Alle sprechen über dasselbe Musikwerk

  • Die Missa Papae Marcelli ist natürlich ein Kronjuwel der Polyphonie. Es geht die Sage, dass Palestrina auf dem Tridentiner Konzil (1545-1563) ein Verbot der mehrstimmigen Musik zugunsten der Rückkehr zum Gregorianischen Choral mit dieser Messe verhindert habe. Diese Legende wird in der wunderbaren Oper "Palestrina" von Hans Pfitzner erzählt. Die Kubelik-Aufnahme davon habe ich so oft gehört, dass ich das meiste immer noch mitsingen kann.

    Meine Liebe zur Polyphonie begann auch mit diesem Stück, der "Missa Papae Marcelli". In meinem Vokalensemble in Essen haben wir das oft aufgeführt, manchmal sogar in einer richtigen Messe. Die von Michael eingestellte Aufnahme ist natürlich tadellos.

    Kompositorisch gesehen waren unsere Lieblingssätze immer das "Agnus Dei", besonders das zweite. Kurios war bei uns die Besetzung; in der Stimmverteilung gibt es zwei Tenorstimmen. Unter uns fünf Tenören war es Ehrensache, beide Stimmen zu können und vor jeder Aufführung haben wir geklärt, wer was singt.

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  • Lamentationes Jeremiae Schlusswort 1

    Tomas Luis de Victoria Super flumina Babylonis


    Dieser Psalm (137) schildert die Situation der verbannten israelitischen Oberschicht in der babylonischen Gefangenschaft. Ihre Klage ist die Fortsetzung der Klage aus den Klageliedern. Ein schmerzliches Detail ist, dass die Israeliten von ihren Herren dazu aufgefordert werden, diese Lieder zu singen.

    Neu ist, dass bei den Exilierten intensiv an den alten Bräuchen festgehalten wird, etwa das Gedenken an Jerusalem. Man vermutet, dass eine ganze Reihe der Schriftrollen mit den wichtigen Gesetzen mit nach Babylon geschmuggelt worden war. Das ermöglichte im Jahre 537 (ante) eine Rückkehr in die Heimat, die von Kyros, dem persischen König und Besieger der Babylonier, direkt angeordnet wurde.

    Dieser Psalm hat zwei Teile. Victoria vertont, wie viele andere Komponisten auch, nur den ersten Teil (1-4).

    Der zweite Teil ist zunächst eine Selbstverpflichtung und Selbstbestrafung (Vergesse ich dein, Jerusalem...(5-6).

    Dann (7-9) folgt ein Rachegesang, in dem man den Babyloniern das wünscht, was die Israeliten erlitten hatten. Dieser Fluch, die Tötung der Kinder, ist ein Topos, der sich fast in allen Schlachten und Eroberungen der Antike findet.

    Die Aufnahme ist nicht ganz so schön wie die von "Tenebrae", aber doch sehr gut - und sie enthält den Text.


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  • Nach dem mir Talli´s Spem schon so gut gefallen hat bin ich schon gespannt auf die Lamentationes gespannt.

    Bestellt habe ich sie mir doppelt, einmal mit dem Hilliard Ensemble und diese :


    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

  • Und siehe da, das habe ich ja schon auf dieser CD. Tut aber nicht weh....



    Da meine doch nicht ohne Störgeräusche läuft, auch nicht im Sony "Allesfresser" habe ich sie mir nochmal bestellt, dieses Mal im Zustand "exzellent"

    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

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  • Ich stelle einen Komponisten vor, der für mich zu den interessantesten der zweiten Reihe gehört. Die Aufnahmen sind relativ rar. Auf die Gefahr hin, dass sich nicht so viel Diskussionspotenzial ergibt wie bei meinen letzten Vorschlägen, möchte ich doch das Schaffen dieses Komponisten einmal kurz ins Rampenlicht holen:

    Salomon Jadassohn - 4. Klaviertrio Op. 85 lautet die Nominierung der Woche.


    Jadassohn wurde 1831 in Breslau geboren. Seine Ausbildung am Leipziger Konservatorium sorgte dafür, dass er zum Leipziger Komponistenkreis in Mendelssohn und Schumann-Nachfolge gerechnet wird. Er erarbeitete sich einen hervorragenden Ruf als Musikpädagoge am Konservatorium, leitete zudem zahlreiche Konzerte und auch den Chor der Synagoge. Zwischendurch wirkte er in Danzig und Bremen, kehrte aber nach Leipzig zurück, wo er 1902 hochangesehen verstarb.

