Ein kleiner Dostojewski-Thread

ThomasBernhard · 23 Beiträge · letzte Antwort von Johannes Roehl

  • Liebe Freunde der russischen Literatur,


    wir hatten ja im "Was lese ich gerade"-Thread schon verschiedentlich über Dostojewski und seine verschiedenen Übersetzungen gesprochen, sollte eigentlich genug Interesse und Stoff für einen eigenen Thread bieten.


    Heute abend werde ich mir die zehnbändige Piper-Taschenbuchausgabe im Schuber, übersetzt von Elisabeth K. Rahsin, kaufen.



    Für schlappe 24,90 Euro (bei Zweitausendeins) ist man glaube ich moralisch zum Kauf verpflichtet.
    Oder gibt es Einsprüche gegen diese Ausgabe?


    (den Einspruch, daß man die 9432 Seiten eh niemals alle lesen kann, lasse ich nicht gelten)


    :D :rolleyes: :hello:



    p.s.: Auf Seite 8 im "Was lese ich gerade"-Thread weist Christian auf die neue Übersetzung von Swetlana Geier hin.


    http://tamino-klassikforum.at/…ght=&hilightuser=0&page=8

  • Hallo Markus,


    da kannst Du nichts falsch machen, das ist immer noch eine der besten Übersetzungen. Sie hat eine spannende Entstehungsgeschichte. Rahsin war nahe verwandt mit Arthur Möller van den Bruck, der den Begriff "Das dritte Reich" geprägt hat und 1925 Selbstmord beging. Die Begeisterung für die Literatur von Dostojewski, die ich voll teile, ist ein Thema für sich.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Die Dostojewski-Kassette von Piper habe ich auch, allerdings hat die mich vor drei Jahren noch einige Euro mehr gekostet ;( Die Übersetzung von Rashin ist sicherlich die klassische deutsche Übersetzung von Dostojewski. Und da Swetlana Geier sicher nicht mehr alle Werke wird übersetzen können behält Rashins Üebrsetzung in jedem Fall ihren Wert. Ein wenig im Trubel um die Übersetzung von Geier untergegangen ist die im Aufbau-Verlag erschienene Übertragung der gesammelten Werke.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Dagegen spricht nur, dass es Paperbacks sind...IIRC gab es die vor ein paar Jahren für DM 99 fest gebunden. Ich Depp habe sei nicht gekauft, weil ich damals die wichtigsten Romane alle schon hatte (indes teils nur als TB). Muß mich mal auf die Suche machen, hätte die schon gerne auch komplett, aber bitte nicht zu teuer und fest gebunden.
    Klar schafft mans die zu lesen, ich habe zwar die kürzeren Romane (Totenhaus, Arme Leute u. noch ein paar) noch nicht alle gelesen, dafür einige der echten Schinken schon zweimal (IIRC die Karamasovs sogar dreimal)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Die Karamasows habe ich erst zweimal verschlungen, aber der dritte - diesmal etwas bedächtigere - Durchgang ist bald fällig.


    Mir persönlich gefallen die Rahsin-Übersetzungen sehr gut; allerdings sollte man, wenn man sich für Dostojewski begeistert, unbedingt versuchen, die kongeniale Bergengruensche Übertragung von "Schuld und Sühne" aufzutreiben. Dazu muß man allerdings ein Antiquariat bemühen.


    Allen, denen die russische Literatur am Herzen liegt, sei noch der tiefschürfende Essay "Tolstoi und Dostojewski" von Dimitri Mereschkowski ans Herz gelegt.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Vor einigen Tagen (ich glaube am Mittowch) war auf der ARD eine Adaption der Erzählung "Der Spieler" zu sehen, mit Hannelore Elsner in der Hauptrolle- sehr beeindruckend!


    Apropros Übersetzung:


    Rashin ist sicher immer noch die klassische deutsche Übersetzung, auch wenn mir Swetlana Geier besser gefällt. Der Titel "Verbrechen und Strafe" passt a) zum Inhalt des Romans sehr viel besser als "Schuld und Sühne" und entspricht auch sehr viel eher dem russischen Originaltitel.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Ich habe ebenfalls die Piper-Ausgabe in gebundener Form und bin sehr zufrieden. Verbrechen und Strafe, Spieler, Idiot, Brüder Karamasoff habe ich schon durch. Aktuell lese ich "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus".


