Die DREI (!) Mahler-Zyklen des Leonard Bernstein im Vergleich

  • Vor ein paar Tagen war es soweit, Bernsteins Mahler-DVD-Zyklus mußte her.
    Ich befürchtete schon, daß er sich zu etwa einem Drittel mit dem CD-Zyklus der DG überschneidet, aber dem ist zum Glück nicht so.


    Mir ist natürlich bewußt, daß sich dieser Thread mit vielen anderen überschneidet, aber ich laß ihn trotzdem mal so bestehen und verweise auch noch im DVD-Unterforum hier her.


    Der doppelte Lenny - Bernstein versus Bernstein


    Denn besonderer Schwerpunkt dieses Threads soll ja der neu veröffentlichte DVD-Zyklus sein.


    Da es für mich schwierig war, vor dem Kauf genauere Informationen zum DVD-Zyklus zu bekommen, veröffentliche ich hiermit mal die genauen Besetzungen und Entstehungsorte und -Daten:




    CBS/Sony-Zyklus (CD)



    Sinfonie Nr. 1
    New York Philharmonic – Philharmonic Hall - 4.10.1966


    Sinfonie Nr. 2


    Sinfonie Nr. 3


    Sinfonie Nr. 4


    Sinfonie Nr. 5
    New York Philharmonic – Philharmonic Hall – 7.1.1963


    Sinfonie Nr. 6


    Sinfonie Nr. 7


    Sinfonie Nr. 8
    Erna Spoorenberg – Gwyneth Jones – Gwyneth Annear – Anna Reynolds – Norma Procter – John Mitchinson – Vladimir Ruzdjak – Donald McIntyre – Leeds Festival Chorus – London Symphony Chorus – Orpington Junior Singers – Highgate School Boys Choir – Fichley Children´s Music Group
    London Symphony Orchestra – Walthamstow Assembly Hall, London – 18.-20. 4. 1966


    Sinfonie Nr. 9
    New York Philharmonic – Philharmonic Hall – 16.12.1965


    Sinfonie Nr. 10 (Adagio)
    New York Philharmonic – Columbia Studio – 8.8.1975


    Lied von der Erde
    Christa Ludwig – Rene Kollo
    Israel Philharmonic Orchestra – Mann Auditorium, Tel Aviv - 18.-23. 5. 1972




    Unitel-DG-Zyklus (DVD)



    Sinfonie Nr. 1
    Wiener Philharmoniker – Konzerthaus Wien – 10/1974


    Sinfonie Nr. 2
    Sheila Armstrong – Janet Baker – Edinburgh Festival Chorus
    London Symphony Orchestra – Ely Cathedral – 9/1973


    Sinfonie Nr. 3
    Christa Ludwig – Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor – Wiener Sängerknaben
    Wiener Philharmoniker – Musikverein – 4/1972


    Sinfonie Nr. 4
    Edith Mathis – Wiener Philharmoniker – Musikverein – 5/1972


    Sinfonie Nr. 5
    Wiener Philharmoniker – Musikverein – 4/1972


    Sinfonie Nr. 6
    Wiener Philharmoniker – Musikverein – 10/1976


    Sinfonie Nr. 7
    Wiener Philharmoniker – Musikverein – 10/1974


    Sinfonie Nr. 8
    Edda Moser – Judith Blegen – Gerti Zeumer – Ingrid Mayr – Agnes Baltsa – Kenneth Riegel – Hermann Prey – José van Dam – Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor – Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde – Wiener Sängerknaben
    Wiener Philharmoniker – Konzerthaus Wien – 8&9/1975


    Sinfonie Nr. 9
    Wiener Philharmoniker – Philharmonie Berlin (!) – 3/1971


    Sinfonie Nr. 10 (Adagio)
    Wiener Philharmoniker – Konzerthaus Wien – 10/1974


    Lied von der Erde
    Christa Ludwig – Rene Kollo
    Israel Philharmonic Orchestra – Mann Auditorium, Tel Aviv – 5/1972




    DG-Zyklus (CD)



    Sinfonie Nr. 1
    Concertgebouworkest – Concertgebouw, Amsterdam – 10/1987


    Sinfonie Nr. 2
    Barbara Hendricks – Christa Ludwig – Westminster Choir
    New York Philharmonic – Avery Fisher Hall – 4/1987


    Sinfonie Nr. 3
    Christa Ludwig – New York Choral Artists – Brookyn Boys Chorus
    New York Philharmonic – Avery Fisher Hall – 11/1987


    Sinfonie Nr. 4
    Helmut Wittek (Knabensopran)
    Concertgebouworkest – Concertgebouw - 6/1987


    Sinfonie Nr. 5
    Wiener Philharmoniker – Alte Oper, Frankfurt am Main – 9/1987


    Sinfonie Nr. 6
    Wiener Philharmoniker – Musikverein – 9/1988


    Sinfonie Nr. 7
    New York Philharmonic – Avery Fisher Hall – 11&12/1985


    Sinfonie Nr. 8
    Margaret Price – Judith Plegen – Gerti Zeumer – Traudeliese Schmidt – Agnes Baltsa – Kenneth Riegel – Hermann Prey - José van Dam – Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor – Wiener Singverein – Wiener Sängerknaben
    Wiener Philharmoniker – Salzburg, Großes Festspielhaus (!) – 8/1975


    Sinfonie Nr. 9
    Concertgebouworkest – Concertgebouw – 6/1985


    Sinfonie Nr. 10 (Adagio)
    Wiener Philharmoniker – Konzerthaus Wien - 10/1974


    Lied von der Erde
    James King – Dietrich Fischer-Dieskau
    Wiener Philharmoniker – Sofiensaal, Wien – 4/1966
    [Lizenzaufnahme von Decca]



    Eine weitere Einzelaufnahme DG - CD



    Sinfonie Nr. 9
    Berliner Philharmoniker (!) – Philharmonie Berlin – 10/1979

  • Der Unitel DVD-Zyklus beinhaltet als neunte DVD eine Bonus-DVD mit Probenausschnitten aus der Fünften, Neunten und dem Lied von der Erde und von Bernstein improvisierte Einführungsworte zur Neunten und dem Lied von der Erde. Das Bonusmaterial beträgt stolze 152 Minuten und ist meiner Meinung nach sehr empfehlenswert. (besonders der kleine Ausraster Bernsteins während der Probe zur Fünften)


    Als kleine Kuriosität sieht man im DVD-Zylus Bernstein díe Sechste mit weissem Vollbart dirigieren.


    Das teilweise mehr als ungewöhnliche Instrumentarium (der monströse Holzhammer zum Beispiel) macht die Sinfonien Mahlers ja zur großen Oper, was auch gewisser optischer Eindrücke bedarf! Mit so einer DVD werden sich manchem die Sinfonien Mahlers wohl besser erschliessen lassen.


    Zudem überschneidet sich ja die Entstehungszeit des DVD-Zyklus kaum mit den anderen, er liegt dazwischen. Für manche mag Bernstein genau hier in seiner Topform sein!

  • Die DVD-Ausgaben waren lange Zeit nur in Japan erhältlich. Mit dieser Box schließt die DGG eine Mahler-interpretationsgeschichtlich erhebliche Lücke, wie ich finde. Nicht viele Dirigenten haben nach dem Zweiten Weltkrieg Mahler in Wien dirigiert. Leonard Bernstein kam 1966 u. a. mit dem "Lied von der Erde" zur ersten Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern nach Wien (die Aufnahme ist mangels Neueinspielung und praktischerweise weil bei der DECCA im Universal-Angebot auf der CD-Box mit den Aufnahmen der 80er enthalten), dirigierte dann 1967 die "Zweite" und in den 70ern den Videozyklus für UNITEL (alle außer der "Zweiten" und dem "Lied von der Erde" mit den Wienern). Somit war er der erste Dirigent, der sich mit den Wiener Philharmonikern hintereinander aller Mahler-Symphonien annahm. (Die erste CD-Gesamteinspielung mit den Wienern legte später Maazel vor.) Interessanterweise wollte Bernstein in den 60ern noch nicht das Adagio aus der "Zehnten" dirigieren, entschloß sich erst in den 70ern dazu. Die Aufnahme mit den Wienern (1974) entstand vor der in die Neuauflagen der legendären Mahler-Box von CBS/SONY integrierten Aufnahme mit den New Yorkern (1975). Die CD-Box aus den 80ern wurde neben dem "Lied von der Erde" aus den 60ern mit der "Achten" aus Salzburg 1975 ergänzt, während die DVD das Folgekonzert im Wiener Konzerthaus festhält (welches man letzthin in der Mahler-Ausstellung im Jüdischen Museum Wien auf Großbildleinwand sehen konnte).
    Für mich sind die drei Boxen schon so etwas wie ein "Heiligtum", "meine heilige Mahler-Dreifaltigkeit". Man mag Tempi und Ekstase übertrieben finden - ich behaupte, Bernstein hat Mahler mit Herz und Seele musiziert, als totales, ehrliches Bekenntnis, so, dass jeder Zyklus, jede Box interpretationsgeschichtlich zum Wertvollsten gehört, was je aufgenommen wurde.
    Übrigens: Bernsteins "Vollbart"-Zeit, in die auch die DGG-Beethoven-Aufnahme mit Claudio Arrau und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks fiel, waren die zerrissenen, für ihn sicher absolut quälenden Monate vor dem Tod seiner Frau Felicia.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

