Alfred Schnittke - Polystilist auf dem Weg zu sich selbst

  • Ein Komponist, der in den diversen Threads relativ oft genannt wird, aber keinen eigenen Thread hat, ist Alfred Schnittke. Diesen Umstand möchte ich jetzt beenden und Schnittke zu enem eigenen Thread verhelfen.



    Alfred Schnittke (russisch transkribiert: Alfred Garrijewitsch Schnitke) wurde als Sohn eines aus Frankfurt am Main gebürtigen jüdischen Journalisten und einer Deutschlehrerin wolgadeutscher Abstammung in der einstigen Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, Engels, geboren. Da sein Vater nach 1945 beruflich in Wien war, begann Alfred Schnittke 1946 seine musikalische Ausbildung in Wien und hatte obendrein die Chance, sich durch das zwar eingeschränkte, aber durchaus vorhandene Musikleben eine umfassende Kenntnis der Werke der Klassik aneignen zu können.
    Nach der Rückkehr seiner Eltern in die Sowjetunion setzte Schnittke seine musikalische Ausbildung in Moskau am dortigen Konservatorium fort, wo er nach dem Abschluss eine Lehrtätigkeit für zehn Jahre übernahm. Etwa ab 1970 widmete sich Schnittke nur noch der Komposition.
    1990 übersiedelte Schnittke mit seiner Familie nach Hamburg, wo er an der Musikhochschule eine Professur für Komposition übernahm. Seine letzten Lebensjahre waren von mehreren Schlaganfällen überschattet. Zuletzt konnte Schnittke nicht mehr sprechen und nur noch mit der linken Hand schreiben.


    Am Anfang komponierte Schnittke viel Filmmusik - in der Sowjetunion immer wieder eine Möglichkeit für Komponisten zum stilistischen Experimentieren. Für den Konzertsaal entstanden Werke auf zwölftöniger, später streng serieller Basis.
    Von den sowjetischen Kulturbeamten wurde das entsprechend argwöhnisch beäugt und legte, zusammen mit Schnittkes Bekenntnis zur katholischen Religion, die Basis für einen andauernden Konflikt zwischen Schnittke und dem politischen System der Sowjetunion.


    1968 war es dann soweit, dass Schnittke sich von den avantgardistischen Techniken eingesperrt fühlte - es schlug die Geburtsstunde der Polystilistik à la Schnittke.


    Diese Polystilistik bedeutet keineswegs ein willkürliches Durcheinanderwerfen disparater Stilelemente. Vielmehr unternahm Schnittke den Versuch, ständig wechselnder Perspektiven. Seine von den Sowjets höchst ungeliebte Erste Symphonie etwa verwendet aleatorische Elemente ebenso wie aggressiven Jazz, Clustertechniken und Romantizismen.
    Das wiederum stürzte die Kulturbeamten in höchste Verwirrung: Welches war der "echte" Stil, welches der "zitierte"? Was war Ironie, was ernst gemeint? Vom Standpunkt der Romantizismen könnten ja die Cluster als Irrweg gebranntmarkt werden (was akzeptabel wäre). Was aber, wenn der tatsächliche Standpunkt die Cluster wären und die Romantik die Ironie (was völlig inakzeptabel wäre)?


    Auch die Zweite Symphonie verursachte den Sowjets Kopfschmerzen: Da wird eine katholische Liturgie gesungen, aber vom Orchester immer wieder übertönt, obwohl sie in das Orchestergeschehen ausstrahlt. Ist damit Religion als verborgene Kraft gemeint, die sogar zur Sprengkreft werden kann?


    Objektiver Weise nicht übersehen darf man, dass Schnittke seine Polystilistik mitunter vielleicht allzu großzügig anwendete, auch wenn dabei amüsante Werke wie "(K)ein Sommernachtstraum" herauskamen, über den Schnittke sagt, er habe keinen einzigen Komponisten zitiert, sondern alle selbst gefälscht. Die Qualität der Werke hält mit der Quantität nicht immer Schritt.


    In seinen letzten Werken aber legt Schnittke die Polystilistik ab. Zumindest seine letzten drei Symphonien sind Bekenntniswerke in der direkten Nachfolge von Mahler und Schostakowitsch - die Sprache allerdings ist reiner Schnittke: Karge Linien, oft ein- oder zweistimmig, sparsam instrumentiert, stellenweise durch Clusterblöcke kontrastiert. Die schnell wechselnden Perspektiven gehören der Vergangenheit an. Diese letzten Werke Schnittkes sind in ihrer Beschränkung auf das Wesentliche eine Einkehr zu sich selbst.


    Damit beende ich einmal die Vorstellung, ohne auf die Wertung einzelner Werke und Aufnahmen einzugehen.

    ...

  • Ich habe bisher nur eine Einspielung mit Werken Schnittkes, finde sie aber moment nicht mehr.


    Unteranderen findet sich dort ein Requiem. Ich weiß noch dass ich es nach dem ersten hören ersteinmal weggelegt habe, es hat mir wohl nicht sonderlich gefallen.


    Weißt du etwas über dieses Werk?
    Vielleicht kann ich mit ein wenig Hintergrundwissen besser damit umgehen. :yes:

    Einmal editiert, zuletzt von MatthiasR ()

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Schnittke gehört schon lange zu unseren Lieblingen und wir haben uns auch schon gedanklich damit beschäftigt den längst ausstehenden Thread zu diesem hervorragenden Musiker zu eröffnen.
    Nun, danke Dir Edwin für Deinen Beitrag.


    Das concerto grosso nr. 1 für zwei Violinen, präpariertes Klavier und Streichquartett gehörte zu unseren ersten CD's von Schnittke die wir uns bereits vor langer Zeit gekauft hatten, gefolgt sind zahlreiche.



    An den Geigen sind Gidon Kremer und Tatiana Grindenko unter dem Dirigat von Heinrich Schiff.