    Vor einiger Zeit habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, Dostojewski sei in Deutschland höher angesehen als in Russland. Dort werde er nicht zu den bedeutendsten russischen Literaten gezählt.


    Weiß jemand, ob das stimmt?


    Thomas

  • Die Piper-Ausgabe ist zweifellos o.k. Man bekommt einen korrekt übersetzten Dostojewskij.
    Um zu verstehen, was fehlt, muß man wissen, daß Dostojewskij kein großer Poet war. Seine Prosa ist nicht im eigentlichen Sinn dichterisch. Was er konnte, wie kaum ein anderer, ist, durch einen Wechsel des Sprachniveau Perspektiven zu schaffen. Swetlana Geier transportiert dieses Niveaugefälle der Sprache praktisch 1:1 - was IMO eine nahezu kongeniale Leistung ist.
    Die Piper-Ausgabe bietet das nicht. Wenn man Dostojewskij nicht auf Stil lesen will, ist man mit ihr hervorragend bedient.

    ...

  • Um Edwins Panegyricus auf Swetlana Geiers Dostojewski Übertragung noch ein wenig zu ergänzen:


    In Rahsins Übersetzung spricht jedes Individuum, egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht, dieselbe Sprache, also hier gestochenes Hochdeutsch. Bei Swetlana Geier gewinnt die Sprache Farbe: Jede Figur spricht in dem ihr eigenen Soziolekt: Dostojewski als polyphones Kunstwerk. Und das ist wirklich große Kunst!


    Wen es interessiert: Auf ähnlichem Niveau sind die Übertragungen der Werke Cechovs aus dem Russischen im Diogenes Verlag, auch da hatte ich beim Lesen ein richtiges Aha-Erlebnis. Man liest die Bücher praktisch neu.


    Im August erscheint übrigens der letzte Roman in Swetlana Geiers Übertragung:


    "Der grüne Junge"



    Einziger Schönheitsfehler der Ammann-Ausgabe ist ihr Preis: Die "normale", also in Leinen gebundene Ausgabe schlägt mit 66.- Euro zu Buche, die in Leder gebundene Ausgabe sogar mit 125.- Euro. Da bin ich doch heilfroh, dass ich die Ausgabe seit Erscheinen des ersten Bandes subskribiert habe. Das macht die Sache zumindest ein wenig erschwinglicher. Aber ich finde: Jeder Band ist seinen Preis wert. Wäre doch was für Weihnachten, oder?


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Zitat

    Cechovs aus dem Russischen im Diogenes Verlag


    Genau das wollte auch ich schon als Parallele anführen: Gemeint sind die Übersetzungen von Peter Urban. Leider gibt es noch nicht den kompletten Tschechow (oder Cechov in der slawistisch korrekten Transkription) in den Urban-Übertragungen. Aber es gibt einen großen Teil der früheren Erzählungen die (an Umfang!) kleineren Romane und die Theaterstücke.
    Urban hat für die Friedenauer Presse auch Puschkin und Isaak Babel übersetzt, für Manesse einen Turgenjew-Band - und natürlich stammen auch die Übersetzungen des genialen Absurden Daniil Charms aus der feder Urbans.
    Swetlana Geier andere Großtat hingegen ist die Übersetzung der Märchensammlung Affanassiews im Winkler-Verlag. Auch hier gelingt ihr eine glänzende Wiedergabe des Sprachniveaus und des spezifisch russischen Erzähltonfalls.

    ...

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  • Hallo!


    Kann einer der Dostojewski-Belesenen hier einem notorischen Dramen-Leser (mir) einen Tip geben, welches Dostojeski-Werk ich als erstes lesen sollte. Eine Einschränkung meinerseits: Für den Anfang sollte es eines der kürzeren Werke (Novellen ?) sein, da ich allzu lange Romane eigentlich nicht mag.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Pius
    Kann einer der Dostojewski-Belesenen hier einem notorischen Dramen-Leser (mir) einen Tip geben, welches Dostojeski-Werk ich als erstes lesen sollte. Eine Einschränkung meinerseits: Für den Anfang sollte es eines der kürzeren Werke (Novellen ?) sein, da ich allzu lange Romane eigentlich nicht mag.


