Carl Nielsen (1865–1931): Leben, Werk und Bedeutung

  • Carl August Nielsen gilt heute als der bedeutendste Komponist Dänemarks und als einer der wichtigsten Symphoniker des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Musik verbindet nordische Klangwelten mit einer höchst individuellen Tonsprache, die traditionelle Tonalität erweitert und oft dramatische Entwicklungsvorgänge in den Mittelpunkt stellt. Während er zu Lebzeiten außerhalb Skandinaviens nur begrenzte Anerkennung fand, zählen seine Symphonien, Konzerte und Kammermusik heute zum internationalen Konzertrepertoire.

    Lebensdaten

    • Geboren: 9. Juni 1865 in Sortelung bei Nørre Lyndelse auf der Insel Fünen (Dänemark)
    • Gestorben: 3. Oktober 1931 in Kopenhagen
    • Berufe: Komponist, Dirigent, Geiger und Musikpädagoge

    Carl Nielsen entstammte einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Hausmaler und zugleich Dorfmusiker. Schon früh lernte Nielsen Violine und andere Instrumente kennen und entwickelte außergewöhnliche musikalische Fähigkeiten.

    Werdegang

    Jugend und Ausbildung

    Bereits als Jugendlicher spielte Nielsen in einer Militärkapelle in Odense. 1884 wurde er am Königlichen Dänischen Musikkonservatorium in Kopenhagen aufgenommen, wo er Violine, Theorie und Komposition studierte. Sein Studium schloss er 1886 erfolgreich ab.

    Die ersten Erfolge

    1888 wurde seine Suite für Streichorchester op. 1 uraufgeführt. Sie machte ihn in dänischen Musikkreisen bekannt. Bereits ein Jahr später erhielt er eine Stelle als zweiter Geiger im Königlichen Orchester Kopenhagens, die er bis 1905 innehatte.

    Reifezeit

    1891 heiratete Nielsen die Bildhauerin Anne Marie Brodersen, eine der bedeutendsten Künstlerinnen Dänemarks. Die Ehe war von längeren Trennungen und Konflikten geprägt, die sich teilweise in den Werken dieser Zeit widerspiegeln.

    Zwischen 1892 und 1925 entstanden die sechs Symphonien, die heute als Kern seines Schaffens gelten. Zudem schrieb Nielsen zwei Opern, bedeutende Solokonzerte, Chormusik, Kammermusik und zahlreiche Lieder.

    Lehrer und Dirigent

    1916 wurde Nielsen Professor am Königlichen Dänischen Musikkonservatorium. Parallel dazu trat er regelmäßig als Dirigent seiner eigenen Werke auf. Bis zu seinem Tod blieb er eine prägende Figur des dänischen Musiklebens.

    Stilistische Besonderheiten

    1. Progressive Tonalität

    Eine der auffälligsten Eigenarten Nielsens ist die sogenannte progressive Tonalität. Ein Werk beginnt häufig in einer Tonart und endet in einer anderen. Dadurch entsteht ein Eindruck musikalischer Entwicklung und Wandlung.

    2. Organisches Wachstum

    Nielsen verstand Musik als lebendigen Prozess. Themen werden nicht einfach wiederholt, sondern entwickeln sich ständig weiter. Seine Symphonien wirken oft wie dramatische Kämpfe musikalischer Kräfte.

    3. Energie und Rhythmus

    Seine Musik ist von großer rhythmischer Vitalität geprägt. Scharfe Akzente, überraschende Tempowechsel und energische Motorik verleihen ihr eine unverwechselbare Dynamik.

    4. Verbindung von Volkslied und Moderne

    Viele Melodien erinnern an dänische Volksmusik. Gleichzeitig entwickelte Nielsen eine moderne Ausdrucksweise, die ihn von der Spätromantik wegführte. Seine Musik steht deshalb zwischen Tradition und Moderne.

    5. Bedeutung der Bläser

    Nielsen schrieb außergewöhnlich wirkungsvolle Bläserstimmen. Dies zeigt sich besonders im Bläserquintett op. 43, aber auch in den Flöten- und Klarinettenkonzerten.


    Die wichtigsten Werke

    Sinfonie Nr. 4 „Das Unauslöschliche“ (1916)

    Nielsens berühmteste Sinfonie entstand während des Ersten Weltkriegs. Sie beschreibt die unzerstörbare Lebenskraft des Menschen.

    🎧 YouTube:

    Sinfonie Nr. 5 (1922)

    Für viele Musikwissenschaftler seine größte Sinfonie.

    Besonders berühmt:

    • das militärisch wirkende Trommel-Solo
    • die dramatischen Konflikte zwischen Zerstörung und Ordnung

    🎧 YouTube:

    Helios-Ouvertüre op. 17 (1903)

    Eine musikalische Darstellung des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs über der Ägäis.

    🎧 YouTube:

    Oper „Maskarade“ (1906)

    Die dänische Nationaloper nach einem Lustspiel von Ludvig Holberg.

    🎧 YouTube-Suche: https://www.youtube.com/result…ry=Carl+Nielsen+Maskarade

    Violinkonzert op. 33 (1911)

    Eines der bedeutendsten Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts.

    🎧 YouTube:

    Flötenkonzert (1926)

    Ein Meisterwerk des modernen Flötenrepertoires.

    🎧 YouTube-Suche: https://www.youtube.com/result…rl+Nielsen+Flute+Concerto

    Klarinettenkonzert op. 57 (1928)

    Bekannt für seinen dramatischen, beinahe psychologischen Charakter.