    Alfred Schnittke sagte folgendes zu diesem Werk:


    Das Concerto grosso Nr. 1 entstand 1976 auf Anregung meines Freundes Gidon Kremer und wurde im Januar 1977 abgeschlossen. Es besteht aus sechs Sätzen, die ineinander übergehen, wobei Recitativo und Rondo die größte zeitliche Ausdehnung haben. Die Cadenza der beiden Soloviolinen ist relativ kurz. Das Klavier wird durch einige zwischen die Saiten geklemmte Münzen klanglich verfremdet und dabei durch Mikrofon verstärkt - es symbolisiert sozusagen eine äußere Macht in diesem Stück. Solistische Aufgaben fallen auch dem Cembalo zu, so beispielsweise im Tango des 5. Satzes.


    Man kann in diesem Stück von drei musikalischen Sphären sprechen:


    Von Chiffren und auch Formtypen der Barockmusik, von freitonaler Chromatik und Mikrointervallen und schließlich von vulgärer Gebrauchsmusik banaler Prägung. Diese drei Sphären werden gegeneinander ausgespielt. Der Sinn des 'Concerto' findet sich also auch hier, und nicht nur in der äußerlichen Instrumentalbesetzung (Soli gegenüber Tutti). Das Banale hat eine fatale Funktion in diesem Stück: es unterbricht eigentlich alle Entwicklungen und es Triumphiert auch am Ende. In unserer Zeit, da die kühnsten und neuesten Mittel schon irgendwie abgestumpft klingen, gewinnt das Banale in dieser Art Konfrontation eine Ausdruckskraft fast dämonischer Art. Das Banale gehört ja zum Leben, und ich finde es nicht unbedingt richtig, daß die Trivialmusik seit vielen Jahren in der Entwicklung der Avantgarde ausgeschaltet und ignoriert wurde. In meinem Concerto grosso dominiert das Banale allerdings in zeitlich - räumlicher Hinsicht keinesfalls, aber es wirkt sozusagen von außen her störend und zerstörend. Als Beispiel hierfür möchte ich den Tango erwähnen, oder das sentimentale Lied am Beginn, das immer wiederkehrt und schließlich auf dem Höhepunkt alles 'zugrunde richtet'.


    Das Ausspielen und Interpolieren der verschiedenen Stile gegeneinander erzeugt also die wesentlichen Spannungseffekte in diesem Stück. Eine scharfe Abgrenzung der Sphären soll dabei nicht unbedingt kontrollierbar gemacht werden. Allerdings, die 'objektive Kraft des Banalen' soll durchaus bewußt sein, etwa so, wie es Thomas Mann in seinem 'Tonio Kröger' beschrieben hat.


    Dieses Konzert berührt uns mit seiner tiefen Emotionalität immer wieder von neuem.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • ich mag die von der ernsten seite:



    da ist ein präludium auf den tod schostakowitschs drauf :jubel:


    und von der spaßfraktion die:



    (geht leider nicht größer :rolleyes: )

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Ein Werk das wir sehr gerne und oft hören ist das Klavier-Quintett.
    Dieses Werk wurde schon verschiedentlich Eingespielt, so zum Beispiel von
    Leonard, Capricorn Ensemble, Mason



    Das Klavier-Quintett stellt einen Wendepunkt innerhalb von Schnittkes stilistischer Entwicklung dar. In zeitlicher Nähe zur ersten Sinfonie, die zwischen 1969 und 1972 entstand, steht das Klavierquintett für Schnittkes Abkehr von serialistischen und aleatorischen Kompositionstechniken. Während die erste Sinfonie für Schnittkes polystilistisches Komponieren steht, vertritt das Klavierquintett, wie auch alle anderen Stücke auf der CD das komponieren von sehr langsamer und leiser Musik. Diese Arbeiten sind allesamt von einem hohen Grad an Innerlichkeit und Weltabkehr geprägt, auch die individuelle Expression des Komponisten gewinnt an Bedeutung. Im Fall des Klavierquintetts kommen zwei biographische Ereignisse hinzu: Der Tod der Mutter 1972 fällt mit dem Beginn der Arbeit zusammen, die Komposition wird etwas nach dem Tod Schostakowitschs fertig gestellt, der als musikalischer Orientierungspunkt für Schnittke sehr wichtig war, dem die Orchesterfassung des Quintetts von 1978 gewidmet ist.
    Eine der Schwierigkeiten entsprang der Sorge, dem Werk eine möglichst klare Struktur zu geben, eine Sprache die die Mutter verstehen und die ihr auf Anhieb gefallen hätte. Nach rascher Fertigstellung eines 1. Satzes stagnierte die Arbeit. Zahlreiche Entwürfe wurden verworfen oder in anderen Werken benutzt, namentlich im Requiem von 1975. Erst 1976 wurde eine Lösung für den 2. Satz gefunden. Schließlich wurde das Werk durch zwei weitere Sätze und eine überraschende Passacaglia vervollständigt, in der die lang gesuchte Einfachheit ihre Verwirklichung fand.
    Während die persönliche Motivation durch die Erfahrung des Todes geprägt ist, das Stück eine Stimmung zwischen Trauer und verzweifeltem Ausbruch suggeriert, changiert auch Schnittkes Materialbehandlung zwischen Affirmation und Retrospektive. Während er ab Mitte der 70er Jahre mit seinem Bekenntnis zu direktem Ausdruck und seiner Verwurzelung in der spättonalen Tradition Schostakowitschs auch im Westen den Nerv der Zeit getroffen hat - Avantgarde-Verdruß und musica regressiva -, weißt andererseits seine Musik bedeutend mehr Substanz und Langlebigkeit auf, als vieles andere aus jenen Jahren. Dies liegt wohl daran, daß Schnittke zumindest in den beiden vorliegenden, größeren Kammermusik-Werken deren Rückwärtsgewandheit musikalisch reflektiert, auch wenn dies hier anders geschieht, als in den quirligen Patchwork-Arbeiten polystilistischen Zuschnitts. Im Klavierquintett fällt dies besonders im zweiten Satz, "tempo di valse" auf. Ein melancholischer Walzer ertönt, der stark an jenen aus Schostakowitschs Jazz-Suite erinnert; er wird aber fast sofort verfremdet, in einen innermusikalischen Rahmen gefaßt. Der Walzer erklingt und wird gleichzeitig als Rückblende kommentiert, dargestellt. In den andern Sätzen klingt der verinnerlichte Streicherklang Schostakowitschs durch, im letzten Satz erklingt eine wehmütige Spieldosen-Musik im hohen Klavier-Register, die das Thema der Passacaglia abgibt.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Hallo,


