Alle sprechen über dasselbe Musikwerk

  • Ich finde die Wahl ganz hervorragend! Die Entwicklung des Cembalos endete um 1800. Ab da war das Instrument historisch - es wurde kein Stück mehr für Cembalo komponiert, nur noch für Klavier. Dass ein Komponist des 20. Jhd. (wegen Wanda Landowska) wieder für dieses Instrument komponiert, ist also eine echte Rarität. Und Poulenc ist sowieso toll! :)


    Ich meinte, ich hätte eine Aufnahme in einer meiner Boxen. Leider habe ich bisher keine gefunden! :hello:

  • Danke auch für diese Antwort! Und jetzt werde ich mit dem Bedanken aufhören und freue mich auf weitere Beiträge von Euch!


    Wanda Landowska hatte ein besonders tragfähiges Cembalo zur Verfügung, das sich auch durchsetzen konnte klanglich.


    Von daher stellt sich - vielleicht - diesbezüglich heute weniger das Problem einer modernen Aufnahmetechnik, die ein besonders natürliches Klangbild herstellen will. Denn manche Labels erheben da einen höheren Anspruch als andere. Die Folge ist - und ich besitze da auch Beispiele -, dass man das Tasteninstrument kaum zu hören bekommt auf der CD.


    Meine Aufnahmen des Konzerts von Poulenc - vor allem ältere - sind da quasi unnatürlicher abgemischt. Eine Live-Erfahrung habe ich leider nicht. Doch banalerweise dürfte sich dann das Problem akustisch weniger stellen. Es ist ja ein anderes Hören - wobei bei ungünstiger Sitzposition und orchestraler Umgebung und in einem kleineren Raum selbst der Flügel verschwinden kann. Das habe ich kürzlich erlebt bei der Kombination von Flügel und vier Saxophonen in einem größeren Schloss-Saal. In der ersten Reihe war der Flügel kaum zu hören, in der letzten Reihe bestens ausgeglichen.


    Seltsam und hier nicht topisch - aber erzählen wollte ich es halt. :)

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Ehrlich! Eine Persiflage? Vielleicht, auch wenn mir das VIEL zu simpel ist.

    Aber es hilft ungemein, das Unmögliche möglich zu machen: es zu mögen. 8-)

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Zunächst Amdir vielen Dank! Das nennt man "Widerlegung von Vorurteilen durch Statistik." Hier möchte ich auch kurz anführen, dass meine Schütz- und Victoriastücke in der Tat nur als e i n Beitrag zu werten sind.

    Das andere ist natürlich dies: "Tamino entkommst du nicht" oder poetisch: "Die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!"

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  • Zunächst habe ich mir erstmal eine etwas neuzeitlichere Version gesucht und bin auf die des hr-Sinfonieorchesters gestoßen, die von der Klangqualität der von Wolfgang vorgeschlagenen Version ein wenig überlegen ist.



    Moderne Musik, zumal Orchester, UND gut abgehangener Klang fand ich dann doch etwas zuviel der vermuteten Zumutung.


    War es dann aber doch nicht, also keine Zumutung. Das Stück ist wirklich gut anhörbar, hat schöne Melodien, die Instrumentierung bzw. der Einsatz der Instrumente ist teilweise kreativ (also für mich überraschend), aber nichts, daß ich mir irgendwo die Ohren zuhalten müßte. Das Cembalo ist nicht schneidend, harmoniert gut mit den Flöten. Auch die anderen Instrumente kommen gut, klingen gut, nichts überscharf oder analytisch.


    Ich habe die üblichen Probleme mit dem Stück, also daß in der Musik nichts Durchgängiges auftaucht, keine großen Bögen, alles kleinteilige Einfälle, die durch die Gegend springen. Nicht unangenehm, aber für meinen Geschmack zu sprunghaft - das galt ja schon für viele der hier vorgestellten Stücke: nicht unangenehm, aber nicht meins.


    Es gibt moderne Musik (vor allem Chormusik), die macht mir richtig Spaß (Pärt, Lauridsen etc.), moderne Orchestermusik scheint aber nicht dazu zu gehören.