    Hm, meine größten Lücken bei Dostojewskij bestehen leider in den kürzeren Texten (die langen Romane habe ich eigentlich alle, teils bis zu dreimal gelesen).
    Jedenfalls würde ich empfehlen, zuerst "Der Spieler", einen mittellanger (zwei oder dreihundert Seiten), aber sehr mitreißenden Roman zu lesen. Und dann "Schuld & Sühne" (aka Verbrechen & Strafe aka Raskolnikoff). Der ist zwar etwas länger, aber derart spannend, dass man es kaum merkt.
    Wenn Du die gelesen hast, kannst Du überall weitermachen, wenn sie dir dagegen nicht zusagen, ist es unwahrscheinlich, dass dir was anderes gefällt.


    Überhaupt kann man Dostojewskij m.E. gar nicht mit wirklichen "Epikern" wie Tolstoi oder Th. Mann vergleichen. Die Romane enthalten nur minimale Beschreibungen oder gar Exkurse (Ausnahme z..b die Geschichte vom Großinquisitor), sondern sind eher dramatisch, d.h. sehr viele lange Dialoge, Streitgespräche oder monologische Selbstreflexionen, oft von hoher Spannung bis zur exaltierten Hysterie (sehr viele seiner Figuren haben solche hysterischen Züge). Dadurch ensteht (zumindest für mich) ein ziemlicher Sog, der einen Abschnitte regelrecht verschlingen läßt.
    (z.B. der erste Teil des Idioten bis zur Geburtstagsfeier bei Nasstassja Filipowna)
    Allein der "Jüngling", den ich aber nur einmal vor ewigen Zeiten gelesen habe, hat einige Längen und "Dämonen" ist am Anfang etwas langatmig, geht dafür später umso heftiger zur Sache.


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Hallo, Johannes!


    Vielen Dank für Deine Antwort!


    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Jedenfalls würde ich empfehlen, zuerst "Der Spieler", einen mittellanger (zwei oder dreihundert Seiten), aber sehr mitreißenden Roman zu lesen.


    Zweihundert seiten sind bei mir LANG!
    Uff, dann werde ich mich wohl anstrengen, meine Bildungslücke zu schließen... ;)


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo Pius,
    es gäbe noch eine Möglichkeit: "Der Großinquisitor" ist eine in die "Brüder Karamasow" integrierte Novelle, die auch ausgekoppelt wurde und ohne den Romankontext verständlich ist. Unbedingt zu empfehlen.
    Schau mal nach, ob sie in dem Recla-Band mit Erzählungen Dostojewskijs enthalten ist. Da bekommst Du dann auch die kürzere Prosa mitgeliefert!
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Pius


    Zweihundert seiten sind bei mir LANG!
    Uff, dann werde ich mich wohl anstrengen, meine Bildungslücke zu schließen... ;)


    Der "Spieler" ist zugegeben ein vollwertiger Roman, nur verglichen mit den 5 großen 600-1000-Seiten Wälzern kurz (und der längste davon, die Brüder Karamasov sollte eine Fortsetzung erhalten! denn die "eigentliche" geplante Hauptfigur, der jüngste Bruder Aljoscha, ist in diesem Roman noch ziemlich passiv). Aber bin ich der einzige, der findet, dass die bloße Seitenzahl wenig aussagekräftig ist? Das sind keine Bildungslücken, die man mühsam schließen muß, sondern wirklich packende Romane, die man wenigstens z.T. auch in der U-Bahn lesen kann. (Der Zauberberg ist auch packend, aber hier versteh ich sofort, wie jemand an den Exkursen, Beschreibungen und der relativen Handlungsarmut verzweifeln könnte, Dostojewskij ist ganz anders)
    Den Großinquisitor findet man auch als Reclam-Bändchen ausgekoppelt. Einerseits eine faszinierende und brillante Parabel (?), die auch viel typische Dostojewskij-themen enthält, andererseits einer der wenigen (und hier extrem langen) Exkurse (der andere Exkurs in den Karamosovs, die "Lehren Sosimas" sind eine der Stellen, die wirklich sehr zäh werden können), daher bin ich mir noch so sicher, ob das ein guter Einstieg ist.
    Ich habe von den kürzeren Novellen nur ein paar gelesen und anscheinend kaum noch was konkretes in Erinnerung. Zwar mittelkurz und gewiß lesenswert, aber wiederum nur bedingt typisch sind auch "Die Aufzeichungen aus dem Untergrund/einem Kellerloch", ein Tagebuch eines verbitterten, zynischen Misanthropen.


