga Santos ein umfangreiches Œuvre, das Konzerte, Kammermusik, Ballettmusik und Chorwerke umfasst. Besonders hervorzuheben sind das Concerto para Cordas (Konzert für Streicher), die Symphonischen Variationen über ein Alentejo-Thema, das Violinkonzert, das Cellokonzert sowie das Doppelkonzert für Violine, Violoncello, Streicher und Harfe.
Stil
Braga Santos verstand sich als Verfechter eines „lateinischen Symphonismus“. Er wandte sich gegen die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitete Ablehnung groß angelegter symphonischer Formen und strebte stattdessen nach einer Synthese aus Tradition und Innovation.
Seine frühen Werke zeichnen sich durch:
- weit gespannte Melodiebögen,
- modale Harmonik,
- Einflüsse portugiesischer Volksmusik,
- Renaissance-Polyphonie,
- brillante Orchestrierung und
- monumentale Formgestaltungen
aus.
Ab den 1960er Jahren wurde seine Musik chromatischer, dissonanter und harmonisch komplexer, ohne jedoch die emotionale Wirkung und die klare formale Struktur aufzugeben. Gerade diese Verbindung von Zugänglichkeit und kompositorischer Raffinesse macht Braga Santos zu einer herausragenden Persönlichkeit der europäischen Musik des 20. Jahrhunderts.
Werksverzeichnis (Auswahl)
Symphonien
- Symphonie Nr. 1 op. 9 (1946)
- Symphonie Nr. 2 op. 13 (1947)
- Symphonie Nr. 3 op. 15 (1949)
- Symphonie Nr. 4 op. 16 (1950)
- Symphonie Nr. 5 „Virtus Lusitaniae“ op. 45 (1966)
- Symphonie Nr. 6 op. 62 (1972)
Solokonzerte
- Violinkonzert
- Cellokonzert
- Klavierkonzert
- Konzert für Violine, Violoncello, Streicher und Harfe
Orchesterwerke
- Concerto para Cordas
- Sinfonietta für Streicher
- Symphonische Variationen über ein Alentejo-Thema
- Symphonische Ouvertüre Nr. 1
- Symphonische Ouvertüre Nr. 2
- Symphonische Ouvertüre Nr. 3
- Divertimento Nr. 1
- Divertimento Nr. 2
- Elegia a Viana da Mota
- Nocturno für Streicher
- Staccato Brilhante
Ballett
- Encruzilhada (1967)
Kammermusik
- Streichquartett Nr. 1
- Streichquartett Nr. 2
- Streichsextett
- Klaviertrio
- Weitere Werke für unterschiedliche Kammermusikbesetzungen
Joly Braga Santos hinterließ ein Werk, das sowohl als Höhepunkt der portugiesischen Symphonik als auch als bedeutender Beitrag zur europäischen Musik des 20. Jahrhunderts angesehen werden kann. Seine Symphonien verbinden nationale Identität, klangliche Schönheit und architektonische Größe auf einzigartige Weise und werden heute zunehmend international wiederentdeckt.

