Chopin: Klaviersonate No. 3 h-moll, op. 58

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    darf ich fragen, welche der bedien Aufnahme der h - Moll - Klaviersonate durch Martha Argerich Du meinst ?


    Lieber Frank,


    ich habe nur die DGG-Einspielung. Wenn die ältere bei EMI noch spannender ist, dann macht mich das natürlich neugierig! Die Aufnahme der h-moll-Sonate durch Samson Francois hat mich doch sehr beeindruckt - von daher habe ich dann auch seine b-moll-Sonate anders - nicht mehr so eindeutiig ablehnend - gesehen. Cziffra befindet sich in meiner Sammlung (er fehlt in meiner Aufzählung, hatte ich vergessen), den Cicollini kenne ich leider nicht. Die Veröffentlichungspolitik bei EMI ist eine einzige Katastrophe. Leider wiederholt sich immer dasselbe Spiel. Die haben wohl wirklich alle kompetenten Leute in die Wüste geschickt!


    P.S.: Es gibt noch eine dritte Aufnahme der Argerich mit der h-moll-Sonate: Die kürzlich von der DGG herausgebrachten Mitschnitte aus dem WDR von 1969. Auch dort spielt sie etliche Mazurken. Dazu kann ich auch nichts sagen, weil ich die Aufnahme nicht kenne.


    Beste Grüße
    Holger

  • Lieber Holger :



    die h- Moll-Klaviersonate durch Martha Argerich ist eine interpretatorische Offenbarung ( EMI !!! ). Die Studioaufnahme bei der SGG ist selbst für die Fähigkeiten der Argerich doch eher spröde dagegen . Und - zwei Sensationen - Bei EMI gab es eine sehr gute Technik u n d ausrecihend Bandmaterial ! Die Aufnahme lohnt auf jeden Fall . Für mich eine der zehn wichtigsten Aufnahmen der Sonate .


    Francois : Wir haben leider nur die bekannte Studioproduktion vorliegen. Und nun die mindestes dritte (!) identische Box der EMI innerhalb von rund zehn Jahren . Damit wird man einem der wichtigsten französischen Pianisten in keinster Weise gerecht ( ich denke dagegen an die guten Editionen von Yves Nat , ebenfalls EMI France ) .
    Eines ist für micher : Man wird nicht unbdingt einen sofortigen intellektuellen oder / und affektiven Draht zu den Interpretationen durch S- Francois bekommen . Zumal dann nicht, wenn man weiss, welche suggestive Wirkung Francois gerade in seine immer ausverkauften Konzerten auf sein Publikum ausgeübt hat . Und wir wissen , dass kaum eine Künstle rin Frankreich solch eine grosse Gemeidne von Verehrern und Bewunderern hat ! Leider hat sich das politische Frankreich nie so für klassische Musik interessiert un d eingesetzt wie die Künstler dies verdient hätten . Literatur stand immer ganz oben , mit grossem Abstand folgten die Bildhauerei und die Malerei . Die grossen mir bekannten Ausnahmen waren Mitterand und Jack Lang .
    Fracois müsste Dir eigentlich interpretatorisch sehr entgegenkommen, weil er nicht an ein bestimmtes Interpretationsschema festgebunden war .


    Zu ALdo Ciccolini habe ich bisher nichts geschreiben, weil Thomas Pape ihn hier immer kenntnisreich eingeführt und seioen Aufnahmen und Live-Abende kommentierend begleitet hat . Das würde sich nicht gehören .



    Eine A n r e g u n g : Du / wir sollten einmal versuchen , imLaufe der Zeit zu vergleichen, wer beide Soanten eingespielt hat und wer nur eine der beiden Sonaten . Und wie unser persönlicher Eindruck ist .



    Beste Grüsse



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Gibt es von dieser sehr späten Horowitz-Interpretation einen zugänglichen Mitschnitt ?


    Zunächst bitte ich um Nachsicht für meine späte Antwort.
    Um ihn bei uns „zugänglich“ zu machen, muss man einen kleinen, eigentlich bekannten Trick anwenden ... Ich zögere, ihn hier zu enthüllen.



    Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Falls ja : wo bitte . Danke im voraus !


    Hier: http://www.clavio.de/Klavierso…2-b-Moll-op-3.1549.0.html



    Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Teile Deine Meinung über die HENLE - Ausgaben.Dennoch sollte man wissen, welche Editon Horowitz hatte .