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  • Bei der Box oben habe ich zugegriffen! Ein hochinteressantes Werk mit einer genialen Orchestrierung! Es ist ja eine Herausforderung, das leise Cembalo vom lauten Orchester nicht überdecken zu lassen. Das gelingt Poulenc vorzüglich. Poulenc lässt das Cembalo vornehmlich im Wechsel im Orchester spielen und nutzt den Kontrast mit den Instrumentengruppen - zu Beginn sehr spannend das zarte Metall des Cembalos mit den Blechbläsern. Das nur als erster Eindruck. WolfgangZ jedenfalls schon einmal besten Dank für die tolle Wahl! Natürlich war mir das Cembalo-Konzert von Poulenc ein Begriff, nur habe ich mich damit nie intensiv beschäftigt. :)


    [Der zweite Teil des Beitrages zu Liszts Totentanz wurde in den entsprechenden Thread kopiert. Tristan]

    Schöne Grüße

    Holger

  • Viererlei für den werten Kollegen:


    1. Besten Dank für den Hinweis auf diese mir nicht bekannte neue Einspielung, die auf jeden Fall klangtechnisch über- und auch sonst nicht unterlegen ist, wie ich meine.


    2. Das Abreißen melodischer Bögen - oft einhergehend mit einer milden Verfremdung - ist bei Poulenc, dem ironischen Klassizisten, dem Mönch und Clown in einer Person, eines seiner Komponierprinzipien. Insofern liegst Du meines Erachtens hier völlig richtig - während Du da manchmal etwas überkritisch erscheinst oder so. ;):)


    3. Und das gilt jetzt auch für Ulli, der ja so weit nicht vorgedrungen ist: Das ruhige zentrale Thema ist wunderbar melodisch und einfallsreich. Dem könnt Ihr Euch doch hoffentlich anschließen. Wenn nicht, trage ich das mit Fassung und erfreue mich seiner trotzdem. :thumbup:


    4. Meinerseits verstehe ich unter "moderner Musik" etwas anderes. Doch freilich ist es rein historisch "klassische Moderne". Nur sind das halt rein historisch auch Varese oder Charles Ives. Wobei Letzterer sich in einer ganz gewissen Weise mit Poulenc berührt - aber nur in einer ganz gewissen Weise. Wiederum meine Meinung und nicht allgemein verbindlich. Bei Punkt 2 Satz 1 scheint mir aber schon so etwas wie Allgemeingültigkeit gegeben.


    :cheers: Wolfgang

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  • Ich habe diese - bezeichnender Weise griftgrüne - Einspielung zu schätzen gelernt (auch, was die andere Persiflage mit 2 Kla4ieren - also Klaacht? - betrifft):



    Version für Cembalo, Orgel und Percussion (arrangiert von Hansjörg Albrecht)


    Peter Kofler (Cembalo)
    Hansjörg Albrecht (Orgel)

    Bach Collegium München

    Hansjörg Albrecht


    Wem die Ohren noch nicht genug klingeln:





    Die CD hatte ich mir aus Versehen zugelegt, zu meinem Leidwesen nicht wissend, daß da eine Orgel mitmischt ...

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • ... deswegen auch schnell er .. äh ... gänzt um:



    Kateřina Chroboková Dr. Holger Kaletha
    Anima Eterna Brugge
    Jos van Immerseel





    Gerade im Finalsatz hört man doch sehr schön die gespielte „Entwicklung“ vom barocken Cembalismus zum modernen Dingsbumsismus ...


    Auf dem Cover prangt ein Portrait Poulencs, das von Jean Cocteau signiert ist.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Für die neuen Vorschläge zu Poulencs Konzert möchte ich Ulli danken! Sie interessieren mich allenthalben und ich kann ihnen - kurz hineingehört, mehr natürlich nicht soeben - gewiss auch deswegen etwas abgewinnen, weil diese seine Musik auch vom Komponisten kaum als sakrosankt angesehen worden sein dürfte. Das weiß ich zwar nicht explizit im gegebenen Fall, aber es entspräche nicht seiner Haltung schlechthin.


    Eines der großen Chansons, die es in Dutzenden Versionen gibt, ist schließlich sein Les chemins de l'amour. Ich bin auf diesem Gebiet kein sonderlicher Liebhaber und ein Kenner gleich gar nicht, aber die Nummer hat schon was.


    :) Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Liebe Leute, wir haben bereits Donnerstag der nächsten Woche und Poulenc liegt auf dem Tableau. Ich verschiebe die zugehörigen Beiträge in den Liszt-Thread und bitte zu Liszt ggf. dort weiter zu diskutieren.

