FÜR ELISE - Beethovens Meisterwerk

  • Was soll man unter "sale" verstehen?

    "Diese Geschichte" sagt in diesem Zusammenhang schlicht aus, dass bedeutende Komponisten, gleich ob "5. Evangelist", "göttliches Wunderkind", "Titan" auch mal Mist geschrieben und das später festgestellt haben.

    »Sale« ist, was die Autokorrektur aus »Sachen« macht, wenn man ihr nicht auf die Finger sieht.

    Im übrigen ist es wohl ziemlich sicher, dass Beethoven dieses kleine Stück nicht zu seinen Hauptwerken gerechnet hat. Es ist eine Kleinigkeit, die er vielleicht irgendeiner Elise zum Geschenk gemacht hat oder machen wollte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mist ist das ganz sicher nicht. Ea sei denn, man nennt alles Mist, was einem, wenn man es schätzt, nicht das Gefühl verleiht, zu einer weit oberhalb des gemeinen Pöbels schwebenden erlesenen Minderheit zu gehören. Ich gestehe frei, dass mich diese Haltung, die der Famulus Wagner am Ostertag so schön zum Ausdruck bringt, nicht sympathisch berührt und mich wenig intelligent dünkt.

    Weder aus sich selbst, noch aus etwas anderem, noch aus beidem, noch ohne Grund ist jemals irgendwo irgendetwas entstanden.

    Mūlamadhyamakakārikā

  • Es ist eine Kleinigkeit, die er vielleicht irgendeiner Elise zum Geschenk gemacht hat oder machen wollte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mist ist das ganz sicher nicht.


    Dass das Stück kein "Mist" ist, erkennt man schon daran, dass es als das, was es ist - also als Miniatur, die logischerweise weitaus leichtgewichtiger ist als Beethovens Sonaten-Schaffen - sehr gut funktioniert. In dieser Funktion wird das Stück nämlich auch heute noch, über 200 Jahre nach seiner Entstehung, gerne gespielt. Ein größeres Kompliment kann man einem kleineren Gelegenheitswerk eines Komponisten wohl kaum machen.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Das kann man so sehen, das heißt, man kann schätzen, dass das kleine Stück genau das ist, was es sein will und kann und nicht großartig auf den Putz haut. Man kann aber auch dekretieren, dass alles unter einem gewissen Schweregrad einfach Mist ist, dann sieht es anders aus. Ich erinnere mich, dass ich auch mal so gedacht habe. Da fand ich alles, was nicht hochpolyphon und am besten komplex fugiert war, einfach läppisch und uninteressant. Es gab für mich nur zwei Komponisten: Bach und deutlich tiefer eingestuft, aber immer noch höher als alle anderen Schönberg. Allerdings ist das wirklich lange her: Ich war in der Pubertät. Und pubertär kommt mir so eine Haltung auch vor.

    Inzwischen bin ich erwachsen geworden und schätze Mahler und Haydn, Wagner und Händel, Beethovens Neunte und seine »Elise«.

    Weder aus sich selbst, noch aus etwas anderem, noch aus beidem, noch ohne Grund ist jemals irgendwo irgendetwas entstanden.

    Mūlamadhyamakakārikā

  • Dass das Stück kein "Mist" ist, erkennt man schon daran, dass es als das, was es ist - also als Miniatur, die logischerweise weitaus leichtgewichtiger ist als Beethovens Sonaten-Schaffen - sehr gut funktioniert.