    Als Komponist stand er auch zu Lebzeiten immer ein wenig im Schatten anderer Komponisten, wenngleich einige Werke durchaus Erfolge hatten. Sein Hauptwerk besteht aus vier hörenswerten Sinfonien, mehreren Serenaden, einer Klaviersonate, geistlicher Chormusik und vor allem bedeutender Kammermusik. Darunter vier Klaviertrios, je drei Klavierquartette und Klavierquintette und ein Sextett.


    Ich nominiere das letzte seiner Klaviertrios von 1887 weil es mir am besten gefällt und musikalisch am interessantesten ist. Großartig gearbeitete, dunkel tönende und leidenschaftliche Musik, die harmonisch in manchen Wendungen des Kopfsatzes sogar eine gewisse 'Tristan-Schwüle' andeutet.


    Aufnahmen Jadassohnscher Kammermusik sind leider rar. Es gibt eine CD mit den ersten drei Klaviertrios, sowie eine ganz wunderbare CD mit dem 4. Klaviertrio, 1. Klavierquartett und 3. Klavierquintett. Es musizieren Brigitta Wollenweber, Matthias Wallong, Jörg Fassmann, Hartmut Rhode und Michael Sanderling. Sie ist leider beim Werbepartner nicht mehr zu bekommen, ich empfehle aber nachdrücklich sie antiquarisch zu besorgen, es ist eine der schönsten Kammermusik-CDs meiner gesamten Sammlung.


    Zum Nachhören für diesen Threads muss ich die vier Sätze leider als Einzelvideos anbieten:

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Von Salomon Jadassohn kenne ich die beiden melodiösen Klavierkonzerte. An Klavierkonzerte denke ich, falls es welche gibt, bei mir unbekannten Namen (insbesondere aus der Romantik) stets zunächst. Dann kommt die Sinfonik und dann die Kammermusik - oder mittlerweile auch in umgekehrter Reihenfolge.


    Die Anschaffung dieser Kammermusik-CD kann ich mir gut vorstellen [EDIT]. Ich denke, dass man dem Komponisten keinen Tort antut, wenn man ihm keinen ausgeprägten Personalstil zubilligt - es könnte aber immer auch an der Hörerfahrung dessen liegen, der zuhört und halt noch nichts oder nicht viel kennt von diesem Komponisten. Also an meiner. Gut, das ist trivial.


    Schumann fällt mir zum Vergleich ein, auch wenn dessen flüssige strukturelle Entwicklung wohl nicht ganz erreicht wird, sein Temperament, seine Leidenschaft durchaus, wie ich meine. Vielleicht hatte der Thread-Starter Tristan solches im Sinn, wenn er sogar an Richard Wagner denkt. :) Mir wäre Wagner zugegebenermaßen noch nicht in den Sinn gekommen.


    Hier ein Link zu den beiden Klavierkonzerten - das Konzert von Draeseke dürfte etwas bekannter sein:


    https://www.discogs.com/de/rel…l-Sanderling-Concerto-In-


    Beim Partner scheint's leider nichts mehr zu geben, auch nichts Vergriffenes, bei der anderen Firma schon. Und eben auch per discogs.


    Schönen Dank für den Vorschlag an Tristan!


    [EDIT] Doch da schaut's, scheint's, schlecht aus bei allen drei Quellen, aus denen ich mich fast immer bediene ...


    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Erstmal Dank an Tristan2511 für seinen Vorschlag. Aus irgendeinem geheimnisvollen Grunde habe ich die Scheibe von Jadassohn mit Wollenweber schon. Wahrscheinlich hatte sie Tristan schonmal empfohlen und, weil ich Birgitta Wollenweber kenne, habe ich sie wahrscheinlich gekauft, .... aber jetzt erst gehört.


    Erstes Urteil: Tolle Musik! Wer Brahms' Klaviertrios und Klavierquartette liebt, wird hier fündig, wobei das Trio Op. 85 das ebenfalls auf der Scheibe vorhandene Klavierquartett Op. 77 an polyphoner Dichte für meinen Geschmack deutlich überragt. Es könnte gleichwertig neben Brahms Kammermusik stehen. Das atmosphärisch andere Scherzo, viel zu fröhlich für Brahms, weiß zu fesseln und ein schönes Adagio, das von der Atmosphäre wieder ein wenig an Brahms erinnert, weißmzu bezaubern.

    Alles in allem ein wunderschönes Stück Musik. Wäre alles was Jadassohn geschrieben hätte auf ähnlichem Niveau, wäre er in meinen Augen ein unterschätzter Komponist

  • Wäre das alles was Jadassohn geschriben hätte oder das andere auf ähnlichen Niveau wäre er in meinen Augen ein unterschätzter Komponist

    Er IST in meinen Augen ein unterschätzter Komponist ;)


    Mir geht übrigens auch so, dass ich Jadassohns Kammermusik eher in die Brahms-Ecke, als zu Schumann stellen würde. Das ebenfalls erwähnte und ebenfalls sehr hörenswerte Klavierquartett Op. 77 beginnt sehr brahmsisch, wer die Musik nicht kennt, denkt sicher zuerst an ein bisher unbekanntes Brahms-Klavierquartett.

    Die polyphone Dichte des Klaviertrios findet sich auch in manchen sinfonischen Sätzen Jadassohns.

    Beste Grüße von Tristan2511


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  • Mir geht übrigens auch so, dass ich Jadassohns Kammermusik eher in die Brahms-Ecke, als zu Schumann stellen würde

    Wenn man ihn mit der Romantik zusammenbringen möchte, sähe ich eher einen Felix Mendelssohn, wegen der ausgeglichgenen Architektur als Robert Schumann als Pate. Ist aber nur ein erster Eindruck

  • Wenn man ihn mit der Romantik zusammenbringen möchte, sähe ich eher einen Felix Mendelssohn, wegen der ausgeglichgenen Architektur als Robert Schumann als Pate. Ist aber nur ein erster Eindruck

    Die Sinfonien stehen sehr in der Tradition Mendelssohns. Besonders die 2. Sinfonie, würde ich meinen.

    Beste Grüße von Tristan2511


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  • Vielleicht hatte der Thread-Starter Tristan solches im Sinn, wenn er sogar an Richard Wagner denkt.

    Im allgemeinen assoziiere ich mit Jadassohns Musik vor allem Brahms und Mendelssohn. Was mich im vorliegenden Klaviertrio an Wagner denken lässt ist eigentlich eher die Harmonik. Und zwar an konkreten Stellen. Es gibt im B-Teil (bei Wollenweber und Co ist das nach 1:32ff. Min) diesen Klaviertriller der in einer Art Tristan-Harmonik mündet und anschließend weiter moduliert wird. Der Akkord nach dem Triller besteht im Klavier aus Fes-Oktave links und Ces-B, sowie ces in der Violine und es aufgelöst zu e im Cello (Noten bei IMSLP einsehbar). Die Violine gesellt sich mit ihrem ces zur rechten Hand und das Cello zur linken Hand, dessen aufgelöstes Es ein E ist, welches enharmonisch verwechselt das gleiche ist wie das Fes der linken Hand. Wir haben also eine übermäßige Septime in Kombination mit einer übermäßigen Terz (Ces-E und einer reinen Quarte (Fes-Ces).Nicht das gleiche, aber ähnlich dem Tristan-Akkord. Die Spielanweisung ist 'Molto espressivo'. Für mich ein kleiner Tristan-Moment, rund 20 Jahre nach der Uraufführung der Oper.

    Beste Grüße von Tristan2511


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  • Interessante Details bezüglich Richard Wagner und seiner Tristan-Harmonik, die ich gerne mal nachhören will! Dann auch mit Noten. Du bist in Sachen erweiterte Funktionsharmonik wahrnehmbar der bessere Kenner und Liebhaber, aber im Prinzip folgen kann ich Dir schon!


    Ansonsten habe ich keine Probleme, Schumann auch Mendelssohn an die Seite zu stellen - und Brahms wäre dann vielleicht ein kombinierter dialektischer Schritt weiter. Mendelssohn wäre der kühlere Typus, der überdies einer barocken Haltung näher steht. Doch das sind letztlich alles Konstruktionen auf der Basis von Hörerfahrung und weil bei mir halt noch kein wirklicher Personalstil seitens Jadassohn erkennbar ist. Insofern bleibe ich gerne bei Schumann, ohne dies musikologisch genauer festmachen zu können. Auf jeden Fall hat es, wie gesagt, etwas mit dessen Leidenschaft zu tun, die ich bei Mendelssohn und Brahms als weniger schwärmerisch erlebe.