    ich möchte die gute Stimmung, die hier in Bezug auf Schnittke herrscht, natürlich nicht stören, möchte aber - nur zur Vervollständigung der Pluralität des Meinungsbildes - soviel sagen, daß ich mit der Musik Schnittkes bisher nichts anzufangen wußte.


    Allerdings habe ich mal Filmmusik Schnittkes gehört ( in einem Konzert hier in Hamburg mit russischer Filmmusik), die hat mir gut gefalllen.


    Ich habe mir dann mal eine CD mit einer Sinfonie/ Concerto Grossi und anderem von Schnittke aus der Bücherei ausgeliehen, konnte aber dieser Musik wiegesagt überhaupt nichts abgewinnen. Auch hörte ich mal ein Violinkonzert von Schnittke in London, mit den Londoner Sinfonikern und Gidon Kremer, fand dabei aber die Tatsache, daß sich die Fidel Gidon Kremers während des Konzerts langsam in ihre Bestandteile auflöste, wesentlich interessanter als die Musik.


    Da es nun in der klassischen Musik so unendlich viel interessantes gibt, wird es dabei vermutlich auch die nächsten Jahre bleiben.


    Allerdings finde ich es trotzdem schade, Schnittke nie kennen gelernt zu haben. Hörte mal ein Werk von ihm in Hamburg ( auch das gefiel mir nicht). Es gab eine Veranstaltung zu diesem Werk in Hamburg vor dem Konzert und Schnittke hatte sich angesagt, kam dann aber leider nicht, weil er zu krank war. Wenig später starb er. Daß er so mit seiner Gesundheit zu kämpfen hatte, ist natürlich sehr traurig.


    Gruß Martin

  • Hallo Martin,
    natürlich gefällt Schnittke nicht jedem. Keine Musik kann jedem gefallen - und das ist auch gut so.
    Aber schau, ob Du Dir "(K)ein Sommernachtstraum" ausborgen kannst. Und vielleicht die Kantate "Seid nüchtern und wachet", in der Faust vom Teufel zerfetzt wird - und zwar während eines mit verrucht-rauchiger Stimme gesungenen Tango-Chansons. Ich sage nur: Wahnsinn!!!

    ...

  • ich habe schnittke 2001 mit seiner oper 'Historia von D.Johann Fausten'
    in einer aufführung der neuen oper wien kennen gelernt. sie hat mir sehr
    gut gefallen und ich habe mich darauf nach sonstigem von ihm umgesehen.


    erstand damals sein concerto grosso no.2 für violine, cello und orchester
    und sein konzert für viola und orchester. eine russiche cd mit folgenden
    interpreten:


    - oleg kagan, natalia gutman (violine, cello)
    - yuri bashmet (viola)
    - gennadi rozhdestvensky (dirigent)
    - the ussr ministry of culture symphony orchestra


    aufgrund dieses threads hab ich sie wieder hervorgeholt - ich werde sie
    mir auch in zukunft anhören.


    besonders beeindruckt hat mich seine oper gesualdo in der wiener staatsoper.
    wenn sie wieder auf dem spielplan stehen sollte, ist das ein pflichttermin
    für mich.


    faun

    die kritik ist das psychogramm des kritikers (will quadflieg)

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Sehr gerne hören wir uns das dritte Violinkonzert an. Hier eine kurze Einführung in das Werk;
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 3 ( 1978 )
    Zu seinem Dritten Violinkonzert verfasste der russisch-deutsche Komponist Alfred Schnittke die folgende Einführung. Mehr als jeder andere Versuch vermag sie ebenso auszusprechen wie zu verschweigen, was dem Komponisten damals vorschwebte:
    “Dieses Werk war ursprünglich für ein Programm vorgesehen, in dem noch Hindemiths Kla¬vierkonzert und Bergs Kammerkonzert gespielt werden sollten. Das bestimmte die Orchester¬besetzung meines Stückes, welches die Besetzungen der beiden oben genannten Werke summiert. Aber auch das Klangkonzept meines Konzertes wurde dadurch beeinflusst: 13 Blä¬ser und nur 4 Streicher ergeben kein Gleichgewicht. Eine Lösung dieses Problems fand ich im Aussparen der Streicher bis zum 3. Satz, wo sie zum ersten Mal einsetzen und gegen Ende des Werkes den Bläserklang verdrängen.
    Ein ursprünglich geplanter Titel (‚Canticum canticorum‘), von dem ich mich aber lossagte, weil ich gegen programmatische Eindeutigkeit bin, hat einen gewissen Niederschlag in der Tonsprache des Konzerts (z.B. in der Einleitungskadenz des Solisten) gefunden. Aber es gibt hier auch ganz andere Einflüsse - russisch-orthodoxe Kirchenmusik (im Schlusschoral des 1. und 3. Satzes) und deutsche Romantik (in der Waldmusik am Anfang des 3. Satzes (Andante), die - trotz der Hornquinten und des Dur/Moll-Schwankens - kein Schubert- oder Mahlerzitat ist). Und natürlich kommt auch das atonale Idiom der chromatischen Intervallik dazu, das manchmal zu Zwölftonthemen führt, nie aber zu Zwölftonreihen. Das Zusammenwirken dieser Tonsphären ist keinem konstruktiven Prinzip untergeordnet - ich folge nur den Intentionen meines Gehörs.
    Das Gegenspiel des Tonalen und Atonalen beschäftigt mich seit langem. Hier versuchte ich, mir ein einheitliches Informationssystem zu bauen, das beide Tonwelten organisch verbindet: d.h. nicht nur durch kontrastierende Tag-Nacht-Wirkungen, sondern auch durch vermittelnde Morgen-Abend-Überleitungen und allgegenwärtige Schattenspiegelungen und Farbmodula¬tionen. Von jedem Punkt des Tonalen kann sofort das Atonale erreicht werden (und umge¬kehrt). Die drei Sätze des Violinkonzerts folgen dem Schema des doppelten Kontrasts (lang¬sam - schnell - langsam) und werden ohne Pause gespielt. Die Uraufführung fand im Januar 1979 im Grossen Saal des Moskauer Konservatoriums statt.”
    Als Einspielung können wir die sehr intensive live-Einspielung mit dem leider viel zu früh verstorbenen russischen Violinisten Oleg Kagan empfehlen.



