Der große Konkurrent - Hermann Prey

  • Ich möchte hier nur kurz ein paar Bemerkungen einfliessen lassen, und ich bitte , mir nachzusehen, wenn ich daneben treffe:
    Wir alle sollten uns vor Augen führen, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, sich dem Liedgesang zu nähern: Einerseits als Freude am Wohllaut oder gepflegter Sprache - zynisch formuliert "Kammersängerpose" - oder aber an der ädiquaten Umsetzung des Textinhalts, mit aller Dramatik, allen Emotionen. Und hier sind oft unüberbrückbare Gegensätze. Wenn ich beispielsweise sagte "Hermann Prey gefällt mir wegen seiner wohlig samtigen Stimme, seines runden Timbres" - ich glaub das könnte jemand der Lieder vom dramatisch emotionellen Ausdruck des Textes beurteilt gar nicht nachvollziehen.


    Ein weiterer Aspekt ist, daß ja Hermann Prey -wie (fast?) jeder Sänger - im Laufe der Jahre - seine Stimme und seinen Vortrag geändert hat. Man vergleiche nur seine Winterreise mit Karl Engel am Flügel mit jener, wo Philippe Bianconi sein Klavierbegleiter ist. Dazwischen liegen 22 Jahre - und die hört man auch. Aus dem leidenden jungen Verliebten ist ein melancholischer älterer Mann geworden, wo jeder Ton sitz, aber das Aufbegehren der Jugend ist dahin....



    Die DENON CD ist inzwischen gestrichen.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Zit: "Wenn ich beispielsweise sagte "Hermann Prey gefällt mir wegen seiner wohlig samtigen Stimme, seines runden Timbres" - ich glaub das könnte jemand der Lieder vom dramatisch emotionellen Ausdruck des Textes beurteilt gar nicht nachvollziehen."


    Und hätte er darin nicht recht? Wenn der Wohllaut der Stimme das primäre und maßgebliche Kriterium für die Beurteilung eines Sängers ist, muss es dann nicht gleichgültig sein, was(!) er singt? Man sollte doch meinen, dass bei der Beurteilung seiner Qualität als sängerischer Interpret von Musik auch eine maßgebliche Rolle spielt, was er mit seiner - möglicherweise wohllautenden und im Timbre ansprechenden - Stimme anfängt, - wie er sie einsetzt und was er mit ihr aus dem jeweiligen Werk macht.
    Sind die "zwei Möglichkeiten, sich dem Liedgesang zu nähern" von denen Alfred Schmidt spricht, wirklich zwei von einander unterscheid- und trennbare? Gehören sie nicht notwendigerweise zusammen?

  • Sind die "zwei Möglichkeiten, sich dem Liedgesang zu nähern" von denen Alfred Schmidt spricht, wirklich zwei von einander unterscheid- und trennbare? Gehören sie nicht notwendigerweise zusammen?


    Selbstverständlich sollte die Gestaltung eines Liedes eine ganzheitliche künstlerische Leistung sein. Der Sänger muss in der Lage sein, mit seinen stimmlichen, musikalischen, ausdrucksmäßigen, gestalterischen und geistigen Fähigkeiten z. B. in einem Liedzyklus den ganzen Kosmos der Komposition mit all ihren Stimmungsbildern zu durchschreiten und für den Hörer erlebbar zu machen. Lange Zeit hatten wir bedeutende Liedersängerinnen und -sänger, die stark das sängerisch, musikalische - den Schönklang - in den Vordergrund rückten, wie z B. Schlusnus, Rehkemper, Hüsch, Erb usw. Dann kam vorbereitet von Hans Hotter mit Sängern wie Fischer-Dieskau, Prey, Weikl, Wunderlich, Hampson und Schwarzkopf eine Sängergeneration, die weit mehr Wert auf den gestalterischen Ausdruck und die tiefergehende Ausleuchtung des Textes setzte. Das führte bei Fischer-Dieskau, dem Monollithen dieser Auffassung des Liedgesangs dazu, dass seine späten Aufnahmen weit mehr deklamatorische als sängerische Meisterleistungen waren. Für mich kam Fritz Wunderlich der vollkommenen Balance von Stimme und Text am nächsten. Die aktuelle Riege der heutigen Liedgestalter versucht, die ideale Synthese von Musik und Text zu erreichen. Wird und kann es die vollkommene Interpretation überhaupt geben?


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Das führte bei Fischer-Dieskau, dem Monollithen dieser Auffassung des Liedgesangs dazu, dass seine späten Aufnahmen weit mehr deklamatorische als sängerische Meisterleistungen waren. Für mich kam Fritz Wunderlich der vollkommenen Balance von Stimme und Text am nächsten.