    Man kann es auch direkt am Stück erkennen. Z.B. sind die Phrasierungen am Anfang sehr raffiniert: Die sind einerseits klassisch viertaktig (1-4, 5-8, 15-18, 19-22), dazwischen ein eingeschobener Zweitakter (13/14). Aber indem der erste Volltakt wie eine Verlängerung der Auftaktfigur klingt, entsteht beim (aufmerksamen ;)) Hörer eine gewisse metrische Unbestimmtheit, denn die Vierergruppe scheint erst mit dem zweiten Takt zu beginnen. Dann begänne aber nach der Wiederholung der zweite (C-Dur-) Abschnitt plötzlich einen Takt "zu früh", nämlich schon nach drei statt vier Takten. Hört (bzw. spielt) man hingegen den ersten Volltakt mit leichtem Schwerpunkt am Anfang, "stimmt" alles. Das heißt, es sind zwei verschiedene metrische Aufteilungen möglich bzw. finden gleichzeitig statt. Dass das kein bloßes Versehen oder nur Zufall ist, kann man daran erkennen, dass die metrische Unbestimmtheit später (T. 13/14 und vor allem 34-37) durch den verzögerten Eintritt des Themas noch verstärkt wird. Das hat ja bei Lang Lang sogar dazu geführt, dass er sich um zwei Sechzehntel verzählt hat :).

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Das hat ja bei Lang Lang sogar dazu geführt, dass er sich um zwei Sechzehntel verzählt hat :).


    Wenn ich das Stück spiele, passiert es mir dauernd, dass ich mir unsicher bin, wieviele Sechzehntel es sind... :untertauch:^^ Der Vorteil, wenn man es rein privat für sich spielt, besteht darin, dass es darauf nicht unbedingt ankommt. :)


    LG :hello:

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  • Zu den öffentlichen "Für Elise"-Spielern zählt übrigens auch Igor Levit, hier beispielsweise im Rahmen eines sogenannten "NPR Music Tiny Desk"-Konzerts in den USA:



    In der Beschreibung dieses Mitschnitts steht, dass Levit das Konzert mit ziemlichem Jetlag gespielt hat. Dies könnte eventuell auch erklären, warum das reine Beethoven-Programm technisch gesehen eher auf der manuell einfachen Seite angesiedelt war, nämlich mit dem Kopfsatz der Mondschein-Sonate, dem zweiten Satz aus der zehnten Sonate und eben halt "Für Elise".


    Es ist schon etwas her, dass ich diesen Mitschnitt gehört habe, aber ich meine mich zu erinnern, dass Levit bei "Für Elise" tatsächlich eine kleine Unsicherheit drin hatte, die vermutlich den geschilderten Umständen geschuldet war. (Nachtrag: Ich habe gerade nochmal nachgehört, das war bei den triolischen Läufen in der rechten Hand vor der letzten Wiederkehr des Themas, also kurz vor Schluss.)


    In der Beschreibung des Videos findet sich folgende Aussage von Levit über "Für Elise":


    Zitat

    Sure, it's a "total eye-roller," Levit admits, but he also describes it as "one of the most beautiful treasures in the piano literature."


    LG :hello:

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  • Das hat ja bei Lang Lang sogar dazu geführt, dass er sich um zwei Sechzehntel verzählt hat :) .

    Der hat doch nur die von Grigorij vermeldete Filmszene nachgespielt. Ab ca. 7:55 ... „Di-Del“ 8-)


    Dass das Stück kein "Mist" ist, erkennt man schon daran, dass es als das, was es ist - also als Miniatur, die logischerweise weitaus leichtgewichtiger ist als Beethovens Sonaten-Schaffen - sehr gut funktioniert.

    Eben. Zumindest als Zugabe oder im Rahmen von (unfreiwilligen) „Privatkonzerten“ zieht Elise (ich denke da immer an das blaue Rüsseltier) prima vista stets so gut wie auch Bachs Präludium C-Dur aus dem WTC I.

    Ewigkeit ist ein angemessener Zeitrahmen, Perfektion zu erreichen.
    (unbekannt)

  • Schön auch die Version, die Bruce Liu gerne als Zugabe spielt (u.a. beim Klavierfestival Ruhr in Düsseldorf):


    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Und hier noch die Version von Ethan Uslan selbst:


    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

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  • Genau! So geht das…. :)

    Ich habe mir gerade mal die Noten gekauft :).

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)