    Tristan als Mod

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Liebe Leute, wir haben bereits Donnerstag der nächsten Woche und Poulenc liegt auf dem Tableau. Ich verschiebe die zugehörigen Beiträge in den Liszt-Thread und bitte zu Liszt ggf. dort weiter zu diskutieren.

    Tristan als Mod

    Verschieben ist eigentlich nicht gut - kopieren wäre besser gewesen.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

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  • Verschieben ist eigentlich nicht gut - kopieren wäre besser gewesen.

    Doch, weil das Liszt-Fenster schon vorbei ist. Das haben wir bei den Kindertotenliedern auch schonmal so gemacht. Dann bleibt es hier für das neue Werk übersichtlich und dennoch ist nichts verloren.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Im Neutral-Faden verweist Thomas Pape auf eine historische Einspielung mit Robert Veyron-Lacroix auf LP, die er besitzt.


    Leider finde ich keine Aufnahme mit dem Concert Champetre und Veyron-Lacroix auf CD - falls es eine solche gibt - und als LP erst recht nicht. Ich bin auch nicht fündig geworden in der Tube, aber da muss man vielleicht länger suchen. Wer eine Idee hat, möge sich vordrängen. Die LP wollte ich mir aber eigentlich nicht kaufen - falls auch dies überhaupt möglich ist. Schade!


    :) Andererseits sagt Thomas, Aimée van de Wiele hätte ohnehin mehr Biss. Dann geht es vielleicht auch ohne Veyron-Lacroix.

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  • Bei der Box oben habe ich zugegriffen! Ein hochinteressantes Werk mit einer genialen Orchestrierung! Es ist ja eine Herausforderung, das leise Cembalo vom lauten Orchester nicht überdecken zu lassen. Das gelingt Poulenc vorzüglich. Poulenc lässt das Cembalo vornehmlich im Wechsel im Orchester spielen und nutzt den Kontrast mit den Instrumentengruppen - zu Beginn sehr spannend das zarte Metall des Cembalos mit den Blechbläsern. Das nur als erster Eindruck. WolfgangZ jedenfalls schon einmal besten Dank für die tolle Wahl!

    Lieber Holger, lieber WolfgangZ,


    ja, die Poulenc - Konzerte sind insgesamt eine tolle Wahl, die ich alle sehr schätze.

    Die CD-BOx mit Georges Pretre ( Conservatoire Orchetre Paris, die Holger oben erwähnt, gehört vielleicht zu den interpretatorisch stärksten Aufnahmen. Der Cembalistin ist hier beim Concert champetre Aime van de Wiele. Leider ist die Aufnahme von 1962 klangtechnisch nicht so ausgereift, wie die nachfolgend genannten.

    (EMI, 1962, ADD).


    Exqusit sind die Aufnahmen der Konzerte und des Concert champetre mit Pascal Roge / Orchestre National de France / Chales Dutoit (Decca, 1996, DDD),

    und

    die Aufnahmen mit Richard Hickox des Orgelkonzertes, Piano Concerto und Concert champetre mit Maggie Cole / City of London Sinfonietta / Richard Hickox (EMI, 1990, DDD),

    sowie

    die Aufnahmen mit Academy of TM IDF / Iona Brown. Goorge Malcolm ist hier der Solist des Orgelkonzertes und gleichzeitig auch am Cembalo beim

    Concert champetre (Decca, 1978, ADD).


    Ich hatte die CDs im laufe der Jahre als Interpretationsvergleich für das Orgelkonzert gekauft und hatte dann die wunderbaren Pianokonzerte und das Concert champetre mit dabei, das ich sehr ins Herz geschlossen habe.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Danke dem Kollegen teleton!


    Auf jeden Fall besitze ich von den Deinerseits genannten die Einspielung mit George Malcolm, die gewiss überzeugend ist. Bei Pascal Rogé bin ich mir spontan nicht sicher. Maggie Cole kenne ich nicht - wohl auch nicht dem Namen nach.


    Hier eine noch nicht genannte Einspielung, die das Klavier wählt und die mir durchaus gefällt. Es ist - wie schon gesagt - auch keine Bearbeitung, sondern eine Alternative von Seiten des Komponisten. Ich meine, dass sich die Farbe der kompletten Komposition durchaus wandelt. Der barockisierende oder empfindsame Gestus wird für mich quasi (ab)gehärtet und stärker mit dem Zeitgeist der 1920er verknüpft.


