Joly Braga Santos (1924–1988) Leben, Werk und musikalisches Vermächtnis

  • Ich habe zu spät gesehen, das es schon einen Thread zu ihm gibt, die KI hat ihn im Komponistenverzeichnis unter "S" einsortiert, aber sei´s drum, geschrieben ist geschrieben, doppelt hält besser, und ein wenig Beachtung hat er allemal verdient:


    Joly Braga Santos gilt als der bedeutendste portugiesische Symphoniker des 20. Jahrhunderts. Mit seinen sechs Symphonien schuf er einen Werkzyklus von internationalem Rang und trug entscheidend dazu bei, die portugiesische Kunstmusik in Europa bekannt zu machen. Sein Schaffen verbindet portugiesische Traditionen mit spätromantischer Klangpracht und einer später zunehmend modernen Tonsprache.

    Leben und Ausbildung

    José Manuel Joly Braga Santos wurde am 14. Mai 1924 in Lissabon geboren. Schon früh zeigte sich seine außergewöhnliche musikalische Begabung. Er studierte Violine und Komposition am Nationalkonservatorium von Lissabon und wurde Schüler von Luís de Freitas Branco, dem damals führenden portugiesischen Komponisten. Dessen Einfluss prägte die ersten Schaffensjahre des jungen Komponisten entscheidend.

    Während des Zweiten Weltkriegs war Portugal kulturell weitgehend von den musikalischen Entwicklungen Europas abgeschnitten. Braga Santos orientierte sich daher zunächst an portugiesischen Traditionen, insbesondere an der Renaissance-Polyphonie sowie an regionalen Volksliedern des Alentejo. Diese Einflüsse prägen seine frühen Werke deutlich.

    1945 reiste er nach England und traf dort Ralph Vaughan Williams, der ihn dazu ermutigte, die musikalischen Traditionen seiner Heimat stärker in seine Kompositionen einzubeziehen. Später setzte Braga Santos seine Ausbildung im Ausland fort: Er studierte Dirigieren bei Hermann Scherchen und Antonino Votto sowie Komposition bei Virgilio Mortari in Italien. Diese Begegnungen erweiterten seinen kompositorischen Horizont erheblich und führten zu einer stilistischen Weiterentwicklung in seinem späteren Schaffen.

    Neben seiner Tätigkeit als Komponist arbeitete Braga Santos als Dirigent, Lehrer, Musikkritiker und Journalist. 1977 wurde ihm für seine Verdienste um die portugiesische Kultur der Orden Ordem de Sant'Iago da Espada verliehen. Er starb am 18. Juli 1988 in Lissabon im Alter von 64 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

    Die Symphonien als Zentrum seines Schaffens

    International bekannt wurde Braga Santos vor allem durch seine sechs Symphonien. Die ersten vier entstanden in bemerkenswert kurzer Zeit zwischen 1946 und 1950 und wurden unmittelbar nach ihrer Fertigstellung vom Portugiesischen Radio-Symphonieorchester aufgeführt. Schon diese frühen Werke zeigen eine außergewöhnliche Beherrschung der Form und Orchestrierung.

    Symphonie Nr. 1 op. 9 (1946)

    Die erste Symphonie ist den Opfern des Zweiten Weltkriegs gewidmet. Sie vereint lyrische Themen mit monumentaler Architektur und zeigt Einflüsse von Vaughan Williams und Sibelius.

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    Symphonie Nr. 2 op. 13 (1947)

    Die zweite Symphonie erweitert die Dimensionen ihres Vorgängers und zeichnet sich durch eine besonders kraftvolle dramatische Gestaltung aus.

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    Symphonie Nr. 3 op. 15 (1949)

    Dieses Werk ist seinem Lehrer Luís de Freitas Branco gewidmet und gehört zu den melodisch reichsten Kompositionen Braga Santos'.

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    Symphonie Nr. 4 op. 16 (1950)

    Die vierte Symphonie gilt als sein Meisterwerk. Sie verbindet emotionale Tiefe mit groß angelegter symphonischer Architektur und gehört heute zu den wichtigsten Werken der portugiesischen Musikliteratur.

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    Symphonie Nr. 5 „Virtus Lusitaniae“ op. 45 (1966)

    Nach einer längeren kompositorischen Pause entstand die fünfte Symphonie in einem deutlich moderneren Stil. Chromatik und komplexere harmonische Strukturen treten stärker hervor.

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    Symphonie Nr. 6 op. 62 (1972)

    Die sechste Symphonie stellt eine Synthese zwischen seiner frühen melodischen Schreibweise und den modernen Techniken seiner Reifezeit dar.