    Oleg Kagan, Chamber Orchestra of the Conservatory, Moscow Soloists, Nikolaevsky, Bashmet


    Neben dieser Einspielung gibt es übrigens eine weitere mit Gidon Kremer an der Geige.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Ich habe Schnittke durch seine 1. Sinfonie kennengelernt.
    In der Aufnahme des Labels BIS habe ich sie mir vor etlichen einmal aus der Bibliothek entliehen - ein WAHNSINNSWERK!!


    Wenn ich mich nicht arg täusche, war auch über längere Passagen der Einsatz einer E-Gitarre vorgesehen. Somit auch mein erster Kontakt mit klassischer Musik, welche dieses ansonsten ganz "unklassische" Instrument zur Erweiterung des Klangsprektrums mit einbezieht.


    LG
    Wulf.

  • Richtig. Der typische Klang des großen Schnittke-Orchesters integriert in der mittleren Periode fast immer E-Baßgitarre und Cembalo. Später verzichtet Schnittke oft auf die Gitarre, das Cembalo bleibt aber ein wesentlicher Bestandteil des Orchesters - und sei es nur für ein oder zwei Akkorde.


    Die Erste Symphonie ist übrigens Schnittkes kompromisslosestes Werk. Hier wird der Positionswechsel zum Prinzip erhoben. Die Stile scheinen einander ebenso zu kommentieren wie sie einander durchdringen. Ein Meilenstein der russischen Symphonik!

    ...

  • Salut,


    ich kenne von Alfred Schnittke [bewusst] nur durch die Fertigstellung des Mahlerschen Klavierquartetts. Hier steht im Booklet [was teils den oberen Angabe widerspricht]: "Er [drückte] dem Mahlerschen Jugendwerk ungeniert seinen eigenen Stempel auf".


    Die Einspielung ist mit


    Ralf Gothoni, Klavier
    Mark Lubotsky, Violine
    Matti Hirvikangas, Viola
    Martti Rousi, Cello


    und bei dem Label ONDINE [nicht mehr existent?] erschienen. Der Erste Satz [Nicht zu schnell] von Mahler ist großartig! Schade, dass er es nicht selbst vollendet hat. Der Schnittke passt mir da überhaupt nicht - obwohl, für sich betrachtet: interessant.


    :hello:

  • Hallo!


    Und mir ist Schnittke vor allem als Komponist einer grausamen Kadenz zum Beethoven-Violinkonzert bekannt: :kotz:

    (ansonsten ist die Aufnahme gut)


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo,


    nach meinem Studium des mir selbst zu Weihnachten gekauften Buches



    war ich nun ganz gespannt auf die Violinkonzerte, die ich mir kürzlich auf CD kaufte, und zwar mit Gidon Kremer



    Die beiden ersten Quartette verstehe ich nicht recht, aber ich glaube, irgendetwas gefällt mir (besonders das andante im ersten Konzert sowie das gesamte zweite). Vom wunderbaren sachlich-melancholischen Ton Kremers will ich hier nicht reden.


    Wenn mir die Werke auch (noch?) ziemlich fremd sind, so habe ich dennoch den Eindruck, dass hier, auch bei dem Frühwerk, eine große Kraft steckt. Allerdings kann ich mit dem Kompositionsprinzip der Kollage oder des manchmal abrupten Wechsels tonal bezogen/nicht tonal bezogen des dritten und vierten Konzerts trotz Schnittkes Äußerungen in dem Buch nicht viel anfangen. Dies muss ich wohl noch einige Male hören und mir noch ein paar Gedanken machen.


    Eine Frage habe ich bezüglich des Anfangs des dritten Violinkonzerts, da ich die Partitur nicht besitze: Wie ist die Einleitung für die Violine notiert? Das ist doch kein normales Vibrato, oder?


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Hallo,


    ich habe vergangenes Wochenende bei meinem Besuch bei Johannes () die Bußpsalmen von Alfred Schnittke auszugsweise kennengelernt. Ich muß sagen, ich bin höchst beeindruckt davon. Ich habe die Musik als höchst intensiv und geladen empfunden - absolut nicht geeignet zum Nebenbeihören. Es ist sehr schmerzensreiche Musik, die mit ihren absteigenden chromatischen Motiven immer wieder die Assoziation von Weinenden hervorruft. Mich hat das sehr berührt.


    Die gehörte Aufnahme steht nun ganz weit oben auf meiner Wunschliste:



    Psalms of Repentance (Bußpsalmen)


    Schwedischer Rundfunkchor,
    Tönu Kaljuste



    Ein großes Dankeschön an Johannes für´s Nahebringen dieses Werkes.
    herzliche Grüße,
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Hallo!