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    Alexander

  • Drei große Mahler Zyklen hat Leonard Bernstein hinterlassen, je einen aus dem 60ern, aus den 70ern und aus den 80ern des 20. Jahrhunderts. Der aus den 70ern liegt 2006 auf DVD vor (DGG), die beiden anderen auf CD (Sony bzw. DGG).


    Gustav Mahlers Erste Symphonie D-Dur, subjektiv gesehen: Mit dem Sonnenaufgang des 1. Satzes tritt ein Mensch ins Leben. Der 2. Satz ist ein Tanzreigen aus der K&K Monarchie, der 3. Satz dagegen ein skurriler Marsch seltsamer Gestalten. Und im Finale geht es „per aspera ad astra“, es wird ein Sieg erkämpft.


    Leonard Bernstein nahm diese Symphonie am 4. und 22.10.1966 in der Philharmonic Hall (später umbenannt in Avery Fisher Hall) im Lincoln Center (New York City) mit den New Yorker Philharmonikern erstmals für Platte auf. Für den Schreiber ist das Hören dieser Aufnahme ein Heimkommen. Er ist mit ihr aufgewachsen, hat das Werk mit dieser Einspielung kennen gelernt. Die totale Vertrautheit betrifft die impulsiven Temporelationen genauso wie den etwas ungeschliffenen und doch konzentrierten Klang des Orchesters. Bernstein lebt diese Musik, zwischen Natur- und Seelenmystik und Überschwang. Er ist ein unbekümmerter Enthusiast und versteht es sogar, der Musik Charme abzugewinnen. Bernstein ist ein Erzmusikant, der das zu dirigierende Werk nicht überlegen von oben herab aufnimmt und weiter gibt. Hier ist alles erkämpft, erarbeitet, erschwitzt, erlitten, gelebt einfach.


    Die zweite Aufnahme, mit den Wiener Philharmonikern, entstand im Oktober 1974 im Wiener Konzerthaus. Das Fernsehbild gibt die politische Geschichte preis: Zu Beginn sieht man den damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky auf dem Balkon, beim Applaus nachher auch den Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger. Und man hört Wien, man hört die Wiener Philharmoniker, mit Konzertmeister Küchl, mit dem satten Streicherklang, mit den farbigen Holzbläsern, mit dem so gefährdeten wie einmaligen Wiener Horn. Dieses Naturerwachen findet im Wienerwald statt. Und der zweite Satz spielt natürlich in einem Wiener Ballsaal. Im Mittelteil verklärt sich die Monarchie – es muss Wien sein, es muss Bernstein sein, es muss dieser Mitschnitt sein, es muss wahrscheinlich der Zuhörer ein Wiener sein, um dies einfach nur himmlisch schön zu finden. Da wird auch der Trauermarsch des Moll-Bruder Jakob zu einer Wiener Charakterstudie: wie der Wiener ist, wie er sein möchte und wie er gesehen werden möchte. Und mit dem Finale bricht ein Krieg los (in der Monarchie ja nichts Ungewöhnliches). Auch in der Apokalypse des Lebens verklärt so manche Passage das Unheil in himmlischer Schönheit. Das gibt´s nur in Wien so! Dieses Finale aus Wien 1974 ist eigentlich ein Vorläufer zum Finale der Siebenten Symphonie, dem vielleicht „letzten Jubel der Monarchie“.


    Im Grote Zaal des Concertgebouw von Amsterdam nahm Leonard Bernstein im Oktober 1987 mit dem dortigen Orchester die dritte Einspielung auf. Das schöne weiträumige Klangbild versucht die Ästhetik der klangreinen, digitalen Aufnahme zu unterstreichen. Mit dem Hauptthema des 1. Satzes („Ging heut morgen übers Feld“) gibt Bernstein eine gewisse Gemütlichkeit vor. Er tendiert hier überhaupt gerne zur Verzögerung, zur bewussten Langsamkeit der Entwicklungen, zur epischen Breite. In der Durchführung erstarrt die Natur geradezu. Umso schöner zwitschern die Amsterdamer Vögel darin! Der 2. Satz spielt nicht mehr in Wien, es ist wieder ein Bauerntanz. Wie in Wien verklärt Bernstein allerdings die „dafür geeigneten“ Passagen aller Sätze wieder unwirklich schön. Das apokalyptisch umfassende Klangbild der Ausbrüche und der Schlussakkorde im Finale mag im Konzertsaal natürlicher geklungen haben. Die Tontechniker dürften ihre helle Freud´ an dieser Mischung gehabt haben.


    Fortsetzung folgt ...


    Herzlicher Gruß
    Alexander

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    Alexander

  • Die drei Leonard Bernstein-Aufnahmen von Gustav Mahlers „Auferstehungssymphonie“


