Manfred Trojahn (*1949):
ENRICO
Oper
(Original: Dramatische Komödie) in
drei Akten mit neun
Bildern
Libretto von Claus H. Henneberg nach der Vorlage "Enrico IV". von Luigi Pirandello
Uraufführung am 10. April 1991 im Rokoko-Theater Schwetzingen.
Personen der Handlung:
Enrico, italienischer Adliger (Bariton)
Marchesa Matilde Spina (Sopran)
Frida, ihre Tochter (Sopran)
Carlo di Nolli, Fridas Verlobter und Neffe Enricos (Tenor)
Baron Tito Belcredi (Bariton)
Der Doktor, ein Neurologe (Bariton)
Diener im Hause Enricos sind:
Landolfo, genannt Lollo (Tenor)
Bertoldo (Tenor)
Arialdo, genannt Franco(Bariton)
Ordulfo (Bass)
Giovanni, Kammerdiener Enricos (Bass)
Ort und Zeit: Eine Villa in Umbrien um das Jahr 1900.
Erster
Akt.
Es
muss vorab betont werden, dass hier zwar Heinrich IV. aus dem Hause
der Salier eine gewisse Rolle spielt, dass dem Publikum aber kein
Historiendrama geboten wird. Die Handlung geht zu
Beginn des 20. Jahrhunderts in
der Villa eines italienischen Adligen vor sich; der hat vor Jahren
mal bei einem Maskenfest den König Heinrich (italienisch Enrico)
dargestellt und konnte sich danach, was möglicherweise auf den kurz
darauf erfolgten Reitunfall zurückzuführen ist, von dieser Rolle
nicht lösen. Er war nun real jener König (der übrigens in der
Kaiserpfalz zu Goslar geboren wurde und wegen des späteren Streits
mit Papst Gregor VII. nach Canossa pilgern musste und dadurch bei
Zeitgenossen als armseliger Kaiser galt).
Das, was die Autoren dieses Stücks unterstellen, war die Besonderheit, dass alle Bekannten und Verwandten von Enrico seinen Zustand als gegeben ansahen und fortan einfach mitspielten. Und das ging immerhin soweit, dass man ihm in entsprechend zeitgemäßer Kleidung gegenübertrat und sogar als Kaiser Heinrich IV. behandelte. Dahinter steckte natürlich die Hoffnung, dass man ihm seine Krankheit erträglicher machen könnte. Und: Enrico gefiel das, was ihm die eigene Umgebung bot und er gefiel sich in der Rolle als Heinrich IV. Eines Tages war es ihm aber bewusst, dass er geheilt war, die Rolle jedoch partout weiterspielen wollte.
Eine bestimmte Rolle spielte auch Enricos Schwester, die kürzlich verstorben ist, und ihren Sohn Carlo di Nolli, dazu bringen wollte, den Onkel von seinem Irrsinn zu befreien. Der junge Mann erscheint mit seiner Verlobten Frida und deren Mutter, der Marchesa Matilda und dem Baron Belcredi, mit dem sie allesamt befreundet sind. Dieser Besuch steht aber unter keinem guten Stern, denn der Baron und Enrico waren sich zu keiner Zeit „grün“, und diese Aversion gilt noch immer. Darum sollte der Baron eigentlich auch nicht bei der von der Marchesa und ihrer Tochter arrangierten Visite nicht dabei sein, doch leider ließ sich der Baron Belcredi nicht „abwimmeln“.
Was die Besucher von Enrico aber verinnerlicht haben, war, dass man grundsätzlich in den Kostümen der Zeit Heinrichs IV. erscheinen muss. Insofern mimt die Marchesa die Markgräfin der Toscana, Matilda (was sie vor zwanzig Jahren bei dem Maskenball auch war. Bei der Begrüßung schaut Enrico der Marchesa tief in die Augen, wodurch sie zu der Überzeugung kommt, dass Enrico sie erkannt hat. Verdutzt ist sie allerdings über seine Bemerkung, dass der Papst ihn aus seiner Rolle erlösen könnte. Im übrigen geht es bei den sich anbahnenden Gesprächen um alte Zeiten und das Heutige.
Zweiter Akt.
Die Besucher in der Villa Enricos sind bisher noch nicht vollständig genannt worden. Denn da ist auch noch ein Doktor, der Enrico therapieren soll; wobei man ja zunächst einmal wissen muss, was hinter den „Kaisermanie“ steckt und wer wäre besser geeignet, als ein Nervenarzt, die Diagnose zu stellen. Natürlich muss auch er ein Kostüm tragen, und so wird aus dem Dottore der Abt von Cluny.
