Richard Flury (1896–1967): Ein Schweizer Romantiker des 20. Jahrhunderts

  • Richard Flury zählt zu den bedeutendsten Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts. Als Komponist, Dirigent, Geiger und Musikpädagoge schuf er ein außergewöhnlich umfangreiches Œuvre, das nahezu alle musikalischen Gattungen umfasst: Opern, Sinfonien, Konzerte, Kammermusik, Lieder, Chorwerke und geistliche Musik. Obwohl er den größten Teil seines Lebens in Solothurn und Biberist wirkte und nie dauerhaft in einem europäischen Musikzentrum tätig war, entwickelte er eine unverwechselbare Tonsprache, die ihn zu einer eigenständigen Persönlichkeit der Schweizer Musikgeschichte macht.

    Leben und Ausbildung

    Richard Flury wurde am 26. März 1896 in Biberist bei Solothurn geboren. Sein Vater Adolf Flury war Uhrmacher und Gastwirt des Restaurants „Zur Emmenbrücke“ sowie ein engagierter Amateurmusiker. Früh erhielt Richard Flury Violin- und Klavierunterricht und begann bereits als Schüler zu komponieren.


    Nach der Matura am Gymnasium Solothurn studierte er Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten Basel, Bern und Genf. Gleichzeitig besuchte er die dortigen Konservatorien und erhielt Unterricht bei bedeutenden Musikern seiner Zeit. Zu seinen wichtigsten Lehrern zählten Hans Huber (Komposition), Ernst Kurth (Kontrapunkt), Joseph Lauber (Instrumentation), Joseph Marx in Wien sowie Felix Weingartner im Fach Dirigieren.


    Nach Abschluss seiner Studien kehrte Flury in die Schweiz zurück und wirkte zunächst als Violinlehrer an den Stadtschulen Solothurns. Später unterrichtete er bis 1961 an der Kantonsschule Solothurn. Daneben entfaltete er eine intensive Tätigkeit als Dirigent. Von 1919 bis 1949 leitete er das Solothurner Stadtorchester, dirigierte zeitweise das Akademische Orchester Zürich sowie verschiedene Chöre und Orchestervereinigungen und trat als Gastdirigent in Bern, Basel sowie in den Radiostudios von Zürich und Lugano auf.

    1924 heiratete Flury Lily Sollberger, mit der er vier Kinder hatte. Nach der Scheidung heiratete er 1939 seine ehemalige Violinschülerin Rita Gosteli. Während des Zweiten Weltkriegs unterstützte er mehrere aus Deutschland und Österreich geflüchtete jüdische Musiker bei der Suche nach beruflichen Möglichkeiten in der Schweiz.

    Für sein künstlerisches Schaffen erhielt Flury 1964 den Solothurner Kunstpreis. Er starb am 23. Dezember 1967 in seinem Geburtsort Biberist.

    Stilistische Besonderheiten

    Richard Flury verstand sich als Komponist der romantischen Tradition. Während viele zeitgenössische Komponisten neue atonale oder serielle Wege beschritten, hielt er bewusst an der Tonalität fest. Dabei war seine Musik jedoch keineswegs konservativ oder rückwärtsgewandt. Vielmehr suchte er neue Ausdrucksmöglichkeiten innerhalb eines erweiterten tonalen Rahmens.

    Kennzeichnend für seinen Stil sind:

    • weit gespannte und gesangliche Melodien,
    • eine fantasievolle und oftmals überraschende Harmonik,
    • intensive kontrapunktische Arbeit,
    • rhythmische Beweglichkeit,
    • farbige und klangvolle Instrumentation,
    • impressionistische Klangwirkungen in zahlreichen Orchesterwerken,
    • eine stets emotionale und poetische Ausdrucksweise.

    Der Musikwissenschaftler Christopher Walton weist zudem darauf hin, dass Flury in den frühen 1930er-Jahren zeitweise mit freier Tonalität und moderneren Stilmitteln experimentierte, später jedoch wieder stärker zu seiner romantischen Grundhaltung zurückkehrte.

    Flury selbst betrachtete Musik als „Sprache des Gefühls“. Rein konstruktive oder theoretische Kompositionsmethoden lagen ihm fern. Seine Werke zeichnen sich daher durch eine unmittelbare emotionale Ansprache und einen ausgeprägten Sinn für musikalische Erzählung aus.

    Bedeutende Werke

    Sinfonie Nr. 1 d-Moll (1922–1923)

    Die Erste Sinfonie stellt Flurys bedeutendsten sinfonischen Frühbeitrag dar. Das Werk verbindet spätromantische Ausdruckskraft mit klassischer Formklarheit und zeigt bereits seine Meisterschaft in der Orchesterbehandlung.

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    Fastnachtssinfonie (1928)

    Die Fastnachtssinfonie zählt zu Flurys bekanntesten Orchesterwerken. Sie wurde unter anderem von Felix Weingartner dirigiert und trug wesentlich zu seiner überregionalen Bekanntheit bei. Das Werk verarbeitet Eindrücke des schweizerischen Fasnachtsbrauchtums in einer farbenreichen sinfonischen Form.

    Sinfonie Nr. 2 „Tessiner“ (1936)

    Die zweite Sinfonie entstand unter dem Eindruck der Landschaft und Kultur des Tessins. Sie verbindet kantable Themen mit einer lebendigen Orchesterpalette und gehört zu den wichtigsten Werken seiner mittleren Schaffensperiode.