    :cheers: Wolfgang

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  • Ich hatte gestern das Vergnügen eine konzentrierteren Hördurchlaufes, also nicht nebenbei im Auto. Das Werk hat mir sehr gut gefallen. Ich selber würde es auch in die Brahms-Nähe rücken, zumal wenn ich den Komponisten nicht wüsste. Ein wenig abgelenkt war ich durch mein Unvermögen, in diesem Thread nachzufahnden, welches Werk von Judassohn Tristan bereits hier vorgestellt hatte. Aber für diese Computerdinge bin ich wahrscheinlich zu unbegabt. Vielleicht verrät Tristan es noch einmal. Die CD, die ich gehört habe, verdanke ich auf alle Fälle Tristans Empfehlung. Schon jetzt einmal danke für den erneuten Einsatz für diesen Komponisten.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
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  • Ein wenig abgelenkt war ich durch mein Unvermögen, in diesem Thread nachzufahnden, welches Werk von Judassohn Tristan bereits hier vorgestellt hatte. Aber für diese Computerdinge bin ich wahrscheinlich zu unbegabt. Vielleicht verrät Tristan es noch einmal. Die CD, die ich gehört habe, verdanke ich auf alle Fälle Tristans Empfehlung. Schon jetzt einmal danke für den erneuten Einsatz für diesen Komponisten.

    In diesem Thread habe ich jetzt mit dem 4. Klaviertrio erstmals Jadassohn ausgewählt.

    Allerdings habe ich im Forum gelegentlich Werbung für Jadassohn gemacht und im Jadassohn-Thread auch das eine oder andere Werk vorgestellt.

    Beste Grüße von Tristan2511


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  • Heute habe ich es endlich geschafft, das neue Musikstück zu hören. Ich war überrascht, wie gut es komponiert war. Kammermusik aus dem19.Jh. ist bei mir bis auf Schubert und Brahms etwas unterbelichtet, weil meine Schwerpunkte halt woanders liegen. Das Niveau würde ich eher bei Schumann und Mendelssohn verorten.

    1. Der erste Satz ist zwar gut komponiert, aber ich bin mit der Interpretation nicht zufrieden, weil das Klavier viel zu laut, also dominant, ist.

    2. Der zweite Satz ist richtig gut, mit einer schwungvollen Einleitung und einem ganz wunderbaren Mittelteil, der Brahmssches Format hat. Hier kommen auch die Streicher zum Zug.

    3. Auch der dritte Satz überzeugt vor allem durch das Cello, auch dieser Satz hat Brahmssche Anklänge.

    4. Der letzte Satz ist doch sehr konventionell mit einem Klaviergewitter am Anfang.


    Fazit: Ich muss es mir nicht zulegen, aber es war ein Ausflug in unbekannte Gefilde, die ich auch zukünftig erforschen will (vielleicht mit Ausnahme von Stockhausen, was Holger ja angedroht hat. Aber vielleicht überzeugt mich das ja doch).

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  • Ich weiß nicht, wie brahmsig sie ist oder wie ähnlich die Musik anderen Komponisten kommt, dafür höre ich diese Art von Musik zu selten (eigentlich nur hier) – das hat natürlich seinen Grund darin, daß es nicht „meine“ Musik ist. Die Musik ist gut anhörbar, aber weder die schnellen Klavier- noch die Violinläufe „machen mich irgendwie an“, ich kann es gut hören, ohne daß es mich im Inneren beschäftigt.


    Das Resultat war erwartbar, da mich wenig aus der kompletten Periode anspricht. Und natürlich hatte ich von Jadassohn auch noch nichts vorher gehört. Andererseits gibt es z.B. Chopin, von dem mir so ziemlich alles gefällt.


    Das zu besprechende Stück hat ein paar schöne Melodien, insbesondere der dritte Satz ist feierlich und ein bißchen traurig, aber – leider – auch zu „verquast“, um eine von Null verschiedene Wiederhörwahrscheinlichkeit zu haben.


    Da sich hier viele Mitstreiter zum Teil doch sehr positiv äußern, ist es wohl komplett mein eigenes Problem, daß mir die Musik nichts sagt. Anscheinend hat sie ja sogar Dr. Pingel ein wenig für sich eingenommen.