    Stimmt ... theoretisch. Aber welche DVD/CD/Schallplatte oder welcher Sender (Radio/TV) hat uns jemals verraten, welches Notenmaterial der Solist benutzt hat?! Ein Wunschtraum unzähliger Musikfreunde, aber auch vieler Berufskritiker, ginge dann in Erfüllung.
    Das erinnert mich ein wenig an meine Anfrage von etwa 1990 bei einem ARD-Klassiksender, warum man in den Programmzeitschriften nicht die genauen Anfangs- und Endzeiten der Stücke angibt. Als Antwort bekam ich, dass dies einer Aufforderung zum Mitschneiden gleichkäme und der Tonträgerindustrie schaden würde! Der erste Halbsatz traf bei mir ins Schwarze, da ich damals genau dieser „Zunft“ angehörte.



    Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Applaus im Weissen Haus in Washington besagt eigentlich nicht viel über den Rang einer interpretation .
    Sonst müsste Van Cliburn der grösste aller Pianisten sein .


    Das ist wirklich ein köstliches Bonmot! Ich würde fast behaupten, dass es auch auf ... die Politik des Präsidenten ... zutrifft.



    Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Meines Wissens war die einzige Musikexpertin aus derReihe der Präsidenten und deren Ehefrauen nach dem Zweiten Weltkrieg Mrs. Roslayn Carter . Diese hat sogar mit sehr schöner Handschrift die Einladungen zumindest unterschrieben .


    Tja, dann war es ja genau die richtige – denn Jimmy "the cat" („Kater“ :hahahaha:) hatte als amtierender US-Präsident zu jenem letzten op.35-Konzert von Horowitz geladen.





    Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Die "poetisierende" Interpretation so zu interpretieren, ist schlicht ideengeschichtlich falsch. Auch die Romantiker haben die Vorstellung, daß Musik so etwas wie ein eigenständiges "Werk" verkörpert, das der Intepret zu achten hat. Die Auffassung von Schlegel ist, daß dieses Werk als solches geschichtlich veränderlich ist. ... Busoni ... hat anders als Schlegel die klassizistische Vorstellung eines unveränderlichen, zeitenthobenen Werkes, nur besteht dieses in einer Werk-Idee, und diese ist nicht einfach identisch mit dem, was in der Partitur steht. Es reicht nicht das Aufgeschriebene gleichsam nachzuplappern, es verlangt eine Deutung, welche das wirklich Geschriebene auf die betreffende Idee bezieht. Die Frage ist zu beantworten: Warum ist das sinnvoll so, wie es da geschrieben steht?


    Ich fürchte, mir fehlen ein paar Semester Musikphilosophie, um hierauf adäquat - wissenschaftlich - zu anworten.
    Was aber klar sein muss, ist: Auch die Anhänger des Dogmas von der Werktreue „plappern“ das Aufgeschriebene nicht nach! Das ist ja gerade der springende Punkt und die argumentatorische Achillesferse des entgegengesetzten Dogmas von der freien poetisierenden Interpretation. Würde nämlich Werktreue im Sinne einer konsequenten Beachtung sämtlicher Anweisungen des Komponisten darin enden, dass die „werktreuen“ Interpreten A,B,C,D und E nicht mehr 5 individuelle, stilistisch klar unterscheidbare Aufnahmen A1,B1,C1,D1 und E1 abliefern könnten, sondern nur noch die im großen und ganzen identischen Aufnahmen W1-W5, die sozusagen die akustische 1:1-Umsetzung des Notentextes beinhalten, dann würde nicht nur bei den Musikkritikern gähnende Langeweile ausbrechen, sondern auch die Konzertsäle wären kaum noch voll zu bekommen, und der Tonträgermarkt würde kollabieren, weil man bei einem „werktreuen“ Interpreten die Darbietung ja schon praktisch im voraus kennen würde.


    Zum Glück ist das aber gerade nicht der Fall. Denn das „wundersame“ Geheimnis einer jeweils werktreuen Interpretation A1,B1,C1,D1 und E1, dessen Quelle im Wunder der Musik selbst verborgen liegt, ist, dass jede werktreue Interpretation, u.U. in geringerem Maß bei Zwillingen oder Geschwistern wie Kontarsky od. Pekinel, Labeque etc., immer hörbar verschieden und individuell klingen wird!
    Das gilt zumindest für den Bereich des Klaviers, da der Ton entscheidend durch den Anschlag geprägt wird, und er ist fast so individuell wie ein Fingerabdruck. Wie es zu dieser Individualität des Anschlags bei vergleichbarem Interpretationsansatz kommen kann, und zwar sogar auf dem identischen Musikinstrument(!), ist auch mir, der ich nun wirklich lang genug Klavier spiele, immer noch ein unergründliches Rätsel.



    Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Das Prinzip, einen Autor besser zu verstehen als er selbst, stammt aus der Hermeneutik. ... Es gilt letztlich dem Werk gerecht zu werden, und nicht dem Autor. Und da macht es wenig Sinn, dem Hermeneuten vorzuwerfen, er dürfe bei seiner Intepretation so nicht verfahren, weil er selbst nicht "Dichter" sei. Es gibt viele Äußerungen von Autoren bzw. Komponisten, die sagen, daß sie ihr eigenes Werk erst richtig kennengelernt haben, als es von Anderen interrpetiert wurde, es Seiten gezeigt hat, die ihnen selbst verborgen geblieben sind.


    Ja, das mag in einigen Fällen zutreffen. Etwa bei Schubert und der Wanderer-Fantasie, die schlicht seine technischen Fähigkeiten sprengte. Aber das berührt m.E. einen anderen Aspekt: Den des Schwierigkeitsgrades bzw. der Spielbarkeit. Schuberts Anweisungen, die gerade bei seinem Hauptwerk für Klavier solo sehr differenziert und umfangreich ausfallen, wurden zu 100 Prozent bewusst vorgenommen. Harmonisch und melodisch konnte es für Schubert beim Anhören eines anderen, der Schwierigkeit gewachsenen Interpreten (dieses Werkes) keine Überraschung geben. Was ihm während des Komponierens unklar bleiben musste, war, ob nicht nur er, sondern auch große Virtuosen seiner Zeit dem Werk technisch unterlegen waren. Denn es ist bis heute eines der technisch anspruchsvollsten Standardwerke der Klaviermusik.

    Dass Komponisten bekannte Künstler und Solisten um Rat gefragt haben, weil sie selber den Schwierigkeitsgrad nicht sicher beurteilen konnten, passierte regelmäßig, etwa auch bei Brahms’ Violinkonzert.
    Nur rechtfertigt das alles nach meiner Überzeugung es nicht, als Interpret sozusagen dem Komponisten zu erklären, „wo es musikalisch lang geht“ und statt eines piano-diminuendo ein sforzato zu spielen. Im Falle Chopins erübrigt sich der Aspekt der Schwierigkeit. Er WAR allen seinen Werken technisch gewachsen!



    Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Ich erinnere mich, daß dieses Horowitz-Konzert aus dem Weißen Haus mal vor mehr als 20 Jahren im Fernsehen gesendet wurde. ... Ich halte es für ein nicht haltbares Voruteil, Horowitz generell zu unterstellen, daß es ihm nur um Effekte geht. Sicher, es gibt solche Züge der Theatralisierung bei Horowitz. Das ist aber nur eine der Seiten der hochkomplexen musikalischen Persönlichkeit Horowitz. Zu Byron Janis sagte er: "Im Konzertsaal mußt Du übertreiben"!


    Die symptomatischste Einspielung von Horowitz in Bezug auf Effekthascherei, die mir bislang zu Ohren gekommen ist, betrifft übrigens Liszts h-moll-Sonate! Mit der einzige Komponist, wo mich H. wirklich überzeugen kann, und wo er auch Referenzstatus besitzt, ist Rachmaninow. Dort ist er in seinem Element. Es gibt auch genügend andere brillante Chopin-Aufnahmen von ihm, wo er nicht „über die Stränge schlägt“, z.B. bei der A-Dur-Polonaise. Schumanns Kreisleriana spielt er sehr passabel. Aber sobald der Komponist dem "horrorwitzigen" Drang nach Grandezza freien Lauf lässt, wird es hochproblematisch.



    Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Mich überrascht ein wenig Deine Darstellung des Presto-Finales. Die Aufnahmen von 1950 und 1962 sind überhaupt nicht überdreht im Tempo und Horowitz spielt hier pulvertrocken - die 1962iger Version ist lediglich eine Spur "weicher" als die alte Aufnahme, die da sehr kompronißlos ist. Gerade hier muß man feststellen: Chopin läßt dem Interpreten einen großen Freiheitsspielraum. Außer "sotto voce e legato" ist da nichts an Vortragsanweisungen notiert


    Darf ich mutmaßen, dass Du das Finale noch nie oder jedenfalls schon lange nicht mehr im Horowitz-Tempo zu spielen versucht hast? Seine „Sünde“ beschränkt sich auf das Tempo (1978 schafft er es gewissermaßen bis in die „Hölle“ der Werktreue, 1962 nur ins „Fegefeuer“). Klar, denn abgesehen von Tempo und Fingersatz ist dieses Ende ja nur „Gerippe“ (man könnte hinzufügen „zweier symmetrischer Brustkörbe“).
    Frank G. Bechynas Avatar-Patron meinte spöttisch, aber treffend: Das ist keine Musik! (Vermutlich war ihm inzwischen bewusst, dass Chopin die Verehrung seines Oeuvres nicht erwiderte, was eine der wenigen großen Schwachpunkte des Franko-Polen ist.)



    Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Einem Cyprien Katsaris nehme ich seine Manierismen beispielsweise übel, eben weil ich einen solchen Sinn nicht erkenne.


    Keiner spielt Symphonie-Transkriptionen originalgetreuer, d.h. "orchestraler", als Katsaris! Er hat sogar die Liszt-Übertragungen der Beethovenschen von eigener Hand verbessert, indem er wichtige Stimmen, die selbst von dem nicht für Vereinfachung bekannten Liszt weggelassen wurden, ergänzte. Für einen Klavierlaien klingt es so, als ob 4 Hände am Werk wären!
    Wenn Horowitz aus meiner Sicht als notorisch überschätzter Pianist zu gelten hat, so ist für Katsaris das Gegenteil der Fall.



    Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Und ob man wirklich alle Vortragsanweisungen des Komponisten umsetzen kann, ist die Frage. Die Textnotierung eines Komponisten kann durchaus inkonsequent sein. Auch der Komponist ist nicht unfehlbar, was die Ausführung seiner Gedanken in Noten angeht. Darauf hat Alfred Brendel zu Recht hingewiesen.


    Das möchte ich genauer wissen. Brendel rüttelt an den Denkmalen?



    Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Außerdem darf man auch nicht vergessen, daß die Instrumente, die Chopin zur Verfügung hatte, bei weitem nicht die Möglichkeiten bieten wie ein moderner Konzertflügel von heute. Auch das muß der Interpret berücksichtigen, wenn er daran geht, das umzusetzen, was in den Noten steht.


    Das ist korrekt. Freilich ist der Unterschied viel, viel geringer als vom Barock (Cembalo, Clavichord) aus. Dynamik-Vorschriften sind aber mindestens so differenziert spielbar wie zu Chopins Zeit.

  • Lieber PianoFore29 !



    Du beantwortest manche offene Frage , stellst Interpretationen durch Horowitz aus dann , wenn es mehrere gibt ( etwa Liszts h - Moll - Sonate oder Schumanns 'Kreisleriana' ) trotz der sehr unterschiedlichen Interpretationen nebeneinander .


    RACHMANiNOV blieb sein Lebenlang möglicherweise s e i n Komponist mit dem 3. Klavierkonzert und der 2. Klaviersonate . Bei dem Klavierkonzert von den mir bekannt gewordenen 7 verschiedenen Versionen ( einschliesslich der DVD ) vor allem durch die wohl zwinmgenste Aufnahme mit Albert Coates ; dann mit Fritz Reiner , wo Horowitz seinen herrischen Zugang umgesetzt hat wie - ebenfalls mit Fritz Reiner - in seiner Wiedergaben des 5. Klavierkonzertes von Beethoven .


    Und Horowitz wird durch seine persönlichen Begegnungen und sein gemeinsames vierhändiges Klavierspiel mit Rachmaninov selbst vieles dazugelernt haben ( wie vielleicht auch Rachmaninov vieles von Horowitz ) .


    Bei V. Horowitz möchte ich noch auf Scriabin hinweisen , den er noch im hohen Alter , dauernd gespielt hat und kein eswegs "verändert" .


    Ob Vladmir Sofronitzky d e r Über-Interpret der Werke Scriabins gewesen ist sei hier einmal in den Raum gestellt .



    LISZT finde ich bei Horowitz, Du beschränkst dies auf die h - Moll - Klaviersonate , eher problematisch . Hier lässt er , etwa in den Ungarischen Rhapsodien Töne kommentarlos weg, so wie er eigene hinzufügt , die die Komposition , typisch Horowitz , "noch schwerer" ( so ein Rezensent ) machen sollen .
    Wie der zirrzensische Liszt gespielt werden kann , das verdanken wir nicht Horowitz , sondern Georges Czifra mit seine beiden aberwitzigen Interpretationen von "La Campanella" !