    Waldsymphonie (1942)

    Die Waldsymphonie gilt als eines der eindrucksvollsten Naturbilder Flurys. Mit ihrer reichen Instrumentation und ihren stimmungsvollen Klanglandschaften wurde sie auch außerhalb der Schweiz aufgeführt.

    Klavierkonzert Nr. 1 (1927)

    Das erste Klavierkonzert verbindet virtuose Brillanz mit lyrischer Eleganz. Es gehört zu den meistgespielten Werken Flurys auf Tonträgern und dokumentiert seine Fähigkeit, Soloinstrument und Orchester ausgewogen miteinander zu verbinden.

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    Violinkonzert Nr. 1 (1933)

    Das erste Violinkonzert gehört zu den bedeutendsten konzertanten Werken des Komponisten. Es vereint virtuose Solotechnik mit ausgeprägter Melodik und zeigt die besondere Nähe Flurys zur Violine, seinem eigenen Instrument.

    YouTube-Playlist mit mehreren Werken Flurys:

    Oper Eine florentinische Tragödie (1926–1928)

    Diese Oper nach Oscar Wildes Drama gilt als Flurys bedeutendstes Bühnenwerk. Die Uraufführung fand 1929 im Stadttheater Solothurn statt.

    Oper Die helle Nacht (1932–1935)

    Die Oper verbindet lyrische und dramatische Elemente und zeigt Flurys Begabung für musiktheatralische Charakterzeichnung. Die erste Aufführung erfolgte 1935 als Rundfunkproduktion von Radio Bern.

    Bedeutung und Wiederentdeckung

    Nach seinem Tod geriet Richard Flury weitgehend in Vergessenheit. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts begann eine systematische Wiederentdeckung seines Werks. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete die 1996 gegründete Richard-Flury-Stiftung unter der Leitung seines Sohnes Urs Joseph Flury. Darüber hinaus veröffentlichte das britische Label Toccata Classics zahlreiche Ersteinspielungen seiner Werke, wodurch Flury international wieder stärker wahrgenommen wird.


    Heute gilt Richard Flury als einer der wichtigsten Vertreter eines eigenständigen Schweizer Spätromantizismus, dessen Werk eine bemerkenswerte Alternative zu den dominierenden Strömungen der musikalischen Moderne darstellt.

    Ausgewähltes Werksverzeichnis

    Opern

    1. Eine florentinische Tragödie (1926–1928)
    2. Die helle Nacht (1932–1935)
    3. Casanova e l’Albertolli
    4. Der magische Spiegel

    Sinfonische Werke

    • Sinfonie Nr. 1 d-Moll (1922–1923)
    • Fastnachtssinfonie (1928)
    • Sinfonie Nr. 2 „Tessiner“ (1936)
    • Waldsymphonie (1942)
    • Sinfonie Nr. 3 „Bucheggbergische“ (1946)
    • Sinfonie Nr. 4 „Liechtensteinische“ (1951)
    • Sinfonie Nr. 5 (1955–1956)

    Konzerte

    • Klavierkonzert Nr. 1 (1927)
    • Klavierkonzert Nr. 2 (1943)
    • Violinkonzert Nr. 1 (1933)
    • Violinkonzert Nr. 2 (1940)
    • Violinkonzert Nr. 3 (1943–1944)
    • Violinkonzert Nr. 4 (1966)
    • Vier Capricen für Violine und Orchester (1966–1967)

    Kammermusik

    • 7 Streichquartette
    • 2 Streichtrios
    • Klaviertrio
    • Klavierquintett
    • Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier
    • Quartett für vier Hörner

    Sonaten

    • 11 Violinsonaten
    • 3 Cellosonaten
    • Oboensonate (1926)
    • Klaviersonate (1920)

    Geistliche Musik

    • 8 Messen
    • Te Deum
    • mehrere Kantaten und Chorwerke

    Lieder

    • rund 180 Lieder für Singstimme und Klavier

    Vollständiges Werkverzeichnis

    Das wissenschaftlich maßgebliche Werkverzeichnis wurde von Christopher Walton erstellt und ist über die Richard-Flury-Stiftung zugänglich:

    https://richardflury.ch/inhalt…Werkverzeichnis%20PDF.pdf

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Der Name Richard Flury war mir bis vor kurzem weitgehend unbekannt. Er tauchte gelegentlich auf, wenn ich nach Neuaufnahmen des Labels TOCCATA suchte, aber er interessierte mich nicht. Erst vor einigen Tage stiess ich wieder auf einen Eintrag mit seinem Namen. Das Label TOCCATA hat ihm ein großes Interesse entgegengebracht und über 15 CDs mit Werken von Ihm herauasgebracht, von swnwn die meisten noch immer im Programm sind. Das Programm von Toccata liegr schwerpunktmässig auf der modeten Moderen, der Flury indes NICHT zuzuzählen ist. Er ist- wie schon ORFFEUS berichtet hat, ein Vertreter der Spätromantik oder eher noch Neuromantik.


    Ich habe hier bewusst nur EINE CD gezeigt, um anderen Mitgliedern die Gelegenheit offenzulassen, den Thread durch eigene Beiträge zu bereichern..


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU