Neues Desaster um Desasterbau - Opernhäuser in der öffentlichen Kritik

Gerhard Calaminus · 13 Beiträge · letzte Antwort von Dr. Pingel

  • Liebe Taminos,

    eigentlich hatte ich ein Neues Thema vor, welches sich mit angenehmerem Inhalt beschäftigt.

    Eim Woche nach der desaströsen Vorstellung des "Rosenkavalier" zur Opernhaus-Neueröffnung im desaströs erbauten Gebäude, Köln, erreicht mich in Würzburg die

    Meldung zum komplett gestoppten Bauwerk "Mainfrankentheater": Weiterbau oder doch nachträglicher Beschluss zum Komplettabriss.

    Und noch einen Tag später - heute - zerreißt die inzwischen eingetretene Beruhigung - dass wenigstens Irgendetwas geschieh - folgende Meldung:

    Theaterneubau Würzburg als besonders krasses Beispiel für Steuergeldverschwendung im Schwarzbuch des Bundes Deutscher Steuerzahler!

    Erste Bewertung: Für Entscheider im Rahmen ihrer Tätigkeiten ist diese Meldung fatal.


    Komme ich zurück auf die Premiere in Köln, so ist auch beim wenig kulturaffinen Zuschauer der Fernsehübertragung die Reaktion verheerend.

    Was ich selbst hörte, war ohne großen Tadel. Aber Oper ist für TV-Zuseher ein optisches Event, weniger ein akustisches. Und dieses überwog dann auch.

    Der Kölner Stadtanzeiger hat in seinerm Bericht eine wachsweiche fifty-fifty-Kritik zur Premiere geschrieben - die sogenannte veröffentlichte Meinung kann wegen des

    Bestrebens der Redaktionen, keine Abonnenten zu verlieren, insofern nicht als Kriterium für die künstlerische Qualität des Gezeigten/Gebotenen genommen werden.

    Vielmehr sind es die Stimmen, derer man beispielhaft in seinem Umfeld habhaft werden kann, die sich einen eindeutigen Rechtfertigungsbeweis gewünscht hätten angesichts des skandalträchtigen Baubeispiels für Opern- und Theaterhäuser in Deutschland nach dem Motto: Seht her, dafür hat sich das Ganze doch letztlich gelohnt.

    (Eine Gruppe vorher informierter Bekannter - zugegebenermaßen musikaffin - vertrat überwiegend die Meinung eines vertanen Abends.)

    Nicht nur der Bund der Steuerzahler wird bei den Entscheidern gehört und gelesen.

    Pars pro toto sind nun erneut zwei Bauten mit dem Apostroph "desaströs" und darum "ab in die Tonne" versehen. Das färbt auch auf weitere Kulturentscheidungen ab. Sondern es ist auch die Menge der weniger häufigen Kulturnutzer, die abgeschreckt wurden.

    Es soll hier keinesfalls ein neues Fass aufgemacht werden betr. "Regietheater" ja oder nein, oder manchmal oder nie - aber eine Neueröffnung unter dem Gesichtspunkt

    der Belohnung des Publikums im Saal und am TV für die vielen Negativberichte während 14 Jahren Bauzeit fehlte am Eröffnungsabend. Dafür hätte es auch andere Stücke gegeben. Stattdessen brachte der Sender Interviews vor der Vorstellung. Die freudige Erwartung "jetzt geht es endlich los" kann nichts vertuschen.


    Die psychologische Wirkung einer solchen Geschichte vom Bau über die Skandale bis hin zur Eröffnungsvorstellung kann eine Lawine gegen künftige Entscheidungen anderswo auslösen, wie sie jetzt am Beispiel Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes zu erkennen ist.

    Es gibt Listen mit gelungenen, vollendeten Bauvorhaben für Opern-, Theater- und Konzerthäuser.

    Und es gibt Listen mit solchen wie hier beschrieben. Es muss nicht einzeln beschrieben werden, wo die Mehrheit liegt.


    Aber vielleicht haben Taminos Beispiele zur Hand, die incl. Eröffnung in den letzten Jahren tadellos funktioniert haben (zB. München)

    und gleichzeitig auch die Programme der Eröffnungsvorstellungen (noch) zur Hand haben. Evtl. noch mit Videos?

    Das herauszusuchen fehlt mir momentan die Zeit.