    Der Solist steht auch dem Jazz nicht fern und man erkennt dies hier quasi an den Zugaben. Die zwei Stücke gehören zu einer Reihe, die Poulenc Improvisationen nennt, doch Bollani elaboriert (siehe Cover) sie im Rahmen seiner Einspielungen.



    :hello: Wolfgang

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  • Die folgende Aufnahme habe ich nicht mehr in Erinnerung, müsste sie wieder hören, möchte sie hier aber natürlich nennen. Der Cembalist - Trevor Pinnock - ist bekanntlich von Rang bei zahlreichen historisch informierten Einspielungen relevanter Werke von J. S. Bach:


    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

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  • Lieber Wolfgang,


    besten Dank für die Tips!!! :) :hello:


    Schöne Grüße

    Holger


  • Heute habe ich mir mit großem Vergnügen über die große Anlage das Concert champetre aus der Pretre

    -Box angehört. Die Aufnahme ist 1963 in Monte Carlo gemacht. Die Aufnahmetechnik ist für das Alter sehr gut - sehr klar und direkt aufgenommen, man spürt, dass das Mono-Zeitalter noch nah ist. Lediglich die Räumlichkeit ist etwas eingeschränkt im Vergleich mit den anderen Aufnahmen aus derselben CD von 1980 und 1983 - in London in den Abbey-Road-Studios aufgenommen sowie in Paris im Salle Wagram -, die etwas großräumiger und präsenter das Geschehen abbilden. In dieser Aufnahme von 1963 spielt das Orchester mehr im Hintergrund. Hier hat es sich gelohnt, dass ich mir das Konzert dann ein zweites Mal angehört habe mit dem Denon DCD 1600 NE. Anders als der puristisch-klare Klang der AVM Wandler-Laufwerks-Kombi klingt der Denon wie das Stück Bucolique auf der CD "bukolischer", runder, farbiger, "sinnlicher". Und vor allem macht sich dann doch der moderne Wandler des Denon bemerkbar in Sachen Feinauflösung beim Cembalo, das mit dem Denon präziser klingt und subtiler in den farblichen Abstufungen. Die Basssubstanz des Denon schafft dieser alten Aufnahme etwas mehr Volumen, so dass sie so klingt wie 10 Jahre später aufgenommen. :thumbup:


    Das Stück hat es mir angetan, so dass ich nicht zögere, es mir mehrfach anzuhören. Das ist Neoklassizismus und Neobarock - aber eben nicht einfach als Imitation, also eine bloße "Wiederholung" des bereits Dagewesenen. Die Musik ist vielmehr eine witzige und beziehungsreiche Reminiszenz, ein Blick zurück auf eine Epoche, die unwiderbringlich vergangen ist. Da wird in einer Form, welche die Collage-Technik nutzt, quasi ein Stil zitiert, um ihn dann mit der modernen Zeit zu konfrontieren. Eine Epoche ist zu Ende gegangen, hat ihren Höhepunkt überschritten, und folglich ist der Blick distanziert, allerdings eine "faszinierte" Distanz, die eingenommen ist von dem, was sie an den Stilen der Musik der Vergangenheit aufgreift. Die Woche zuvor hatte ich viel Liszts Totentanz gehört. Höre ich nun danach das Concert champetre, dann wird noch offensichtlicher, wie zukunftweisend modern Liszt war. Insofern passt die Wahl sehr gut - um nicht zu sagen perfekt - in diesem Thread: Poulenc als Fortsetzung von Liszt. :) Poulencs Musik ist Anti-Wagner-Musik (man kann ja sagen, dass die Musik des 20. Jhd. eigentlich immer entweder eine Fortführung von Motiven Wagners ist, oder von der kritischen Distanzierung von ihm lebt), sie vermeidet das "Dramatische", die "Entwicklung". Gegen Wagner wird der Suitengeist des Barock aufgegriffen, das kontrastierende Reihungsprinzip. Es gibt folglich keine Kontinuität der Entwicklung, nichts wird dramatisch "zu Ende geführt", weil alles bereits zu Ende gegangen ist. Da bleibt nichts mehr "offen", wenn sich die Türen der Musikgeschichte längst geschlossen haben. Auch wenn die Stücke sehr lustvoll und heiter sind - Poulenc war ein Melancholiker und schrieb vielleicht genau deshalb solche die Stimmung hebende, "auflichtende" Musik - könnte man sich vielleicht sogar versteigen zu sagen, dass bei Poulenc wie bei Liszt der Tod der ständige Begleiter ist, nur, dass es nicht makaber ist wie im Totentanz, sondern in dem Gefühl geschieht, im Rückblick der Erinnerung das musikgeschichtliche Material quasi unbeschränkt zur Verfügung haben, um sich daran zu ergötzen und sich zugleich dabei von allem erdrückenden Subjektivismus und der Qual sentimentaler Melancholie zu befreien. Poulencs Musik meidet den Subjektivismus der Romantik und seine Sentimentalität. Der Rückgriff auf den Barock ist also nicht "einfach", sondern "dialektisch", wenn man so will - eine gewollte Gegenwendung und Abwendung von der Musik der Romantik. Die Musik wird so "objektiv" (was Ortega y Gasset zur Musik von Debussy gesagt hat). Man sieht ähnlich wie in Liszts Totentanz einen Tanz nach dem Anderen bei Poulenc, verschiedene musikalische Bilder an einem vorüberziehen, so, wie wenn man in einem Museum die Bildergalerie entlang läuft. Sehr raffiniert wird dann eine zyklische Verklammerung in diese musikalische Bildercollage eingebaut. In jeder Hinsicht ist das faszinierend, gerade auch die Orchestrierung, was ich bereits in meinem ersten Hörbericht vermerkt habe. Ein tolles Stück. :) :thumbup:


    Unbedingt empfehlenswert ist es, sich nach dem Concert champetre die Suite francaise d´apres Claude Gervaise zu hören - auf der CD Nr. 2 in dieser Box das folgende Stück für 9 Blasinstrumente, Schlagzeug und wiederum Cembalo. Die Box kann ich nur empfehlen! Also herzlichen Dank WolfgangZ für die Wahl! :) :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Zitat

    Das Stück hat es mir angetan, so dass ich nicht zögere, es mir mehrfach anzuhören.

    Na, das ist doch mal ein Wort, wenn auch keine Überraschung. :thumbup::)


    Die Suite Francaise ist nun in der Tat eine Komposition, bei der Poulencs Eigenwert sich im Prinzip auf krumme Detail-Harmonien vor allem am Ende der jeweiligen Stücke, auf Nonen immer wieder und auf ein wenig Spezial-Rhythmik beschränkt oder kapriziert. Na und ?! 8)


    Danke für den ausführlichen Kommentar!


    :cheers: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Was mich am champêtre fasziniert hat, sobald ich es vor etwa 15 Jahren zum ersten Mal gehört hatte, ist der offensichtliche Anachronismus im Klang. Poulencs Harmonien mit Cembaloklang. Spannend ist, dass der Duktus der Musik dabei durchaus Barock inspiriert ist. Die schwere Einleitung im Hauptsatz mit ihren Akkorden, erinnert an barocke Ouvertüren des französischen Typus. Ein schnelles, gerne sprunghaftes, Hauptthema gehört ebenfalls dazu. Dieses mutet dann in der Tat neoklassizistisch an. Der ganze Satz hat in der Tat viel vom Reihungssystem einer Suite, allerdings kehrt das Hauptthema hier wieder - es ist also nicht ganz abgeschlossen. Kein reiner Barockstil, nur eine Barockisierung mit Grenzen.

    Wunderschön, dann der Gesang im langsamen Satz, nach Art eines Siciliano. Ausgerechnet das Soloinstrument 'zerstört' mit archaischen Einwürfen dann diese Idylle. Bevor es im Kontrast dazu das Thema wieder wunderschön umspielt. In diesen Kontrasten wird ein Prinzip des Satzes deutlich: Die aggressiven Cembalo-Motive im Mittelteil kontrastieren wiederum das liebliche Gesangsthema. Musik, die sich niemals gestattet zulange im barockisierten Melos zu baden.

    Der stilisierte Tanz im Finale ist mitreißend. Auch hier wieder das faszinierende Miteinander von Stilisierung und moderner Harmonik. Die Wiederkehr des Hauptthemas des Kopfsatzes garantiert zyklische Geschlossenheit.