    Dass die stimmlichen Mittel von FiDi im Alter schwanden, ist doch klar, und ich es hätte es Fritz Wunderlich gewünscht, dass auch er noch späte Aufnahmen mit weniger stimmlichen Mitteln als früher hätte machen können, selbst wenn dies seinem Nachruhm eher abträglich gewesen wäre...
    ABER: Fischer-Dieskau hatte auch im Alter noch ein so unglaubliches Höhenpiano, dass sich damals wie heute viele jüngere Kollegen hätten eine Scheibe abschneiden sollen.
    Ich hatte bei seinen späten Aufnahmen manchmal viel eher den Eindruck von etwas "Nuschelei", weil er seine wenigen verbliebenen stimmlichen Mittel besonders auf Linie kriegen wollte, als von einer deklamatorischen Meisterleistung. Da gab es diesbezüglich gerade im Osten (man denle nur an von Felsenstein geprägte Sänger wie Irmgard Arnold, Anny Schlemm oder Hanns Nocker) viele Sänger, die viel mehr Wert auf das Deklamatorische legten und diese vielleicht sogar in den Vordergrund rückten, während es FiDi doch immer um das Erreichen einer möglichst perfekten Balance zwischen beidem ging.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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  • Ich hatte bei seinen späten Aufnahmen manchmal viel eher den Eindruck von etwas "Nuschelei", weil er seine wenigen verbliebenen stimmlichen Mittel besonders auf Linie kriegen wollte, als von einer deklamatorischen Meisterleistung.


    Lieber Stimmenliebhaber,


    mir ging es bei Fischer-Dieskau überhaupt nicht um eventuell nachlassende stimmliche Möglichkeiten, wobei ich mit Dir der Meinung bin, dass es erstaunlich war, was der große Sänger im Alter noch leistete. Was ich aufzeigen wollte war die Überartikulation des Wortes und der Sprache. Das ging stark auf Kosten des stimmlichen Flusses. Manchmal wurden kaum mehr zusammenhängende Phrasen gesungen, bzw. nur noch auf Tonhöhe gesprochen. Dieses ausgeprägte Bemühen um Artikulation brachte den Eindruck einer gewissen Manieriertheit. Dabei ist auch zu berücksichtigen, wie lange Fischer-Dieskau im Liedgesang wirkte. Bei seinem Anspruchsniveau wollte er immer und immer wieder die neue Interpretation, ja das Überragende schaffen und genau in diesem Bemühen scheint er an Grenzen gestoßen zu sein. Die Entwicklung des Liedgesangs, die er wir kein anderer in Richtung Ausdrucksintensität prägte, scheint er überstrapziert oder an einen Endpunkt geführt zu haben. Dies führt heute zur Rückbesinnung auf wieder stärker musikalisch fokussierte Liedinterpretation.
    Danke für die Erwähnung weiterer beachtenswerter Liedsänger in Deinem Beitrag.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Was ich aufzeigen wollte war die Überartikulation des Wortes und der Sprache. Das ging stark auf Kosten des stimmlichen Flusses. Manchmal wurden kaum mehr zusammenhängende Phrasen gesungen, bzw. nur noch auf Tonhöhe gesprochen. Dieses ausgeprägte Bemühen um Artikulation brachte den Eindruck einer gewissen Manieriertheit.

    Wie gesagt, ich bin da anderer Meinung, nämlich, dass Fischer-Dieskau keinesfalls überartikuliert, sondern manchmal eher unterartikuliert, zu sehr auf Linie orientiert sang. Linien-Zerhacker habe ich später ganz andere erlebt, zumeist Nicht-Deutsch-Muttersprachler...
    Aber auch einer der führenden Liedsänger der Gegenwart, Christian Gerhaher, achtet meines Erachtens viel weniger auf Linie als FiDi.
    Ich sehe (besser: höre) also nicht, dass FiDi hier ein Extrem ausgereizt hätte, bei welchem man heute zurückrudern würde. Und den von dieser gezogenen sehr engen Zusammenhang zwischen "Manierismus" und "Überartikulation" sehe ich so auch nicht. Je besser artikuliert wird, desto unmanieristischer wirkt das Ganze auf mich, und je verwaschener die Artikulation, je verfärbter die Vokale, desto manirierter wirkt es auf mich (man höre nur Elisabeth Schwarzkopf, DAS ist für mich ein Extrem-Beispiel).

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Zit. operus: „Was ich aufzeigen wollte war die Überartikulation des Wortes und der Sprache. Das ging stark auf Kosten des stimmlichen Flusses. Manchmal wurden kaum mehr zusammenhängende Phrasen gesungen, bzw. nur noch auf Tonhöhe gesprochen. Dieses ausgeprägte Bemühen um Artikulation brachte den Eindruck einer gewissen Manieriertheit.“


    Einmal abgesehen davon, ob diese Feststellung überhaupt zutrifft – ich habe erhebliche Zweifel daran und würde um Beleg-Beispiele bitten -, weist sie noch eine weitere problematische Seite auf: Sie gibt sich sprachlich als objektive Tatsachenfeststellung, in Wirklichkeit steht natürlich ein bestimmtes Konzept von sängerischer Liedinterpretation dahinter.