    Meint

    GC

  • Gott je, wie lang hat der Dom erst seiner Vollendung geharrt, und zu welchen Kosten?

    Die Intendanz dort ist bis heute umstritten, und wen scherts, welche Nonne bei der Laudes gewackelt hat?

    Kein Wunder, diese Lawine von Kirchenaustritten! Und eine ewige Baustelle, dieser Pfusch, schuld sind vor allem die Tauben, also quasi der Heilige Geist. Die Bayrischen Barockkirchen halten vermutlich ewig, Kleistsche Gewölbe, die in den Voralpen wie Pilze aus dem Boden schießen.

    Vielleicht ein kleines Zitat zur Abrundung: "Daß alles Große, was dasteht, als ein Trotzdem dastehe ..."


    :hello: Thorsten

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Ich habe am Sonntag zeitgleich (zapping) das Fußballspiel und die Eröffnung der Kölner Oper mit dem Rosenkavalier gesehen. Beides war gleich desaströs. Da ich beide nicht vollständig sehen konnte, habe ich den Bericht dazu in meinen Schreibtisch verbannt, und zwar in die "Satiregruft" (#41). In Köln war es Regietheater, sehr ungekonnt, auch musikalisch nur Mittelmaß. Kräftige Buhrufe neben dem obligatorischen Beifall gab es am Ende.

    We hold these truths for self-evident: that all men are created equal that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights; that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.

    (Amerikanische Unabhängigkeiterklärung)

  • Falls Du es nicht bist: Du solltest Schriftsteller werden. Möchte gerne mehr in der Art von Dir lesen.

    „Heute ist Tag des Deutschen Butterbrots.“
    „Kannst Du das auch belegen?“

  • Man könnte ja das Geschehen um die Gestehung der Kölner Oper nach deren Eroffnung jetzt als Schnee von gestern abtun.

    Oder wie farinelli glossieren. Wenn dahinter nicht ein System stecken würde, das vermutlich nicht das letzte Mal abläuft - abgesehen von den anderen - noch unvollendeten- Projekten, die noch der Vollendung harren.

    Immer wird über nicht vorhandenes Geld verhandelt, vorher, während der Baujahre, und danach.

    Normales Verhalten wäre, wenn man nur verhandelt, wenn das Geld da, in Aussicht,oder durch sichere Einnahmen-Aussicht

    als Investition in die Zukunft gelten kann.

    Bei der Planung eines Dreisparten-Hauses ist das die Nutzerschaft von Theater-, Opern- und Konzertpublikum.

    Und das nicht nur in pekuniärer Hinsicht, sondern betreffend die Lebensqualität der Bürger einer Stadt,

    das Umland, die Region und - da es sich in Würzburg um ein Landestheater handelt - auch als Pflichtressort für den gesamten Süddeutschen Raum, subsp. Bayern.

    Es gibt auch positive Beispiele - Coburg z.B.

    Wir, die wir hier als "Taminos" auch Einfluss ausüben könnten: Jeder nach seinem Können und Impetus ist für unsere

    Musik prädestiniert, sich in seinem Bereich einzubringen, damit Entscheider und Planer nicht im luftleeren Raum agieren.

    Natürlich sind wir nicht die politische Kaste, aber wir haben Stimmen und Tastaturen.

    Soweit die Theorie. Die hier wieder einmal zutage tretende Verschwendung von nichtvorhandenem Geld - also von gellehenem Geld - schädigt nicht nur alle Nutzer eines Dreispartenhauses, sondern auch alle übrigen Stadtbewohner, die auf Bäume warten, Parkflächen, Schwimmbadsanierungen, neue Wasserleitungen etc. etc. Wenn man bei solchen Spinnennetzen an der kulturellen Seite wackelt, wackelt das gesamte Netz. Wenn die Kulturgemeinde da nicht kräftig gegen angeht, haben Entscheider und Geldgeber nur noch Geld für Rock- und Pop-Konzerte mit ihren gesundheitsschädigenden Stroboskopen und Lautsprechern. Diese sagen doch heute schon allenthalben, was Musik ist.

    In jedem Quiz kann man verfolgen, was heute unter Musik-Fragen verstanden wird.

    Wollen wir das weiter befördern, indem wir nicht dagegen protestieren?

    Mir ist nicht nach Dichten zumute bei diesen Aussichten.