    Zitat

    Original von Pius
    Und mir ist Schnittke vor allem als Komponist einer grausamen Kadenz zum Beethoven-Violinkonzert bekannt: :kotz:


    Inzwischen ist er mir auch als "Vollender" von Mahlers Klavierquartett bekannt - das schreit nach einem doppelten, besser dreifachem :kotz: :kotz: :kotz:


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Ich hörte dereinst die deutsche Erstaufführung einer der späten Sinfonien, wars Nr. 7?, mit dem Gewandhausorchester unter Masur: entsetzlich! Masur schaffte es nicht, auch nur irgendwie der Polyphonie, die bei Schnittkes Musik so wichtig ist, gerecht zu werden. Er versuchte, lächerlich eine einzige Melodie zu suchen also ob Schnittke irgendein klassischer Kleinmeister wäre. Lassen wir das besser....


    Besonders empfehlen kann ich die Streichquartette, insbesondere Nr. 2, das mich (trotz der schlechten Akkustik und des wenig durchsichtigen Klangs) am meinsten überzeugt hat in der BIS-Aufnahme vom Tale Quartett. Sehr gerne mag ich auch die Nr. 4, sogar vom Alban Berg Quartett. Mit Nr. 3 werden wohl die meisten einen unmittelbaren Zugang finden. Dabei hat mich aber noch nichts wirklich überzeugt. Hättet ihr Tipps?! Danke!

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von a.b.
    Dabei hat mich aber noch nichts wirklich überzeugt. Hättet ihr Tipps?! Danke!


    Das verstehe ich jetzt nicht. In diesem Thread gibt es schon eine ganze Reihe von Empfehlungen.

  • Ich meinte eine fundierte Empfehlung beim Streichquartett Nr. 3 .

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Hallo —


    gibt es eigentlich ein Tondokument von Schnittkes Oper Gesualdo? Vielleicht einen Live-Mitschnitt fürs Radio oder etwas ähnliches?


    Und wo ich gerade dabei bin: Die Meinungen derer, die Gesualdo in der Staatsoper gehört haben, gehen ja recht weit auseinander, *kicher* — von positive Erfahrung (faun) bis echter Flop (Edwin Baumgartner). Eine Kritik zur Wiederaufnahme 2004/05 fand ich hier von Dominik Troger auf www.oper-in-wien.at, der von Gesualdo generell nicht begeistert scheint.


    Wer von euch kennt die Oper, und wie ist eure Erfahrung? Wie ist überhaupt der Musikstil von Gesualdo? Hat Schnittke polystilistische Techniken benutzt (die ja im Spätwerk eher spärlich sind)?


    Viele Fragen ...


    LiGr,
    ^_^J.


  • Von Kammermusik (bisher leider) abgesehen, kenne ich eine ganze Reihe der Werke, vor allem der Solokonzerte Schnittkes.


    Die obige CD liegt mir besonders am Herzen.


    Es handelt sich um zwei, aller formorientierten Polystilistik zum Trotze, bestürzend emotionsgeladene Konzerte, die die große Geste ausleben. Bei aller gelegentlichen Härte, Groteske und Skurrilität hat Schnittke hier die Langsamkeit für sich entdeckt. Es sind wunderbar gedämpfte Farben, die er dem Zusammenspiel des jeweiligen Soloinstrumentes und des vielfältig geteilten, oft kammermusikalisch differenzierten Apparates entlockt. Da langweile ich mich keinen Augenblick.


    Überdies gibt es nicht gerade viele Komponisten, denen man gerne das Etikett der Postmoderne umhängt und die dabei doch so gänzlich unverwechselbar klingen. Das scheint mir die wesentliche Stärke dieses Komponisten zu sein.


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • eine Schnittke CD befindet sich auch in meinem Besitz, allerdings darf ich die nur hören wenn meine Freundin nicht zu Hause ist :wacko:



    Schnittke: Concerto Grosso / Moz - Art - a la Haydn etc.
    Gideon Kremer / Schiff


    Was mich auf dieser CD erwarten würde wusste ich nicht so recht, das Cover ziert ja wunderbarster Suprematismus ... für mich nicht direkt etwas, was mein Interesse weckt.


    Doch dann war ich ziemlich schnell gefangen von dieser Musik - diese CD gehört mitlerweile zu meinen liebsten Klassik CD's
    Vor allem das Rondo aus dem Concerto Grosso finde ich absolut faszinierend.
    Diese Mischung aus Bedrohung und barocken Zitaten hat mich so sehr begeistert, dass ich das Stück selbst gerne für eine Perfrmance verwenden würde :pfeif:

  • Die Chorwerke von Alfred Schnittke gehören sicher zu seinen schönsten Werken, wenn auch nicht zu seinen typischsten.


    Zu nennen sind hier die bereits erwähnten Psalms of Repentance (Bußpsalmen) und das Requiem, aber auch und vor allem sein Concerto for Mixed Choir.


    Letzteres kenne ich von den aufgezählten Werken am besten. Es folgt in seinem Aufbau, Klang und Registrierung der russischen Chormusik-Tradition. Volle und satte Harmonien mit viel und tiefem Bass, weit tragende und eher ruhige große Klänge. Die Harmonik ist im Gegensatz zu Schnittkes Instrumentalwerken keineswegs atonal oder zerpflückt sondern im Gegenteil reich an Farben und Klang. Mit diesem Werk scheint mir bspw. die russiche Chortradition eines Rachmaninov fortgeführt worden zu sein (möglicherweise eine gewagte These, aber mir kam das beim Hören des Werkes mehrfach in den Sinn). Gerade daher werden auch geneigte Zuhörer, welche eher wenig Berührungspunkte mit moderner Musik haben, sicher großen Gefallen an der Musik finden :yes:


    Bleibt zu bemerken, das das Concerto for Mixed Choir eines der anspruchsvollsten a-capella Chorwerke überhaupt ist und daher nur sehr selten aufgeführt wird. Zunächst wird einrecht großer Chor benötigt um die lang gedehnten Klangströme überhaupt bewältigen zu können. Die oft sehr überraschenden Harmoniewechsel stellen allerhöchste Anforderungen an die Intonation des Chores, die expressiven Lagen im Bass II und Sopran I erfordern hier besonders gut befähigte Sänger.