    Leider kann ich auch hier wieder keinen Honig um Bärte schmieren, ich bin auftragsgemäß nur ehrlich und vergebe die ungeschönte Schulnote 3-.

  • "...ein wenig für sich eingenommen". Wirklich nur ein wenig, und dies wenige bezieht sich darauf, dass es gut komponiert ist, aber auch wie hier bei Michael werde ich es in Zukunft ruhen lassen.

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  • Jadassohn - eine interessante Wahl, ich habe bislang nur seine Sinfonien gehört und von denen ist mir nichts im Gedächtnis geblieben.


    Der 1. Satz des 4. Klaviertrios sagt mir sehr zu, insbesondere die erste langsame Passage, in der sich die Musik wie in Wellen immer wieder aufschwingt, teilweise auch mit schön schmerzvollen Dissonanzen dabei. Mir fällt positiv auf, dass gerade die Streicher oft sehr dicht klingen, wie miteinander verwebt. Das gibt der Musik eine gewisse Schwere und Schwermütigkeit, die aber nicht langweilt, weil Jadassohn gekonnt kontrastiert.


    Der 2. Satz macht richtig Laune, die linke Hand des Klaviers stampft schön mit. Der Mittelteil hat eine tolle Melancholie und erinnert mich melodisch an Brahms berühmtes Wiegenlied. Nach dem solistischen Klavier kommen die Streicher hinzu und fächern sich anschließend mit polyphoneren Melodien auseinander, erstklassige Arbeit! Der abschließende A'-Teil ist dann unerwartet aber erfrischend kurz, gefällt mir!


    Der 3. Satz beginnt sehr elegisch, die Instrumente kommen nach und nach hinzu. Etwas bemängeln möchte ich die häufig recht akkordische, blockhaft-steife Anlage des Satzes mit immer wiederkehrenden Floskeln bzw. harmonischen Klischees. Letztere werden glücklicherweise auch immer wieder mal durchbrochen und außerdem liebe ich die öfters vorkommende Verbindung Dominantseptakkord mit Sextvorhalt, der zur Tonika aufgelöst wird, sehr.


    Im 4. Satz rauscht es zu Beginn im Klavier ordentlich, was für ein beeindruckendes Gewühle! Anschließend wird der Satz aber ruhiger, das könnte mMn spritziger komponiert sein, oft wirkt es so, als würde das Klavier versuchen, die Streicher tempomäßig mitzureißen, dabei aber scheitern. Erst in den überraschend kommenden Schlusstakten gelingt es den Instrumenten, das zwischenzeitige Grübeln zu beenden.


    Insgesamt ein schönes Stück, die ersten beiden Sätze finde ich dabei stärker als die letzten beiden. Danke für den Vorschlag!

    Liebe Grüße

    Amdir

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  • Insgesamt ein schönes Stück, die ersten beiden Sätze finde ich dabei stärker als die letzten beiden.

    Ich habe das Werk noch zweimal gehört und Teile den Eindruck des extrem guten ersten Satzes. Der Finalsatz wirkt am ehesten gebaut und und entlässt eigentlich zu schwach für das Werk.


    Alles in allem eine echte Bereicherung für mein Hören.


    Heute ist der Kollege Amdir mit seinem Vorschlag dran.

  • Wie Tristan habe auch ich mich für einen Komponisten aus der "zweiten Reihe" entschieden, dessen Musik mich sehr fasziniert, der allerdings später geboren ist. Glücklicherweise gibt es von der Musik dieses Komponisten mehr Aufnahmen als von Jadassohn, gerade auch weil in den letzten 20 Jahren immer mehr Einspielungen entstanden, so auch vom Musikstück der nächsten 14 Tage, der


    1. Sinfonie E-Dur von Franz Schmidt.


    Schmidt wurde 1874 im heutigen Bratislava geboren und schon als Kind von seiner Mutter am Klavier unterrichtet. Er studierte u.a. Orgel, Klavier und Cello sowie in Wien auch Komposition bei Robert Fuchs und zeitweise auch Kontrapunkt bei Anton Bruckner. 1896 wurde er als Cellist jüngstes Orchestermitglied bei den Wiener Philharmonikern und begann schon währenddessen an seiner ersten Sinfonie. 1899 wurde das Stück fertig und Schmidt konnte es noch für den ausgeschriebenen Beethoven-Preis der Gesellschaft der Musikfreunde Wien einreichen, wofür er prompt einstimmig den 1. Preis gewann. Am 25. Januar 1902 dirigierte er selber die Uraufführung durch den Wiener Concertverein (die heutigen Wiener Symphoniker) und auch die Wiener Philharmoniker spielten das Werk im November. Jeweils im März 1928 und 1929 hatte Schmidt dann auch endlich die Gelegenheit, die 1. Sinfonie bei den Wiener Philharmonikern zu dirigieren.