    viele Grüße


    JR

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  • Hallo Johannes!
    Dostojewskij als U-Bahnlektüre kann ich voll bestätigen: "Verbrechen und Strafe" war bei mir eine Bahnlektüre. Ich behaupte nach wie vor, daß das der packendste Psychothriller ist, der je geschrieben wurde. Man kann nicht auhören zu lesen!
    :hello:

    ...

  • Hallo!


    Inzwischen ist Dostojewskis Spieler eingetroffen. ich habe ihn auf den SUB mit "erhöhter Priorität" gelegt, dadurch steigen die Chancen, daß ich ihn innerhalb eines Jahres (ab jetzt) lese, deutlich.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Da ich heute wegen Krankheit das Bett hüten musste, konnte ich in einem Rutsch "Der Spieler" nach Jahrzehnten noch einmal lesen und gerade beenden.


    Während ich vom Lesen in meiner Jugend das beschriebene Phänomen der Spielsucht sehr stark und vordergründig in Erinnerung habe, sind es jetzt die Charaktere der Personen bzw. die Weise, wie sie auf ihre individuelle Art auf die sich verändernden Situationen reagieren.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Schön und überraschend, daß dieser Thread wieder ans Tageslicht kommt: "Der Spieler" war seinerzeit meine "Einstiegsdroge" zu Dostojewskij; inzwischen schätze ich sehr die Übersetzungen Swetlana Geiers.

  • Für mich als Wiesbadenerin hat "Der Spieler" natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Es ist zwar umstritten, ob mit Roulettenburg Wiesbaden oder Bad Homburg gemeint ist. Da ziemlich gesichert ist, dass Dostojewski erstmals in Wiesbaden Roulette spielte und definitiv im Hotel Nassauer Hof (damals glaube ich noch Hotel Nassau) wohnte und die Kastanienallee (heute nicht mehr vorhanden) direkt zum alten Kursaal führte, gehe ich aus purem Lokalpatriotismus einmal davon aus, dass mit Roulettenburg Wiesbaden gemeint war.


    Der Thread ist für mich jedenfalls eine Anregung, den Roman nach langen Jahren wieder einmal zu lesen.


    :hello:


    Emotione

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  • Hallo,
    sehr interessanter Thread. So wie es scheint ist also die Übersetzung von Swetlana Geier die neue Referenz. Gibt es jemanden, der trotzdem noch etwas zur Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag sagen könnte?
    Viele Grüße,


    Jonathan

  • Hallo Jonathan,


    gelesen habe ich leider keinen Band aus der Aufbau-Übersetzung. Entstanden ist die Übersetzung wohl allerdings in Zusammenarbeit mit der russischen Akademie der Wissenschaften. Der Hauptunterschied dürfte wohl in der Art des Übersetzens zu sehen sein- worin der genaue Unterschied jetzt allerdings besteht vermag ich nicht zu sagen. Philologisch korrekt ist die Übertragung in jedem Fall.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Ich besitze zwei Bände von Aufbau, Der Idiot, und Der Spieler, sowie eine Reihe weiterer kürzerer Erzählungen. Den Idioten hatte ich einige Jahre zuvor als Insel TB gelesen. Mir sind bei der Wiederlektüre (die aber auch schon wieder knapp 15 Jahre her sein dürfte) keine extremen Unterschiede aufgefallen. Das dürften ordentliche Übersetzungen sein. (Die Geiers waren allerdings auch nicht alle ganz unumstritten, ich habe vermutlich schon mal gesagt, daß ich Verbrechen & Strafe teils etwas manieriert fand, die anderen kenne ich nicht und ich kann es mangels Russischkenntnissen natürlich auch nicht wirklich beurteilen.)
    Wenn Du Aufbau hast oder billig kriegen kannst, würde ich zugreifen. Hardback ist bei derlei Wälzern immer ein Vorzug.


    :hello:


    JR

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