    Gustav Mahlers 2. Symphonie c-Moll, die „Auferstehungssymphonie“, war eines „der“ Werke für Leonard Bernstein. Er lernte sie, so berichtet Biograph Humphrey Burton, 1943 in einem von Artur Rodzinski geleiteten Konzert kennen und dirigierte sie erstmals im September 1947 selbst (in New York, mit dem New York City Symphony Orchestra). Im Dezember desselben Jahres folgten Aufführungen in Boston, 1948 dann in Tanglewood und Jerusalem. Im November 1950 stellte er das Werk beim „Holland Music Festival“ und in Mailand vor, fünf Jahre später, im November 1955, mit dem Symphony of the Air Orchestra wieder in New York. Es folgte Paris 1958 und im Februar 1960 das „Mahler Festival“ in New York. Da war Leonard Bernstein bereits Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, mit denen er am 29. und 30.9.1963 im Manhattan Center (New York City) dieses monumentale Werk erstmals für Schallplatten einspielte.
    Großes Welttheater – das ist Mahlers „Zweite“ bei Leonard Bernstein. Der 1918 geborene amerikanische Vollblutmusiker zelebriert die Musik groß und universal, er lässt sie breit ausschwingen. Man kann sich gut einen Hollywood-Monumental-Historienfilm dazu ausmalen. Die vormalige Totenfeier des ersten Satzes erzählt bei Bernstein ein großes Abenteuer. Auch der Ländler des zweiten Satzes beginnt gemütlich. Bernstein hat und nimmt sich sehr viel Zeit. (Im Jahr 2006 empfindet der Schreiber die Musik der ersten beiden Sätze innerlich flotter als sie Bernstein 1963 dirigierte.) Der Mittelteil bietet wieder theatralischen Kontrast. Der dritte Satz, die symphonisch erweitere Fischpredigt des Antonius von Padua, wird zum Ballett der Narren an diesem gewaltigen Theaterabend, Sintflut inklusive. Jennie Tourels „Urlicht“ wird zum verinnerlichten Zentrum der Einspielung, zu einer Andacht über das menschliche Leben, in dem die Zeit nahezu stillsteht. (Auch die beiden anderen Aufnahmen implizieren diese Entwicklung kongenial.) Mit einer neuerlichen Sintflut, nach der die Welt gereinigt und geläutert wirkt, wird das Tor geöffnet – der Mensch macht sich auf zur Auferstehung: Mahlers und Bernsteins großes Welttheater, gleichzeitig ein exponiertes Glaubensbekenntnis – oder auch große Oper. Lee Venora (Sopran) und The Collegiate Chorale ergänzen die klanglich hervorragende Aufnahme stimmig.
    Zwei Monate später dirigierte Leonard Bernstein Gustav Mahlers „Auferstehungssymphonie“ in einem Gedächtniskonzert für John F. Kennedy. Im Juni 1967 folgten die ersten Aufführungen mit den Wiener Philharmonikern in Musikverein und Staatsoper (zählt man diese zum UNITEL-Videozyklus hinzu, hat Leonard Bernstein von 1967 bis 1976 mit den Wiener Philharmonikern alle Mahler-Symphonien aufgeführt) und in New York sowie im Juli 1967 die letzten drei Sätze wieder in Jerusalem (Open Air).
    Kulminationspunkt, Höhepunkt und Reverenz ist dann aber die zweite Einspielung des Werks, diesmal für Ton- und Bildträger. Sie entstand im September 1973 in der Kathedrale von Ely mit dem London Symphony Orchestra, dem Edinburgh Festival Chorus, Sheila Armstrong (Sopran) und Janet Baker (Mezzosopran). Die legendäre CBS-Box „GM 10“ aus der zweiten Hälfte der 70er nahm diese Aufnahme genauso auf wie die ersten CD-Veröffentlichungen von CBS und SONY mit Bernsteins Mahler-Einspielungen. Ely brachte das Werk in sich geschlossener als zehn Jahre zuvor die New Yorker Einspielung. Mahlers „Auferstehungssymphonie“ hat hier Größe, die natürlich durch den Raum verstärkt wird. New York 1963 war individueller, Ely 1973 ist „weltmännischer“. Der große Bogen wird wunderbar gespannt. Janet Baker singt das „Urlicht“ wie Jennie Tourel sehr empfunden. Die Bildregie bringt am Ende dieses Satzes und im Finale das große, hohe Kirchenschiff zur Geltung. Bewundernswert die geschlossen konzentrierte Leistung aller Mitwirkender. Man sieht und hört Leonard Bernstein springen (etwa vor dem Gesangseinsatz „O Schmerz …“), und beim „Auferstehn“ sieht man seine Ekstase. Dieser Mann ist Musik, er lebt Musik und er zelebriert sie mit jeder Faser seines Seins. Bei keinem anderen Dirigenten hebt sich das sichtbare Äußerliche so glaubhaft enthusiastisch in der Begeisterung für das Werk auf. Leonard Bernsteins Aufnahme von Mahlers „Zweiter“ aus dem Jahr 1973 gehört sicher zu den besten Aufnahmen seines ganzen Lebens.
    Im April 1987 war er wieder in New York. Die Avery Fisher Hall erlebte Leonard Bernsteins letzte Aufführungen dieses Werks. Mit dabei waren noch einmal die New Yorker Philharmoniker, Barbara Hendricks (Sopran), Christa Ludwig (Mezzosopran) und der Westminster Choir. Bernstein zelebriert diesmal noch monumentaler, in epischer Breite. Das weiträumige Klangbild unterstützt ihn dabei kongenial. Der Ländler wirkt fast verklärt. Christa Ludwig macht wie ihre Vorgängerinnen das „Urlicht“ zum zeitlosen Zentrum der Welt. Bis man dann zum „Auferstehn“ selbst aufspringen möchte und sich von der übermächtig-allumfassenden Wirkung mitreißen lässt, staunt man einmal mehr über Leonard Bernsteins Unbedingtheit des Menschlichen, die in jedem Takt durchhörbar ist. Dirigierte Leonard Bernstein Mahlers Zweite Symphonie zu langsam? Bernstein „war“ so langsam im Jahr 1987, Mahlers Zweite „war“ bei dieser DGG-Einspielung so langsam.


    Fortsetzung folgt ...


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    Alexander

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    Alexander

  • Eine Symphonie, die einhundert Minuten dauert, allein der erste Satz benötigt mehr als 30 Minuten – man mag die Scheu vieler Musikhörer vor so einem Monumentalwerk verstehen. Wie in der Zweiten Symphonie wird ein Frauensolo zum „stillen Zentrum“ des Werks, diesmal ist es Zarathustras Nachtwandlerlied "O Mensch! Gib acht!" von Nietzsche. Nur etwas mehr als vier Minuten lang sind gleich anschließend Frauen- und Kinderchor im Einsatz, bei der Vertonung von "Es sungen drei Engel" aus „Des Knaben Wunderhorn“. Mahler gab den Sätzen später zurückgezogene Titel: "Pan erwacht. Der Sommer marschiert ein", "Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen", "Was mir die Tiere im Walde erzählen", "Was mir der Mensch erzählt" (das Mezzosopransolo), "Was mir die Engel erzählen" (mit den Chören und der Solistin) und "Was mir die Liebe erzählt". Ist Mahlers „Dritte“ schwere, schwer verdauliche, anstrengende Musik? Hört man Leonard Bernsteins drei Aufnahmen, bestätigt sich diese „Befürchtung“ nicht. Bernstein entfaltet mit der Musik die urtümliche Urgewalt der Natur (erster Satz), und ein junger Siegfried marschiert und kämpft sich durch die Landschaft, unbekümmert und naiv. Man ist schon immer in der ausklingenden Zeit der K&K Monarchie mit ihren Militärmärschen, aber man kann die Musik auch „überzeitlich“ hören. Zweiter und dritter Satz offenbaren bei Bernstein auch die unschuldige Natur, vielfach fast zu schön, um wahr zu sein, wie verklärt zieht die Musik vorbei. Wie in der Zweiten Symphonie kommt es gegen Ende des dritten Satzes zu einem Orchesterausbruch. Dort – in der Zweiten - geschah er fast apokalyptisch (um im Finale wiederzukehren), hier ist es eher ein sanfter Wolkenbruch. „Aus tiefem Traum bin ich erwacht“ – die Welt verliert mit dem Menschen ihre Unschuld (vierter Satz), aber durch den Glauben können wir von der Schuld befreit werden (fünfter Satz). Das Finale der Dritten Symphonie ist der erste der großen, „unendlichen“ langsamen Mahler-Sätze – für Leonard Bernstein genau das Richtige, er gestaltet die Musik herzzerreißend beseelt, wieder eigentlich zu schön um wahr zu sein, mit voller Inbrunst, eine Seelenoffenbarung. Diese Musik verströmt ungeheure Emotionalität und dabei wirkliche, erhabene Größe.
    Am 3.4.1961 nahm Leonard Bernstein Mahlers Dritte Symphonie im Manhattan Center von New York City mit den New Yorker Philharmonikern, dem Women´s Chorus of The Schola Cantorum, dem Boys´ Choir of The Church of the Transfiguration und mit Martha Lipton (Mezzosopran) auf. Das Posthornsolo im dritten Satz spielte John Ware. Bernstein machte die Musik lebendig, er gestaltete sie spannend und auch mit einer gewissen Unbeschwertheit, die man gerne durchhört bei einem so umfangreichen Werk. Das souveräne, klangschön disponierte Orchester macht beeindruckend Werbung für exzellente Orchesterkultur in New York anno 1961.
    Elf Jahre später, im April 1972, landete der UNITEL-Videozyklus der Mahler-Symphonien mit den Wiener Philharmonikern im Wiener Musikverein (nach der Ersten und der Zweiten von Mahlers Chronologie gesehen die erste Aufnahme aus dem Musikverein!), für das Fernsehen mit den bei Bernstein so typischen roten Wandverkleidungen „noch extra verschönert“. Bernsteins interpretatorischer Grundansatz wird hier bestätigt: unbekümmert Musik machen, alle Vieldimensionalität von Mahlers Musik zum Klingen bringen. Und doch: Im Beiheft liest man, dass die Wiener Philharmoniker dieses Werk seit 1938 nicht mehr gespielt haben. Das Faszinierende an diesem Videodokument ist nun, dass man diese „Unerfahrenheit“ sehen und hören kann. Die konzentrierten Blicke der Musiker in die Orchesternoten, die alles andere als routiniert, sondern hochkonzentriert, „wie bei einem neuen Werk“, anzusehen sind, die unüberhörbaren und nicht wegretuschierten Blechprobleme – daneben das herrlich wienerisch „süßliche“ Geigenspiel des unvergesslichen Konzertmeisters Gerhart Hetzel (neben dem mit Rainer Küchl ein anderer Konzertmeister sitzt) und der souveräne (nicht genannte) Solo-Posaunist: eine weit zerbrechlichere Reise durch Mahlers längste Symphonie ist das! Die Schnitte des Regisseurs Humphrey Burton muten etwas eigenwillig an. Man fasst die Sätze 3, 4 und 5 ohne Zwischeneinblendung der Satzbezeichnungen zusammen, erlebt dadurch aber, wie Leonard Bernstein nach dem dritten Satz das Podium verlässt und zusammen mit der Solistin Christa Ludwig wieder kommt (als Schnitt ohne Satzbezeichnung). Die Ludwig ist akustisch exponierter als Martha Lipton 1961 (die man mehr ins Klangbild einbettete, statt ihre Stimme hervorzuheben) im Einsatz. Großartig intensiv gestaltet sie ihr Solo. DAS Ereignis dieser Aufnahme von 1972 sind jetzt die wahrlich „himmlischen Chöre“ (Wiener Sängerknaben und Damenchor der Wiener Staatsoper) im fünften Satz. Vom Orgelbalkon herab singen sie, dazu Christa Ludwig, dazu das wunderbare Orchesterklangbild – so „plastisch“ „sungen“ nur die Engel in Wien. Nach dem Schnitt vor dem Finale steht Christa Ludwig noch vor den Geigern, zu den ersten Takten setzt sie sich nieder und hat den wohl feinsten Hörplatz für diesen großen Symphoniesatz im Musikverein. (Dramaturgisch besser wäre es wohl gewesen, die Sätze 4, 5 und 6 ohne Schnitt zu senden.)
    Im November 1987 nahm Leonard Bernstein in New Yorks Avery Fisher Hall dieses Werk mit den New Yorker Philharmonikern noch einmal auf. Das wie bei den anderen Symphonien dieses DGG-Zyklus breitere, differenziertere Klangbild ermöglicht es, auch beim dritten Hören dieses Werks innerhalb von drei Tagen einige Nuancen neu zu erleben. Philip Smiths Posthorn im dritten Satz klingt hier ganz von fern, ohne Verstärkung, wie ein Traumbild aus einer anderen Welt. Und Christa Ludwig, nach 15 Jahren noch einmal dabei, klingt 15 Jahre älter und abgeklärter, da liegen eben 15 Jahre Lebenserfahrung und (nicht negativ gemeint) „Stimmverbrauch“ zwischen den Aufnahmen. Als Chöre waren 1987 die New York Choral Artists und der Brooklyn Boys Chorus im Einsatz. Das Posaunensolo spielte Joseph Alessi, die Solovioline Glenn Dicterow. Alles in den Schatten stellt das Finale dieser Aufnahme. („Langsam. Ruhevoll. Empfunden“ – das schreibt Mahler vor.) Dieser himmlische, weltentrückte Strom ist mit Worten nicht beschreibbar, ein apokalyptisches Bekenntnis von unglaublicher Intensität. Wie schön, dass so etwas auf Tonträgern festgehalten wurde! Alleine dieses Finale, nachdem man 300 Minuten Mahler hinter sich hat, ist überhaupt schon mal den ganzen Bernstein-Mahler wert.

