SCHOSTAKOWITSCH - Was macht seinen Reiz aus ?

  • Liebe Forianer,


    Es hat sehr lange gedauert, dis ich Schostakowitsch mit Gewinn hören konnte. Kein Wunder bei jemandem der die Musik des 20. Jahrhunder im allgemeinen ablehnt.
    Dennoch zählt DS heut zu den Favoriten, wenn es um "zeitgenössische" Musik, oder dagen wir besser um Musikk des 20. Jahrhunderts geht.


    Ich glaube übrigens, daß heutzutage die Akzeptanz von Schostakowitsch sehr hoch ist, heute etwa vergleichbar mit Mahler.


    Urgendwann, genauer gesagt heute - begann ich drüber nachzudenken, was es denn wohl ist, das diesen Komponisten interessant macht. Und ferner interessiert mich , mit welchem Komponisten ihr ihn am ehesten vergleichen würdet....


    Was ist es, das dieem Komponisten den Reiz verleiht - Oder mögt Ihr ihn etwa nicht ?


    LG


    aus Wien


    Alfred

  • Schostakowitsch sagte anlässlich seiner Aufführung der 10. Sinfonie unter
    Karajan durch die Berliner Philharmoniker 1973 in einem Gespräch von sich selbst, er sei ein "Mahler-Epigone" ! Obwohl dieser Ausspruch wohl eher ironisch gemeint war, hat diese Aussage etwas.
    Mahlers Werke wurden zum Schlüsselerlebnis für den jungen Komponisten und sein "guter Geist" spukt durch viele seiner Kompositionen.


    Ich lehnte Schostakowitsch früher als "Vertreter eines sogen."Sozialistischen Realismus" stalinistischer Prägung brüsk ab. Allerdings kannte ich zum damaligen Zeitpunkt nur die 1. Sinfonie und das "Lied von den Wäldern", zwei Werke, die mir einerseits als zu konventionell (Sinfonie) und zum anderen (Lied)
    ob der "tönenden Ideologie" zu plakativ erschienen.


    Der "große Umschwung" kam für mich während eines Livekonzertes zu Beginn
    der 80ger Jahre in Berlin, wo Penderecki (als Dirigent) die 14. Sinfonie des Komponisten zur Aufführung brachte. Selten hat mich ein Werk mehr aufgewühlt als jene unerbittliche Verkündigung der Vergänlichkeit.
    Damit war für mich "der bann gebrochen" und ich befasste mich intensiv mit den Werken des Meisters, die ich noch nicht kannte.
    Zu meinen "Lieblinsgwerken" zählen die 4.,8., 13., 14., 15. Sinfonie, die Liederzyklen nach Zwetajewa und Michelangelo, die Konzerte für Violine und Cello. Im Bereich der Kammermusik habe ich jedoch noch "Nachholebedarf".


    Schostakowitsch ist für mich der bedeutendste Sinfoniker des 20. Jahrhunderts. Die geschichtlichen Verwerfungen und Erschütterungen in seinem Land registrierte er wie ein Seismograph und seine leidvollen Erfahrungen verewandelte er in Musik, die Bestand haben wird.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Sagitt meint:


    Ich habe Schwierigkeiten damit, dass ich vor allem Musik schätze, die mindestens 150 Jahre alt ist. Ich bin ein Kind meiner Zeit und dann in einem mir so wichtigen Bereich rückwartsgewandt.
    Danke Alfred für dieses thread. Schostakovitch verschafft mir Gewissenserleichterung. Ich höre ihn wirklich gerne. Es fing an mit der Kammermusik, die unglaubliche Violasonate op. 147. Dann die Streichquartette und die Klaviertrios , das Konzert für Trompete und Klavier und dann die Sinfonien- ungefähr in dieser Reihenfolge.
    Er ist für mich DER Komponist der Moderne. Wenigstens einer des 20ten Jahrhunderts, der mich rundum überzeugt.

  • Kann man überhaupt genug Schostakowitsch-Threads haben? :D


    Was für mich seinen Reiz, nein: sein Faszinosum ausmacht: Eine perfekte Übereinstimmung von Emotion, Kompositionstechnik, Form und nationaler Identifizierbarkeit. Schostakowitschs Symphonien "bedeuten etwas", es sind Aussagen, die über rein musikalische Angelegenheiten hinausgehen. Wenn Mahler in seinen Symphonien quasi Welt und Kosmos beschreibt, dann berichtet Schostakowitsch von (unterdrücktem) Land und (gequälten) Menschen. Dazu kommt eine typisch russische Form der Satire - nämlich jene Satire, in der im Grunde ernste, sogar tragische Geschehnisse als Komödie erzählt werden.
    Ich möchte aber die Gelegenheit nützen, die Legende von der Mahler-Fortsetzung ein wenig zu erschüttern. Ähnlich sind die Komponisten nur in dem Punkt, dass die Musik sich rein emotional mitteilt (aber in beiden Fällen nicht nur aus dem Bauch heraus geschrieben ist) und daß beide einen relativ dünnen, aber intensiv instrumentierten Satz schreiben.
    Absolut nicht verwandt sind sie in den wesentlichen kompositionstechnischen Fragen, etwa der Entwicklung und Verarbeitung von Motiven. Schostakowitsch kommt mit seinen Kurzthemen, die für sich genommen unerheblich scheinen, eher von Beethoven her, von dem er auch die extreme Konzentration auf einige wenige Motivzellen gelernt hat.
    Natürlich hat Schostakowitsch Mahler verehrt - kennengelernt hat er ihn über seinen Freund Sollertinskij - und hat Facetten dieser Musik aufgegriffen. Aber wenn man das Wort vom "russischen Mahler" verwendet, sollte man sich vor Augen halten, dass Schostakowitsch keine direkte Fortsetzung und schon gar keine Stilkopie schreibt, sondern aus eigenen Ansätzen und aus anderer Richtung zu einem mitunter ähnlich klingenden Ergebnis kommt.

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Es hat sehr lange gedauert, dis ich Schostakowitsch mit Gewinn hören konnte. Kein Wunder bei jemandem der die Musik des 20. Jahrhunder im allgemeinen ablehnt.
    Dennoch zählt DS heut zu den Favoriten, wenn es um "zeitgenössische" Musik, oder dagen wir besser um Musikk des 20. Jahrhunderts geht.


    Hallo Alfred!


    Das ist doch ein Widerspruch in sich. Wenn Du Schostakowitsch gern hörst, dann lehnst Du Musik des 20. Jh. nicht generell ab (auch Musik ab 1930 nicht, wo Du ja auch gern eine Grenze ziehst).


    Du müßtest schreiben: "Ich lehne Musik ab 1975 ab".


    Vergleichen würde ich ihn vielleicht mit Prokofieff und Hindemith (was als Empfehlung für Schostakowitschfreunde gemeint ist, die sich im 20. Jh. nicht heimisch sondern nur wie zu Gast fühlen ...) - Strawinsky und Bartok sind aber auch nicht sooo weit entfernt.

  • ich denke, alle weniger moderne-musik-interessierten werden es mit ihm am einfachsten haben, da er emotion bietet, gute verarbeitung, eine 'geschichte' erzählt und sich immer wieder das 19. jhd. bei ihm bahn bricht à la tschaikowskij-geschwindmärsche, steigerungen etc.


    :hello:

  • Hallo,


    Sechs antworten - und viel Interessantes, damit beantwortet sich schon eine der Fragen - warum dieser neue Schostakowitsch-Thread von alleine. Ja es werden weitere folgen, ich würde gerne die Sinfonien einzeln durch gehen - aber mir persönlich wäre es nicht unangenehm, wenn das berufenere machen würden als ich. (Achtung - Es gibt schon Schostakowitsch- Sinfonien Threads !!)


    Ich habe - unabhängig vom Thread über jene Frage nachgedacht, die diesem Thema ihren Titel gibt und bin (für mich persönlich) zu folgendem Schluß gekommen:


    DS- hat - im Gegensatz zu vielen anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts die Bindung an die Vergangenheit nicht völlig aufgegeben - ebenso wie bei Strawinsky höre ich zahlreiche Zitate aus der Vergangenheit - wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht - sogar welche von Rossini.


    DS instrumentiert gekonnt, verwendet effektvolle Instrumente und setzt sie gekonnt ein. ES gibt bei ihm sowohl "bissige" als auch liebliche Stellen, die Stimmuingen wechseln oft abrupt.


    DS ist nicht meine einziger Komponist des 20. Jahrhunderts - es gibt einige wenige, die ich gerne höre - aber sicher einer der bedeutendsten.....


    mfg
    aus Wien
    Alfred

  • Zitat

    wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht - sogar welche von Rossini


    Stimmt, u.a. in der 15.Sinfonie.....


    Zitat

    DS instrumentiert gekonnt


    Das ist eine nette Untertreibung, denn er gehört mit Sicherheit zu den allergrößten auf diesem Gebiet.



    Ich würde gerne etwas Ordnung in den verschiedenen Schostakowitsch- Threads haben, da ich nicht ein solcher "Virtuose" der Tastatur bin und es mich abschreckt, unter Umständen erst einmal mit schon geposteten Material alles mögliche neu formulieren zu müssen, da dies ziemlich Zeit kostet.


    LG :hello:,


    Michael

  • Schostakowitsch zum ersten Mal zu hören war ein Schock. Ist das noch klassische Musik? Ist da eine Grenze zu Brutalität und Motorik überschritten? Oder gelingt es ihm wie keinem anderen, diese Grenzüberschreitung der Politik des 20. Jahrhunderts in Musik zu bringen mit der überaus tröstlichen Hoffnung, dass trotz allem bestimmte Maße eben nicht überschritten und zerstört waren, solange sich dies ungeheuerliche, alle bekannten Verbrechen der Geschichte überschreitende Geschehen noch in musikalische Formen bringen lässt?


    So wie ich dann die Streichquartette von Schostakowitsch gehört habe, war ich von seiner Qualität restlos überzeugt.


    Natürlich droht ihm bei schlechter Interpretation das gleiche Schicksal wie Tschaikowskys 6. Sinfonie, als Kitsch missverstanden zu werden - wahrscheinlich weil die Gefühle so nackt und dadurch verletzlich vorgetragen werden.


    Beispiele für gelungene Interpretation: Der 2. Satz aus der 10. Sinfonie mit Kondrashin, die Zwei Stücke für Streichoktett op 11 und die Zwei Walzer für Flöte, Klarinette und Klavier in der Edition Lockenhaus 1985.


    Viele Grüße,
    Walter

  • Ich hatte es schon einmal in einem anderen Thread erwähnt - der Musikunterricht in der Schule hatte mir diesen "Komponisten des sozialistischen Realismus" ziemlich tief und dauerhaft verleidet, so daß ich mich ohne äußeren Anstoß wohl nie wieder mit seiner Musik befaßt hätte, und nie bemerkt hätte, was mir da fast entgangen wäre.
    Einen Großteil des Reizes macht für mich Schostakowitschs Vielseitigkeit aus - von seinen Sinfonien über die Jazz-Suiten, die Ballettmusiken hin zu seiner Filmmusik (die zur "Hornisse" hat es mir besonders angetan). Neugierig bin ich noch auf die Kammermusik und Oper, da kenne ich noch nichts. Aber 30 Jahre "Rezeptionslücke" sind auch nicht so schnell geschlossen.


    Viele Grüße
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Hallo,


    Das Reizvolle an der Musik Schostakowitschs ist für mich


    erstens: seine Offenbarung tiefer und gut nachvollziehbarer Emotionen; in seinen Streichquartetten besonders von Traurigkeit in Verbindung mit seiner Art, die Welt mit der Brille von Humor zu sehen (hat irgend etwas von der Chaplinschen lustigen Traurigkeit)
    zweitens: sein Nebeneinander von Tradition und Moderne
    drittens: seine Fähigkeit, den Hörer zu fesseln; nach dem Besuch von Konzerten der Streichquartette dauert es verhältnismäßig lange, bis ich wieder in "meiner" Gefühlswelt bin
    viertens: seine persönliche und unverwechselbare Art zu schreiben; schon nach wenigen Takten ist der Autor erkannt
    fünftens: seine Art, Schweres mit Leichtigkeit auszudrücken


    Gruß,


    Uwe

  • Hallo,


    ich nehme mir einmal die Frechheit heraus, von einem persönlichen Konzerterlebniss in Bezug auf Schostakowitsch zu berichten.


    Angeregt hat mich Uwe mit seinem Satz

    Zitat

    nach dem Besuch von Konzerten der Streichquartette dauert es verhältnismäßig lange, bis ich wieder in "meiner" Gefühlswelt bin


    Das für mich unglaublichste Erlebnis hatte ich im Mai 1995, als ich die Ehre hatte, im Glinka-Saal der St.Petersburger Philharmonie einen Celloabend zu geben.


    Dies ist der "kleine" Saal, von dem man sagt, daß Schostakowitsch dort auf jedem Stuhl gesessen hat.


    Als Zugabe spielte ich den langsamen Satz aus Schostakowitsch's Cellosonate.


    Im letzten drittel dieses Satzes kommt eine Stelle vor, zu der der berühmte Cellist Ivan Monighetti einmal sagte "Dies ist die Hoffnung auf ein besseres Leben- NACH dem Tod."


    Ich konnte davon ausgehen, daß das Publikum mehrheitlich diese Sonate von Schostakowitsch kannte, war aber überhaupt nicht darauf vorbereitet, was dann passierte.


    In dem Augenblick, als ich die eben beschriebene Stelle spielte, atmete der gesamte Saal hörbar AUS.


    Ich bin fast vom Stuhl gefallen, jeder im Saal muß das Werk auswendig gekannt haben und um diese Stelle gewußt haben, anders kann ich mir diesen Effekt nicht erklären.


    LG,


    Michael

  • Hallo Michael!
    Du hast erlebt, wie die Russen ihre Klassiker verinnerlicht haben! Bei uns völlig unbegreiflich. In Russland nahezu der Normalfall. Auch in die Gespräche werden laufend Zitate von großen Autoren eingestreut - auch von modernen Dichtern.
    Allerdings: Bei Aufführungen regieren sie in der von Dir beschriebenen Weise eigentlich nur, wenn es eine sehr, sehr gute Aufführung war - sonst gibt's einfach normalen Applaus.
    Ein Freund von mir, der öfter in Russland dirigiert hat, sagte es einmal so: "Der Applaus ist gleichgültig. Bei einem russischen Publikum kannst Du während der Aufführung merken, ob es gelingt oder nicht. Du spürst die Konzentration - und wenn Du sie nicht spürst, bist Du entweder unsensibel oder Du weißt, dass Du gerade dabei bist, Mist zu bauen."
    LG

  • Zitat

    und wenn Du sie nicht spürst, bist Du entweder unsensibel oder Du weißt, dass Du gerade dabei bist, Mist zu bauen."


    Lieber Edwin,


    ja , das habe ich im ersten Teil des Konzertes deutlich gespürt, und ich hatte die Hosen voll, es war wirklich schlecht.(Schumann, Debussy, Beethoven)
    Aber danach ging es aufwärts ( mit den russischen Erstaufführungen der 1.Sonate von Sir Arnold Bax und der Sonate von Alan Rawsthorne).


    Danach gab es als erste Zugabe das "Prelude" von E.J.Moeran und danach den Schostakowitsch.


    LG,


    Michael

  • Nach dem Durchlesen dieser Beiträge nach längerer Zeit habe ich gemerkt, dass eine meiner Antworten erweitert werden muss:


    Zitat

    ich schrieb: fünftens: seine Art, Schweres mit Leichtigkeit auszudrücken


    Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Schostakowitsch war ebenso in der Lage, Leichtes mit "Schwere" oder Schwermut auszudrücken. Viele Kompositionen oder Sätze lockeren Inhalts wie z.B. das erste Streichquartett, das ja wirklich ein intimes, leichtes und vergnügtes "Luftholen" für DSCH war, klingt dennoch irgendwie melancholisch und schwer. Ich glaube, er konnte gar nicht anders; das war seine Sprache.


    Uwe

  • Hallo!


    Stehe noch unter eindruck der schostakowitsch - dokumentation im zdf theater, vor ein paar monaten aufgenommen und erst jetzt zeit dafür gehabt. :yes:


    Also mich fesselt Schostakowitsch aus einem ganz bestimmten grund:


    verzweiflung, gewalt, rassismus, krieg sind elemente die für mich persönlich in jedem seiner stücke irgendwann auftauchen.


    Ein Hoch auf Dimitri Dimitrijewitsch Schostakowitsch :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


    LG florian


    :hello:

  • Schostakowitsch war der erste Komponist des 20 Jhd., mit dem ich mich intensiver auseinandergesetzt habe.


    Seine Musik dreht sich um die Themen unserer Zeit und ist damit immer noch aktuell. Gleichzeitig benutzt er eine Klangsprache, die den Hörer direkt ansprechen - manche wahrscheinlich auch verschrecken. Er kommt ohne großen intellektuellen Mauern aus, die sich bei modernen Musik oft zwischen Komponist und Hörer schiebt.


    Seine Musik erschüttert, erschreckt, ist aber auch immer wieder voller Hoffnung, hat Humor usw....


    Neben den Sinfonien, der Kammermusik, den Konzerten muss man im Falle Schostakowitschs auf jeden Fall auch "Lady Macbeth" erwähnen. Für mich eines der zentralen Werke der modernen Oper. Noch heute habe ich eine Aufführung vor Augen, die ich vor vielen Jahren in der Kölner Oper gesehen habe (inszeniert von Harry Kupfer). Ich kann mr kaum vorstellen, dass diese Musik jemanden kalt lässt, wobei dazu natürlich auch gehören kann, dass man sich mit Schrecken von ihr abwendet - hat Stalin ja auch getan - :baeh01: :baeh01: :baeh01:


    Für mich ist Schostakowitsch jedenfall eine der zentralen Figuren der Musik des 20. Jhd.
    :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

  • Zitat

    Noch heute habe ich eine Aufführung vor Augen, die ich vor vielen Jahren in der Kölner Oper gesehen habe


    Eine unglaubliche Aufführung. Ich wollte in die vierte oder fünfte einer serie - völlig ausverkauft. (Eine freundliche Kölnerin verkaufte mir dann ihre Karte, als sie meinen Wiener Akzent bemerkte, mit dem Kommentar: Ich habe es ohnehin schon viermal gesehen und kann in die nächsten Aufführungen gehen.) Für mich die stärkste Inszenierung des Werkes, erst Christine Mielitz an der Wiener Volksoper konnte gleichziehen - nur musikalisch war's in Wien nicht ganz so gut.
    :hello:

  • Mitte der 60er Jahre hörte ich erstmals Musik von Shostakovich : auf LP sein Violinkonzert No. 1 mit Oistrakh, wenn ich mich nicht irre, unter Mitropoulos. Wenn ich daran denke, dass mich heute jede Auffuehrung dieses Konzerts ungemein emotional beruehrt, kann ich mein damaliges Desinteresse nur meiner Jugend zuschreiben.


    Dann kam eine Phase, in der ich - wider besseren Wissens - die These von DSCH als einer Art Parteitagskomponist nachplapperte, bis ich im Radio einen Zyklus aller Sinfonien hörte und zunehmend gebannter zuhörte.


    Heute gehört er zu den (mich am meisten) faszinierendsten Komponisten, und ich kann von Glueck sagen, dass ich die meisten seiner Sinfonien und Konzerte hören konnte plus seine Opern. Schwierigkeiten habe ich heute vor allem, wenn ich die 5. Sinfonie von Dirigenten bzw. Orchestern interpretiert höre, die die Doppelbödigkeit dieser Musik verfehlen und z.B. das Finale zu einem "per aspera ad astra" verkommen lassen.


    Doppelbödigkeit - ich wuerde sagen, dass mich diese Doppelbödigkeit am meisten an DSCH fasziniert - und die Todesnähe in seinen späteren Werken. Natuerlich interessiert mich seine Biografie, wie er in diesem System zwischen Anpassung und (heimlicher) Beharrung ueberleben konnte, denn andere, die derart von Stalin diskreditiert wurden, hatten nicht das Glueck, zu ueberleben.