    Das Konzept nämlich, dass Liedinterpretation in ihrer idealen Form und Gestalt auf einer Ausgewogenheit von stimmlicher Kantabilität und Deklamation beruhe, dass also die Ausrichtung auf den zugrundliegenden lyrischen Text und die Orientierung an ihm nicht dominant sein dürfe.
    Wer sagt, dass dies so sein müsse? Diese Auffassung ist allein schon deshalb obsolet, weil sie sich in gar keiner Weise pauschalisierend verallgemeinern lässt. Die Frage des Verhältnisses von Deklamation und Kantabilität stellt sich bei jedem Liedkomponisten anders. Ein Schubertlied muss unter diesem Aspekt anders gesanglich interpretiert werden als eines von Hugo Wolf zum Beispiel.

  • Die Frage des Verhältnisses von Deklamation und Kantabilität stellt sich bei jedem Liedkomponisten anders. Ein Schubertlied muss unter diesem Aspekt anders gesanglich interpretiert werden als eines von Hugo Wolf zum Beispiel.


    Lieber Helmut,


    in diesem Punkt stimmen wir völlig überein. Ich meinte diesen Aspekt mit meiner Formulierung, "dass der Sänger den ganzen Kosmos der Komposition mit all ihren Stimmungsbildern durchschreiten und für den Hörer erlebbar machen soll " bereits entsprechend ausgedrückt zu haben. Selbstverständlich müssen verschiedene Komponisten gesanglich anders interpretiert werden.


    Herzlichst
    Operus

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  • Lieber Stimmenliebhaber, lieber Helmut Hofmann,


    Ihr habt mir arbeitsreiche Stunden geschenkt, denn wenn ich Euch fundiert antworten will, erfordert dies, dass ich in Literatur einsteige und Aufnahmen von Fischer-Dieskau anhöre, die meine Aussagen belegen. Die Mühe hat sich gelohnt, weil es auch ein Wiederhören und Wiedererinnern gab und ich mich letztlich durch Fachautoren bestätigt empfinde .

    Wie gesagt, ich bin da anderer Meinung, nämlich, dass Fischer-Dieskau keinesfalls überartikuliert, sondern manchmal eher unterartikuliert, zu sehr auf Linie orientiert sang.

    Zu dieser Aussage von Stimmenliebhaber möchte ich Jürgen Kesting zitieren:" Fischer-Dieskaus Legato war gut, wurde aber oft artikulatorischen Nancierungen geopfert. Lückenlose Koloraturbindung war des Sängers Sache nicht - ein Defizit in diversen Aufnahmen"...Zu den Mitteln einer raffiniert zugespitzen zuweilen manieristischen Artikulation oder einer zu heftigen Deklamation war Fischer Dieskau gezwungen, wenn er sich über seine individuellen organischen Bedingungen hinwegsetzend, dramatisch zu singen begann.


    Einmal abgesehen davon, ob diese Feststellung überhaupt zutrifft – ich habe erhebliche Zweifel daran und würde um Beleg-Beispiele bitten -

    Lieber Helmut,


    es ist sicherlich nicht ganz fair, wenn man zur Stützung von Aussagen aus dem jahrzehntelangen Schaffen eines Ausnahmesängers wie Fischer-Dieskau gezielt nach Auffnahmen sucht, die aufgezeigte Defizite belegen können. Ich habe die späte Einspielung der Winterreise mit dem Pianisten Perahia gewählt. Hier wird fehlender melodischer Fluss ganz deutlich. Bei Pianostellen wird stellenweise mehr säuselnd gesprochen als strömend gesungen und es wird versucht, stimmliche Defizite durch äußerst betonte Artikulation zu kompensieren. Trotz dieser Einschränkungen hat FIDI immer noch so eine charismatische Ausstrahlung und suggestive Wirkung, dass selbst diese "sehr reife" Aufnahme beeindruckt, obwohl sie natürlich im Gesamtniveau weit von den frühen, maßstabsetzenden, unübertroffenen Einspielungen, die des Sängers Weltruf begründeten, entfernt ist.
    Zu den beiden Zitaten der kompetenten Tamino-Partner möchte ich den Kritiker Gerhard R. Koch ziitieren, dieser führte u. a. aus: " Das Wechselspiel von vokalem Ebenmaß und der Neigung, jedem Wort, jeder Silbe und melodischer Wendung expressiv deutenden Nachdruck zu verleihen, ergibt eine mitunter prekäre Mischung
    aus sublimer Intimität und präzeptoralem Dozieren ... Man spürt die Absicht und ist verstimmt.
    Danke für die Vorlagen zu dieser Diskussion.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

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  • So interessant Eure Diskussion ist, Ihr geratet ein wenig "off topic", oder?