    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • In der Tat: Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur, vom Schreiber dieser Zeilen an vier Tagen hintereinander jeweils einmal gehört, unterstreicht das Klischee, dieses Werk sei Mahlers „leichteste“ Symphonie. Was anderswo aus Grotesken abgrundtiefe Brüche aufwirft, bleibt hier augenzwinkerndes, großteils heiteres Spiel der Töne. Die Vielschichtigkeit treibt in keine Verzweiflung. Es ist „positive“ Musik, angenehm zu hörende Symphonik.
    Mit dieser Symphonie begann Leonard Bernstein am 1.2.1960 im St. George Hotel in Brooklyn (New York) mit den New Yorker Philharmonikern den ersten seiner drei Zyklen. Der erste Satz, der so markant mit den Schellen beginnt, atmet bei Bernstein großteils eine sympathische, teilweise verschmitzte, auch enthusiastische Sentimentalität. Die Durchführung steigert uns in eine Art Halloween- oder Faschingsspuk. Ein paar Jahre später (sowohl was die Entstehungszeit der Symphonie als auch was Bernsteins Opernerfahrung betrifft) wird das Mariandl den Baron Ochs von Lerchenau derart necken. Bernstein und Mahlers Schalk verstehen sich natürlich auch im zweiten Satz gut. Man hat das Gefühl, Bernstein hat mit der Psychologie dieser Musik absolut keine Probleme. Er ist immer „drin“ im Geschehen, betrachtet es nicht von oben herab, sondern durchlebt die Musik total. Nach dem Finale der „Dritten“ ist der dritte Satz der nächste große langsame Satz Mahlers. Der Schreiber, geborener Wiener, neigt dazu, den markanten Aufschwung knapp vor Satzende als „apokalytisches Dui-du“ zu hören, oder auch: das Motiv impliziert einen der berühmten „Rosenkavalier“-Walzer. So leicht dirigiert Bernstein diese Stelle aber natürlich nicht, dass ein Orchester dabei in Walzerseligkeit verfiele. Das ist schon mehr Sonnenaufgang wie bei Haydn oder beim Zarathustra. Dieser dritte Satz mit seinen leidenschaftlichen Weiterführungen, in seiner Beseeltheit, liegt Leonard Bernstein ganz besonders gut. Reri Grist, Bernsteins Uraufführungs-Sängerin des „Somewhere“ aus der „West Side Story“, berührt im Finale mit kindlich unschuldigem, unbedarft anmutendem Soprangesang.
    Im Mai 1972 setzte die UNITEL ihren Videozyklus im Wiener Musikverein mit diesem Werk und mit den Wiener Philharmonikern fort. Besonders auffallend: Die Wiener Klangkultur mildert allfällige Schärfen „wunderschön“ ab. Das Orchester ist mit dieser Symphonie (im Gegensatz zu anderen Mahler-Werken) spürbar zu Hause, tut sich wesentlich leichter als etwa mit der „Dritten“. Als Konzertmeister war Gerhart Hetzel im Einsatz. Die Videoaufzeichnung, an sich sehr konzentriert in der Bildregie der Musik folgend, macht das Dokument „menschlich“, wenn es nach dem zweiten Satz Applaus gibt, als Frau Edith Mathis hereinkommt und sympathisch verschämt die Musiker, an denen sie vorbeigeht, mit Seitenblicken begrüßt. Selbstverständlich erklingt der dritte Satz in Wien besonders klangschön und herrlich, und genauso selbstverständlich gibt es den erwarteten Luftsprung des Dirigenten an „der“ Stelle. Im Gegensatz zu Reri Grist singt Edith Mathis durchaus weiblich-erwachsen von den himmlischen Freuden. Fernsehblick auf den Dirigenten: Bernstein macht die Mundbewegungen bei den „elftausend Jungfrauen“ mit. Und am Ende wartet das Publikum brav, bis der Ausklang ganz verhallt ist, sodaß man Bernsteins „Dankeschön“ an Frau Mathis sehr deutlich in den beginnenden Applaus hört.
    Dem Schreiber steht mittlerweile dank Ö 1 Mitschnittservice auf CD (bzw. dank damaligem Mitschnitt noch auf MC) eine weitere Aufnahme dieser Symphonie mit Leonard Bernstein zur Verfügung. Die Wiener Philharmoniker spielten sie am 12.2.1984 in einem Abonnementkonzert im Musikverein, ehe sie unter anderem damit auf USA-Tournee gingen. Der Höreindruck ist hier sehr impulsiv, sehr intensiv – wie wenn ein Maler ein Gemälde mit bunten Farben entwirft. Dieser Mitschnitt geht dem Schreiber total zu Herzen, selbst mit all den Abonnement-Hustern, die die Liveatmosphäre noch verstärken. Alan Bergius vom Tölzer Knabenchor singt das Finale, auf Bernsteins Wunsch also ein Knabensopran, eine unter Mahler-Musik-Liebhabern nicht unumstrittene Entscheidung. Hört man Bergius unbedarft, kann man sich der Ausdruckskraft dieser Möglichkeit nicht ganz entziehen, zumal der Solist damals ausgezeichnet studiert und disponiert war.
    Obwohl nur drei Jahre später aufgenommen, nämlich im Juni 1987 im Grote Zaal des Concertgebouw von Amsterdam, hebt sich die letzte Aufnahme Bernsteins dieser Symphonie von den anderen Einspielungen ab. Das Concertgebouw Orkest hat wieder eine ganz eigene Klangkultur, die sehr reizvoll vom Holz geprägt wird. Und es hat auch seine ganz eigene Mahler-Tradition, die sich in sehr diffferenziertem, präzisem Spiel zeigt. Insgesamt ist dieses Klangbild aber kühler als das der Wiener und aus New York. Das merkt man etwa bei den Streichern im dritten Satz ganz besonders. Bernsteins wie immer extreme Intensität sorgt auch hier (Klangbild hin oder her) für emotionale Höhepunkte. Wieder kommt der Solist vom Tölzer Knabenchor, diesmal ist es Helmut Wittek, der sehr emotional, impulsiv, manchmal geradezu lausbübisch, also ziemlich persönlichkeitsstark von den himmlischen Freuden singt.
    „Auf die einsame Insel“ würde der Schreiber das Wiener Konzert von 1984 mitnehmen.