    Vom chortechnischen Anspruch her sehe ich das Werk daher auf der gleiche Stufe wie Chorwerke von Richard Strauss (Deutsche Motette, Der Abend) oder Arnold Schönberg (Friede auf Erden) und kann nur von professionellen oder extrem hochqualitativen semiprofessionellen Ensembles bewältigt werden.


    Auf dieser CD sind das Concerto for Mixed Choir und das Requiem auf zwei CDs zu einem absoluten Spottpreis, dazu in einer meisterlichen Ausführung und Interpretation zu hören:



    Der Kauf der CD sei unbedingt empfohlen :jubel: Zumal der Chamber Choir Hymnia ein durchaus bekanntes und zu den dänischen Spitzenvokalensembles gezählt werden darf.


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:


  • Folgende Rezension, die ich einmal irgendwo veröffentlicht habe, verleiht meiner großen Begeisterung für Schnittkes Chorkonzert in einer unüberbietbaren Interpretation Ausdruck:


    OPUS MIRANDUM
    Ein Werk ohnegleichen in einer einzigartigen Interpretation.
    Wer Alfred Schnittke nur als Komponisten polystilistischer Montagen oft bizarren bis grotesken Zuschnitts kennt, wird erstaunt: eine Musik, die völlig auf Maskerade und Karikatur verzichtet, die stattdessen in spürbarer Ergriffenheit Texte aus dem "Buch der Lamentationen" des armenischen Mystikers Gregor von Narek vertont!
    Musikalisch wird man an slawische Kirchenmusik (auch die von Rachmaninov, Gretchaninov, Sviridov usw.), an nordische Romantik, aber auch an die Archaik etwa des "Kanon Pokajanen" von Arvo Pärt erinnert. Doch die Klangwelt Schnittkes hat einen durchaus eigen und selbständigen Charakter. Sie durchmisst die weiten Räume von orthodoxem Kirchengesang bis zu hochkomplexer Polyphonie, vom zartesten Pianissimo bis zur gewaltigen Klangballung, zum Aufschrei, ohne dabei jemals disparat zu wirken. Alles fügt sich zum Gesamtbild zusammen.
    Der Aufbau des Konzertes erinnert in seiner Viersätzigkeit an die klassische Sinfonie. Dem langen ersten Satz mit seinen berückenden harmonischen Wechselbädern und atemberaubenden melodischen Aufschwüngen folgt ein zweiter, der in seinem schreitenden Rhythmus an eine düstere Prozession gemahnt. Die Funktion eines Scherzos übernimmt der dritte Satz: Unruhig bewegt und zwischen extremen Gegensätzen, zwischen Elementen ostkirchlichen Gesanges und moderner Clustertechnik schwankend, erlebt er eine großangelegte Steigerung, die in einem bestürzenden Höhepunkt gipfelt. Die Verklärung aber, die sich im kurzen Abgesang des Werkes einstellt, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. In dem oft wiederholten, leise verklingenden "Amin" scheint tatsächlich die Ewigkeit angebrochen zu sein.
    Schnittke hat sein Chorkonzert Valéry Polyansky und der Russian State Symphonic Cappella gewidmet, deren Einspielung als sensationell bezeichnet werden darf. Selbst nach oftmaligem Hören büßt sie nichts von ihrer Faszination ein. Andere Aufnahmen erreichen trotz perfekter Einstudierung und Technik keineswegs dieselbe auratische Klanggewalt.

    Musik: Atem der Statuen. Vielleicht: Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen enden. Du Zeit, die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen. (Rilke)

  • Liebe Taminos,


    anderswo habe ich gerade jemandem, der nach Schnittke gefragt hat, geantwortet. Vielleicht interessiert meine Antwort auch hier:


    Hallo nochmal, Mellus,


    manchmal wird das eigene Verhalten bestimmt durch Zufälligkeiten. Dieser Thread ruhte seit vielen Monaten. Du meldest dich zu Wort. Ich antworte. Prompt läuft gestern Abend im Fernsehen auf Classica ein Schnittke-Themenabend. Ich schaue die Dokumentation „Die imaginäre Welt des Alfred Schnittke“, höre darin Ausschnitte der Faust-Kantate und der Bußpsalmen. Also lege ich heute die dank Johannes´ nachdrücklicher Empfehlung gekaufte CD auf – danke an dieser Stelle für den Tipp, die CD gefällt mir hervorragend – und lese dabei das ausgezeichnete Booklet (ECM!), in dem u. a. ein Überblick über Schnittkes Schaffensweg zu finden ist. Dieser Text gibt mir nun Anlass, dir einige Hinweise zu geben (vorab angemerkt sei, dass ich in den letzten Jahren zwar viel Musik von Schnittke gehört und auch einiges über sie gelesen habe, aber trotzdem bei weitem kein Schnittke-Kenner bin, gleichwohl):


    Höre ich ein Werk von Mozart, erkenne ich sofort die für ihn typische Kompositionsweise. Für Schnittke gilt das nicht. Ja, es gibt auch für ihn typische Kompositionstechniken, insbesondere die sogenannte Polystilistik, also die musikalische Konfrontation und Einanderdurchdringung heterogener Materialien und Stile, es gibt insbesondere in der mittlereren Phase die starken Brüche, Akzente, die häufige Verwendung der E-Gitarre. Doch zeigt sich das Werk insgesamt gesehen ausgesprochen vielgestaltig. In den Worten des Booklet-Autors Uwe Schweikert:


    „Wer heute das Werk Alfred Schnittkes überblickt, wird darin stilistischen Brüchen von einander so grundsätzlich widersprechenden Richtungen begegnen, dass er sich fragt, wo hinter so vielen Masken hafte Verhandlungsfähigkeit in der Fluchtpunkt des kompositorischen Denkens liege.“


    Angesichts dieses Sachverhalts kann es dem Schnittke Kennenlernenwollenden passieren, dass er zu einem für ihn nicht geeigneten Werk von Schnittke greift und deshalb Schnittke insgesamt ablehnt, obwohl es auch und gerade für ihn hervorragend geeignete Werke von Schnittke gibt. Will sagen, dass Kennenlernen von Schnittke erfordert wegen der Vielgestaltigkeit des Gesamtwerks einen längeren Atem und mehr Geduld als bei den meisten anderen Komponisten.