    Von Franz Schmidt ist eigentlich nur das Intermezzo aus seiner Oper "Notre Dame" bekannt geworden, ein beliebtes Zugabenstück, das auch Karajan mehrfach aufnahm, ansonsten noch sein Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln". Bei seinen Sinfonien liegt die 4. in der Bekanntheit vorne und wurde auch am häufigsten aufgenommen, ich persönlich mag die konservativer gearbeitete 1. Sinfonie allerdings am liebsten, weil ich sie für seine zugänglichste Sinfonie halte, die trotzdem mit tollen Melodien und kontrapunktischer Raffinesse glänzt.


    Zur Musik:

    Der 1. Satz changiert zwischen beeindruckenden Bläserfanfaren und hinreißenden tupfenden und wogenden leiseren Melodien, bevor ein großartiges Schlussaccelerando den Satz beschließt.


    Der zweite Satz ist für mich zu Beginn eine Nocturne, auch wenn Schmidt ihn nicht so benennt. Die Musik wandelt sich hin zu einem pastoralen Satz, der eine Art Hörnerchoral entwickelt, dessen abschließende Kadenz wirklich traumhaft schön geraten ist. Immer wieder kommt es zu kurzem Aufbäumen des Orchesters und auch andere Instrumentengruppen übernehmen Teile des Chorals. Auch Melodien aus dem Satzbeginn kommen zurück, nach einer Steigerung mit einer wirklich höllisch schweren, halsbrecherischen Passage der 1. Violinen beruhigt sich der Satz wieder und schließt wieder im Nocturne-Gestus.


    Im 3. Satz wechseln sich derbe Bauerntänze mit pastoraleren Klängen ab, auffällig sind die mehrfach auftretenden Generalpausen, nach denen es sehr heikle Tempowechsel gibt, die höchste Konzentration aller Beteiligten fordern. Auch erstaunlich viele kontrapunktische Passagen lassen sich finden.


    Das große Highlight ist dann aber der abschließende Finalsatz, der in puncto Kontrapunktik noch einmal einen draufsetzt. Aus dem kunstvollen polyphonen Geflecht entsteht ein Choral, der mehrere Variationen durchlebt (insbesondere eine sehr ungewöhnliche Pizzicato-Variation). Nach weiterem polyphonen Gewusel kommt der Choral am Satzende natürlich noch einmal im vollen Glanz zurück. Einzelne variierte Motive des Satzbeginns bauen sich nach und nach zu einer letzten großen Schlusssteigerung mit Accelerando auf, die die Sinfonie abschließt.


    Aufnahmen gibt es tatsächlich einige, zu nennen sind Rajter, Halász, Neeme Järvi, Luisi, Sinaisky, Paavo Järvi und Berman. Meine Lieblingsaufnahme ist tatsächlich die aktuellste, jene von Jonathan Berman (leider auf Youtube nur in vier Einzelvideos zu finden):

    Wer gerne die Noten mitliest, kann dies mit der guten Aufnahme unter Sinaisky tun:

    Halász ist mMn ein Geheimtipp mit tollem Blech, dafür ist das Orchester insgesamt qualitativ etwas schwächer. Neeme Järvi hat fabelhaftes Detroiter Blech zur Verfügung, Paavo Järvi liefert wunderbare Durchhörbarkeit, dafür leider zu weiches Blech.