    Ich bin wütend über die Entwicklung bis hin zum Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes.

    Vielleicht noch eine Stunde lang,

    denn die Sonne lacht, schönen Sonntag!

    meint

    GC

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  • Ich halte von dieser kompletten Entgleisung ins Politische nicht viel!


    Nur ganz kurz meine Meinung zur Kölner Oper. Ich finde diesen Riphahn-Bau fantastisch. Er zeigt wesentlich mehr Verbundenheit mit der Kölner Geschichte (als romanische Stadt) als der leicht kitschige Zuckergussbau am Rudolfplatz. Ob man ihn nun hätte stehen lassen können, sei dahingestellt. Er wäre heute ein wundervoller Rahmen für Antik-Trödel-Märkte. In eine Oper würde ich da nicht gehen wollen, ohne mich schämen zu müssen.


    Dass die Erstaufführung nach der Neueröffnung nicht gelungen war ist zwar traurig. So etwas kommt aber hin- und wieder vor und man kann damit leben.


    Dass heute Bauvorhaben (gleich welcher Couleur) finanziell aus dem Ruder laufen, ist ebenfalls eine traurige Wahrheit und die Ursache sicher ermittelbar, aber nicht Aufgabe der Taminos oder gar des Forums.


    Ich bin vor ein paar Tagen notgedrungen mit dem Zug gefahren durch eine Menge baufälliger Bahnhöfe und habe mich auch gefragt, ob es nicht sinnvoller wäre, dort etwas Geld hineinzustecken oder in die Qualität von Zugverbindungen als eine Milliarde und mehr in den Bau eines Protzbahnhofes. Aber auch das gehört hier nicht hin.


    Wenn die Kulturgemeinde da nicht kräftig gegen angeht, haben Entscheider und Geldgeber nur noch Geld für Rock- und Pop-Konzerte mit ihren gesundheitsschädigenden Stroboskopen und Lautsprechern. Diese sagen doch heute schon allenthalben, was Musik ist.

    Konzerte dieser Art finanzieren sich selbst, weil das Publikum bereit ist, dafür Geld auszugeben. An diversen Stellen wurde hier schon diskutiert, dass der Kulturbetrieb deutliche Subventionen vom Staat benötigt, wie es eigentlich ja schon immer der Fall war.


    Der Hebel ist also offensichtlich! Mehr in die Oper und weniger in Rockkonzerte gehen! Das ist das Statement, dessen es hier bedarf. Alles andere geht in die Richtung "heiße Luft" und sinnlose Aufgeregtheit. Ein Thema für Instagram und X und ähnliche Plattformen.

  • Liebe Freunde,


    als ich zu Ende September den Kartenvorlauf für den Oktober überprüft habe, wäre da ein Rosenkavalier an einem freien WoE im ersten Parkett, für ca. 125 € möglich gewesen. Also Berliner Preise, nun ja.

    Ich bin doch froh, mir diese Ausgabe vorerst erspart zu haben.

    Zum ersten: Eine Filmset-Regie, also Theater auf dem Theater, paßt für die Ariadne, vielleicht, nicht aber für den Rosenkavalier.

    Marie-Theres, als Anspielung auf die Epochen-verkörpernde Regentin, steht in meinen Augen für eine Haltung von Toleranz und Besonnenheit. Die Regisseurin am eignen Set ist die Marschallin eigentlich nicht, da es ihr nicht im Voraus eröffnet ist, wessen und welcher Mittel ihre (eingreifende) Handlung bedarf.

    Hofmannsthal hat die überreflektierte Marschallin dem sanguinischen Ochs gegenübergestellt. In Köln erinnerte der zweite Akt an Horvath. Die Liebe stellt einige Anforderungen an Rausch und Präsenz, an das ausschließliche Jetzt. Das Du als integrales Bestandteil dieser Gegenwart kann nicht schon a priori als zu jung auf "heut oder morgen" entäußert werden.