    Hier soll es ja eigentlich um Herrmann Prey gehen - Ironie des Schicksals, dass der Thread sich mehr und mehr in Richtung Dietrich Fischer-Diskau driftet...

    Herzliche Grüße
    Uranus

  • Lieber Uranus,


    danke für die Ermahnung. Ich werde den Hinweis beachten und in diesem Thread nicht mehr über FIDI schreiben.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ich erlaube mir, trotzdem noch einmal zu antworten. Dass Kesting, kein Fischer-Dieskau-Freund ist, ist hinreichend bekannt, aber ich folge Herrn Kesting auch bei der Beurteilung einiger anderer Sänger nicht. Er hat auch nur zwei Ohren und einen subjektiven Geschmack.
    Dass Fischer-Dieskau ein Ausnahme-Sänger von herausragender epochaler Bedeutung war, kann freilich auch Kesting nicht bestreiten, weshalb FiDis Foto den 3. Band der Neuausgabe seines Buches ziert.



    Und dass man in einer Rubrik zu Hermann Prey irgendwie immer auch bei FiDi landet, spricht auch weniger gegen, als vielmehr für FiDi. :yes:


    Im übrigen weist auch ein Sänger wie Gottlob Frick einige "Eigenheiten" in der Artikulation auf, die man als "manieriert" bezeichnen könnte... :untertauch:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • An Stimmenliebhaber in direkter Erwiderung:


    Nach eingehender Lektüre der letzten Beiträge gewinne ich den Eindruck, daß es Dir hier überwiegend ums RECHT HABEN WOLLEN geht und um nichts anderes. Natürlich haben wir alle nur 2 Ohren, du vielleicht 3, wer weiß?
    Ich kann deine Auffassung in Teilen sogar nachvollziehen, doch die Argumente von Operus z.B. scheinen mir wesentlich fundierter.


    Und was soll bitte die Retourkutsche mit Gottlob Frick? Kanntest du ihn? Ihm "Manieriertheit" zu unterstellen, ist Polemik aus der untersten Schublade und ohne jeglichen Bezug zur Realität.


    So, nun darfst du auch mir widersprechen. Lesen werde ich es nicht, denn ich habe heute noch Wichtigeres zu tun.
    Schönen Sonntag!

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Zit.: "Ich werde den Hinweis beachten und in diesem Thread nicht mehr über FIDI schreiben."

    So werde ich es auch halten und operus um Verständnis darum bitten, dass ich unter diesen Umständen auf seinen Beitrag nicht antworten kann.
    Was den Hinweis von Uranus anbelangt - von wegen "off topic" -, so möge er doch bitte bedenken, wie dieser Thread betitelt ist. Wenn von "Konkurrenz" die Rede ist, muss mit einer gewissen Notwendigkeit der Andere mit im Spiel sein.

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  • Na das ist nun aber wirklich Polemik unterster Schublade! Ich habe genauso zwei Ohren wie jeder andere und bilde mir mein Urteil durch eigenes Hören lieber selbst als irgendwelchen "Autoritäten" wie Kesting oder anderen (z.B. hier im Forum) zu vertrauen.


    Gottlob Fricke kenne ich durch seine Studio- und Live-Aufnahmen. Darf ich daher nicht mitreden, wiel ich ihn nicht persönlich kannte??? "Operus" hat Fischer-Dieskaus Artikulation als "maniriert" bezeichnet. Ich habe mir erlaubt darauf hinzuweisen, dass ich etwa mit der Artikulation von Gottlob Frick mehr Probleme habe, aber das ist natürlich ein No Go... ("ohne Bezug zur Realität" - wer bestimm das? Du?)
    Dass ich Gottlob Frick TROTZ bestimmter "Unarten", die er hat, sehr schätze, habe ich hier, denke ich, schon mehr als einmal sehr deutlich gemacht. Aber warum darf man die "Unarten" des einen kritisieren und die des anderen nicht? Wenn das für dich "unterste Schublade" ist, nun ja...


    Jeder Sänger hat Stärken und Schwächen! Den einen Hörer überzeugen die Stärken eines Sängers mehr als den anderen Hörer, dieser Hörer hat mit den Schwächen des Sängers mehr Probleme als jener, das ist nun mal so! (Und es ist auch gut, dass es so viele unterschiedliche Sänger gab und gibt, während es heute eher eine Tendenz zu geben scheint, markante Charakteristika, also die "Persönlickeit" von Sängern möglichst nivellieren zu wollen.)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Was den Hinweis von Uranus anbelangt - von wegen "off topic" -, so möge er doch bitte bedenken, wie dieser Thread betitelt ist. Wenn von "Konkurrenz" die Rede ist, muss mit einer gewissen Notwendigkeit der Andere mit im Spiel sein.