    Die h - Moll - Sonate durch Horowitz kenn eich in der wohl berühmtesten Aufnahme aus 1932 ( EMI ) , die späte Aufnahme ( weider bei EMI mit vielseitigen Anmerkungen, die obejktiv zu einem grossen Teil falsch sind druch seine späten Freund und Bewundeer Harold C. Schonberg ) und die Aufnahme aus "The Private Collection" aus 1949 , New York .
    Es ist eine Tragödie , dass die Interpretation durch Josef Hofmann , den ich auch als Listexegeten , für bedeutender halte als Horowitz, vernichtet worden ist .


    Wenn wir die zugänglichen "Übersichtsarbeiten" über die verschiedenen Interpretationen der Sonate lesen , so mus s der weitestgehend unvoreingenommene Hörer den Eindruck gewinnen , dass das, was er auf Tonträger hört nicht sehr viel mit dem zu tun hat, was er möglicherweise zuvor gelesen hatte .


    Extase , vor allem im Grandiosothema , oder doch die angebliche Altersdeutung durch Liszt selbst, wie dies einige seiner Schüler beschreiben haben ? Nun war Liszt inzwischen von "reisenden Klaviervirtuosen" zum Abbé "gereift" . Die Physis dürfte ihm Grenzen aufgelegt haben . Alfred Brendel ( in einem seiner Bücher ) schlieest sich dieser eher domestizierten Auffassung an und schweitert dann damit eben im Vergleich zu den "Supervirtuosen" wie dem frühen Horowitz , Simon Barere , Alexis Weissenberg , Martha Argerich oder auch dem technisch absolzt sicheren Emil Gilels ( etwa in den Aufnahmen bei RCA oder dem Livemitschnitt bei 'Orfeo' ) .
    Danach ragt für mich pianistisch wie interpretatorisch nur noch Francois - René Duchable aus der Masse der interpretationen heraus .
    Horowitz erreicht in den beiden späteren Aufnahmen bei weitem nicht mehr das, was sein "Markenzeichen" geworden war : Leidenschaft , perfekte Techniuk , die Horowitzbässe ( die freilich auch ein Vladmir Sapellniko und andere spielen konnten ! ) .
    Auch Lazar Bermans Lisztdeutungen finde ich weitaus spannender als die durch Horowitz . Dasselbe gult für mich durch die klare Analytik im Spiel von Aldo Ciccolini ("Années de....." ) . Und - fast natürlich - im Spiel von Georges Cziffra .
    Wer dies Sonate allerdings so akademisierend trocken spielt wie Annie Fischer ( LP wie Livemitschnitt ) , der verweigert sich beidne oben beschreibenen Deutungen der Komposition .
    Arthur Rubinstein, der sich dieser grossen sonate ( oder doch eher Fantasie ) zugewandt hat in sehr späten Jahren vermeidet jedes Künstliche . Der volle , goldene Rubinsteinton wird zu einem ganz eigenen Weg , an dem wir schwer vorübergehen können . Dies verstehe ich zum Beispiel unter "Freiheit des Interpretierens " . Ich spekuliere , dass Rubinstein so auch auf einem anderen Steinway gespielt haben würde .
    Dann Claudio Arrau . Für mich einer der besten Interpreten vielrr Werke Liszts im Studio wie im Konzertsaal . Arrau spieltt, nehmen wir die HENLE-Ausgabe , sicherlich "werktreu" , obwohl er eine Selbstausgabe verwendet hat ( h - Moll - Sonate ) .


    Cyprien Katsaris hab e ich 1983 f. die ersten Maleim Konzert erlebt . Viele der runtergespielten Transkriptionen durch Franz Lisuz ( vor allem bei Schubert ) hat er auf eine völlig neue Ebene gehoben durch sein Spiel , das sehr berührend war , Technisch natürlich makellos . Und Katsaris hat völlig uneitel interpretiert . Kein einiger künstlicher effekt für das Publikum ( Echternach - Festival ) .



    CHOPIN . Horowitz hat Zeit seines Lebens sehr viel Chopin gespielt . Mir ist , das ist auffalend , keine einzige Interpretation der Klaviersonaten Nr. 1 ud Nr. 3 bekannt .
    Möglicherweise war Frédéric Chopin der gültigste Interpret seiner Kompositionen ! Ich greife jetzt bewusst Deine Gedanken auf . Chopin muss eine überragender Pianist gewesen sein . Er war faszinierend als Komponist und auch als Pinaist . Nicht weil er Tuberkulose hatte . Sofern wir erntzunehmende zeitgenössische Berichte als gesichert akzeptieren wird dies so gewesen sein .