    Direkter YouTube-Link (Gesamtaufnahme der Symphonien):

    Weitere bedeutende Werke

    Neben seinen Symphonien hinterließ Braga Santos ein umfangreiches Œuvre, das Konzerte, Kammermusik, Ballettmusik und Chorwerke umfasst. Besonders hervorzuheben sind das Concerto para Cordas (Konzert für Streicher), die Symphonischen Variationen über ein Alentejo-Thema, das Violinkonzert, das Cellokonzert sowie das Doppelkonzert für Violine, Violoncello, Streicher und Harfe.

    Stil

    Braga Santos verstand sich als Verfechter eines „lateinischen Symphonismus“. Er wandte sich gegen die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitete Ablehnung groß angelegter symphonischer Formen und strebte stattdessen nach einer Synthese aus Tradition und Innovation.


    Seine frühen Werke zeichnen sich durch:

    • weit gespannte Melodiebögen,
    • modale Harmonik,
    • Einflüsse portugiesischer Volksmusik,
    • Renaissance-Polyphonie,
    • brillante Orchestrierung und
    • monumentale Formgestaltungen

    aus.

    Ab den 1960er Jahren wurde seine Musik chromatischer, dissonanter und harmonisch komplexer, ohne jedoch die emotionale Wirkung und die klare formale Struktur aufzugeben. Gerade diese Verbindung von Zugänglichkeit und kompositorischer Raffinesse macht Braga Santos zu einer herausragenden Persönlichkeit der europäischen Musik des 20. Jahrhunderts.

    Werksverzeichnis (Auswahl)

    Symphonien

    • Symphonie Nr. 1 op. 9 (1946)
    • Symphonie Nr. 2 op. 13 (1947)
    • Symphonie Nr. 3 op. 15 (1949)
    • Symphonie Nr. 4 op. 16 (1950)
    • Symphonie Nr. 5 „Virtus Lusitaniae“ op. 45 (1966)
    • Symphonie Nr. 6 op. 62 (1972)

    Solokonzerte

    • Violinkonzert
    • Cellokonzert
    • Klavierkonzert
    • Konzert für Violine, Violoncello, Streicher und Harfe

    Orchesterwerke

    • Concerto para Cordas
    • Sinfonietta für Streicher
    • Symphonische Variationen über ein Alentejo-Thema
    • Symphonische Ouvertüre Nr. 1
    • Symphonische Ouvertüre Nr. 2
    • Symphonische Ouvertüre Nr. 3
    • Divertimento Nr. 1
    • Divertimento Nr. 2
    • Elegia a Viana da Mota
    • Nocturno für Streicher
    • Staccato Brilhante

    Ballett

    • Encruzilhada (1967)

    Kammermusik

    • Streichquartett Nr. 1
    • Streichquartett Nr. 2
    • Streichsextett
    • Klaviertrio
    • Weitere Werke für unterschiedliche Kammermusikbesetzungen

    Joly Braga Santos hinterließ ein Werk, das sowohl als Höhepunkt der portugiesischen Symphonik als auch als bedeutender Beitrag zur europäischen Musik des 20. Jahrhunderts angesehen werden kann. Seine Symphonien verbinden nationale Identität, klangliche Schönheit und architektonische Größe auf einzigartige Weise und werden heute zunehmend international wiederentdeckt.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Joly Braga Santos ist für mich neben dem eine gute Generation älteren Luís de Freitas Branco (1890-1955) der essentielle portugiesische Sinfoniker des 20. Jahrhunderts und absolut hörenswert. In Portugal wird er auch heute hin und wieder im Konzert gespielt, so vor einiger Zeit die großartige 4. Sinfonie.


    Diskographisch ist die Situation bedauerlicherweise nach wie vor sehr übersichtlich. Der vor kurzem verstorbene Álvaro Cassuto hat die sechs Sinfonien von Braga Santos für Marco Polo eingespielt. Das dürfte für Einsteiger nach wie vor die einfachste Option sein, die Werke kennenzulernen.


    Allerdings gibt es noch einige empfehlenswerte ältere Alternativeinspielungen. Silva Pereira spielte die Sinfonie Nr. 5 "Virtus Lusitaniae" bereits 1968 für Decca ein (eine der wenigen in Portugal entstandenen Decca-Produktionen, sogar noch zur Zeit des Estado Novo). Diese Aufnahme erschien später bei Strauss Portugalsom auf CD. Unter Pereira wurde 1978 auch die Sinfonie Nr. 4 für Electrecord (Rumänien) eingespielt, späterhin wiederum bei Strauss Portugalsom erschienen, wobei hier der Schlusschor berücksichtigt wird, der in Cassutos oben genannnter Marco-Polo-Aufnahme fehlt. Wiederum Cassuto nahm die Sinfonie Nr. 3 erstmals bereits 1986 mit dem London Symphony Orchestra auf. Außerdem gibt es noch die Sinfonie Nr. 1 unter Mátyás Antal (1988). Beides wiederum bei Strauss Portugalsom herausgekommen.