    Viel Spaß beim Entdecken :)


    Liebe Grüße

    Amdir

  • Oh, das freut mich aber, lieber Amdir. Von Franz Schmidt bin ich seit einigen Jahren auch ein Anhänger! Letztes Jahr gab es in der Elphi sowohl das Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln", als auch die 2. Sinfonie mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester zu hören. Er ist also - dezent - im Konzertleben angekommen. Ich habe und höre bei den Sinfonien gerne die schöne Frankfurter GA mit Järvi:

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Es scheint, als würde der Herr Schmidt langsam wieder aus der Versenkung auftauchen. Gut so. Mit den Symphonien hab ich mich eine Zeitlang nicht groß beschäftigt, eher nebenbei gehört, wie auch bei Tristan stehen hier die Järvi und einige andere, nebst einer "Notre Dame" und einer "Fredigundis" Gesamtaufnahme. Bislang hat mich am meisten "Das Buch mit sieben Siegeln" beschäftigt, zu dem ich über Fritz Wunderlich kam. Wird also Zeit sich mal wieder dem sinfonischen Werk näher zu widmen.

    Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses und habe ihre Kritik vor mir.

    Bald werde ich sie hinter mir haben :baeh01: (Max Reger)

  • Ein Anhänger von Franz Schmidt bin ich ganz genauso! Wobei mich die Kammermusik mit Abstand am meisten interessiert. Das beweist auch Tamino, wenn ich in die relevanten Fäden schaue. Aber gerne will ich mir wieder einmal die Aufnahme(n) der ersten Sinfonie zu Gehör bringen - es müssten, vorerst ohne Gewähr, derer zwei sein, sicher nicht mehr.


    Meine persönliche Rangordnung bei den Sinfonien würde bei noch deutlicherem Abstand mit der vierten beginnen. Die habe ich auch sicher am häufigsten gehört.


    Leider muss ich gestehen, das Buch mit den sieben Siegeln wahrscheinlich überhaupt noch nicht vom Hören zu kennen, wobei eine CD vorhanden ist. Eine Schande eigentlich! Doch den Ruck werde ich mir bestimmt noch geben - selbst wenn ich das schon mehrmals vorhatte und dann doch zu bequem war. [Grundsätzlich haben es die großvokalen Nummern ein bisschen schwerer bei mir - wobei ich von den Requien Faurés und Duruflés (und Mozarts oder Brittens, da sind es nicht so viele) diverse Einspielungen vom mehrfachen Hören kenne. Nun denn ...]


    Besten Dank an Amdir!


    :cheers: Wolfgang

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  • Danke am den Kollegen Amdir für den Vorschlag mit dem mir gänzlich unbekannten Komponisten. Habe mir jetzt den Järvi bestellt. Bin sehr gespannt.

  • Ich werde beim Streamer meines Vertrauens nachschauen. Von Schmidt kenne ich tatsächlich vor allem das Intermezzo aus "Notre Dame", das gerne auf Platten mit dem Titel "Klassik Hits" oder ähnlichem in den 1970er Jahren veröffentlicht wurden. (Wäre mal ein eigener Tamino-Thread "Wo sind all die Sampler hin..."). Auf dem Westminster Label gab es eine Aufnahme mit seinem Klavierquintett, das Barylli-Quartett spielte und die Platte habe ich in den 1980ern als Re-Issue erstehen können. Das Buch mit Sieben Siegeln geister auch in meiner LP-Sammlung herum (wahrscheinlich wegen eines von mir geschätzten Künstlers angeschafft, weiß jetzt aber nicht wegen welchem). Man kann also sagen: unbekanntes Gelände. So was freut mich in diesem Thread und ich werde gern diesen Vorschlag anhören. Schon jetzt vielen Dank an Amdir dafür.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ich habe die komplette Serie mit dem MDR Sinfonieorchester Leipzig unter der Leitung von Fabio Luisi.

    Die CD mit der ersten Sinfonie ist aktuell noch für EUR 4,99 bei jpc im Angebot (übrigens auch die CD mit der Symphonie Nr. 3 und die CD mit dem Klavierkonzert für die linke Hand nebst den Beethoven-Variationen).



    Zitat

    This is a fine disc for beginning an appreciation of Schmidt's unfairly neglected works, and considering the scarcity of good recordings of the symphonies, this one should be snapped up on sight. MDR's reproduction is clean and resonant, so the orchestra sounds as grand and glorious as this radiant symphony requires.

    [Übersetzung: Diese CD ist ein hervorragender Einstieg in Schmidts zu Unrecht vernachlässigte Werke, und angesichts der Seltenheit guter Aufnahmen seiner Sinfonien sollte man sie sich unbedingt sichern. Die Wiedergabe von MDR ist klar und klangvoll, sodass das Orchester so grandios und prachtvoll klingt, wie es diese strahlende Sinfonie erfordert.]

    Quelle.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

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