    Frohe Festtage wünscht
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Hallo Mahler-Freunde,


    Irgendwann habe ich mal gesagt:
    "Ich brauche nach Solti/Decca keine andere Mahler - GA mehr."


    Dann kam letztes Jahr 2006 das holländische Megaangebot der Chailly/Decca - GA und ich war um eine weitere Mahler-GA reicher.


    Nun wird einem noch bei amazon die Bernstein-SONY-GA quasi nachgeschmissen ---
    das ist der Wahnsinn - die Mahler-Bernstein-SONY-Aufnahmen 12CD´s für nur 22,99€.
    Die habe ich heute bei amazon bestellt, da ich mich von der Hochemotianalität der Bernstein-Aufnahme überzeugen will.


    Bei jpc kostet die CD-Box noch unnötige 75,-Euro.



    :hello: Nun meine Frage an Euch Mahler-Freunde:
    Wie ist diese Bernstein-SONY-Aufnahme zu beurteilen ?
    Welche Sinfonien ragen besonders heraus ?
    Welche sollte ich mir zuerst "vorknöpfen" ?


    :) Alexander Kinsky hat mir schon Apetit gemacht:

    Zitat

    Für mich sind die drei Boxen schon so etwas wie ein "Heiligtum", "meine heilige Mahler-Dreifaltigkeit". Man mag Tempi und Ekstase übertrieben finden - ich behaupte, Bernstein hat Mahler mit Herz und Seele musiziert, als totales, ehrliches Bekenntnis, so, dass jeder Zyklus, jede Box interpretationsgeschichtlich zum Wertvollsten gehört, was je aufgenommen wurde.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • 22,99 - Du lieber Himmel, ich bin sprachlos. Ich glaub ich muß mal in den nächsten Minuten eine Bestellung loswerden... obwohl ich die Sinfonien 1,5,8,9,10, (NYP) + LvdE (Israel Philharmonic) aus dem Zyklus schon habe. Hm, lass mal überlegen.... brauch ich wirklich noch die 2,3,4,6,7...? eigentlich bin ich ja nur auf die 4&6 wirklich neugierig....


    Das Trompetensolo zu Beginn der Fünften klingt seltsam nach Kindertrompete - das war mein erster Eindruck der Sony-Aufnahmen. Alles ist naturgemäss viel zügiger als in den späteren DG-Aufnahmen. Die akkustischen Aufnahmebedingen der Säle sollen ja zu Bernsteins New Yorker Zeiten sehr suboptimal gewesen sein... hört man aber nur selten.


    Zitat

    Welche sollte ich mir zuerst "vorknöpfen" ?


    die Zehnte (Adagio) ist niederschmetternd

  • Sir Simon Rattle sagte soeben in einem Itnerview, als er die 2. Sinfonie von Mahler hörte, sei ihm klar geworden, etwas in der Musik zu tun. Ich kann die Mahler Sinfonien nicht beurteilen, aber für Rattle müssen sie ein Schlüsselerlebnis gewesen sein.


    Padre

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  • Anmerkung: Ich höre die Zyklen bewußt ohne Partitur-Mitlesen durch, jeweils ein Werk pro Monat. Gehe daher auch nicht auf Details bzw. "Fehler" ein, die sich erst mit der Partitur erschließen könnten. Möchte die Musik rein emotional hören, nicht musikwissenschaftlich-kritisch (ohne damit diesen Höransatz auch nur irgendwie als weniger bedeutend ansehen zu wollen, es ist halt nicht meiner).


    Leonard Bernstein und Gustav Mahlers Symphonie Nr. 5 cis-Moll


    Ein Trauermarsch, ein „Stürmisch bewegt“, eines der ausgiebigsten Scherzi der symphonischen Geschichte (der längste Satz der Symphonie), ein sich dank Visconti verselbständigt habendes Adagietto und ein Natur-erweckendes Rondo-Finale:
    Am 7.1.1963 hat Leonard Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern in der Philharmonic Hall (später umbenannt in Avery Fisher Hall) im Lincoln Center (New York City) Gustav Mahlers Symphonie Nr. 5 für Schallplatte im Rahmen seines ersten Zyklus aufgenommen. Man spürt die totale Identifikation des Dirigenten mit Mahlers Zerrissenheit, mit den Brüchen und Stimmungswechseln, dem Seelenkampf des Komponisten. Es ist eine sehr emotionale Einspielung, aufwühlend, enthusiastisch – das ist nicht gespielte, sondern total gelebte Musik. Das Hornsolo im Scherzo spielte James Chambers.
    Die SONY-Box bietet auch das durch die äußeren Umstände eine eigene Emotionalität erfahrende und vermittelnde Adagietto an, das beim Gedenkgottesdienst für Robert Kennedy am 8.6.1968 in der St. Patrick´s Cathedral (New York City) von Mitgliedern der New Yorker Philharmoniker unter Bernsteins Leitung aufgeführt wurde.
    Zur Fernsehaufnahme mit den Wiener Philharmonikern vom April 1972 aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien kann man sich aus der DVD-Box des zweiten Zyklus den Beginn der „Rehearsal“ Dokumentation mit einem Probenausschnitt des Trauermarsches ansehen. Wir erleben den Probenbeginn mit. Bernstein begrüßt das Orchester sehr herzlich, ein Orchestervertreter wirkt hingegen bei seiner Begrüßung des Dirigenten witzig beamtisch-verkrampft. Bald lobt der viel im Detail arbeitende Bernstein den „perfekten Mahler-Klang“. Auch hier lebt er die Musik total. Es ist kein Unterschied, ob er probt oder aufführt – Bernstein „ist“ Musik, mit Körper, Geist und Seele. Er „knarrt“ mit seiner rauen Stimme mit. Dann muss er sich aber wundern, weil einige Orchestermitglieder andere Notenausgaben als die von ihm erwarteten vor sich liegen haben. Bildhaft kommen einige Anweisungen, etwa wenn es „wie ein Schubert-Wiegenlied“ klingen soll. Aber die Wiener Philharmoniker sind mit dieser Symphonie keineswegs so vertraut wie die New Yorker Kollegen. Bernstein zeigt einen Anflug von Verzweiflung, als er sagt: „Es ist Mahler, das fehlt.“ Er kann nicht umhin dem Orchester klar zu machen, dass es an innerer Anteilnahme mangelt. Die Konzertaufzeichnung (es gab in der Aufführungsreihe damals auch die Philharmonische Sonntagsmatinee, während der ein Erdbeben die Stadt Wien erschütterte und der Saal kurzfristig geräumt werden musste; da fällt dem Schreiber Hermann Maiers Abfahrtssturz bei Olympia 1998 in Nagano ein, als zeitgleich in seiner Heimat Flachau die Erde bebte …) offenbart zunächst (wieder einmal) den einmaligen Wiener Orchesterklang, geprägt von den Streichern und Holzbläsern. Das Orchester ist allerdings auch der Grund für weniger Intensität als in New York. Sie bemühen sich, alles so zu machen wie Bernstein es will, aber man spürt bis etwa zur Mitte des dritten Satzes, dass sie sich (noch) nicht ganz zu Hause fühlen in dieser Musik. Irgendwann verflüchtigt sich diese Skepsis aber (Bernstein hat grandios dafür „gekämpft“), und das Finale des Scherzos kommt fulminant daher. Bernstein zeigt sich vom Podium aus anerkennend beeindruckt. Das „Wunder“ dieser Aufnahme ist dann das Adagietto – „wie von einer anderen Welt“. Ein gelebter Traum – oder ein geträumtes Paradies? Das frisch empfundene Finale versöhnt überhaupt. Das Hornsolo im Scherzo spielte Roland Berger.
    Der Schreiber dieser Zeilen war am 30.8.1987 im Salzburger Festspielhaus, als sich die Wiener Philharmoniker unter Bernsteins Leitung 15 Jahre später erneut dieses Werks annahmen. (Es wurde damals gar nicht in Wien aufgeführt, nur auf einer Tournee.) Ein in der Dichte des unmittelbaren Konzerterlebnisses unvergesslicher Abend! (Vor der Pause spielte Peter Schmidl Mozarts Klarinettenkonzert.) Der Mitschnitt für den dritten Mahler-Zyklus Bernsteins entstand aber im September 1987 in der Alten Oper in Frankfurt am Main. Jetzt sind die Philharmoniker in dieser Musik „total drin“. Der Dirigent allerdings ist älter geworden, sein Dirigat langsamer, gewichtiger, teilweise schwerfälliger (erster und zweiter Satz). Die Spielzeit des Trauermarschs in New York betrug 12:30 Minuten, in Frankfurt zählt man 14:35 Minuten. Der Sound ist „zwanzig Jahre moderner“, ein breites „Cinemascope Klangbild“. Die Intensität wird nur durch Bernsteins langsamere Gangart etwas gebremst. Das Scherzo gelingt grandios wienerisch und emotional (Hornsolo: Friedrich Pfeiffer). Das Adagietto hingegen erreicht (wie dem Schreiber scheint) nicht ganz die Innigkeit der Aufnahme von 1972.
    Fazit: Leonard Bernstein „ist“ Gustav Mahler, wenn er dessen Symphonie Nr. 5 dirigiert. „Belegbar“ am besten mit der New Yorker Aufnahme aus dem Jahr 1963.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Hallo Alexander,