    🎧 YouTube-Suche: https://www.youtube.com/result…Nielsen+Clarinet+Concerto

    Bläserquintett op. 43 (1922)

    Eines der meistgespielten Werke der Kammermusik für Bläser.

    🎧 YouTube:

    Bedeutung

    Carl Nielsen wird häufig neben Jean Sibelius als bedeutendster nordischer Komponist seiner Generation genannt. Während Sibelius die finnische Nationalmusik prägte, wurde Nielsen zur musikalischen Identifikationsfigur Dänemarks.

    Heute gehören insbesondere

    • die Sinfonien Nr. 4 und 5,
    • das Violinkonzert,
    • das Klarinettenkonzert,
    • das Bläserquintett
    • und die Helios-Ouvertüre

    zum internationalen Konzertrepertoire.


    Komplettes Werksverzeichnis (nach Gattungen)

    Der aktuelle Catalogue of Carl Nielsen's Works (CNW) verzeichnet insgesamt rund 450 Werke und Fragmente.

    Opern

    • Saul og David (CNW 1)
    • Maskarade (CNW 2)

    Bühnen- und Schauspielmusiken

    • En Aften paa Giske
    • Snefrid
    • Kampene i Stefan Borgs Hjem
    • Atalanta
    • Hr. Oluf han rider
    • Willemoes
    • Forældre
    • Tove
    • Ulvens Søn
    • Hagbarth og Signe
    • Sanct Hansaftenspil
    • Fædreland
    • Shakespeare
    • Løgneren
    • Aladdin
    • Moderen
    • Cosmus
    • Hyldest til Holberg
    • Ebbe Skammelsen
    • Fra Rold til Rebild
    • Amor og Digteren
    • Grundtvigs Paaskeaften u.a. (CNW 3–24).

    Symphonien

    • Nr. 1 g-Moll op. 7
    • Nr. 2 „Die vier Temperamente“ op. 16
    • Nr. 3 „Sinfonia espansiva“ op. 27
    • Nr. 4 „Das Unauslöschliche“ op. 29
    • Nr. 5 op. 50
    • Nr. 6 „Sinfonia semplice“

    Solokonzerte

    • Violinkonzert op. 33
    • Flötenkonzert
    • Klarinettenkonzert

    Sonstige Orchesterwerke

    • Kleine Suite op. 1
    • Helios-Ouvertüre op. 17
    • Saga-Drøm op. 39
    • Pan og Syrinx op. 49
    • Böhmisch-Dänische Volkstonfolge
    • Rhapsodische Ouvertüre „Færøerne“
    • Aladdin-Suite
    • zahlreiche weitere Orchesterstücke.

    Kammermusik

    • Bläserquintett op. 43
    • Streichquartette Nr. 1–4
    • Violinsonaten Nr. 1–3
    • Serenata in vano
    • Klaviertrio op. 8
    • verschiedene Werke für Streicher und Bläser.

    Klaviermusik

    • Symphonische Suite op. 8
    • Chaconne op. 32
    • Tema con variazioni op. 40
    • Suite op. 45
    • Tre Klaverstykker FS 131

    Orgelwerke

    • Commotio op. 58
    • weitere kleinere Orgelwerke

    Chorwerke und Kantaten

    • Hymnus Amoris op. 12
    • Søvnen op. 18
    • Frühling auf Fünen op. 42
    • Hymne til Kunsten op. 21
    • zahlreiche Festkantaten und Gelegenheitswerke

    Lieder

    • Mehr als 300 Lieder und Gesänge, darunter:
      • Jens Vejmand
      • Jeg bærer med Smil min Byrde
      • Tågen letter
      • Min Jesus, lad mit Hjerte få
      • zahlreiche Volksliedbearbeitungen und Kirchenlieder.

    Hinweis: Das vollständige wissenschaftliche Werkverzeichnis umfasst die CNW-Nummern 1–453 mit sämtlichen Fassungen, Fragmenten und Einzelgesängen und ist online über den Catalogue of Carl Nielsen's Works verfügbar. [kb.dk], [carlnielsen.dk]

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Zu Carl Nielsen kam ich vor Jahren über seine großartige Sinfonie Nr. 4 op. 29 "Das Unauslöschliche".


    Zwei klassische Einspielungen der Vierten finde ich interpretatorisch nach wie vor maßgeblich: Zum einen Barbirolli mit dem Hallé Orchestra (Aufnahme: 1959; Pye, jetzt Warner), zum anderen Markevitch mit Det Kongelige Kapel (Aufnahme: 1965; Vox/Turnabout). Gibt es beide mittlerweile hervorragend remastert in Hi-Res (24-Bit/192 kHz).


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    Von den neueren gefiel mir nachfolgende des Seattle Symphony unter Thomas Dausgaard (Aufnahme: 2015; Seattle Symphony Media) sehr gut:


    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Bei Nielsen kann man sich über Auswahl weiss Gott nicht beklagen, ich mag den Dausgaard auch recht gerne, exemplarisch für mich ist allerdings Blomstedt:


    Die Liste der Dirigenten, die nur die Vierte eingespielt haben, ist unsäglich lang, inklusive Ansermet und Karajan, selbst Gesamtaufnahmen sind es mittlerweile glaube ich fast ein Dutzend, inklusive Järvi, Schönwandt und so weiter. Hübsch (wenn auch überwiegend aus historischem Interesse) die 5. unter Barbirolli:

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)