    Eine ganz spannende Genreerweiterung für ein 1928 bereits historisch eingesetztes Instrument!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Auch dem Tristan jetzt meinen Dank! Es freut mich sehr, aber ich hab's geahnt ... ;)


    Ganz am Anfang fand ich ja Ullis Bemerkung dezent einschüchternd für den Liebhaber. Dann nicht mehr, selbst wenn das theoretisch daran liegen könnte, dass er seine Meinung dezent angepasst oder dezent umformuliert hat. Vielleicht war es aber auch dezent anders. Es gibt ganz unterschiedliche Formen von i.w.S. Humor.


    In aller Dezenz verbleibe ich:


    Wolfgang

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  • Ganz am Anfang fand ich ja Ullis Bemerkung dezent einschüchternd für den Liebhaber. Dann nicht mehr, selbst wenn das theoretisch daran liegen könnte, dass er seine Meinung dezent angepasst oder dezent umformuliert hat. Vielleicht war es aber auch dezent anders. Es gibt ganz unterschiedliche Formen von i.w.S. Humor.

    Nunja, wenn man heutzutage (das kann dann auch noch für 1928 gelten) im alten Stil komponiert, zumindest teilweise oder durch Verwenden eines entsprechenden Instrumentes, dem das Antike quasi anhaftet, dies suggeriert, wird es äußerst schwierig, beim Ernst der Sache zu bleiben, selbst wenn ich eine 100%ige Stilkopie beabsichtige (was hier aber nicht der Fall war). Da ist es logisch, wenn der Komponist - ob bewusst oder nicht - ins Humorvolle abrutscht (was kein Vorwurf sein soll) und dann eine Persiflage (lt. KI „feine, geistreiche und oft kritische Verspottung durch übertreibende oder ironisierende Nachahmung“) entsteht.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Nunja, wenn man heutzutage (das kann dann auch noch für 1928 gelten) im alten Stil komponiert, zumindest teilweise oder durch Verwenden eines entsprechenden Instrumentes, dem das Antike quasi anhaftet die suggeriert, wird es äußerst schwierig, beim Ernst der Sache zu bleiben, selbst wenn ich eine 100%ige Stilkopie beabsichtige (was hier aber nicht der Fall war). Da ist es logisch, wenn der Komponist - ob bewusst oder nicht - ins Humorvolle abrutscht (was kein Vorwurf sein soll) und dann eine Persiflage (lt. KI „feine, geistreiche und oft kritische Verspottung durch übertreibende oder ironisierende Nachahmung“) entsteht.

    Vielleicht bin ich von einer sehr frühen Begeisterung für den Komponisten - die jetzt natürlich sich ganz anders einordnen muss als vor vierzig bis fünfzig Jahren, eben wegen der sich vervielfacht habenden Konkurrenz - zu sehr geprägt, aber ich denke gar nicht so viel nach über diese quasi historisierte oder historisierende Stilprägung des Meisters.


    Das Entscheidende für mich ist - und daran hat sich jetzt, wo ich fast das Gesamtwerk kenne, also auch meine Nebengebiete, etwa zwei von drei oder vier Opern, Lieder und auch die diverse religiöse, also schon weitgehend ernste Musik, eigentlich nichts geändert - sein so abwechslungsreicher wie unverwechselbarer Personalstil. Die Kombination ist für mich ganz wesentlich.


    Gewiss also primär ein Aspekt meiner musikalischen Sozialisation, den niemand teilen muss.

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  • Nunja, wenn man heutzutage (das kann dann auch noch für 1928 gelten) im alten Stil komponiert, zumindest teilweise oder durch Verwenden eines entsprechenden Instrumentes, dem das Antike quasi anhaftet, dies suggeriert, wird es äußerst schwierig, beim Ernst der Sache zu bleiben, selbst wenn ich eine 100%ige Stilkopie beabsichtige (was hier aber nicht der Fall war). Da ist es logisch, wenn der Komponist - ob bewusst oder nicht - ins Humorvolle abrutscht (was kein Vorwurf sein soll) und dann eine Persiflage (lt. KI „feine, geistreiche und oft kritische Verspottung durch übertreibende oder ironisierende Nachahmung“) entsteht.

