Auf den Spuren von Beethoven? - Franz Schubert: Sinfonie Nr. 9 C-Dur, D 944 "Die Große"

  • harnoncourt{85}

    Hallo, weiß jemand, was mit dieser Empfehlung (des leider "inaktiven Observers", der 85 in Klammer,) gemeint war?


    Ich möchte nämlich eine Version der 9. Schuberts von Harnoncourt anschaffen und rätsle grade, welche der 4 Gesamteinspielungen denn nun von Sound und Interpretation "die beste" Wahl ist, welche dieser 3 meinte der Observer nur? Auf youtube habe ich einige dieser Versionen der 9. gefunden und werde mich durchhören.





    HARNONCOURT Royal Concertgebouworkest L 27 VI 92 TC
    HARNONCOURTa Royal Concertgebouworkest L 11? IX 92 15:50 13:55 14:06 14:31 58:30 CD
    HARNONCOURTb Wiener Philharmoniker L 29 V 97 15:55 14:37 15:00 11:20 56:50 TC
    HARNONCOURTc Chamber Orchestra of Europe L 27 VI 02
  • Über meine Lieblingssinfonie ist hier mehr als ein Jahr nichts geschrieben worden. Gerade erklang Sie bei mir in der getrost klassisch zu nennenden Einspielung von Karl Böhm mit den Berliner Philharmonikern, remastered, auf SACD.


    Ich bin vermutlich relativ nahe bei nemorino, wenn ich mich - sehr angetan - zur Aussage hinreissen lasse: Würde ich die Aufnahme unter Krips nicht kennen, würde ich meinen, es gäbe keine bessere Einspielung.


    Der Auftakt des Solohorns: Wehmütig verhangen. Der Streichereinsatz: Unendlich tröstlich. Danach: Erhabenheit im Forte und Tanz im Wechsel. Im Andante con moto ist die große Katastrophe angemessen dramatisch, die der Generalpause anschließende tröstliche Musik kommt überraschend geschwind daher. Das Streicherthema des Scherzo wird sehr viril dargeboten und ist dem weichen lyrischen Echo der Holzbläser in kontrastreicher Zwiesprache gegenübergestellt. Das Finale schließlich bei Böhm kein langweiliger Kehraus, sondern ein epischer Schlusssatz, der in einigen Passagen bis hin zur höchsten Dramatik findet.


    Für mich macht die ganze Gestaltung den Eindruck, als ob Böhm immer weiß, wo er mit dem grandiosen Orchester hin will. Er findet genau den verbindenden Weg zwischen der Verbindlichkeit der Wiener Klassik und romantischer Sanglichkeit und Extase. Ich bin neugierig, diesem wunderbaren Höreindruck nochmal Böhms Aufnahme mit der Dresdener Staatskapelle gegenüberzustellen.



    Gutes Hören

    Christian Hasiewicz

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Für mich macht die ganze Gestaltung den Eindruck, als ob Böhm immer weiß, wo er mit dem grandiosen Orchester hin will.

    Natürlich. Er hat das Orchester ja quasi für sich gepachet und gedrillt. Noch 2001(?), da war Böhm schon 20 Jahre tot, stellte Simon Rattle anlässlich seiner Aufnahme aller Beethoven Sinfonien erstaunt fest, es sei ein Phänomen, wie sehr die Wiener Philharmoniker noch immer von Karl Böhm geprägt seinen, selbst jene, die gar nicht mehr unter ihm gespielt haben. Heute wird das vermutlich anders sein - aber wer weiß ? Es ist die Wiener Tradition (Böhm selbst war Grazer, aber durch und durch "wienerisch" - Auch das hat Tradition. Schon in der KunK Monarchie übersiedelten viel besser situierte im Rahmen ihrer Pensionierung nach Graz, weil das Leben und die Miete dort preiswerter war. Auf diese Weise konnten sie ihren hohen Lebensstandard halten- und so wurde aus Graz ein kleineres Abbild von Wien....

    Zurück zu Böhm. Er war ein Perfektionist durch und durch - und bei den Wiener Philharmonikern mehrheitlich beliebt, den seine stets leicht "mürrisch leidende" Art (ich bin auch so einer !!!) war ihnen vertraut und sie konnten damit - im Gegensatz zu den meisten deutschen Orchestern - umgehen.

    Man dard bei der Bewertung der vorliegenden Aufnahme nicht ausser acht lassen, daß Proben und deren Kosten keine Rolle spielten. Es wurde so lang wiederholt, bis es passte. Keinem Orchestermusiker wäre es damals eingefallen mit dem Dirigenten zu diskutieren. Sie waren alle exorbitant gut bezahlt - vom Staat und sonstigen Einflüssen unabhängig - und machten ihren Job - perfekt.


    Böhm war übrigens - vor allem im Alter - nicht so unnahbar, wie er dargestellt war. Wie ich schon mehrmals erwähnte waren etliche Philharmonieker Kunden, dor wo ich beschäftig war. Da kamen mal zwei Philharmoniker lachend ins Geschäft uns sagten: "Feierabend" -Der Alter hat uns nach Hause geschickt. "Ich weiss, ihr interessierts euch momentan nur für die Olympisschen Spiele - des wird heut nix mehr, geht nach haus und tuts fernsehen..." Natürlicgh durfte der anklagende Unterton nicht fehlen (Ich war Nutzniesser der Parodie des Tonfalls). Die Wiener sind eben so - und IMO die Münchner auch.....


    Für Zyniker war es früher immer ein Genuss die angefressenen Gesichter der Philharmoniker beim Neujahrskonzert zu sehen, die dann quasi als Kontrast traumhaft musizierten......


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Danke für den Einblick in die Wiener Musikszene, werter Alfred. Ich erlaube mir einen Hinweis bezüglich "dem Orchester": Den Schubert-Zyklus hat Karl Böhm mit den Berliner Philharmonikern eingespielt.


    Gutes Hören


    Christian Hasiewicz

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Ja in der Tat.

    Die Berliner waren Böhm zweites Dauerorchester - und irgendwie hat man sich zusammengerauft. Irgend wo in einem Intervie sagrte Böhm..."meine geliebten Wiener Philharmoniker" - dann verbesserte es sich, als er den Fehler bemerkte - und korrrigierte auf "..meine geliebten Berliner Philharmoniker" In der Tat bestnd zwischen den beiden Orchestern damals eine gewisse "Beziehung". Wenn Karajan auf "seine" Berliner böse war - wich er auf die Wiener aus um sie zu ärgern. Sowas konnte sich nur ein Pultstar wie Karajan leisten. Die DGG lies die Beiden Dirigenten Böhm und Karajan immer abwechseln mit dem einen oder anderen Orchester aufnehme. Aufnahme nit anderen Orchestern waren eher selten, bzw. älteren Datums...

    Interessant, daß auch die Beiden Dirigenten einander mochten, obwohl sie teilweise gleiches Repertoire abdeckten.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Ich halte es ohnehin für müßig, Böhms Arbeit mit den Wiener und den Berliner Philharmonikern miteinander zu vergleichen. Beide Ensembles zählen nach wie vor zu den traditionsreichsten und bedeutendsten Orchestern der Welt, und Böhm hat mit beiden Formationen großartige, unvergängliche Aufnahmen hinterlassen.


    Als Karl Böhm Anfang der 1950er Jahre einen Exklusivvertrag mit der DGG abschloß, begann die langjährige und enge Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern, die vertraglich an die DGG gebunden waren. Die Wiener Philharmoniker standen zu dieser Zeit bei DECCA unter Vertrag, was keine Aufnahmen mit der DGG zuließ. Erst Ende der 1960er Jahre änderte sich das.

    Böhms erste DGG-Aufnahme war m.W. Beethoven Fünfte, aufgenommen 23./25.3.1953 in der Jesus-Christus-Kirche, Berlin. Kein besonders geglückter Anfang, wie mir scheint. Böhm wirkt hier etwas lahm und vermag es nicht, den Funken überspringen zu lassen:

    Ludwig van Beethoven, Berliner Philharmoniker, Karl Böhm – Sinfonie Nr. 5  C-Moll Op. 67 (1953, Vinyl) - Discogs

    Da ist seine spätere Version aus Zyklus von 1970/71 mit den Wienern von ganz anderer Qualität!


    Doch bald darauf entwickelte sich zwischen Orchester und Dirigent ein freundschaftliches, gar inniges Verhältnis, was auch daraus hervorgeht, daß Böhm, der gebürtige Österreicher, seine bahnbrechende GA der Mozart-Sinfonien mit den Berliner Philharmonikern realisierte (natürlich in Stereo).

    Die langjährige Zusammenarbeit zwischen dem gebürtigen Grazer und den Berlinern hat noch viele andere, bis heute anerkannte Früchte getragen: die Brahms-Sinfonien Nr. 1 & 2, von Mozart die Haffner- und Posthorn-Serenade, die Sinfonia concertante KV 364, Kleine Nachtmusik, die legendäre "Zauberflöte" mit Fritz Wunderlich, sämtliche Schubert-Sinfonien, von Richard Strauss die Sinfonischen Dichtungen, u.v.m.


    Es mag durchaus sein und wäre ja auch naheliegend, daß Böhms Verhältnis zu den Wiener Philharmonikern, mit denen er ja schon in der Vorkriegszeit musiziert hatte, eine Spur wärmer und inniger gewesen ist als zu den "Spree-Athenern", doch auch mit denen arbeitete Böhm vertrauensvoll und ohne große Reibungen viele erfolgreiche Jahre.

    Böhm und Karajan ... Interessant, daß auch die Beiden Dirigenten einander mochten

    Ich glaube eher, daß das Verhältnis nicht sonderlich herzlich, sondern mehr von gegenseitiger, aber distanzierter Hochachtung getragen war. Karajan wußte, daß er in Wien und Salzburg gegen Böhm nicht viel ausrichten konnte, und Böhm war sich Karajans übermächtiger Stellung durchaus bewußt. Man achtete sich und verkehrte freundschaftlich miteinander, wenn es nötig war, sonst ging man sich lieber aus dem Weg. Böhm hat hin und wieder ein paar despektierliche Äußerungen über den jüngeren Kollegen fallen gelassen, während Karajan diplomatisch schwieg und es sich nicht nehmen ließ, mit prominenten Kollegen und Sängern am 28. August 1979 in Salzburg eine sogenannte "Ständchen-Oper" nach dem Vorbild von "Ariadne auf Naxos" aufzuführen, um Karl Böhm zünftig zu seinem 85. Geburtstag zu gratulieren:


    Mozart: Masonic Funeral Music for remembrance of Karl Böhm by karajan & VPO  - 1981 Live


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).


  • Ich habe zum Dirigenten etwas recherchiert, denn ich kannte ihn nicht. Der Russe Maxim Emelyanychev (*1988) ist Pianist, war Schüler von Gennadi Roshdestvensky und hat in Currentzis Mozart Aufnahmen das Continuo gespielt. Er ist Gewinner mehrerer Dirigentenpreise, hat zahlreiche Orchester dirigiert. Er war 2018 Einspringer bei einem Konzert des Scottish Chamber Orchestra mit Schuberts 9. Sinfonie. Die Musiker und Musikerinnen hatten ihm kurz darauf den Chefdirigentenposten angetragen und die vorliegende CD mit ihm aufgenommen. Die gute Chemie zwischen Dirigent und Orchester hat zum Gelingen dieser CD beigetragen.


    Was aus den Lautsprechern klingt überzeugt mich. Maxim Emelyanychev geht zügig ans Werk. Mit 54:30 Minuten zählt er nicht zu den schnellsten. Allerdings ist ein Vergleich schwierig, da nicht alle Dirigenten alle Wiederholungen spielen lassen.


    Auf den Spuren von Beethoven? - Franz Schubert: Sinfonie Nr. 9 C-Dur, D 944 "Die Große"


    Pianissimo-Stellen kostet er aus. Liest man in der Partitur mit, sind die dynamischen Spielanweisungen umgesetzt. Die Generalpause mit der Fermate im zweiten Satz hätte ich mir länger gewünscht. Der Beginn der Sinfonie mit dem Hornruf Ma non troppo wird Alla Breve genommen. Es ist ein Allegro. In der langsamen Einleitung wird es zum Schritttempo.


    1. Andante - Allegro ma non troppo 14:41

    2. Andante con moto 12:11

    3. Scherzo: Allegro vivace - Trio 12:47

    4. Finale: Allegro vivace 14:49


    Das Aufnahmeteam hat gute Arbeit geleistet. Die Orchestergruppen sind klar eingefangen. Die Paukenstimme ist gut wahrzunehmen.


    Brian Newbould hat einen sechseitigen lesenswerten Booklet-Text mit einer genauen Analyse des Aufbaus der Sinfonie verfasst. Er hat das Autograph genau studiert.


    Recording Producer & Engineer: Philip Hobbs

    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
    so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; Theodor W. Adorno - 1928