    Lieber Helmut,


    dass dieser Hinweis richtig ist und damit natürlich Dietrich Fischer-Dieskau gemeint ist, kann man im Eröffnungsbeitrag Nr. 1 dieser Rubrik ganz klar nachlesen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Die Frage , wessen Konkurrent Hermann Prey war, stelt sich eigentlich nicht, für Klassik-Neueinsteiger sei es trotzdem gesagt: Dietrich Fischer Dieskau.


    Vor nunmehr zehn Jahren hat Alfred bei der Eröffnung dieses interessanten Threads gleich als Einstieg die oben zitierte Formulierung gewählt. Insofern ist es für mich nicht verwunderlich sondern sogar als Aufforderung zu verstehen, sich Prey genau unter diesem vergleichenden Gesichtspunkt zu nähernd. Was sollte also das Problem sein? Ich kann mit allen geäußerten Meinungen sehr gut leben. Endlich gibt es wieder einmal eine anhaltende Debatte um Sänger. Solch Debatten sind immer kontrovers, weil jeder von uns anders hört, unterschiedliche Erwartungen an Interpreten und Interpretationen hat. Es gibt dabei nach meiner Auffassung und Erfahrungen weder goldene Mittelwege noch allgemeingültige Grundsätze so wie es nicht den Sänger und die Sängerin gibt. Gönnen wir uns die Vielfalt und den Respekt vor dem anderen Geschmack. Ich kannte mal jemanden, der hielt Ilona Papenthin für die größte Sängerin. Wer, bitte, ist Ilona Papenthin? Genau das ist es. ;) Ich bin immer froh, wenn Menschen überhaupt Zugang zu bestimmten sängerischen Interpretationen finden, auch wenn das nicht die meinen sind. Denn was wir hören, hören wir doch immer nur durch sie, die Mittler. Sie öffnen uns Türen zur Musik. Mir ist es völlig egal, ob wer Frick liebt oder Prey oder Dieskau oder alle drei zusammen oder den einen mehr und den anderen gar nicht. Wichtig ist, dass er liebt. :) - Ich habe alle Beiträge mit Anteilnahme gelesen und möchte nur in einer ganz nebensächlichen Angelegenheit etwas Gegenteiliges bemerken. Die Neuauflage der "Großen Sänger" von Kesting sieht nicht so aus wie von Stimmenliebhaber illustriert. Es gibt inzwischen eine vierbändige Ausgabe von 2008, nunmehr bei Hoffmann und Campe, auf deren 3. Band (Titel, nicht Rücken - diesen schmückt die Callas) aber auch wieder Fischer-Dieskau zu sehen ist, diesmal auf einem Foto aus seinen jüngeren, für mich maßgeblichen Jahren. Es handelt sich um dieses Foto, das sich auch auf einer der vorzüglichen audite-Lieder-CDs findet:

    Und das ist die vierbändige Ausgabe:


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    Die vier Bände gibt es auch broschiert bei Bärenreiter 2010. Ob sie überarbeitet sind, weiß ich nicht.