    Der Ochs hinwieder ist nicht auf den widerlichen Mitgiftjäger zu reduzieren. Hofmannstahl zeichnet ihn ebenso detailliert als einen sinnlichen, panerotischen Mann. Ist der Ochs bloß ein alter Schwerenöter, wird die Geschichte eine Kolportage, auch wenn man sie Me Too nennt. Die ungeheuer weitreichend ausbalancierte poetische Gerechtigkeit im Stück hält nicht allein der Marie-Theres den Ochs als Zerrspiegel vor, sondern auch als Korrektiv. Denn sie allein ist liebesunfähig, da dem Rausch nicht zugänglich. Hofmannstahl hat den Ochs offenbar schwer verachtet, aber er hat ihm dennoch soviel Ehre widerfahren lassen, daß die Komödie ihn als Opfer erhöht und die Intriganten (Marschallin, Octavian, Sophie) herabsetzt, weil sie doch nicht besser sind als ihr Sündenbock.


    :hello:Thorsten

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Niedrigwasser in Köln, zeitgleich Rhein und Oper (Rosenkavalier).


    Ich habe nicht alles gesehen und ständig zwischen desaströsen Fußball und desaströsem Rosenkavalier hin und her geschaltet und mir ein paar Einzelheiten gemerkt, die den obigen philosophischen Beitrag nur "umspielen" sollen und zeigen, dass diese Inszenierung nicht nur im zentralen Thema verfehlt war, sondern auch reich an lächerlichen Details.

    1. Octavian ist eine Frau, die einen Mann darstellen soll, also eine Hosenrolle. Daraus macht die Regisseurin dann wieder eine Frau. Nicht der einzige Salto.

    2. Vorspann ohne Musik, ein Softporno auf Video (ein Kritiker: Blümchensex) mit lesbischen Frauen.

    3. Die Einleitung als Bühnensoftporno live, während ein Filmteam darum herumwieselt. Eine Kritik nannte diese Filmmasche ausgesprochen abgedroschen. Ich erinnere mich, dass bei dem letzten Boris Godunow in Amsterdam (Serebrennikow), der eigentlich absolut großartig war, der Regisseur den Polenakt retten wollte, indem er die Handlung als Filmdreh laufen ließ.

    4. Von Anfang an hatte ich den Eindruck, dass die Marschallin jünger aussah als Octavian.

    5. Im letzten Bild sah Octavian mit seiner Kurzhaarfrisur eher aus wie ein Rentner, der sich bei der Tafel anstellt (ein krudes Bild, aber ich eifere ulli mal nach (:cheers:))

    6. Musikalisch war es sehr mittelmäßig. Der große Monolog der Marschallin (..die Zeit, sie ist ein sonderbar Ding..) war ganz gut gesungen, aber das reicht nicht für eine Marschallin. Ich bin da etwas ungerecht, weil ich in der Wiener Staatsoper Elisabeth Schwarzkopf in der Rolle gesehen und gehört habe, und das nicht nur einmal.

    7. Sofie ist in der Rosenüberreichung das "Wiener süße Mädel" mit der "Silberstimme".

    Beides traf hier nicht so zu, und die Handlung an dieser Stelle war leicht unverständlich.

    8. Der Sänger des Ochs war schauspielerisch sehr gut, für diese Inszenierung zeigte er viel Bauch, viel Bass eher nicht so.

    9. Das Schlussterzett (+ Schlussduett) war eine einzige Enttäuschung. Es gibt kaum etwas Wunderbareres für Frauen als diese Komposition (von Victoria mal abgesehen). Wichtig ist dabei der Fluss, das Ineinanderschmelzen. Hier sang jede für sich.

    10. Dann der Schluss: da fehlte der Mohr. Dabei hätte man den doch bringen können, mit einem großen Schild gegen Rassismus in der Hand, zusammen mit einem Kameramann.

    11. Wenn man die Preise erfährt, müsste man Erstattung des Tickets verlangen.

    Das Stück wird noch den ganzen Oktober gespielt.

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  • Das ist ein Tamino, den ich seit gefühlten Jahrhunderten hier vermisst habe. Darf ich farinelli also ein "Herzlich willkommen" zurufen?

    .


    MUSIKWANDERER

  • Nicht der einzige Salto.

    Hosenkavalier.


    (ein krudes Bild, aber ich eifere ulli mal nach

    Was hab' ich damit zu kriegen?

    :pfeif: Lieber ulli, das war ein Kompliment!!:cheers:

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    (Amerikanische Unabhängigkeiterklärung)

  • Da rufe ich gleich mit! Ich werde musikwanderer demnächst besuchen, da veranstalten wir einen Brüllwettbewerb!

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    (Amerikanische Unabhängigkeiterklärung)