    danke fuer Deinen interessanten Beitrag. Nur eins stoert mich und ich sage es an dieser Stelle, weil ich es des oefteren schon im Forum zu Lesen bekam:


    Zitat

    Anmerkung: Ich höre die Zyklen bewußt ohne Partitur-Mitlesen durch, jeweils ein Werk pro Monat. Gehe daher auch nicht auf Details bzw. "Fehler" ein, die sich erst mit der Partitur erschließen könnten. Möchte die Musik rein emotional hören, nicht musikwissenschaftlich-kritisch (ohne damit diesen Höransatz auch nur irgendwie als weniger bedeutend ansehen zu wollen, es ist halt nicht meiner).


    Es ist ja schon mal nett, dass Du den "musikwissenschaftlich-kritischen" Ansatz nicht per se geringer schaetzt.
    Aber eins verstehe ich bis heute nicht: Warum schliesst das eine das andere aus?
    Ich kann ein Partitur mitlesen und emotional hoeren. Natuerlich geschieht das umso besser, je besser ich das Werk selbst kenne. Vielleicht auch nicht in der Intensitaet, wie wenn man sich auf das reine Hoeren beschraenkt, dennoch blende ich Emotionen doch nicht auf einmal aus.


    Das tut mit Sicherheit auch kein Musikwissenschaftler, dem verteufelt kalten Wesen, das nur seine Analysen kennt und mit seinem Sezierwerkzeug der Partitur auf den Leib ruecken will. :rolleyes:


    LG
    Wulf.

  • Natürlich schließt das eine das andere nicht aus, ganz im Geigentel, es ergänzt sich meist großartig, ich lese sehr gern beim Hören in Partituren mit. Aber ich bin nicht der Typ, der aufpaßt, ob eine Trompetenpassage genau so musiziert wird wie es geschrieben steht, ob das Tempo aufs Metronom genau eingehalten wird, ob jede dynamische Nuance explizit eingehalten wird. Ich wollte nur verdeutlichen, dass diese Aspekte bei meinen Betrachtungen nicht im Vordergrund stehen. Lese aber gerne und mit Gewinn alle Beiträge, die diese Aspekte herausstreichen.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Zitat von teleton

    Nun wird einem noch bei amazon die Bernstein-SONY-GA quasi nachgeschmissen ---
    das ist der Wahnsinn - die Mahler-Bernstein-SONY-Aufnahmen 12CD´s für nur 22,99€.
    Die habe ich heute bei amazon bestellt, da ich mich von der Hochemotianalität der Bernstein-Aufnahme überzeugen will.


    Bei jpc kostet die CD-Box noch unnötige 75,-Euro.


    Hallo teleton,


    merci bien für den Tip :jubel: :]
    habe natürlich sofort bestellt :yes:
    Die DG-Aufnahmen habe ich ja schon, jetzt kriegen sie halt Gesellschaft :D
    Seltsamerweise hat Amazon noch die Box für über 65 € im Angebot - für 23 € gibts einen Import, aber das ist mir dann auch egal, wenn sie tatsächlich für den Preis liefern :pfeif:


    :hello:
    Stefan

    Viva la libertà!

  • Die drei Aufnahmen Leonard Bernsteins der Symphonie Nr. 6 a-Moll von Gustav Mahler - ein persönlicher Höreindruck


    Nimmt man die Lieder aus und zählt man den „Nachzügler“ des Adagios aus der „Zehnten“ mit den New Yorkern von 1975 nicht hinzu, hat Leonard Bernstein jeden der drei Mahler-Zyklen mit der „Tragischen“ Symphonie Nr. 6 abgeschlossen. Seine Aufnahmen fielen auch in die vielen Jahre des Forschungsstands, das Scherzo als zweiten Satz spielen zu lassen. (Dem Schreiber erscheint diese Lesart für den Hörer psychologisch durchaus einleuchtend, fordert ihm doch das halbstündige gewaltige Finale noch mehr alles an „schwerer symphonischer Aufmerksamkeit“ ab als die bereits sehr intensiven ersten beiden Sätze, wodurch der langsame Satz gewissermaßen „durchatmen“ lässt, bevor es noch schicksalsschwerer weiter geht.) Keine der drei Aufnahmen möchte der Schreiber hervorheben, sie gehen alle ungeheuer unter die Haut, zeugen einmal mehr von Leonard Bernsteins Fähigkeit, sich in die Musik geradezu zu „verbeißen“. Man ist sofort mit den ersten Marschakkorden „voll drin“, marschiert mit zerrissener, verzweifelter Seele mit und versucht, im Überschwang des Alma-Themas oder dem phantastisch-irrealen Traumbild der Durchführung dem unbarmherzig drohenden Schicksal entrinnen zu können. Mitreißende Musik, ein alles verschlingender, mit sich ziehender Sog. Genauso der zweite Satz, das Scherzo. Bernstein sieht sich Mahler wesensverwandt, in der Ironie, in der Zerrissenheit des Seins, mit aller Theatralik und Schicksalhaftigkeit, und er musiziert es aus. Der dritte Satz ist einer der großen langsamen Sätze von Mahler. Bernstein taucht ein, ganz tief, erneut schicksalsschwer. Im niederschmetternd spannenden und packenden Finale sucht sich die Musik verzweifelt, sie ringt gegen das Unvermeidliche, bis zu trotziger Euphorie steigert sich dieser Kampf – letztlich vergeblich. Der letzte der drei Hammerschläge besiegelt das Schicksal.
    Mit ungeheurer Emotion entfaltete Leonard Bernsteins am 2. und 6.5.1967 in der Philharmonic Hall (jetzt Avery Fisher Hall) im Lincoln Center von New York City mit den New Yorker Philharmonikern diese Musik. Eine in ihrer Intensität exemplarische Aufnahme, nach der man innerlich total aufgewühlt ist und alles andere als sofort zum „Tagesablauf“ übergehen kann – geschweige denn gleich eine andere Einspielung dieses Werks anhören. (Der Schreiber zumindest benötigte mindestens einen Tag Pause zwischen den Einspielungen.)
    Der vollbärtige Leonard Bernstein beendete im Oktober 1976 den Unitel-Videozyklus im Großen Musikvereinssaal in Wien mit den Wiener Philharmonikern hör- und sichtbar in vollkommener Harmonie. Schienen die Dritte und die Fünfte noch „Entdeckungen“ für das Orchester zu sein, weiß Bernstein hier die Musiker offenbar völlig eins mit seinen Intentionen um die Herausarbeitung der inneren Glut und Verzweiflung der Musik. Der satte Streicherklang macht die Eigenständigkeit des Klangbilds dieses hier absolut souveränen Klangkörpers aus. Und Bernstein dirigiert nicht Mahlers Sechste, er lebt sie total: allein das zu sehen lohnt die optische Auflösung. Die Kamera bleibt die letzten expressiven Minuten des langsamen Satzes ohne Schnitt auf Bernsteins Gesicht – eine alles sagende optische Studie.
    Eine Spur langsamer als die bisherigen Aufnahmen (wie alle anderen Symphonien auch) ist der Abschluss des dritten, des DGG-Zyklus, aufgenommen im September 1988 wieder im Großen Musikvereinssaal in Wien mit den Wiener Philharmonikern. Die Intensität leidet nicht darunter. Das breitere, die Instrumentengruppen differenziert auffächernde Klangbild kennt man auch von den anderen Symphonien dieses Zyklus, die in den 80ern aufgenommen wurden. Es war im September 1988 das erste Abonnementkonzert der Saison, das für die DGG mitgeschnitten wurde. Mahlers Symphonie Nr. 6 brachten die Wiener Philharmoniker unter Bernsteins Leitung in dieser Zeit auch in Israel zur Aufführung, ein damals viel beachtetes kulturelles „Statement“ des Orchesters.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