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    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Das erwähnte Chorfinale, welches Braga Santos als alternativen Schluss für seine 4. Sinfonie vorsah, sollte man zumindest einmal gehört haben. Es ist ein ergreifender Hymnus auf die Jugend und zugleich wie eine Apotheose auf sein Heimatland.


    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Ich bin gerade einigermaßen traurig, dass Cassuto das ausgelassen hat, das ist genau der Pomp den ich mag 😁 Cassuto wahrscheinlich nicht. Oder es war kein Budget für den Chor mehr da 🤔

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Wenn ich mich recht entsinne, ist die Originalfassung von 1950 ohne Chor. Braga Santos hat diesen erst später komponiert, wahrscheinlich sogar auf Anregung des besagten Dirigenten Silva Pereira. Es ist zumindest kurios, dass etliche Aufnahmen portugiesischer Werke von Portugalsom ab Mitte der 1970er in Koproduktion mit seinerzeit sozialistischen Ländern gemacht wurden, so in Rumänien und Ungarn. Vielleicht liegt das an der politischen Situation in Portugal nach der Nelkenrevolution, als das Land nach Jahrzehnte langer rechtsgerichteter Diktatur plötzlich stark im linken Lager verortet wurde.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

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  • Und vermutlich auch wirtschaftlich begründet, wobei die politische Situation ausschlaggebend gewesen sein wird.

    Mit den ersten beiden Sätzen liegst du richtig, Pereira schlug diesen Chorsatz vor, betitelt "Hino à Juventude", Hymne an die Jugend, die vierte ist ja auch der Organisation Juventude Musical Portuguesa gewidmet. Soweit ich mich entsinne war Cassuto dieses Finale zu aufgesetzt und pompös, deswegen spielte er die Originalfassung ein.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Da ich die musikalische Situation in Portugal seit Jahren aus persönlichen Gründen interessiert mitverfolge, sind mir zumindest zwei Aufführungen des Werks untergekommen, so 2017 durch ein Lissabonner Jugendorchester (mit Chor) und 2024 durch das Orquestra Metropolitana de Lisboa (ohne Chor). Letztere wurde im Portugiesischen Rundfunk RTP gesendet. Ich stimme im Übrigen zu und würde mir eine moderne Neueinspielung der Vierten mit dem imposanten Chorfinale wünschen. Leider werden portugiesische Komponisten von den Labels kaum mehr berücksichtigt. Ich könnte ein Lied davon singen, wenn es etwa um die sträfliche Missachtung von Ruy Coelho (1889-1986) geht, der in allen möglichen Genres tätig war und als Vollender einer portugiesischen Nationaloper gelten darf.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Leider werden portugiesische Komponisten von den Labels kaum mehr berücksichtigt

    Nicht mal heutzutage, wo alles eingespielt wird was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Mich würde interessieren ob dieser link noch aktuell ist, die Pereira- Aufnahme ist ansonsten ja nicht einmal antiquarisch zu finden :rolleyes:

    musicweb

    Korrektur, über Umwege findet man noch drei Exemplare bei discogs:

    discogs

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Dieser Ruy Coelho ist mir bis dato völlig unbekannt, wenn ich mir die Veröffentlichungen, bzw. das Nichtvorhandensein selbiger, anschaue wird das auch so bleiben. Auf die Schnelle habe ich jetzt nur eine CD mit Violinsonaten gefunden. Sehr eigener Stil.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Dieser Ruy Coelho ist mir bis dato völlig unbekannt, wenn ich mir die Veröffentlichungen, bzw. das Nichtvorhandensein selbiger, anschaue wird das auch so bleiben. Auf die Schnelle habe ich jetzt nur eine CD mit Violinsonaten gefunden. Sehr eigener Stil.

    Auch wenn es hier nur bedingt her gehört: Ja, leider. Und die Violinsonaten sind nun eigentlich das letzte, was ich bei Coelho als Einstieg empfehlen würde. ;) Das Überlebensgroße war eher seins: Opern, Oratorien, Programmsinfonien, Sinfonische Dichtungen. Ich habe seinerzeit beim RTP selbst einiges an Rundfunkaufnahmen abstauben können (die waren da wirklich sehr entgegenkommend).


    Nur ein kurzes Beispiel von seiner Tätigkeit als Filmkomponist. Für die legendäre Spielfilmversion des Lebens des portugiesischen Nationalpoeten Luís de Camões von 1946 steuerte er diese bei. Hier rezitiert Camões die letzten Verse der "Lusiaden" vor König Dom Sebastião. Dieses Pathos packt mich dann doch immer wieder, wenn die Genialität des Dichters mit derjenigen des Komponisten zusammentrifft. Die Melodie stammt mehr oder weniger aus seiner Oper "Inês de Castro", einem seiner größten Erfolge.


    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

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