    Das berühmteste Werk dieser Art ist wohl Strawinsky Pulcinella. Um die Intention hinter solchen Kompositionen zu verstehen ist es glaube ich unumgänglich, sich die musikgeschichtliche Situation zu vergegenwärtigen. Die Komponisten stecken in einem Dilemma. Die Möglichkeiten der Musiktradition sind mit der Spätromantik ausgereizt, welche die Klassik und Romantik unendlich verfeinert und sentimentalisiert hat. Dann gibt es die eine Möglichkeit des radikalen Neuanfangs im Bruch mit der Tradition. Das ist die Zwölftonmusik. Wenn man aber diesen Schritt nicht gehen will, was tut man dann? Die zweite Möglichkeit ist der Neoklassizismus. D.h. man nimmt die Tradition auf, aber nicht, um sie weiterzuschreiben, was unmöglich geworden ist, sondern mit ihr etwas Modernes zu schaffen. Dann wird die "alte" Musik zum "Material" einer modernen Komposition, indem man sie elementarisiert. D.h. man reduziert sie auf ihre Formel und Essenz. Was man dann treibt, ist ein ästhetisches Spiel, ein Spiel mit der Tradition, mit ihren gestalterischen Mitteln. Man greift solche Mittel auf, die "Kraft" haben, damit daraus lebendige Musik wird. Wenn das nur eine Persiflage sein könnte, wäre dies das Eingeständnis des Komponisten, dass er eigentlich keine wirklich positive Möglichkeit mehr hat, zeitgenössische Musik zu machen, wenn er nicht Neue Musik machen will. Hegel hatte vom "Ende der Kunst" gesprochen. Das wäre dann das "Ende der Musik". Das versucht der Klassizismus zu vermeiden. Diesen sollte man nicht mit einer Renaissance verwechseln. Ich glaube, weder Poulenc oder Strawinsky wollten eine "neue Renaissance" der Klassik oder des Barock. Man schafft vielmehr eine neue Kunst, die darstellt und reflektiert, mit den musikgeschichtlich vorgeformten Sprachmitteln "spielt". Aber das sehr wohl im Ernst und diese musikalischen Sprachmittel der Tradition Ernst nehmend.

  • Danke, Holger, für diesen kurzen Abriss der Neoklassizistik. Jetzt habe ich die theoretische Basis dafür, dass ich diese Musik so mag (und Pulcinella besonders).

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  • Danke, Holger, für diesen kurzen Abriss der Neoklassizistik. Jetzt habe ich die theoretische Basis dafür, dass ich diese Musik so mag (und Pulcinella besonders).

    :) :hello:



    Was mich am champêtre fasziniert hat, sobald ich es vor etwa 15 Jahren zum ersten Mal gehört hatte, ist der offensichtliche Anachronismus im Klang. Poulencs Harmonien mit Cembaloklang. Spannend ist, dass der Duktus der Musik dabei durchaus Barock inspiriert ist. Die schwere Einleitung im Hauptsatz mit ihren Akkorden, erinnert an barocke Ouvertüren des französischen Typus. Ein schnelles, gerne sprunghaftes, Hauptthema gehört ebenfalls dazu. Dieses mutet dann in der Tat neoklassizistisch an. Der ganze Satz hat in der Tat viel vom Reihungssystem einer Suite, allerdings kehrt das Hauptthema hier wieder - es ist also nicht ganz abgeschlossen. Kein reiner Barockstil, nur eine Barockisierung mit Grenzen.

    Da hast Du schön finde ich den "Nachahmungscharakter" beschrieben. Ich bin ja dafür, dass man erst einmal beschreibt, was man auch tatsächlich hört und dann sich darüber Gedanken macht, um wirklich zu begreifen, was man tatsächlich hört. Das gibt dann einen Kreis, wo sich schließlich der Horizont erweitert und man schließlich bewusster hört und auch mehr hört.


    Dazu zwei Dinge, die mir durch den Kopf gehen.