    Chopins vier Scherzi haben dann nicht in Horowitz ihren Meisterinterprete gefunden , sondern in Arthur Rubinstein ( " The Piano Library " ) . Und die Kompositionen erfordern eine perefekte Technik und auch Mut , sie so zu spielen wie sie " wertrau " auf Notenblättern stehen . Dass ein sehr guter Pinaist aus diesem Notentext dann individuell etwas anderes herausliest , das hat Samson Francois gespielt . Oder Nikita Magaloff ( Philips ) .




    SCHUMANN und Chopin konnten wegen ihres völlig anderen Verständnis der Zeit , in der beide gelebt haben nicht zueinander finden wie auch mitbedingt durch die Tatsache , dass Schumann eben kein berühmter , allgemein anerkannter Pinaist ( mehr ) war .
    Die Biographien der beiden sind so unterschiedlich wie sie wohl kaum unterschiedlicher sein könnten .


    Dennoch ist es interessant, dass nicht wenige bedeutende Künstler sowohl grosse Chopin- wie Schumanninterpreten waren . Dazu zählt dann auch in Teilen Horowitz .




    Beste Grüsse



    Frank




    PS.: Ein einheitlich "Musikphilosophie" gibt es nicht .
    Leider wird, ich wiederhole es ausdrücklich , in Deutschland immer nur auf Adorno , Heidegger - diese vor allem - Bezug genommen .
    Thomas Mann war nicht der grosse "Musikphilosoph" gewesen .


    Es gab in Frankreich , Italien usw. mindestens genauso wichtige
    "Musikphilosophen" .


    Und , Holger ( Kaletha ) weiss dies , das ea z.B. in Deutschland vom Lehrstuhl für Philosophie auch Gedankenaustausch gibt zu den französischen Kollegen .


    Und die kompetente Musikliteratur ist in Deutschland eher dünn . Gerade was die Chopin - Forschung anbelangt . Am "deutschen Wesen" wird kaum jemand eine stabile Wissensgrundlage derzeit finden .
    FGB

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von PianoForte29
    Darf ich mutmaßen, dass Du das Finale noch nie oder jedenfalls schon lange nicht mehr im Horowitz-Tempo zu spielen versucht hast? Seine „Sünde“ beschränkt sich auf das Tempo (1978 schafft er es gewissermaßen bis in die „Hölle“ der Werktreue, 1962 nur ins „Fegefeuer“). Klar, denn abgesehen von Tempo und Fingersatz ist dieses Ende ja nur „Gerippe“ (man könnte hinzufügen „zweier symmetrischer Brustkörbe“).
    Frank G. Bechynas Avatar-Patron meinte spöttisch, aber treffend: Das ist keine Musik! (Vermutlich war ihm inzwischen bewusst, dass Chopin die Verehrung seines Oeuvres nicht erwiderte, was eine der wenigen großen Schwachpunkte des Franko-Polen ist.)


    Erst einmal vielen Dank für den Hinweis, wo die Horowitz-Aufnahme aus dem Weißen Haus zugänglich!


    Was das Tempo des Finalsatzes angeht: Hier sind Emil Gilels, Arturo Benedetti Michelangeli oder Adam Harasiewicz z.B. noch um einiges schneller als Horowitz! Und das sind alles Interpreten, die für ihre musikalische Gewissenhaftigkeit und hohe Werktreue bekannt sind!


    Wenn man die Diskussion wirklich ernst und tiefsinnig führen will, dann kommt man nicht umhin zu klären, welchem "Werk" man denn da treu zu werden versucht. Darauf kam es mir an. Welches Werk ist gemeint - das, was in der Partitur steht, das Werk als ästhetisches Objekt, als historisches Objekt, wie es der Komponist in seiner Zeit verstanden hat usw. Das sind alles hochkomplexe Fragen.


    Ich würde Dir wärmstens empfehlen, Dir doch einmal historische Chopin- Aufnahmen von Ignaz Friedman anzuhören. Im Vergleich damit wird auch Dir Horowitz unglaublich diszipliniert und modern notentexttreu erscheinen. Horowitz ist alles andere als ein "altmodisch-romantischer" Interpret in vielerlei Hinsicht! Ich finde auch längst nicht alle Horowitz-Interpretationen gelungen und manche seiner Bearbeitungen selbst von Liszt - vor allem vom späten - hochproblematisch, sprich: anachronistisch. Seine Studio-Aufnahme der h-moll-Sonate dagegen ist für mich exemplarisch. Manieristische Mätzchen wie Ivo Pogorelich erlaubt sich Horowitz dort nicht, das ist alles sehr bewußt gestaltet und es gibt einige wirklich unnachahmliche Momente.


