Danke für den interessanten Vorschlag, lieber Jakobus. Weder hatten wir hier im Thread bisher Cavalli, noch ein Requiem (nur eine Trauermusik). Und dann auch noch ein für die eigene Beerdigung komponiertes Requiem.
Was mir deshalb auffiel ist, dass vor dieser Folie des Weltlichen der "alte Stil" dann um so mehr etwas archaisierend wirkt
Meinst du mit dem alten Stil den 'Stile antico' im Sinne Palestrinas?
Wir sehen Cavalli heute immer so ein bisschen als den Nachfolger Monteverdis und damit natürlich vom Stile antico schon etwas entfernt. Im Bereich der Oper stimmt das auch. Die geistliche Musik Cavallis stellt da eher noch eine Mischform dar. Ich würde aber nicht sagen, dass die Musik im eigentlichen Sinne archaisierend ist (so wie später dann bewusst Poulenc oder Respighi das manchmal machen), denn Cavalli kommt grade in seiner Funktion als Kirchenmusiker und Komponist von Sakralmusik noch direkt aus dem Stile antico, also der vor-monodischen Musik. Mit der Erfahrung Monteverdis vermischt sich das bei Cavalli: Ja der polyphone, imitatorische Stil überwiegt, es gibt keine Soli, keine Tanzrhythmen und eine symmetrische Melodieführung im Sinne Palestrinas. Hinzu kommt aber auch der expressivere und glänzendere spätere Stil und eine venezianisch geprägte Doppelchörigkeit. Auch Ansätze von Tonmalerei, besonders im Dies irae, heben sich vom alten Stil ab. Bei Cavalli könnte man eher von einem organischen Übergang sprechen.
Wenn Bach z.B. das "Confiteor" in der h-Moll-Messe oder sogar Beethoven im "Et incarnatus" der Missa solemnis Anleihen am Stile antico haben, dann ist es viel eher archaisierend, weil ein Bruch mit der barocken bzw. klassischen Kompositionsweise.
Mir schien es aber so, dass die Form schon sehr "weltlich" ist in ihrem Abwechslungsreichtum, eine Art kleine Oper.
Diese Abwechslung und im zentralen "Dies irae" auch sehr emotionale und inhaltsgemäße Vertonung scheint uns heute weltlicher, als die Musik damals wahrgenommen sein dürfte. Wir kennen es aus den Lamentiones und aus noch früheren Messen, dass Sakralmusik auch am Übergang von Renaissance zu Frühbarock keineswegs nur eine gregorianische oder rein polyphon-glänzende aber trockene Angelegenheit ist. Schon die Missae Papae Marcelli rund 100 Jahre vor Cavalli beginnt Affekte des gesitlichen Textes zu Musikalisieren. Immerhin angeblich so erfolgreich, um das Verbot polyphoner Musik beim Tridentinum zu verhindern.
Geistliche und weltliche Musik sind sich zu jener Zeit wesentlich näher, als später. Das reicht bis ins Barock, wo Händels weltliche und geistliche Oratorien stilistisch kaum bzw. nicht zu unterscheiden sind. Bei Bach werden viele Kantaten mit kleinen oder auch größeren kompositorischen Kniffen zu lebendigen und teilweise auch opernhaften Szenen. Man denke an Dialog-Kantaten wie BWV 49 o.ä.
Insofern gebe ich dir recht, besonders das Dies Irae ist wie eine "Art kleine Oper" der alten Musik. Allerdings würde ich grade das nicht als besonders ungewöhnlich bezeichnen. Ein tolles und wirklich bedeutendes Stück Sakralmusik am Übergang zum Frühbarock!