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    Grüße von Rheingold


    P.S. Wie ich sehe, hat inzwischen Stimmenliebhaber auch auf Beitrag 1 verwiesen. :) Wir haben wohl gleichzeitig an unseren Eintragungen geschrieben.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Lieber Stimmenliebhaber,
    selbstverständlich hast Du das Recht, über jeden Sänger auch über Gottlob Frick offen Deine Meinung kritisch zu äußern. Selbst ich finde Punkte, die ich an ihm nicht perfekt und bei anderen Basskollegen technisch brillanter , eleganter, virtuoser usw. finde. Zum Beispiel ist Frick, wie viele Sänger seiner Generation, in manchen Partien kein Dialogsprecher auf hohem Niveau, wobei mich das schwäbische Idiom nicht so stört. Die damaligen Sänger konnten singen, hatten aber kaum professionellen Sprachunterricht und das hört man. Vielleicht schätzen wir Künstler auch gerade wegen ihrer Nicht-Perfektion und ihrer kleinen Schwächen. Es gibt Untersuchungen aus der Rhetorik: Der Hörer lehnt den zu perfekten Redner ab. Er will einen Menschen wie du und ich erleben, der einen Redeinhalt mit Herzblut und ehrlichem Bemühen rüberbringt. Der ehemalige Politiker Rainer Barzel war dafür ein gutes Beispiel. Er konnte lange Texte druckreif ohne jeglichen Versprecher servieren -perfekt. Wie war der Eindruck - typischer Anwalt aalglatt und eiskalt. Bald machte das Bonmot die Runde: Von dem würde ich nie einen Gebrauchtwagen kaufen. Als Sieger aus der Wahl ging Willi Brandt hervor, gewiß kein sprachlich-rhetorisches Glanzlicht.
    Ich meine, wir sollten alles daransetzen, den Wesenskern eines Sängers zu erfassen, um ihn dann in seiner Persönlichkeit, seiner Eigenart, ja seiner
    Einmaligkeit zu erfassen.
    Bitte, lieber Stimmenliebhaber, nehme es mir - der Gottlob Frick fast vierzig Jahre eng freundschaftlich verbunden war - ab. Der Lobl war, wenn wir Maniriertheit im Sinne von übertrieben, gekünstelt und unnatürlich verstehen alles andere als das. Er war einfach, ehrlich, schlicht, bescheiden. Sein Künstlertum kam aus einer gefestigten in sich ruhenden Persönlichkeit und einer begnadeten Stimme. Diese Natürlichkeit spürt der Hörer auch heute noch, besonders wenn wir am 18. August 2014 seinem 20. Todestag gedenken.
    Lieber Stimmenliebhaber, es wären langweilige, ja nutzlose Diskussionen, wenn wir immer und in jedem Punkt einer Meinung wären. Also bleibe bei Deiner Meinung und vertrete sie mit Deiner Kompetenz, Deiner Argumentationskraft und Deiner Standhaftigkeit. Ich freue mich auf weitere "Auseinandersetzungen" mit Dir.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Die Frage , wessen Konkurrent Hermann Prey war, stelt sich eigentlich nicht, für Klassik-Neueinsteiger sei es trotzdem gesagt: Dietrich Fischer Dieskau

    .
    Ich erinnere mich dunkel an ein Hermann Prey-Portrait im Fernsehen, wo er auf der Frage, inwieweit er Angst vor Konkurrenten hätte, sinngemäß gesagt hat, es wäre ihm immer bewusst, daß es da jemand zweiten gäbe, der ein ähnliches Repertoir habe, wie er selber, Fischer-Dieskau wurde (soweit ich mich erinnere) nicht namentlich genannt -aber es war völlig klar, wen er gemeint hatte. Ich selbst habe die beiden stets als eine alte "ungleicher Zwillinge" gesehen - ohne deren Willen miteinander verknüpft, denn immer, wenn ich ein Schubertlied oder eine Loewe-Ballade von einem der beiden hörte, dachte ich unbewusst darüber nach, wie es denn der andere singen würde....
    Gotlob Frick- ich schätze ihn sehr, habe ich nie mit Schubertliedern in Verbindung gebracht sondern mit Baßrollen in diversen Opern die er unvergleichlich sang und nur wenig Konkurenz hatte....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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  • Ich bin immer froh, wenn Menschen überhaupt Zugang zu bestimmten sängerischen Interpretationen finden, auch wenn das nicht die meinen sind. Denn was wir hören, hören wir doch immer nur durch sie, die Mittler. Sie öffnen uns Türen zur Musik. Mir ist es völlig egal, ob wer Frick liebt oder Prey oder Dieskau oder alle drei zusammen oder den einen mehr und den anderen gar nicht. Wichtig ist, dass er liebt. :)

    Lieber Rheingold1876,


    vielen Dank für deinen wunderbaren Beitrag im Allgemeinen und die nochmals zitierte Passage im Besonderen! :) :rolleyes: :yes: :hail: :jubel: :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Lieber Stimmenliebhaber, es wären langweilige, ja nutzlose Diskussionen, wenn wir immer und in jedem Punkt einer Meinung wären. Also bleibe bei Deiner Meinung und vertrete sie mit Deiner Kompetenz, Deiner Argumentationskraft und Deiner Standhaftigkeit. Ich freue mich auf weitere "Auseinandersetzungen" mit Dir.

    Lieber Operus,


    auch dir danke ich herzlich für deinen Beitrag. Es ging mir auch gar nicht darum, Gottlob Frick "Manieriertheit" vorzuwerfen, sondern zu zeigen, wie problematisch, weil höchst subjektiv ein solcher Vorwurf gegenüber einem Sänger ist. Was der eine als "manieriert" empfindet, kann ein anderer als klar und völlig selbstverständlich empfinden. Dass Gottlob Frick ein ganz natürlicher Mensch und ein bissl ein "Bauch-Sänger" war, nehme ich dir gerne ab und deckt sich mit meinen Hör-Eindrücken. Im Vergleich dazu war FiDi sicherlich mehr ein Kopf- als ein Bauch-Sänger, dennoch finde ich auch in seinen Aufnahmen tiefe und echt empfundene Emotion, zumindest überträgt sich diese Emotion auf mich. Bei aller Unterschiedlichkeit verehre ich BEIDE Sänger und bin glücklich und dankbar, dass es sie gab. :) :yes: :rolleyes: :jubel: :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Das einzige von den heutigen ausschließlichen Geburtstagskindern, das leider nicht mehr lebt, ist Hermann Prey. Er wurde am 11. Juli 1929 geboren und starb am 22. Juli 1998. Auch für ihn habe ich eine Neuerwerbung herausgesucht:



    Hermann Prey wäre heute 86 Jahre alt geworden.