    So gesehen hat peet_g völlig Recht, wenn er darauf hinweist, dass man Schnittke nicht kennen lernen kann, wenn man nur die lustigen, unterhaltsamen Stücke hört. Andererseits mag diese lustige Seite Schnittkes ein guter Einstieg sein, um von dieser Warte aus weiterer Erkundungen zu unternehmen.


    Die Vielgestaltigkeit des Werkes hängt sicher mit der besonderen biografischen Situation Schnittkes zusammen, der in mehrfacher Weise eine Minderheit angehörte. Schnittke war Kind (wolga)deutscher, zudem jüdischer Eltern. Musikalisch gehörte in den sechziger Jahren den jungen Wilden an, die sich der offiziellen Kulturpolitik nicht unterwerfen wollten. Angeregt durch seinen Kompositionslehrer, einen Webern-Schüler, beschäftigte sich Schnittke zunächst mit Zwölftonmusik und vor allem mit dem damals vorherrschenden Serialismus.


    So gibt es aus jener ersten Zeit serielle Kompositionen Schnittkes, die mit dem herkömmlichen Schnittkebild nichts zu tun haben.


    Unzufrieden mit der durch das serielle Komponieren einhergehenden, jedenfalls von Schnittke so empfundenen Einengung, Schnittke empfand vor allem eine unzureichende Räumlichkeit des Klanges, eine Nur-Flächigkeit, ihm – als Wilden – missfiel außerdem besonders, dass das musikalische Geschehen regelmäßig nur im Kleinen stattfand. Er wollte Großes – typisch für die aufbegehrende Jugend, möchte ich hinzufügen.


    Dieses Große brachte die 1. Symphonie. Ein bahnbrechendes Werk großen Ausmaßes, ein musikalischer Schock, in dem Schnittke, gewissermaßen Mahlers ganze Welt auf die Spitze treibend, diverse Versatzstücke aller musikalischer Sphären wild durcheinander mengte. Die Polystilistik war geboren.


    Jeder Schnittke-Liebhaber weist an dieser Stelle darauf hin, dass die Polystilistik mehr ist als bloße Collage, dass Schnittke vielmehr versucht, das heterogene musikalisch zu integrieren, die Vielfalt in die Einheit zurückzuführen.


    Viele Werke dieser Art entstehen in den siebziger Jahren. Dann aber findet sich Schnittke ab von dem musikalisch grellen und hin zu den tieferen Fragen des Menschseins.


    Als Anstoß für diesen Weg wird regelmäßig der Tod der Mutter 1972 genannt. Schnittke, der Religion schon immer verbunden, konvertiert Muster 1982 zum Katholizismus. Vor Augen hatte dabei seine Großmutter, die insoweit als gläubige Katholikin für Schnittke Vorbildfunktion hatte.


    Unmittelbaren Ausdruck findet der Tod der Mutter in dem Klavierquintett, das der genannte Booklet-Autor Schweikert mit dem großen Klagegesang im ersten Satz als das eigentliche Gegenstück zur explosiven 1. Sinfonie nennt – es gibt eine sehr gute Einspielung günstig bei Naxos.


    Das oben vorgestellte Requiem kann man als Übergangswerk vom brutalen zum verinnerlichten Ausdrucksgestus verstehen.


    Später kommt dann das ausdrucksvolle Chor-Konzert – vollsaftig – und schließlich stehen am Ende dieses Weges die asketischen, tiefempfundenen Bußpsalmen.


    Soweit erst einmal. Lese ich das bis hierher geschriebene noch einmal, fällt mir auf, dass vieles nur angerissen, holzschnittartig dargestellt wird. Nicht einmal erwähnt habe ich das Opernschaffen, die Violinkonzerte, die weitere Kammermusik. Na ja, soll ja auch keine Hausarbeit werden.


    Zum Weiterlesen ist das antiquarisch günstig erhältliche Interview-Buch „Über das Leben und die Musik" zu empfehlen.


    Zurück zu deiner Frage:


    Der „lustige“ Schnittke ist zu finden in Mozart à la Haydn (der Titel erklärt sich daraus, dass Mozart-Zitate verwendet werden und am Ende die Musiker nach Art der Abschieds-Sinfonie die Bühne verlassen), im (K)ein Sommernachtstraum, in der Gogol-Suite. Die Faustkantate – Vorläufer einer Faustoper – ist nicht eigentlich lustig, sondern vielmehr originell. Für Schnittke hat sie einen ernsten Hintergrund. Das Faust-Thema hat Schnittke sehr interessiert. Die Aussöhnung des neuzeitlichen Menschen mit dem Religiösen, die Anfeindungen des Guten durch das Böse sind Themen, die Schnittke beschäftigt haben.


    In diesem Zusammenhang ist vielleicht noch von Interesse, dass Schnittke sich selbst nur als Werkzeug empfunden hat. Er hat nach seinem Verständnis nicht schöpfend komponiert, sondern nur aufgeschrieben, was er gehört hat. Schnittke beschreibt das so (Zitat nach dem Booklet): „Meine Aufgabe sehe ich nicht darin, Musik auszudenken, zu schaffen, sondern zu hören. Es geht darum, mein Ohr nicht zu stören beim Hören dessen, was außerhalb von mir existiert … Ich bin nicht Resultat, sondern nur Werkzeug; etwas außerhalb meiner selbst wird durch mich hörbar.“


    Falsch wäre es allerdings, diese Sichtweise allein auf das Religiöse zu beziehen. Sie gilt für die ganze Musik. Für den modernen Menschen in seinem gesamten Umfeld.