    Die Aufnahmen der Beethoven-Symphonien von Cyprien Katsaris schätze ich auch sehr - das ist höchst verantwortungsvolles Klavierspiel auf höchstem Niveau. Bei der b-moll-Sonate von Chopin liegt Katsaris allerdings im "hinteren Feld" - ist von dem musikalisch-interpretatorischen Niveau eines Horowitz doch Welten entfernt. Katsaris folgt da grundsätzlich der Masche, die Nebensache zur Hauptsache zu machen. Und während Horowitz z.B. darauf verzichtet, der Deutung seines väterlichen Freundes Rachmaninow zu folgen und die Reprise des Trauermarsches entgegen dem Notentext im Fortissimo zu beginnen (Horowitz hält sich brav an Chopins Notierung!), imitiert Katsaris hier der "Bearbeitung" von Rachmaninow - allerdings ohne dessen überragende Musikalität. Das klingt einfach fürchtlerlich klobig und bombastisch - ähnlich wie bei Nelson Freire, dem es auch nicht gelingt, die Bearbeitung von Rachmaninow nicht nur nachzuspielen, sondern ihren poetischen Sinn wieder zum Leben zu erwecken.


    P.S. Brendel bezog sich vor allem auf Mozart, dessen "schlampige" Textnotierung, wo er einige offenkundige eklatante Fehler glaubt ausmachen zu können. Kein Wunder - Mozart war ein Viel- und Schnellschreiber!


    Beste Grüße
    Holger

  • Hier eine - vielleicht repräsentative - Auswahl von Aufnahmen der h-moll-Sonate. Wie der Aufstellung zu entnehmen ist, spielen die meisten Inteprreten sowohl die b-moll als auch die h-moll-Sonate - nur wenige haben allein die in h-moll in ihrem Repertoire.


    Bemerkenswert: Svjatoslav Richter hat keine der Chopin-Sonaten jemals aufgeführt oder aufgenommen (das geht hervor aus der vollständigen Auflistung aller Konzerte in der Biographie von Bruno Monsaingeon).


    Beste Grüße
    Holger


    1. Gesamtaufnahmen aller Sonaten (Nr. 1-3)


    Leif-Ove Andsnes (EMI)
    Vladimir Ashkenazy (Decca; Nr. 3 Testament 1955/57)
    Idel Biret (Naxos)
    Adam Harasiewicz (Decca)
    Igor Tchetuev (Orfeo)


    2. Sonaten Nr. 2 u. 3 (b-moll u. h-moll)


    Martha Argerich (DGG; h-moll: EMI, WDR)
    Stefan Askenase (DGG)
    Daniel Barenboim (EMI)
    Shura Sherkassky (Nr. 3 Nimbus)
    Ricardo Castro (Arte)
    Alfred Cortot
    George Cziffra (EMI)
    Samson Francois (EMI)
    Nelson Freire (Decca)
    Emil Gilels (DGG, Melodya)
    Percy Grainger (Biddulph)
    Marc-Andre Hamelin (Hyperion)
    Peter Katin (Somm)
    Cyprien Katsaris (Teldec)
    Wilhelm Kempff (DGG)
    Jewgeny Kissin (RCA)
    Vladimir Pachman (Arbiter, Trauermarsch aus Nr. 2, Scherzo aus Nr. 3)
    Murray Perahia (CBS/Sony)
    Vlado Perlemuter (Nimbus; Nr. 3 BBC-Legends)
    Artur Pizarro (Linn)
    Maurizio Pollini (DGG)
    Artur Rubinstein (RCA)
    Alexis Weissenberg (EMI)


    3. Nur Sonate Nr. 3 (h-moll)


    Claudio Arrau (EMI)
    Aldo Ciccolini (Camerata)
    Nikolai Demidenko (Hyperion)
    Rudolf Firkusny (Orfeo)
    Lang Lang (DGG)
    Dinu Lipatti (EMI)
    Lundi Lee (DGG)
    Ka Ling Colleen Lee (Hammerklavier) (NIFC)
    Nicolai Luganski (Oynx)
    Lev Oborin (Appian)
    Maria Joao Pires (DGG)
    Jean-Bernard Pommier (Apex)
    Alexei Sultanov (Melodya)

  • Lieber Holger :




    Rine erste verdienstvolle Zusammenstellung .


