Die Macken des Herrn Gustav Mahler - Gedanken über seine Persönlichkeit

  • Liebe Forianer


    Während - nicht nur seit heuer - über Mozarts Leben- seine wirklichen -und angedichteten- Charaktereigenschaften und Eigenarten - mehr Details bekannt sind - als ers wahrscheinlich gegeben hat - verhält es sich bei Mahler eher umgekehrt. Ähnlich wi im Falle Bruckners - mit dem Mahler - befreundet war und im Falle Hugo Wolfs (dessen Kompositionen heut kaum mehr gespielt werden) ist eigentlich recht wenig über Mahlers Eigenarten bekannt.
    Ich weiß, daß er schwierig gewesen sein soll, daß er in Wien als Operndirektor nicht sehr beliebt war (aber wer war dort schon beliebt in den vergangenen 100 Jahren ?) - er wurde 1907 hinausgeekelt - viele sollten ihm folgen.......
    Auch seine Ehe mit Alma war nicht unproblematisch.
    Interessant ist, daß Mahler der "gelernte Theaterkapellmeister" niemals eine Oper schrieb - wohl aber Sinfonien, bzw Sinfonische Werke mit Vokaleinlagen.


    So Seid Ihr denn hier - ähnlich wie schon in vergangenen Threads - dazu aufgerufen - eur Scherflein beizutragen um die Person Gustav Mahler ertwas bekannter zu machen - und so vielleicht auch einige offene Fragen in Bezug auf seinen musikalischen Stil zu beantworten - bzw neue aufzuwerfen


    Freundliche Grüße aus Wien



    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Hallo Alfred,


    ein sehr schöner Thread. Von mir zunächst als Zitat ein paar Zeilen des österreichischen Komponisten und Cellisten Franz Schmidt (1874-1939) mit einer wunderbar bildhaften Beschreibung von Mahlers impulsivem Führungsstil.
    Im Oktober 1896 wurde Schmidt Mitglied des Wiener Hofopernorchesters.


    Mahler brach wie eine Elementarkatastrophe über das Wiener Opernhaus herein. Ein Erdbeben von unerhörter Intensität und Dauer durchrüttelte den ganzen Bau von den Grundpfeilern bis zum Giebel. Was da nicht sehr stark und lebensfähig war, mußte abfallen und untergehen. In kurzer Zeit flog der größte Teil der Sänger (Van Dyck, Renard, Reichmann, Winkelmann), Dirigenten (Hans Richter!), zwei Drittel des Orchesters hinaus. Namentlich im Orchester wütete Mahler derart mit Pensionierungen und Entlassungen, daß ich, im Jahre 1897 noch der jüngste, im Jahre 1900 schon der dienstälteste Cellist war. ...
    Otto Brusatti (Hg.): Die Autobiographische Skizze Franz Schmidts, in: 'Studien zu Franz Schmidt I'. Wien 1976


    Bei Gelegenheit mehr davon.


    Zitat

    Interessant ist, daß Mahler der "gelernte Theaterkapellmeister" niemals eine Oper schrieb - wohl aber Sinfonien, bzw Sinfonische Werke mit Vokaleinlagen.


    Na ja. So ganz stimmt das nicht. Sagen wir es so:
    Mahler hat zwar tatsächlich drei Opernversuche unternommen:


    Herzog Ernst von Schwaben - Oper 1877-79
    Die Argonauten - Oper 1880
    Rübezahl - Oper 1879-83


    allerdings haben diese nicht überlebt. Entweder hat Mahler sie vernichtet oder sie sind verloren gegangen.


    Schöne Grüße
    Johannes

  • Hallo Alfred,


    nach allem, was ich bisher über Mahler gelesen habe, komme ich zu folgenden Feststellungen:


    M. war ein durch und duch zerissene Persönlichkeit, gefangen in seiner Traumwelt einerseits, die er zeitlebens mit der Wirklichkeit auszusöhnen suchte, auf der anderen Seite ein Mann, der rücksichtslos seine Karriere plante und diese zielstrebig verfolgte. Schon früh reifte in ihm der Plan, eines Tages den höchsten Posten der damaligen Musikwelt zu erringen: Den des Chefs des Wiener Hofoper. Um diese Stelle zu erhalten, "schreckte" er auch nicht vor einer Konvertierung zum Katholizismus zurück. Es ist eine Geschichte für sich, mit welchen Mitteln er damals für sich warb.

    Viel ist an Annekdoten zum Leben Mahlers zusammen getragen worden, seiner Persönlichkeit erschliesst sich uns heute etwas besser - die Mahlerforschung hat da in den letzten Jahrzehnten einiges geleistet. So kann man denn auch die Entwicklung seines Wesens und Schaffens an den Symphonien ablesen. Ich möchte sie in drei Abschnitte gliedern: Der frühe Mahler in den Symphonien 1-3, hier noch positiv gestimmt und voller Elan, die mittere Schaffensperiode mit den Symphonien 4 bis 6, wobei hier schon etwas Melancholie und Unsicherheit mitschwingt, dann das Spätwerk, welches mit Ausnahme der 8. tiefe Resignation ausströmt oder sich ganz gar in der Traumwelt verliert.


    Sicher etwas einfach, da beispielsweise die tieftraurige 6. schon zum Spätwerk zu zählen ist, die 4. mit ihren grotesken und satirischen Motiven eigentlich vollkommen aus "der Art geschlagen" ist.


    Eigen sind vielen Symphonien ab der 3. die Adagio- oder Adagietto-Sätze, in denen Mahler in seeligen Erinnerung und Tagträumen vor sich hin "leidet" - man hat den Eindruck, er wolle garnicht mehr "aufwachen".


    Was nun seine Opernpläne anbelangt, so hat ja Johannes schon auf die verschollenen Jugendwerke hingewiesen. Vielleicht fehlte im nur eine Idee für eine Handlung, ein literarischer Stoff. Vielleicht fürchete er auch, dass seine Opern ewig im Schatten derer eines Verdi, Wagner, Mozart zurückstehen würden. In diesem Zusammenhang möchte ich daraufhin weisen, das es ja Mahler war, der die "drei Pintos" von Weber vollendet und sich auch an diversen Umorchestrierungen versucht hat.


    Soviel von mir zu Mahler - sicherlich wird noch der ein oder andere Beitrag kommen.

    Beste Grüße aus Bonn
    Matthias


    Ich tu', was meine Pflicht gebeut, doch hass' ich alle Grausamkeit (ROCCO)

  • a propos orchestrierung: hat m. nicht auch die schumann symphonien umorchestriert 8o ? oder verwechsel ich das jetzt?

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Hallo Klingsor,
    ja er hat jedenfalls auf jeden Fall die Dritte Schumannsinfonie umorchestriert. Nachzuhören in Giulinis EMI-Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra von 1958 (Reihe: Great Conductors of the 20th Century)
    (Giulinis DG-Aufnahme folgt der originalen Schumann-Partitur)

  • Halllo klingsor,


    soweit ich weiß, hat er sich beispielsweise an Beethovens IX. "vergangen". Überliefert ist von Natalie Bauer-Lechner, dass Mahler auch an Teilen des Figaro sowie des Don Giovanni "herumgedoktert" hat, wohl aber auch hier irgendwann aufgegeben hat.

    Beste Grüße aus Bonn
    Matthias


    Ich tu', was meine Pflicht gebeut, doch hass' ich alle Grausamkeit (ROCCO)

  • im ernst? das ist ja 'unerhört..' :evil:


    ich kannte nur den fall, daß pierre monteux bei beethoven posaunenstimmen hinzugefügt hatte, da er meinte, dieser könne nicht instrumentieren... :evil:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Um über eines Menschen Persönlichkeit nachzudenken, ist es sicher nicht unerheblich, wie die Kindheit desjenigen verlaufen ist.


    Wie kann es passieren, daß, aus einem kleinen Kind ohne Voraussetzungen, Musik zu erleben - ein großer Komponist wird?


    Am 7. Juli 1860 erblickte Gustav als Sohn eines gewöhnlichen Handelsjuden (Hausierer) im Dorf Kalischt in Böhmen das Licht der Welt.
    Theoretisch hatte dieses Kind als Nachkomme des cholerisch-gewalttätigen Bernhard Baruch Mahler und dessen verkrüppelter Frau Maria keine Chance, dem tristen Leben zu entkommen! Gustav hasste ausserdem seinen Vater - er sprach von ihm als "Wollüstling", "Schänder", "Sadist" und "Verbrecher". Man will gar nicht wissen, was sich in dieser Familie zugetragen hat! Gustavs Großmutter war die einzige, die seinen Vater zur Räson bringen konnte, Mammeh Mahler, die noch mit achtzig als Hausiererin durch die Gegend zog. "Daß meine Kindheit auch lichte Flecken aufweist, verdanke ich ihr in erster Linie. Die beiden Frauen, meine selige Mutter und meine Großmutter, waren die großen Leitbilder dieser grauen Kindheit, die mich schrecklich geprägt hat."


    Bei Mammeh Mahler stand in einer Abstellkammer ein Pianino. Als Gustav dieses Instrument entdeckte, änderte sich sein Leben: "Von nun an war ich in der neuen Welt gefangen. Sie hat mich nie mehr entlassen und es gab wohl kaum Stunden in meinem weiteren Leben, da mich die Musik nicht begleitet hat: Stunden der Trauer und der Freude. Die Musik war mir alles. Ich war die Musik selber."


    Der Vater erwies sich als verständig. Erkannte er, was da in seinem Sohn heranreifte? Gustav durfte in ein Gymnasium gehen und unter großen Opfern wurde ihm der Klavierunterricht ermöglicht. Sein Klavierlehrer überredete Gustav sich vom Judentum abzuwenden. Der ehrgeizige Junge hatte bereits begriffen, daß es möglicherweise hinderlich war, Jude zu sein - Mendelssohn hatte sich taufen lassen, Heine und Anton Rubinstein.


    Gustav war ein Wunderkind - als Zehnjähriger spielte er bereits in der Öffentlichkeit Beethoven und er wollte an das Wiener Konservatorium übersiedeln. Er war noch zu jung: "Im Alter von 10 Jahren ist ein Unterricht am Konservatorium ausgeschlossen, die Konstitution des Knaben wird nicht ausreichen, um das geforderte Pensum zu erledigen. Außerdem wird die Spannheite der Hände nicht ausreichen. Kommen Sie später gern zurück, wenn sich zeigen sollte, daß die Entwicklung vorangeht."


    Mit 15 Jahren erschien er zum Vorspielen, nach 3 Stunden die Beurteilung: "Gustav Mahler ist der geborene Musiker". 1875 begann er mit dem Studium.
    "Hiermit wird konstituiert, daß Gustav Mahler den Lehrgang für Contrapunktus II nicht zu besuchen braucht. Die Kenntnisse desselben sind ihm bereits hinlänglich zu eigen.Er kann seine Fähigkeiten anderweitig nutzen"


    Gustav studierte ausserdem nebenbei Deutsch, Mathematik, Chemie und Physik, Latein und Biologie.


    Nun nochmals zum Nachdenken: Wäre nicht das Klavier am Speicher gewesen, wäre Gustav auch ein Hausierer geworden? Ist es in seinem Falle 'genetischer Determinismus'?

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • Einen Eindruck von Mahlers Kindheit geben auch Aufzeichnungen von Mahler selbst:


    "Ich soll noch auf dem Arm gewesen sein, als ich schon jedes Liedl nachsang. Dann, vielleicht mit 3 Jahren, bekam ich eine Ziehharmonika, auf der ich alles, was ich hörte, mir zusammensuchte und bald ganz fertig spielte. Eines Tages, ich war noch nicht 4 Jahre alt, trug sich eine komische Geschichte zu: Die Militärmusik - mein Entzücken die ganze Kindheit hindurch - marschierte morgens an unserem Haus vorbei. Ich dies hören und aus der Stube entwischen, war eins. Mit kaum mehr als dem Hemdl bekleidet, - man hatte mich noch nicht angezogen - lief ich mit meiner Harmonika hinter den Soldaten drein, bis mich, erst eine geraume Weile später, ein paar Nachbarsfrauen auf dem Markte aufgriffen. Sie versprachen, mich, dem es mittlerweile doch ängstlich geworden war, nur unter der Bedingung heimzubringen, wenn ich auf meiner Harmonika ihnen vorspielen wollte, was die Soldaten gespielt hatten. Das tat ich denn auch gleich, auf einen Obststand gesetzt, zum Ergötzen der Marktweiber, Köchinnen und anderen Straßenpublikums..."


    Die Eltern betrieben in Kalischt einen Gasthof; der Großvater war Pächter der örtlichen Schnapsbrennerei. Von den 14 Kindern der Familie Mahler (Gustav war der zweitälteste) starben sechs bereits im Kindesalter - auch dies war gewiß nicht unerheblich für die Persönlichkeitsentwicklung. Nach dem frühen Tod der Eltern kümmerte Mahler sich noch lange als "Familienoberhaupt" um seine jüngeren Geschwister.


    Nachdem ihm 1881 die Jury des Beethovenpreises, in der sich auch Brahms, Goldmark, Hanslick und Richter befanden, den Preis (ebenso wie Hans Rott) zugunsten eines gewissen Herzfeld verwehrte, beklagte er sich, mit dem Preisgeld für das "Klagende Lied" hätte sein Leben gewiß eine ganz andere Wendung genommen, so aber sei er "zum Theater-Höllenleben verdammt" gewesen.


    Salve,


    Cassiodor :hello:

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