    In meiner Studentenzeit las ich etwas, was ich bis heute nicht vergessen habe. Es gibt solche "Schlüssellektüren". Das war ein Buch von Ernesto Grassi, wo er den Begriff "Nachahmung" erläuterte. Wir glauben ja zumeist, dass die Nachahmung eine Art Verdopplung von dem ist, was sie nachahmt, also eine Imitation darstellt. Grassi zeigt aber sehr schön, indem er den Ursprungssinn von griech. "mimesis" einholt, dass "Mimesis" (Nachahmung) im ästhetischen Sinne gerade nicht einfach imitatio bedeutet. Im Alltagssprachgebrauch der Griechen bezeichnete das Wort mimesis nämlich u.a. eine Himmelserscheinung. Wir kennen das, das Sternbild "Orion" ist im Sommer nicht zu sehen, in jedem Winter kommt es dann wieder. Mit mimesis ist der Moment des Wiedererscheinens so eines Sternbildes gemeint, wo sich der Kreis der Himmelsbewegung schließt und damit der ganze Kreis der Himmelsbewegung als solcher sichtbar wird. D.h. der Sinn von "Nachahmung" ist nicht nur die Imitation von etwas, was man bereits wahrgenommen hat, sondern immer auch: etwas Unsichtbares sichtbar zu machen.


    Damit das nicht zu theoretisch bleibt, ein Erlebnis von mir. Ich habe vor vielen Jahren einmal das Rijksmuseum in Amsterdam besucht. Da hängen sehr viele eindrucksvolle Stilleben - sehr virtuos gemalt. Die Maler wollten natürlich auch ihr Können demonstrieren. Stilleben sind Nachahmungskunst. Jeder kennt die Anekdote von Zeuxis, dessen Nachahmung der Trauben auf dem Bild so perfekt gewesen sein soll, dass die Vögel danach pickten. Aber das war nicht das, was ich an diesen Stilleben im Rijksmuseum so beeindruckend fand. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass dort der gemalte Apfel gleichsam "wirklicher" ist als der wirkliche Apfel in einer Art "Hyperrealismus". Wir kennen das: Der Apfel hat eine glänzende Schale. Auf dem Bild ist der Glanz der glänzenden Apfelschale so glänzend gemalt, wie sie kein Apfel hat, den wir tatsächlich in den Händen halten. Das ist frappierend, wenn man das erlebt, wenn man vor so einem Bild steht. Der Maler hat also hier etwas Unsichtbares sichtbar gemacht in der Nachahmung, gewissermaßen das "Apfelsein des Apfels" gemalt eben in dem nun glänzenden Glanz der Apfelschale, der mehr glänzt, als er tatsächlich glänzen kann und so das Glänzen als solches auffällig wird. Das ist das eigentlich ästhetische Erlebnis bei so einer Nachahmungskunst, was über die platte Imitation hinausgeht.


    Stilleven_met_kazen_Rijksmuseum_SK-A-4821.jpeg


    So ähnlich geht es mir bei Pulcinella. So wie in diesen Stilleben der Apfel mehr ist als nur ein Apfel, klingt bei Strawinsky die Nachahmung von Pergolesi mehr nach Pergolesi als Pergolesi selbst. Die Musik gibt sozusagen "Pergolesi an sich", den "Pergolesi-Glanz", zum Pergolesi dazu. Und wiederum genau so geht es mir mit dem Barockisieren bei Poulenc. Die Nachahmung wird als Nachahmung hörbar. Ich glaube, das ist auch von Poulenc beabsichtigt, wir sollen diesem "Barock-Zitat" auch anhören, dass es eine Nachahmung von Barock ist, also das Barocke als Barock-Nachahmung hören. Wenn das nur eine Imitation des Barock wäre, dann wäre das musikalisch nicht so faszinierend, wie es ist. Auch hier ist es der Glanz des Barock, der uns einnimmt, der diese Lebendigkeit erzeugt, die nur nachgeahmter Barock als "Hyper-Barock" haben kann.

    Wunderschön, dann der Gesang im langsamen Satz, nach Art eines Siciliano. Ausgerechnet das Soloinstrument 'zerstört' mit archaischen Einwürfen dann diese Idylle. Bevor es im Kontrast dazu das Thema wieder wunderschön umspielt. In diesen Kontrasten wird ein Prinzip des Satzes deutlich: Die aggressiven Cembalo-Motive im Mittelteil kontrastieren wiederum das liebliche Gesangsthema. Musik, die sich niemals gestattet zulange im barockisierten Melos zu baden.

    Das finde ich auch eindrucksvoll und man müsste es genauer beschreiben, wie hier diese "Archaisierung" verwendet wird, also unsere Empfindung von dem, was alt ist, der Charakter des "Archaischen", mit einkomponiert ist und als kompositorisches Mittel verwendet wird, was dann auch über Nachahmungskunst hinausgeht. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

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