    Lasse mich bitte etwas anmerken : Bei einigen Pinaisten wissen wir, dass sie z. B. eine Sonate noch erhältlich , zumindest teilweis e , aufgenommen haben . Wir haben aber leider wegen des Verschollenen Bandmatriales oder der ursprünglichen Matrix keine Aufnahmen .


    S i c h e r aufgenommen hat die 1. Klaviersonate NIKITA MAGALOFF ( Philps ; erhältlich auch in der Edition "Great Pianists of the Century" ) .
    Zwischen 1955 und 1965 hat die 1. Klaviersonate in seinen Konzerten in Italien und Spnaien Alexis Weissenberg ( Quelle : Prof. Piero Rattalino ); es lässt sich nicht mehr nachweisen, ob es einen Konzertmitschnitt gegeben hat . Es gibt leider nur wenige der Mono-Aufnahmen von Weissenberg, die diese Zeit überdauert haben ( dann meines Wissenbei LUMEN und RCA u.a. kleinen Labels , die es nicht mehr gibt ) .


    Die h - Moll - Klaviersonate hat Weissenberg bei RCA und EMi eingespielt ( LP bzw. LP/CD ) . Die b - Moll - Klaviersonate ist in der Aufstellung durch Alexis Weissenberg seit 1977 nicht mehr aufgeführt ( RCA , LP ) .
    Von Shura Cherkassky gibt es von der h - Moll - Sonate mehrere Aufnahmen ( u. a. : Konzertmitschnitt bei Ermitage / AURA als CD - in Zusammenstellung mit der 2. Sonate - udn bei BBC Legends ) .


    Von Nelson Freire soll es auch eine frühe Aufnahme der h - Moll - Sonate gegeben haben ( noch um 1994 ) .


    Leider ist es wie bei sehr vielen Aufnahmen : Nach der Umstellung auf CD sind nicht wenige nicht von der LP übertragen worden .


    Tamas Vasary hat beide Sonaten - erhältlich bei DGG - augenommen ( Jetzt CD ) .


    Anna Gourari hat die h-Moll-Sonate aufgenommen .


    Beste Grüsse



    Frank


    PS.: Da ich momentan dabei bin, einige Bestände zu sichten , werde ich wahrscheinlich noch auf weitere Aufnahmen treffen .

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Frank,


    wirklich schade, daß es die Weissenberg-Aufnahmen bei RCA sowie die der 1. Klaviersonate (das wäre besonders spannend, sie wird meist nur mäßig interpretiert!) nicht gibt! Nikita Magaloff ist auch nicht mehr zu bekommen! Was Tamas Vasary angeht muß ich nomals nachforschen.


    Wen ich doch glatt vergessen hatte ist von den Warschauer Chopin-Preisträgern Garrick Ohlsson, er hat alle drei Sonaten eingespielt (Hyperien) - sie sind allerdings nur in der kompletten Chopin-Box erhältilch (nicht gerade billig für 120 Euro!).


    Beste Grüße
    Holger

  • Lieber Frank,


    ich habe in meiner Sammlung tatsächlich einen Konzertmitschnitt mit Nikita Magaloff gefunden: aus Prag 1966! Es war mir gar nicht bewußt, daß ich ihn besitze! Ein typisches Sammlerproblem - wenn die Übersicht verloren geht! :yes:


    Beste Grüße
    Holger

  • Lieber Holger :



    Danke für Deine Hinweis e.


    Ohlsson gibt es leider nur noch als Gesamtaufnahme ( Chopinwerke ) . Vor etwa fünf Jahren gab es Aufnahmen von G. Ohlsson noch wie Ausverkaufsware .


    Ähnliches ist leider mit dem bedeutenden Chopin - Interpreten Nikita Magaloff und seine Chopinaufnahmen . Inzwischen - leider - horrend teuer ! Wenn Du einen Mitschnitt aus Prag aus 1966 kennst, dann dürfte es sich um die Serie "Praga" handeln . Ich kenne diese Aufnahme nicht .


    Vasary ist preisgündtig via amazon.de gelegntlich zu bekommen ( wenn man Vasary mit seine Chopinaufnehmen überhaupt mag ) .



    Beste Grüsse


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Hinweis: Die Fortführung der Diskussion über die Horowitz´ Intepretation der b-moll Sonate - insbesondere das Tempo des Presto-Finales (repräsentativer Zeitvergleich) findet sich am rechten Ort - im Thread über die Klaviersonate No. 2 b-moll!


    Beste Grüße
    Holger