Der zu therapierende Enrico ist immer bemüht, dass die Umgebung von ihm nur gutes denkt. Dass man ihn hinter seinem Rücken belacht, ist ihm vielleicht nicht bewusst, aber solche Vermutung ist Enrico auch nicht fremd. Das verehrte Publikum sollte aber wissen, dass er sich zu bestimmten Teilen seiner Diener offenbart hat, soll heißen, dass einige aus dem Kreis in seiner Villa durchaus wissen, dass er geheilt ist, er aber nur zu gern seine Rolle als Heinrich aus dem Hause der Salier spielt. Der Grund ist nicht den Eingeweihten und auch nicht dem Publikum klar: ist es Spaß an der Kostümierung oder will er sich seine Verwandtschaft vom Leibe halten?
Der Arzt jedenfalls will seinen neuen Patienten durch eine Therapie mittels Schock heilen. Er hat sich eine Idee ausgedacht: Frida, die Tochter der Marchesa, hat eine große Ähnlichkeit mit der Mutter vor zwanzig Jahren. Das große Bild an der Wand des Salons in der Villa Enricos zeigt die Marchesa vor zwanzig Jahren und die reale Frida tragen zudem das gleiche Kleid. Die Idee des Doktors ist, dass Frida bei gedämpftem Licht aus einem Versteck hervorkommt und Enrico denkt, dass das Bild lebendig wurde und ihm die Gelegenheit gibt, Matilda zu umarmen. Man beabsichtigt allerdings, Enrico klar zu machen, dass inzwischen reichlich „Wasser den Rhein passiert hat“; was natürlich heißen soll, dass viel Zeit vergangen ist. Enrico will aber dieses Doktorspiel nicht mitmachen, er lässt sich darauf nicht ein und glaubt auch weiterhin, dass seine Matilda aus dem Bild zu ihm gekommen sei und ihn, wie damals 1077 in Canossa, begehrt. Ein lebendig gewordenes Traumbild…
Dritter
Akt.
Enrico kommt ins Grübeln, denn sein Rollenspiel fordert ihn ja heraus, trotzdem hat er das Gefühl, dass er dieses Spiel (zu dem es für ihn ja geworden ist, während die Umgebung, bis auf wenige Ausnahmen ihn für einen „Irren“ hält) nicht aufgeben kann, weil er dann seine Selbstachtung verlieren würde. Diese Gedanken prägen Enricos Verhalten und schwächt sein Handeln bei dem Spiel, das sich der Dottore ausgedacht hat, um ihn auf den „richtigen Weg“ zurückzuführen (auf dem er nach eigener Wahrnehmung schon längst ist). Und genau das könnte der Herr Doktor, mangels Wissen, nicht einkalkuliert haben. Aktuell wird Baron Belcredi das „Gedöns“, das um Enrico gemacht wird, zu viel. Er nimmt sich vor, das Spiel für sich für beendet zu erklären, denn es ist im Grunde genommen eine unerträgliche Posse. Er begibt sich zu Enrico und fordert von ihm das Eingeständnis, nicht wahnsinnig zu sein. Bei dem kommt er aber mit dem falschen Fuß an, denn Enrico reagiert beleidigt, was man als Folge von Einsicht in die eigene Niederlage vermuten darf. Ohne sein Rollenspiel als Heinrich IV. ist er doch tatsächlich ein Nichts. Diese Erkenntnis bringt Enrico nun endgültig gegen den Baron Belcredi auf und seine Reaktion ist für das 11. Jahrhundert möglicherweise normal gewesen (und vor alle Dingen auch ohne Folgen), denn entreißt einem der „Räte“ den Degen und stößt ihn dem Gegenüber in die Brust. Für Belcredi ist das tödlich und wäre zu Zeiten Heinrichs IV wahrscheinlich nicht bestraft worden, aber heute? Enrico muss mit einer Mordanklage rechnen! Es sei denn, dass er die Rolle des Irren bis an sein Lebensende weiterspielt. Enrico äußert sich zum Schluss dieser dramatischen Komödie (was man als sein eigenes Resümee aus dieser Geschichte bezeichen kann): „Aus der Posse schuf ich die Wirklichkeit des Wahnsinns.“ |
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