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    Alexander

  • Leonard Bernsteins drei Einspielungen von Gustav Mahlers Siebenter Symphonie


    Gustav Mahler und seine großen Symphonien: Fast noch düsterer als der Großteil der Sechsten hebt die Siebente an, der erste Satz kommt aber auch trotzig, euphorisch und traumverloren daher. Die seit dem Trauermarsch der Ersten bekannten skurrilen Gestalten treffen sich in den Sätzen 2 bis 4 zum nächtlichen Reigen, eine bunt schillernde, spukhafte, eigenwillige Welt tut sich einmal mehr auf. Mit dem laut jubelnden Finale will sich dann vielleicht die Monarchie noch ein letztes Mal so richtig feiern.
    Leonard Bernstein hat auch dieses Werk total verinnerlicht, das hört man gleich in der ersten Einspielung, aufgenommen mit den New Yorker Philharmonikern am 14. und 15.12.1965 in der Philharmonic Hall (später umbenannt in Avery Fisher Hall) im Lincoln Center von New York City. Bernstein „wühlt“ durch die Musik, ermöglicht ein intensives, packendes Musizieren, hat überhaupt keine Probleme mit der Sprunghaftigkeit und Brüchigkeit von Mahlers Musik. Für Bernstein ist das alles selbstverständlich, er macht sich die psychischen Zerreißproben des Komponisten zueigen, lebt sie selbst durch und zieht die fabelhaften Orchestermusiker und den Zuhörer total mit in den Strudel dieser Widersprüche, die sich dann doch zu einem großen Ganzen fügen.
    Sehen kann man das totale Durchleben Bernsteins dieser Musik in der Fernsehaufnahme vom Oktober 1974 aus dem Großen Wiener Musikvereinssaal. Die Wiener Philharmoniker bestechen mit ihrem Klangbild (Streicher! Holzbläser!), das noch den schroffsten Momenten etwas Tröstliches beimengt. Und obwohl Bernstein schon in New York sehr charmant den Wiener Charme einiger Passagen hervorhob: Hier ist er noch verinnerlichter, noch selbstverständlicher zu hören. Bernstein befindet sich (ähnlich der Sechsten) hier in vollkommener Harmonie mit dem Mahler-Orchester aus Wien.
    Das wie auch bei den anderen Aufnahmen des 80er Zyklus breiter aufgefächerte Klangbild der dritten Einspielung, wieder entstanden in der Avery Fisher Hall mit den New Yorker Philharmonikern, im November und Dezember 1985, ermöglicht ein anders differenziertes Hören der Mahlerschen Musik. Wieder ist Bernstein langsamer, der letzte Satz muss auf eine zweite CD ausweichen, da 80 Minuten deutlich überschritten werden. Die Musik verliert aber keineswegs an Intensität. Diese wird sogar noch gesteigert. Die Aufnahme ist (wie die anderen auch) von einem großen Ernst getragen, sie gibt sich bewusst gewichtig. Einmal mehr stellt Bernstein die Musik nicht dar, er IST die Musik.


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    Alexander

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    Alexander

  • Persönliche Höreindrücke zu Mahlers Achter mit Leonard Bernstein


    Der Schreiber konnte Gustav Mahlers Symphonie Nr. 8 Es-Dur, die „Symphonie der Tausend“, Ende der 80er in Wien und im Sommer 2005 in Augsburg live erleben. Diese Eindrücke bleiben keineswegs nur des Massenaufgebots an Mitwirkenden, sondern auch des differenzierten Klangbildes wegen unvergesslich. Hier mag die Feststellung des Musiksoziologen Kurt Blaukopf, wonach Mahlers Musik durch die Schallplatte (speziell durch die Stereophonie) erst erlöst wurde, nur bedingt zutreffen. Ich habe Bernsteins Aufnahmen (außer der DVD) jetzt mit dem Klavierauszug gehört. Da erschließt sich der 25 Minuten lange erste Teil, die Vertonung des lateinischen Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus“, deutlich als Sonatensatz, mit Exposition, Durchführung und Reprise. Am beeindruckendsten (allein schon zum Mitlesen im Klavierauszug) ist die gewaltige Doppelfuge im zweiten Teil der Durchführung, in der Mahler das Ensemble minutenlang „mit voller Energie“ durch die Partitur peitscht, bis das Geschehen fulminant in die Reprise mündet. Es gibt ein Seitenthema, das erste Mal setzt es mit „Infirma…“ ein, bei dem der Schreiber sofort Andrew Lloyd Webbers „Requiem“ einfällt. Ob Webber Mahler gehört hat vor seiner Komposition? (Wahrscheinlich nicht nur Mahler.) Den zweiten Satz, die Vertonung des „Faust II“-Finales von Goethe, Fausts Verklärung, stellt sich der Schreiber gerne mystisch-theatralisch vor. Man versetzt sich in die Bergschluchten, lässt die Mitwirkenden „einherschweben“ – und kommt nicht um die Assoziation herum, dass hier ein enthusiastischer Wagner-Dirigent komponiert hat. Großartig suggestiv und dabei sphärisch wunderbar erhöhend rufen uns die Mater Gloriosa und die Chöre „Komm!“ zu. Nach dem Schlusschor „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ ist der Besucher einer Aufführung hoffentlich völlig überwältigt.


    Die Sony-Box bietet als Bonus den Mitschnitt des Eröffnungskonzertes des Lincoln Center in der New Yorker Philharmonic Hall (später umbenannt in Avery Fisher Hall) vom 23.9.1962 an, wo Leonard Bernstein den 1. Satz dirigierte. Es spielten die New Yorker Philharmoniker, es sangen Adele Addison (Sopran), Lucine Amara (Sopran), Lili Chookasian (Mezzosopran), Jennie Tourel (Mezzosopran), Richard Tucker (Tenor), Ezio Flagello (Bassbariton) und George London (Bassbariton) sowie die Schola Cantorum of New York, der Juilliard Chorus und der Columbus Boychoir. Leonard Bernsteins Enthusiasmus reißt von Anfang an alle mit. Solisten, Chöre und Orchester sind großartig disponiert. Auffallend gut gefächert erscheint mir das Klangbild, die Partien sind gut durchhörbar. Schade, dass es in dieser Konstellation keinen 2. Satz gibt!


    Von 18. bis 20.4.1966 entstand in der Londoner Walthamstow Assembly Hall Bernsteins erste komplette Einspielung der „Symphonie der Tausend“. Mit dabei waren diesmal das London Symphony Orchestra, als Magna Peccatrix Erna Spoorenberg (Sopran), als Una Poenitentium Gwyneth Jones (Sopran), als Mater Gloriosa Gwenyth Annear (Alt), als Mulier Samaritana Anna Reynolds (Alt), als Maria Aegyptiaca Norma Procter (Alt), als Doctor Marianus John Mitchinson (Tenor), als Pater Ecstaticus Vladimir Ruzdjak (Bariton), als Pater Profundus Donald Mclntyre (Bass), an der Orgel Hans Vollenweider, sowie der Leeds Festival Chorus, der London Symphony Chorus, die Orpington Junior Singers, der Highgate School Boys Choir und die Finchley Children's Music Group. Der Sound ist deutlich „dickflüssiger“ als bei der New Yorker Aufnahme (Chor, Orchester). Wieder ist Bernsteins Enthusiasmus allumfassend, er gibt sich aber auch gerne sentimental, spannt manche Bögen extrem aus. Der Schreiber hört wieder ein sehr gut aufeinander abgestimmtes, Bernsteins Begeisterung kongenial umsetzendes Ensemble. Diese Aufführung muss live ungeheuer beeindruckend gewirkt haben, das spürt man. Wenn Mahler am Ende das „Veni Creator Spiritus“-Thema mit dem „Chorus mysticus“-Thema vereint, wie Anton Bruckner zum Finale gerne die Hauptthemen seiner Symphonien als Conclusio abrundet, fühlt man sich gleichzeitig wahrlich erhebend getragen und ziemlich erschlagen von dieser Wucht.


    Chronologisch betrachtet, folgt nun der Mitschnitt vom August 1975 aus dem Großen Festspielhaus in Salzburg, die „Mahler Achte“ aus der DGG-CD-Box, eigentlich im Rahmen des „Videozyklus“ von Bernstein aufgeführt (und in der Folge in Wien dafür aufgenommen), aber in die Box aufgenommen, weil es zu keiner späteren Einspielung Bernsteins mehr kam. Hier ist der Sound eine Spur differenzierter. Auffallend klingt das „spitze“ Trompetenblech der Wiener Philharmoniker heraus. Schön innig hören sich die Solistenpassagen im Quartett an. Bernstein schwelgt wieder, der Klang des Orchesters ist schön satt und vollblütig. So wie Leonard Bernstein diese Musik zelebriert, wirkt sie schon ungeheuer gewaltig. Es wirkten mit: Margaret Price (Sopran I, Magna Peccatrix), Judith Blegen (Sopran II, Una poenitentium), Gerti Zeumer (Sopran III, Mater gloriosa), Trudeliese Schmidt (Alt I, Mulier Samaritana), Agnes Baltsa (Alt II, Maria Aegyptiaca), Kenneth Riegel (Tenor, Doctor Marianus), Hermann Prey (Bariton, Pater ecstaticus), Jose van Dam (Bass, Pater profundus), die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, der Wiener Singverein, die Wiener Sängerknaben, Rudolf Scholz an der Orgel und die Wiener Philharmoniker.


    Wir fahren gleich, der ganze Tross, weiter nach Wien, wo Ende August/Anfang September 1975 im Konzerthaus die Fernsehaufnahme aufgezeichnet wurde. Statt Margaret Price war hier Edda Moser dabei, und Trudeliese Schmidt wurde durch Ingrid Mayr ersetzt, die restliche Besetzung blieb gleich. Die optische Dimension ist schon sehr beeindruckend, trotzdem gibt sie wohl nicht ganz wieder, wie die Aufführung live gewirkt haben muss. Hier sieht man auch, wie total Bernstein die Musik lebt, wie er voller Enthusiasmus „mitsingt“, wie Rainer Küchl seine Konzertmeistersoli mit schönstem Wiener Geigenschmelz ergänzend zum Chor bzw. zu Solistenpassagen abliefert, wie die Instrumentalsoli überhaupt natürlich beim direkten Blick der Kamera noch besser auf sich aufmerksam machen als beim reinen Hörgenuss, wie Bernstein erneut „am Zerfall schwelgt“. Ein schon ziemlich überwältigendes Bild- und Tondokument!


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Hallo zusammen,


    die "alten" CBS-Aufnahmen wurden neu abgemischt. In dieser Box sind enthalten die Sinfonien 1 - 9 sowie das Adagio aus der 10. Sinfonie. Ferner gibt es eine CD mit dem Titel "Gustav Mahler remembered" mit zwei Tracks, die wie folgt überschrieben sind:


    1 - Part I: Reminiscences by Mahler's Associates and by Musicians who Played under His Baton (27:53)


    2 - Part II: Includes Personal Recollections of Anna Mahler (20:00)


    Ferner ist eine Aufnahme des "Lied von der Erde" von 1972 mit dabei (Christa Ludwig, René Kollo, Israel Philharmonic Orchestra).


    Ich habe mal anhand des Anfangs der Sinfonie Nr. 8 die "alten" CBS-CDs mit der neuen Abmischung oberflächlich verglichen - also, es gibt da schon einen gewaltigen Unterschied. Deutlich brillanterer, hellerer Klang, viel mehr Präsenz, viel "anspringender" als die alten CDs. Insgesamt ist der "neue" Klang sehr beeindruckend.


    Wer die "alten" Mahler-Aufnahmen von Bernstein noch nicht hat und irgendwann mal anschaffen wollte, ist wohl mit der neuen Edition bestens beraten.


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  • Den obenstehenden Bemerkungen von Alexander Kinsky zu den Unterschieden der CBS/Sony-Aufnahme und der DG-Aufnahme der 1. Sinfonie (ich beziehe mich nur auf die CDs) ist wenig hinzuzufügen.


    "Gemütlich" ist genau das richtige Wort für etliche Passagen der DG-Aufnahmen. Insgesamt ist die Amsterdamer Einspielung vielleicht nicht ganz so zupackend wie die New Yorker, dafür werden die Schönheiten mehr ausgekostet und die Ausbrüche (1. Satz, 4. Satz) klingen explosiver, gewaltiger.

  • Interessant, daß es die 60er-Aufnahmen jetzt neu remastered gibt. Ich habe sie bislang noch nicht, von daher wird ggf. natürlich die neue Box angeschafft.


    Andererseits bin ich (bis auf eine Ausnahme, auf die ich zu sprechen kommen werde) sowieso wunschlos glücklich mit den 80er-Aufnahmen aus Amsterdam (1. 4., 9.), New York (2., 3., 7.), Frankfurt (5.) und Wien (6., 10. Adagio). Die können m. E. allenfalls erreicht, kaum übertroffen werden.


    Die einzige Ausnahme stellt die "historische Aufnahme" (Zitat Booklet) der 8. aus Salzburg dar:



    Ich schreibe diesen mäßigen Eindruck mehr und mehr der unterdurchschnittlichen Tontechnik zu. Die Akustik im Festspielhaus ist (oder zumindest war 1975) völlig inakzeptabl für die "Symphonie der Tausend". Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, ist diese 8. ohnehin ein Kuckucksei in der DG-CD-Kollektion: Bernstein konnte die 8. (leider, leider!) nicht mehr erneut aufnehmen. Ich nehme an, daß dies geplant war, zumal er Nr. 1–7 sowie 9 allesamt nochmal auf CD verewigt hat. Die Aufnahme sticht auch anderweitig heraus. Es ist nicht der spezifische Spätstil Bernsteins. Immerhin liegt sie zeitlich zehn Jahre vor der neuesten des Rests. Aufgrund der mangelhaften Akustik wirken die Solisten zu präsent, das Orchester und der Chor dagegen überraschend klein. An anderer Stelle wurde es treffend beschrieben: "Bernstein hatte die Tontechnik gegen sich." So kann es bedauerlicherweise keine Empfehlung geben für die 8. aus Salzburg. Die 8. aus New York von 1966 würde mich deswegen am meisten interessieren von der CBS/Sony-Box.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Eine Aufnahme, die ich bis jetzt noch nicht kannte.

    Live aus der BBC Proms 1987

    Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie. Wem meine Musik sich verständlich macht, der muß frei werden von all dem Elend, womit sich die anderen schleppen.

    Ludwig van Beethoven


    Bruckner+Wand So und nicht anders :)