    Zum weiteren Überblick verweise ich auf die treffenden Kurzcharakterisierungen des Booklet-Autors:


    -1. Symphonie: plakativer Anarchismus mit echten und/oder erfundenen Zitaten
    -Bußspsalmen: asketische Strenge
    -1. Streichquartett: zerfaserter Tonfall, strikt seriell durchkomponiert
    -4. Symphonie: diatonisch gehärteter Neoklassizismus
    -Concerti grossi: durchgespielte barocke Stilmodelle
    -Konzert für Chor: kirchentonales Psalmodieren
    -Streichtrio: intim, introvertiert
    -4. Streichquartett: vor expressivem Ausdruck berstend.


    Schließlich möchte ich noch darauf hinweisen, dass Schnittke in Deutschland Ende der Siebziger Jahre mit dem Concerto Grosso Nr. 1 den Durchbruch geschafft hat – ein sehr hörenswertes Werk, zum Einstieg in den mit barockem Muster operierenden Schnittke gut geeignet.


    Mich sehr beeindruckt hat die Cellosonate Nr. 1, die ich als Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Regime verstehe – zu ihr habe ich bei Tamino einen kleinen Beitrag geschrieben, den du dort leicht finden dürftest (im Themenverzeichnis enthalten). Kliegel ist mehr als okay, Ivashkin ist dennoch besser.


    Erinnert sei überdies an die oben erwähnte, informative Schnittke.de-Seite


    Zusammengefasst gibt es bei Schnittke serielle und anarchische, ernste und lustige, introvertierte und expressive, asketische und plakative, politische und religiöse, atonale und barocke, angenehm zu hörenden und schräge, barocke und neoklassizistische, oberflächliche und tiefgläubige Facetten. Sie alle zusammen machen erst den ganzen Schnittke aus.


    Den von mir in einem früheren Beitrag wiedergegebenen Eindruck, Schnittke sei womöglich schnell eintönig, kann ich heute, du wirst es dir denken können, nicht mehr nachvollziehen. Andersherum wird ein Schuh draus. Kaum jemand ist so vielgestaltig wie Schnittke. Richtig ist aber wohl die Einschätzung, dass Schnittke, einem ausgewiesenen Vielschreiber, nicht alles gelungen ist. Aber, bei wem ist das nicht so?


    Viel Spaß bei deinen Erkundungen wünscht


    Thomas

  • heute vor 15 Jahren gestorben:



    Alfred Schnittke; * 24. November 1934 in Engels, Sowjetunion; † 3. August 1998 in Hamburg) war ein russlanddeutscher Komponist und Pianist. Er liegt auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof begraben.

    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)


  • Nachdem Harald vor gut 15 Monaten an seinen 15. Todestag erinnert hat, möchte ich heute daran erinnern, dass Alfred Schnittke, der infolge mehrerer Schlaganfälle frühzeitig mit 63 Jahren starb,


    heute 80 Jahre alt geworden wäre.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Mit der Musik von Alfred Schnittke tue ich mich schwer, ich habe die Symphonien und die Streichquartette, habe aber noch nichts entdeckt, was mir wirklich gefällt. Ähnlich geht es mir mit Henze und Maxwell Davies. Ich versuch's weiter. :|

  • Hallo Lutgra,
    als ich den Thread gerde sah, kamem mir so ziemlich die gleichen Gedanken in den Sinn, die Du schreibst.
    Etwa um 2005 herum hatte jpc die Sinfonien-GA, mit einigen anderen Werken (BIS) günstig im Programm, die ich damals bestellt hatte. Ich hatte mich jahrelang schwer getan mit dieser "Materie". Obwohl Schnittke beileibe ja kein Langeweiler ist - aber diese Musik hat mir einfach zu viel "ungenissbares" zu bieten, mit dem ich mich einfach nicht anfreuden konnte und kann.


    Ich hatte diese BIS-GA dann etwa 3Jahre später an einen Tamino verkauft, da ich sowieso nicht mehr daran galubte noch einmal wirkliche Erfolgserlebnisse zu verspüren.
    Es war der Tamino Fuchur aus Österreich ... der schreibt seit Jahren nicht mehr bei tamino. Aber auch damals nach dem Verkauf habe ich nie wieder eine Rückmeldung von ihm über die Schnittke - CD´s bekommen ... eigendlich kein Wunder. :D:D:D Die haben ihm "den Rest" gegeben !



    Du sprichst Henze an.
    Hier kommt neben der Ungenissbarkeitskomponente noch die tötliche Langeweile dazu, die diese Sinfonien Nr.1-6 in der Henze-DG-Aufnahme ausstrahlen. Die habe ich ebenfalls über EBAY abgesetzt. Inzwischen ist die DG-Box von Brillant für n´Appel und n´Ei übernommen worden. :stumm: Braucht IMO Keiner !
    :!: Aber sonst nichts gegen Henze.
    Ich habe weitere Werke behalten, die ungleich interessanter sind: Die KK Nr.1 und 2, Scorribanda Sinfonica; und am besten gefällt mir noch Tristan-Preludes für Klavier, Tonband und Orchester (1973). Eine Rattle-CD mit der Sinfonie Nr.7 habe ich noch ... warscheinlich auch nicht mehr lange ... ich versuch es da aber auch nochmal ...


    ;) In der Regel weis ich schnell, ob "Versuche" Sinn haben oder nicht - ansonsten geht es schnell "ab und weg mit dem ungenissbaren Zeug" !
    :angel: Es gibt so Vieles in der Musik, mit dem man seine wertvolle Zeit sinnvoller verbringen kann.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang