Lieben Sie Brahms? - Die Sinfonien

  • Liebe Forianer,


    Die 1. und die 2 Sinfonie von Brahms haben bereits einen eigenen Thread, wäre also logisch die 3. und die 4, folgen zu lassen.


    Das wird auch geschehn - aber nicht hier in diesem Thread.


    Hier möchte ich eigentlich generell über Brahms Sinfonien diskutieren, vor allem darüber wie sie mehrheitlich empfunden werden. Gelegentlich sagt man ihnen nach, daß sie spröde seien - etwas, das ich etliche Jahre so empfunden habe - und eigentlich nur durch ein Konzerterlebnis wurde diese Ansicht in meinem Fall korrigiert.


    Zudem glaube ich, daß diese Werke sehr interpretationsspezifisch zu bewerten sind....Man kann sehr stark Einfluß auf diese Sinfonien nehmen .


    Da erhebt sich nun die Frage - Wie schwierig war Euer Zuganz zu den Brahms sinfonien -oder haben sie Euch von Anfang an gefallen, mitgerissen, abgestoßen etc etc...



    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

    Wer Beethoven-Sinfonien fälscht oder gefälschte in Umlauf bringt, wird mit dem Anhören eines Endlosbandes aller Werke von Schönberg bestraft; von der Dauer 1 Woche bis zu 4 Wochen

  • Hallo Alfred,


    mit einem Radioausschnitt des Finalsatzes aus der 2. Sinfonie hat mich das Brahms-Fieber gepackt, das bis heute anhält.
    Das war für mich Lebensfreude, Leichtigkeit, Heiterkeit und sehr stimmungsvoll.
    Das konnte ich auf die ganze Sinfonie übertragen, die ich mir sofort im Nachhinein in der Bernstein-Aufnahme mit den Wienern gekauft habe.


    Dass Brahms auch anders konnte, habe ich dann gemerkt, als ich die ersten Takte seiner ersten Sinfonie gehört habe. Da war auf einmal alles schwergewichtig, hochdramatisch. Es wurden einem große Wackersteine vor die Tür gestellt. So mein Eindruck.
    Trotz allem: großartig. Der dritte Satz beinhaltet eine der schönsten Melodien, die je geschrieben wurden (obwohl Brahms ja diese sich angeblich von einem Alphorn abgehört haben soll).


    Mit der 3. Sinfonie bin ich noch nicht so ganz zufrieden. Die höre ich am Seltensten. Warum, weiß ich nicht ganz. Sie spricht mich irgendwie noch nicht so an.


    Zufällig habe ich mich heute ein wenig mehr mit der 4. Sinfonie beschäftigt, soll heißen, ich habe sie gleich zweimal gehört und war tief beeindruckt und bewegt. Der zweite Satz ist beispielsweise von einer unbeschreiblichen Schönheit durchzogen, dass man nur noch ehrfürchtig niederknieen möchte. Das Scherzo gehört für mich u.a. neben dem Scherzo aus Bruckners Achter zum Originellsten, was an Scherzi geschrieben wurde.


    Wie man die Sinfonien als spröde empfinden kann, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Spröde bedeutet für mich leicht zerbrechlich, trocken und fad. Und das kann ich zumindestens nirgendwo in seinen Sinfonien finden. Entweder werden sie von einer wohligen Wärme und angenehmen Atmosphäre zusammengehalten oder sie kommen so wuchtig daher, dass man diese großen Brocken gar nicht zerbrechen kann, die einem da vorgeworfen werden.


    Ja, ich liebe Brahms und seine großartigen Sinfonien.


    :hello:



    Gruß, Peter.

  • Sagitt meint.


    Ingrid Bergman schmachtet, Anthony Perkins guckt melancholisch, wir hören aus der dritten Sinfonie von Brahms.
    Brahms liebte ich schon, als ich noch gar nicht wusste, dass ich Norddeutscher werden würde. Ja, ich habe richtiggehend geschwärmt für seine Musik,wochenlang einzelne Stücke gehört, Händelvariationen oder das Klavierquintett. Als erste der Sinfonien lernte ich die erste kennen, damals verliebt, hat sich das sofort auf die Sinfonie übertragen, der vierte Satz senkte sich tief in die Seele. Es ist mir die liebste geblieben.
    Wenn ich Carlos KLeiber mit der zweiten höre, entflamme ich auch.
    Gleiches bei der vierten.Bei der dritten schätze ich die Antipoden Bernstein und Norrington.
    Ich habe die Sinfonienb vielfach.Klemperer ist mir zu streng,Furtwängler zu mächtig. Karajan fand ich mal gut,habe ihn aber lange nicht gehört.
    Von Harnoncourt bin ich sehr enttäuscht.
    Deswegen bleibt es bei den von mir genannten: Kleiber,Norrington und Bernstein. Herz, was willst du mehr ?

  • petemonova : Spröde" ist hier in einem übertragenen Sinne gemeint (wie man früher auch von abweisenden Frauen sagte, heute heißt das wohl zickig...)
    Was für eine Aufnahme der 3. hast Du gehört? Sie kann eine der mitreißendsten sein, besonders das Finale. Leider wird der erste Satz meistens verschleppt (6/4- und teils 9/4-takt, Maazel oder ein anderer berühmter Dirigent sagte dazu, das Problem sei, dass er zu langsam sei, um in ihn zwei Schlägen zu dirigieren und zu schnell um in 6.)


    Allerdings muß ich zugeben, dass ich den in "Lieben Sie Brahms" verwursteten (wird er da nicht tatsächlich in so eine Art Tango/Lounge music verwandelt?) dritten Satz nicht besonders mag, diese Art Melancholie paßt m.E. besser in Kammer- oder Klaviermusik. Mein liebstes Brahms-Scherzo ist das aus dem 2. Klavierkonzert :D
    Und was genau ist am Scherzo aus Bruckners 8. besonders originell? ;)


    Meine Favoriten sind vermutlich die 1. und 4. Ich erinnere mich, das ich die erste, die ich als erste hörte, auch recht unzugägnlich fand und nur schwer nachvollziehen konnte, dass ein Freund sie ebenso hochschätzte wie Beethovens Sinfonien. Aber damals war ich 15 oder 16 und innerhalb von ca. 2 Jahren war Brahms mein Lieblingskomponist nach Beethoven (ist er inzwischen nicht mehr, aber egal).
    Spröde fragt sich immer verglichen womit? Ich selbst kann nur sehr schwer nachvollziehen (aber Holger hat das ja neulich mal wieder bestätigt), dass man Brahms spröder als Bruckner finden kann. Aber das mag von sovielen Faktoren abhängen. Mein absolutes Ideal war seinerzeit Beethoven, da fiel der Zugang zu Brahms nicht wirklich schwer, Bruckner fand ich dagegen zunächst blechlastigen Lärm und viel zu lang (mit 16).


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Brahms-Sinfonien. Die gehören wohl zu meinen absoluten Lieblingswerken, jede der 4 ist ein eigenes Mysterium, man kann in alle Richtungen alles herausholen, technisch perfekt, absolute Gänsehaut- und Tränengarantie ( zumindest für mich ).


    Als mein Liebling hat sich mittlerweile die 3. herausgestellt, sie ist irgendwie besonders, genau erklären kann ichs nicht, vielleicht liegts dran das er mal nicht "mit Pauken und Trompeten" abschliesst sondern sich für äusserst innige, fast kammermusikalische Schlüsse entschliesst. Das schlichte Thema des 2. Satzes ruft bei mir regelmäßig freudenausbrüche aus ( besonders Takt 4 und 8 :jubel:;( )
    Die Fragestellung von Maazel beim ersten Satz geht für mich eindeutig zu 2, der muss für mich fließen, hin und wieder tendiere ich sogar dazu die "Hemiolen" ( sind ja keine richtigen ) auszudirigieren. Es soll sogar Dirgenten geben ( gegeben haben? ) die den Anfang in 3 Dirigiert haben ( ähnliches "Problem" wie bei Schumanns "Rheinischer" ).

  • Sagitt meint:


    Ich erinnere mich auch nur dunkel. Aber ich meine, Perkins hätte die Bergman zu einem Konzert eingeladen und da wurde dann dieser Satz aus der dritten gespielt. Der Film muss Anfang der sechziger gedreht worden sein,ich weiss nicht mehr, wann ich ihn gesehen habe. Jedenfalls gilt für diesen Film, wie für alle anderen. Nie wurde eine Musik so sehr verbreitet wie durch einen Film. Eine Zeitlang war das Zitat Aimez vous Brahms ein in gewisser Weise geflügeltes Wort.
    Dieses Schicksal hatte ja auch der zweite Satz von KV 467- das Madigan-Konzert, so auch vermarktet.


    Noch netter, wenn man Menschen desorientiert durch die Klassikabteilung irren sah, immer auf Ausschau nach dem Bolero-oftmals kannten sie den Titel nicht, den Komponisten ohnehin nicht. Aber wie beschreibt man dies dann ?

  • Zitat

    Original von sagitt
    Noch netter, wenn man Menschen desorientiert durch die Klassikabteilung irren sah, immer auf Ausschau nach dem Bolero-oftmals kannten sie den Titel nicht, den Komponisten ohnehin nicht. Aber wie beschreibt man dies dann ?


    tam, tadatatam, tadatatam, tam tam, tadatatam, tadatatadatatadatatam..... :D

  • Zwei Probleme:


    1.die meisten Kaufinteressenten hatten sicher einen anderen Rhythmus im Kopf und konnte diesen sicher nicht singen
    2. Heute ist ja kein Fachpersonal mehr vorhanden, die diesen, selbst wenn es richtig gesungen würde, erkennen würden.....


    ich weiss, das Thema ist Brahms !

  • Zitat

    Original von sagitt
    Sagitt meint:


    Ich erinnere mich auch nur dunkel. Aber ich meine, Perkins hätte die Bergman zu einem Konzert eingeladen und da wurde dann dieser Satz aus der dritten gespielt. Der Film muss Anfang der sechziger gedreht worden sein,ich weiss nicht mehr, wann ich ihn gesehen habe.


    Ich habe ihn (natürlich viel später) im TV gesehen (war nicht so mein Ding...). Ich meine auch, es käme ein konkretes Konzert vor. Und Montand hat natürlich kein Interesse an Brahms, umso mehr Perkins... Aber zusätzlich durchgeistert eine Variante dieser Melodie den ganzen Film. Und diese Variante war IIRC ein ziemliche Vergewaltigung (ich meine u.a. in geraden Takt umgewandelt..) Ich finde auf die Schnelle kein Musik im Netz, Filmkomponist war G. Auric.


    viele Grüße


    JR

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  • Hallo,


    ich hatte es an anderer Stelle glaube ich schon mal geschrieben:


    Ich bekomme den Dreh zu Brahms nicht. Mag sein, daß ich durch sehr brucknerlastige Literatur und auch durch die Beschäftigung mit Hans Rott eine Blockade aufgebaut habe, die noch nicht durchbrochen ist. Ich habe nichts gegen Brahms, aber ich kann seiner Musik im Moment nichts abgewinnen.
    Wenn ich Beethoven-, Tchaikovsky-, Mahler- oder Shostakovic-Symphonien höre (beispielsweise) kann ich abtauchen und versinken.
    Bei Brahms erwische ich mich immer wieder, daß ich gar nicht mehr bei der Musik bin, sondern an irgenetwas anderes denke.


    Ich glaube rappy war es, der mir schrieb, daß man für Brahms etwas mehr Zeit brauche, nun denn, ich nehme sie mir, und werde jede Woche eine Symphonie von Brahms hören (mindestens), und mich dann nach der Fussball WM hier noch mal melden :D

  • ^
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    |


    Nein.


    Salut,


    es gehört vielleicht [?] nicht hier hinein, vielleicht aber doch:


    Ich höre gerade die Serenade D-Dur op. 11. Das soll eine "Serenade" sein? Das Orchester ist mir viel zu dick und die Musik ist wenig, wenn nicht gar garnicht, "serenadenhaft".


    Ist das nicht eher eine verkappte Sinfonie?


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Hallo Ulli,


    wir wissen ja, wie sehr und lange Brahms um die Sinfonie herumgeschlichen ist und vorher immer wieder geübt hat. Beethovan lag ihm schwer im Nacken und er hatte eben erhebliche Selbstzweifel. Natürlich ist die Serenade schon mal ein Sprung dahin.


    Ich weiss nicht, welche Aufnahme Du hörst.Ich gibt eine Fassung als Nonett mit dem Scharoun ensemble, die könnte Dir eher zusagen, wenn Du überhaupt etwas mit dieser Musik anfangen willst.


    Ich hörte vor vielen Jahren Abbado, großorchestral, aber war vom zweiten Satz ,dem Scherzo gleich ganz hingerissen.


    Schöne Grüsse


    Sagitt

  • Salut,


    Danke!


    Ich habe eine Eispielung mit Frans Brüggen und dem [niederländischen?] Radio Kamerorkest. Insgesamt zwar sehr gut gespielt, aber diese Musik ist mir zu "überladen" und zäh..., was kein Wertung sein soll.


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Wie Sagitt sagte, die erste Serenade ist eine Art klassizistische Ersatz-Sinfonie, weil sich Brahms nicht recht traute, nach oder während dem Fiasco mit derm 1. Klavierkonzert. (Schubert soll gesagt haben, er wolle sich mit dem Oktett den Weg zur großen Sinfonie bahnen, eine ähnliche Funktion versprach sich Brahms von der Komposition der Serenaden)
    Einige sehr offensichtliche absichtliche Anspielungen an Haydn (Anfang der Serenade und Finale der Sinfonie 104) und Beethoven (Scherzo, Scherzo aus der 2. Sinfonie). Die zweite Serenade für ein kleineres Ensemble ist vermutlich das originellere Stück, aber ich mag die 1. auch sehr, besonders den 2. Satz und das adagio. Überladen kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen, inwiefern denn? Von der Orchestrierung her? Eher verstünde ich den Vorwurf der etwas faden Nachbildung klassischer Vorbilder...


    Holger : Hast Du mal das 1. Klavierkonzert angehört?
    Wie gesagt, ich kann gut verstehen, dass man sowohl Brahms als auch Bruckner unzugänglich, zu dicht, unlocker, was weiß ich findet (ich finde beide nicht unschwierig, aber lohnend). Aber Bruckner toll und Brahms zäh verstehe ich einfach nicht (obwohl Du nicht der erste derartige bist, der mir begegnet ;))


    viele Grüße


    JR

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  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Überladen kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen, inwiefern denn? Von der Orchestrierung her?


    Salut,


    genau das meinte ich - für eine Serenade ist mir die Orchestrierung zu dick - wobei es da sicher keine Vorschriften gibt. Insgesamt macht das Werk - in dieser Einspielung jedenfalls - einen eher antibiotischen Eindruck...


    :hello:


    Ulli

  • Holger
    Mir gings früher ähnlich, ich fand einfach keinen "Zugang" zu Brahms. Heute zählt er eindeutig zu meinen Lieblingen. Wobei mir der Zugang zu den Sinfonien erst gelang, nachdem ich die Konzerte Klavier, Violine, Doppelkonzert entdeckt hatte. Den Vorschlag, zunächst mit einem Klavierkonzert zu beginnen, kann ich auch nur unterstreichen.Alternativ wäre auch das Violinkonzert zu empfehlen.
    Interessant finde ich das von dir beschriebene Phänomen, dass du bei Brahms manchmal in Gedanken ganz woanders bist. So ergeht es mir oft ausgerechnet bei Bruckner. Nicht beim grandiosen Bläsereinsatz, aber wenn er zwischendurch "abschweift"
    Gruß

    Günter

  • Danke für die Tipps mit dem Klavierkonzert @Johannes+fohlenfanatiker


    Ich habe vom ersten eine CD mit Claudio Arrau, die werde ich mir morgen mal anhören. :hello:

  • Sagitt meint:


    Brahms liebt es nun einmal "füllig".
    Das fängt mit seinen Klaviersonaten an, höre den ersten Satz von op. 5, da gibt es jede Menge Kammermusik, wo es nicht gerade schlank zugeht,zB zweiter Satz vom Klavierquartett op. 60.
    Neben den zarten Saiten, die er auch hat, kommt immer wieder "volles Pfund". Sehr gut zu studieren bei den Händel-Variationen op. 24. Diese vereinen mustergültig die verschiedenen Seiten von Brahms.
    Der Beginn von op. 15, eigentlich sogar das ganze Konzert, ist einfach mächtig.Selbst der dritte Satz ist zwar beschwingt, aber doch im Stil eines polternden Norddeutschen op de tanzdeel.


    Was ich interesssant finde, bei Brahms stört mich dies überhaupt nicht, aber Bruckner,Mahler, Wagner finde ich nun wiederum zu "dick".


    Als wenn die alte Kontroverse von 1860 neu ausbräche.

  • Zitat

    Original von sagitt


    Als wenn die alte Kontroverse von 1860 neu ausbräche.


    :D


    Salut,


    Mahler finde ich hingegen extrem zart.


    Zwischen "zu dick" und "füllig" ist wohl noch ein Unterschied: Das Klarinettenquintett beispielsweise mag ich besonders gerne, es ist nicht zu dick, auch nicht füllig, aber füllend.


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Hallo Ulli,


    eben interessant. Mich erschlagen die Klangmassen von Mahlersinfonien, Dich die Brahms-Serenade.


    Das sollten wir nur zur Kenntnis nehmen und immer wieder der Überraschung Ausdruck geben dürfen, wie unterschiedlich doch Musik empfunden wird.


    Schöne Grüsse in den hoffentlich wärmeren Elsass



    Sagitt

  • Salut,


    nein, erschlagen tut es mich nicht [nur der Regen hier ist deprimierend, um Deine Frage zu beantworten]. Mit "dick" meine ich eher "zähflüssig", das meinte ich auch mit "antibiotisch".


    Liebe Grüße ins hoffentlich trockenere Bremen
    Ulli

  • Ich habe das 1. Klavierkonzert für den Brucknerianer genannt, weil sich Bruckner anerkennend zu dessen Hauptthema geäußert haben soll (und das ungefähr das einzige Stück von Brahms ist, zu dem er sich so geäußert hat ;)). Das Finale ist m.E. wenigstens zum Teil eine kombinierte Hommage an Bach (d-moll-Konzert)/Beethoven (c-moll-Konzert). Das zweite Konzert und das Violinkonzert sind vermutlich auch eingängiger als die Sinfonien. Das Doppelkonzert finde ich dagegen eher herb (obwohl es auch eines der ersten Brahms-Stücke war, die ich kennen- und schätzenlernte).
    Brahms verweigert sich mitunter (aber lange nicht immer) eingängigen Melodien und offensichtlichen "schönen Stellen"; ich bin mir inzwischen fast sicher, dass das Absicht ist, sowohl in seiner Persönlichkeit als auch in seiner Auffassung von Musik und Ästhetik begründet (er sah das teils als "billige Effekte").
    (Desto schöner, wenn er dennoch mal über seinen Schatten gesprungen ist, z.B. im Requiem, wenn der "Morgenregen und Abendregen" mit Harfe und Flöte illustriert wird)


    viele Grüße


    JR

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  • Hallo Holger,


    ich glaube aus Deinen Beiträgen entnehmen zu können, dass Du dich noch nicht so lange mit klassischer Musik beschäftigst und dein erstes großes Steckenpferd Bruckner war und ist !?!
    Vielleicht ist der Zugang zu Brahms daher für dich schwieriger ?


    Ich hatte einen anderen Weg - bei mir kam zuerst Beethoven, Brahms, Tschaikowsky und Liszt und dann erst Bruckner (leider zuerst mit Jochum statt Karajan, der mir den Durchbruch zu Bruckner eröffnet hat).


    Das man mit Brahms und seinen Sinfonien, Klavierkonzerten, Violinkonzert und Doppelkonzert wenig anfangen kann kann ich für meine Person keinesfalls nachvollziehen.


    Michael Flaschberger hat es treffend formuliert, das gilt auch für mich:

    Zitat

    Brahms-Sinfonien. Die gehören wohl zu meinen absoluten Lieblingswerken, jede der 4 ist ein eigenes Mysterium, man kann in alle Richtungen alles herausholen, technisch perfekt, absolute Gänsehaut- und Tränengarantie ( zumindest für mich ).


    Trotz Brahms geringer Anzahl von Sinfonien (nur 4) steckt so viel in diesen Werken, wie mach ein Klassiker, der über 100 Sinfonien geschrieben hat, nicht auszusagen vermag - ich will keinen Namen nennen, aber jeder weiss wer gemeint ist !


    Für die sinfonischen Werke von Brahms möchte ich George Szell als den absoluten Fachmann bezeichnen und ebenfalls die Solti-Decca-Aufnahmen der Sinfonien, die zu meinen meistgehörten CD´s gehören.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Hallo,


    auch ich hatte erst späten Zugang zu den Brahms-Sinfonien.


    Anfangs kam ich mit den Sinfonien überhaupt nicht zurecht. Ich fand sie langweilig, ausdruckslos, ziellos. Wie ich jetzt meine, hatte dies zwei Gründe: Einerseits hatte ich noch nicht den ausgeprägten Sinn für die große Form, andererseits standen die Aufnahmen und Interpretationen nicht auf dem Niveau der Kompositionen. Letzteres ist bei diesen Werken sehr wichtig: Die Interpretation hat bei diesen Werken meines Erachtens eine extrem große Bedeutung.


    Heute gehören alle vier Sinfonien für mich zum Besten, was die Orchestermusik vorweisen kann. Jede Sinfonie für sich hat ihre eigene Stärken, ist trotz ihrer "Dicke und Gewichtigkeit" (Prädikate, die ich durchaus irgendwie nachvollziehen, nun aber nicht mehr teilen kann und eher als "inhaltsvoll und wichtig" bezeichnen möchte) verletztlich und voller Sensibilität. Ich gebe keiner den Vorzug, alle vier sind mir liebgeworden.


    Des öfteren habe ich diese Werke im Konzert verfolgt, dies war mir bisher den Aufwand wert und hat sich fast immer gelohnt. Eine gute Aufführung der Brahmsschen Sinfonien hat bei mir eine sehr langanhaltende Wirkung.


    Meine bisherige Lieblingseinspielung ist die Komplettaufnahme der vier Sinfonien vom NDR Sinfonieorchester unter Günter Wand, was nichts damit zu tun hat, dass ich, ebenso wie Wand es war, Wuppertaler (damals: Elberfeld, ein heutiger Stadtteil Wuppertals) bin.


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Meine erste Begegnung mit Brahms hatte ich im Alter von 17 Jahren. Ich hörte im Fernsehen eine Aufführung der 4. Sinfonie mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Leitung von Hans Schmidt-Isserstedt.


    Ich muss sagen, das mich selten eine Musik so direkt angesprochen hat, wie diese Brahms-Sinfonie. Was ich vielleicht als zu schwer und tiefgründig hätte empfinden können, hat mich emotional so sehr berührt und angesprochen, dass ich schon nach wenigen Minuten die Frage "Lieben Sie Brahms?" mit einem klaren "Ja" hätte beantworten können.


    Später habe ich diese Einspielung mit Schmidt-Isserstedt (gibt es über ihn einen Thread? Ich werde gleich mal nachschauen ...) auf Schallplatte gekauft und bisher vergeblich als CD gesucht.




    Gerade habe ich entdeckt, dass es diese Aufnahme auch auf CD gibt, das ist mir bisher entgangen. Ich suche zu wenig bei AMAZON. Hier wird also in nächster Zeit eine geschäftliche Aktion fällig sein.


    Jetzt habe ich "nur" die Einspielung mit Günther Wand, die so wunderbar ist, dass ich eigentlich keine weiteren Einspielungen brauche, nur eben die mit Schmidt-Isserstedt, und natürlich die mit Klemperer ...


    Die Vierte ist immer noch meine Lieblingssinfonie, obwohl ich inzwischen alles von Brahms, besonders auch seine Kammermusik, gern höre. Vielleicht liegt es daran, dass ich ebenfalls ein schwerblütiger Norddeutscher bin ...


    Mit freundlichen Grüßen von der Nordseeküste, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Welche Aufnahme(n) der Sinfonien von Brahms würdet ihr für das erste Kennenlernen hiervon - anderes von Brahms wie das Violinkonzert mag ich bereits gerne - empfehlen?


    Ist bei der empfohlenen Aufnahme auch ein gutes Booklet dabei, dass das Hörerlebnis unterstützt - und vielleicht auch etwas zum Orchester und seiner Interpretation anmerkt?


    Und mit welcher der vier Sinfonien würdet ihr anfangen, welche ist am leichtesten zugänglich?

    Anna-Beate

  • Am leichtesten zugänglich ist mit Sicherheit der 4. Satz der 1. Sinfonie (der Allegro Teil hat sogar mienen Eltern gefallen, die normalerweise beim Hören immer geistig abwesend sind).
    Danach die 2., dann die 4. (wahrscheinlich die beste, aber die 2. ist auch toll und nicht so düster, evtl. besser zugänglich). Die 3. ist etwas schwieriger, aber auch sehr schön.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von rappy
    Am leichtesten zugänglich ist mit Sicherheit der 4. Satz der 1. Sinfonie


    Mit Sicherheit nicht! Oder doch jedenfalls nicht "mit Sicherheit"! :D
    Im ernst, das ist m.E einer der der problematischsten Sätze überhaupt wegen der bei Brahms ganz ungewöhnlichen Menge an "externen" Bezügen (das Alphorn, Beethovens 9., Beethovens 5.), und isoliert vom Rest der Sinfonie völlig unverständlich.
    Wenn schon Einzelsätze, dann z.B. der 3. und 4. aus der 2. Aber es bringt ja gar nichts, sich so ein vergleichsweise lockeres Scherzando anzuhören, um dann bei dichteren Sätzen wieder wie der Ochs vorm Berg zu stehen.


    Daher würde ich (wie Du ja dann auch), wohl die 2. Sinfonie empfehlen, zumal ich hier (in den Kopfsätzen) gewisse Parallelen zum Violinkonzert höre.
    Aufnahmen kenne ich nicht soviele und kann auch nicht sagen, ob da welche zum Einstieg besonders geeignet werden. Wand/NDR hat alle 4 auf 2 CDs gequetscht und ist sehr ordentlich (und AFAIK preiswert).


    teleton . Das hat Brahms bekanntlich anders gesehen; er soll über einen Satz einer Sinfonie besagten Klassikers (#88, largo) gesagt haben, er wünschte, seine eigene 9. Sinfonie möge so klingen ;)


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Für die 2. Sinfonie würde ich Karajan/Berliner empfehlen.


    Im 4. Satz der 1. Sinfonie steckt natürlich wie immer bei Brahms sehr viel mehr drin als man beim ersten Mal hören bemerken wird. Dennoch finde ich das Hauptthema sehr zugänglich.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Hallo Anna-Beate,


    eine subjektive Empfehlung für den Einstieg mit einzelnen Puzzleteilen (was sich ja eigentlich nicht gehört):


    2. Sinfonie, 3. Satz
    3. Sinfonie, 2 und 3. Satz
    1. Sinfonie, 3 und 4. Satz
    4. Sinfonie, 1. und 3. Satz


    Ich persönlich bin mit der vierten Sinfonie angefangen, danach kam die erste. Nr. zwei und drei folgten (und folgen bei mir noch heute) später. Aber das ist .... psssst ... Geschmackssache.


    Als Einspielungen empfehle ich die leicht zugänglichen, nicht zu teuren und qualitativ hochwertigen Einspielungen mit Günther Wand und dem NDR-Sinfonieorchester.



    Gut gefallen haben mir auch die Einspielungen mit Bernstein. Viel Freude beim Flirt mit den Brahms-Sinfonien. Es kann eine große Liebe daraus werden!


    Grüße von Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“