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ja, dann wird es für mich Zeit, noch einmal sein großartiges Recital mit Liedern von Richard Strauss zu hören, am Klavier: Wolfgang Sawallisch.


    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Auch ich habe heute zu seinem Todestag eine Aufnahme mit Wolfgang Sawallisch von den Salzburger Festspielen ausgesucht:



    Heute ist Hermann Preys 17. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

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  • Franz Schuberts Vertonung der Ballade "Der Taucher" D. 111 von Friedrich Schiller.


    23 Minuten Gänsehaut mit Hermann Prey und Helmut Deutsch, die live in Bad Urach 1990 die Ballade aufführten.


    Wer etwas gegen diese Interpretation hat, lernt die 27 Strophen auswendig. ;)



    »Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,

    Zu tauchen in diesen Schlund?

    Einen goldnen Becher werf ich hinab,

    Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.

    Wer mir den Becher kann wieder zeigen,

    Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.«


    Der König spricht es und wirft von der Höh

    Der Klippe, die schroff und steil

    Hinaushängt in die unendliche See,

    Den Becher in der Charybde Geheul.

    »Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,

    Zu tauchen in diese Tiefe nieder?«


    Und die Ritter, die Knappen um ihn her

    Vernehmen's und schweigen still,

    Sehen hinab in das wilde Meer,

    Und keiner den Becher gewinnen will.

    Und der König zum drittenmal wieder fraget:

    »Ist keiner, der sich hinunter waget?«


    Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,

    Und ein Edelknecht, sanft und keck,

    Tritt aus der Knappen zagendem Chor,

    Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,

    Und alle die Männer umher und Frauen

    Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.


    Und wie er tritt an des Felsen Hang

    Und blickt in den Schlund hinab,

    Die Wasser, die sie hinunterschlang,

    Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,

    Und wie mit des fernen Donners Getose

    Entstürzen sie schäumend dem finstern Schosse.


    Und es wallet und siedet und brauset und zischt,

    Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,

    Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,

    Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,

    Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,

    Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.


    Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,

    Und schwarz aus dem weissen Schaum

    Klafft hinunter ein gähnender Spalt,

    Grundlos, als ging's in den Höllenraum,

    Und reissend sieht man die brandenden Wogen

    Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.


    Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,

    Der Jüngling sich Gott befiehlt,

    Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,

    Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,

    Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer

    Schliesst sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.


    Und stille wird's über dem Wasserschlund,

    In der Tiefe nur brauset es hohl,

    Und bebend hört man von Mund zu Mund:

    »Hochherziger Jüngling, fahre wohl!«

    Und hohler und hohler hört man's heulen,

    Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.


    Und wärfst du die Krone selber hinein

    Uns sprächst: Wer mir bringet die Kron,

    Er soll sie tragen und König sein –

    Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.

    Was die heulende Tiefe da unter verhehle,

    Das erzählt keine lebende glückliche Seele.


    Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,

    Schoss jäh in die Tiefe hinab,

    Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,

    Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.-

    Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,

    Hört man's näher und immer näher brausen.


    Und es wallet und siedet und brauset und zischt,

    Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,

    Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,

    Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,

    Und wie mit des fernen Donners Getose

    Entstürzt es brüllend dem finstern Schosse.


    Und sieh! aus dem finster flutenden Schoss,

    Da hebet sich's schwanenweiss,

    Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloss,

    Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiss,

    Und er ist's, und hoch in seiner Linken

    Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.


    Und atmete lang und atmete tief

    Und begrüsste das himmlische Licht.

    Mit Frohlocken es einer dem andern rief:

    »Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!

    Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle

    Hat der Brave gerettet die lebende Seele.«


    Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,

    Zu des Königs Füssen er sinkt,

    Den Becher reicht er ihm kniend dar,

    Und der König der lieblichen Tochter winkt,

    Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,

    Und der Jüngling sich also zum König wandte:


    »Lange lebe der König! Es freue sich,

    Wer da atmet im rosigten Licht!

    Da unten aber ist's fürchterlich,

    Und der Mensch versuche die Götter nicht

    Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

    Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.


    Es riss mich hinunter blitzesschnell –

    Da stürzt mir aus felsigtem Schacht

    Wildflutend entgegen ein reissender Quell:

    Mich packte des Doppelstroms wütende Macht,

    Und wie einen Kreisel mit schwindendelm Drehen

    Trieb mich's um, ich konnte nicht widerstehen.


    Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief

    In der höchsten schrecklichen Not,

    Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,

    Das erfasst ich behend und entrann dem Tod –

    Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,

    Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.


    Denn unter mir lag's noch, bergetief,

    In purpurner Finsternis da,

    Und ob's hier dem Ohre gleich ewig schlief,

    Das Auge mit Schaudern hinuntersah,

    Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen

    Sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen.


    Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,

    Zu scheusslichen Klumpen geballt,

    Der stachligte Roche, der Klippenfisch,

    Des Hammers greuliche Ungestalt,

    Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne

    Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.


    Und da hing ich und war's mit Grausen bewusst

    Von der menschlichen Hilfe so weit,

    Unter Larven die einzige fühlende Brust,

    Allein in der grässlichen Einsamkeit,

    Tief unter dem Schall der menschlichen Rede

    Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.


    Und schaudernd dacht ich's, da kroch's heran,

    Regte hundert Gelenke zugleich,

    Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn

    Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;

    Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,

    Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.«


    Der König darob sich verwundert schier

    Und spricht: »Der Becher ist dein,

    Und diesen Ring noch bestimm ich dir,

    Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,

    Versucht du's noch einmal und bringt mir Kunde,

    Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.«


    Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,

    Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:

    »Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!

    Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,

    Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,

    So mögen die Ritter den Knappen beschämen.«


    Drauf der König greift nach dem Becher schnell,

    In den Strudel ihn schleudert hinein:

    »Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,

    So sollst du der trefflichste Ritter mir sein

    Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,

    Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.«


    Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt,

    Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,

    Und er siehet erröten die schöne Gestalt

    Und sieht sie erbleichen und sinken hin –

    Da treibt's ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,

    Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.


    Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,

    Sie verkündigt der donnernde Schall –

    Da bückt sich's hinunter mit liebendem Blick:

    Es kommen, es kommen die Wasser all,

    Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,

    Den Jüngling bringt keines wieder.


    Einmal editiert, zuletzt von moderato ()

  • Und was ist es nun, was bei dieser Interpretation "Gänsehaut" verursacht?

    Was macht das Besondere an ihr aus?


    Warum nur lässt man die Leser in diesem Forum mit den - wie hier - ihnen regelrecht aufgedrängten Fragen immer wieder allein?

  • Friedrich Schiller schrieb die Ballade 1797, die er im Jahr 1798 in einem Almanach herausbrachte. Franz Schubert hat den Text in seiner Dramatik mit kompositorischen Mitteln dargestellt. Wie er die wechselnden Stimmungen, die Handlung und Naturschilderung, die redenden Anteile zu einem Meisterwerk formt, begeistert mich. Man bedenke, 1814/15 hat er als 17Jähriger die 27 Strophen dieser Ballade komponiert. Diese Gattung des Liedgesanges ist in ihrer Länge eine Herausforderung für Komponist wie für den Zuhörer.


    Die Spannung, die Hermann Prey und sein Begleiter am Klavier während 23 Minuten halten, ist eine Leistung. Hermann Prey schauspielert mit diskreten Mitteln oder verdeutlicht stark. Mit Gesten und Gesichtsausdruck unterstützt er die Handlung, wo es nötig ist. Die Phrasen und Meldebögen singt er mit langem Atem. In jedem Moment ist spürbar, hier singt einer der über die Technik unangestrengt verfügt. Jedes Wort verstehe ich. Die Beleuchtung wechselt. Ich hörte gebannt zu. Im ersten Durchgang mit Bild und Ton, dann nur mit Ton.


    Wie Prey und Deutsch uns die Geschichte erzählen mit den Mitteln der Musik und dem Einsatz der Stimme, deklamatorisch oder singend, nötigt mir Respekt ab. Ich habe diese Ballade das erste Mal gehört, denn um dieses Genre des Liedgesangs habe ich bisher einen Bogen gemacht, gelegentliche Abstecher ausgenommen. Die Gänsehautmomente treten von Strophe zu Strophe auf. Ich kann sie hier nicht alle benennen. Ich habe nicht den Anspruch eine Analyse des Liedgesanges Preys abzuliefern.


    Worauf ich mich nicht einlasse, ist den im Thread-Titel angesagten Wettkampf zu befeuern.

    .


  • Danke, lieber moderato!

    Das ist für mich sehr aufschlussreich.

    Ich habe diese Frage wirklich deshalb gestellt, weil sich bei mir zunächst einmal beim Hören keine Gänsehaut eingestellt hat. Nun, nachdem ich Deinen Kommentar dazu gelesen habe, werde ich mir diese gesangliche Interpretation durch Hermann Prey, die ich bislang nicht kannte, noch einmal etwas genauer anhören.

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