    Im Sommer hörte ich die Interpretation des Violinkonzerts Nr. 1 mit dem 22jährigen armenischen Geiger Sergey Khachatryan unter der Leitung Valeri Gergijevs - ohne eine Sekunde der Probe, da Gergijev verspätet anreiste. Khachatryan hatte dieses Konzert, mit dem er den Concours Reine Elisabeth in Bruxelles gewonnen hatte, unter diversen Dirigenten gespielt : Sinaisky, Noseda, Masur (um nur einige zu nennen). Nach seinen eigenen Worten hatten er und Gergijev, und das ohne Probe, jedoch dieselbe Auffassung vom Wesensgehalt dieser Musik, so dass einen faszinierende und beruehrende Interpretation herauskam.


    An die DSCH-Kenner unter Euch hätte ich jedoch eine Frage. Allgemein gilt die Annahme, der Komponist hätte unter dem Druck des Stalin-Urteils seine Oper "Lady Macbeth von Mtsensk" umgearbeitet, und das Ergebnis sei die verwaschene "Katerina Ismailova". Als ich letztere Version jedoch einmal hörte, war sie von Irina Molostova inszeniert, die sich - als enge Mitarbeiterin des Komponisten - auf dessen Willen berief, dass diese Fassung als die endgueltige zu gelten habe. Ähnliches lese ich auch aus dem Briefwechsel mit Glikman heraus.


    Wie sehen es die DSCH-Experten dieses Forums?


    Mikko

  • Mich hat diese Musik - angefangen habe ich mit den Symphonien 7, 8 und 11 - aufgrund ihrer Energie, Ausdruckskraft und emotionalen Wahrhaftigkeit (iS des ungefilterten/ungekünstelten) Ausdrucks vom ersten Kontakt an fasziniert. Diese unmittelbare Ansprache hatte ich übrigens auch bei Mahler. Einmalig ist der schon beschriebene beißende Humor - man kann fast im Wortsinn von Galgenhumor sprechen - der sich durch das Werk von Shostakowitsch zieht.


    Musikalisch (und in einigen Bereichen auch hinsichtlich der Inhalte und Motivationen) sehe ich bei Schostakowitsch eine sehr große Nähe zu Britten. Beide haben Angst und Schrecken des Krieges sowie Gewalt gegen Außenseiter thematisiert, beider Musik hat ein gewisses Maß an Spröde (bzw. Traurigkeit) und erfordert immer wieder den bewussten Verzicht, einen Ton zum "klingen" zu bringen. Diese Passagen sindteils bissig, brutal, peitschend und müssen beim Hören geradezu "weh tun". Sie "klangschön" zu spielen (natürlich gibt es diese Stellen auch, aber ziemlich selten) nimmt ihr das Besondere. Und dann gibt es ja noch das physische Bindeglied Rostropowitsch.


    @ Mikko:
    Bei "Lady Macbeth" vs "Katerina" muss ich passen, persönlich schätze ich die Urfassung aufgrund ihrer Radikalität mehr. Sollten die Aussagen zur "endgültigen Fassung" allerdings zu Lebzeiten Stalins getätigt worden sein, würde ich ihnen eher wenig Gewicht beimessen (da war die Urfassung unaufführbar).


    P.S.: Bei aller Liebe handelt es sich bei Schostakowitsch (und Britten) wohl um Musik des 20. Jahrhunderts, nicht jedoch um "Zeitgenössische Klassik" im Wortsinn. Beide zählen für mich zur "Klasischen Moderne", wie etwa auch Schönberg, Berg, Eisler, Janacek. "Zeitgenössisches" beginnt aktuell wohl bei Komponisten wie Boulez, Berio, Nono, Kagel oder Friedrich Cerha (wobei gerade der wieder zeigt, wie schwierig diese Form der Einstufung ist).

  • Vielleicht liegt es auch u. a. daran, dass er die Tonalität nie aufgeben hat? Mir ist aufgefallen, dass mir in fast allen erfolgreichen Werken des 20. Jhs. die Passagen, die im "funktionsfreien harmonischen Gewurtschtel" Ton(ik)alität erkennen lassen, zumindest mir persönlich das Werk als erstes erschließen und oft auch am besten gefallen. So z. B. diverse Themen aus Bartoks Konzert für Orchester, den Klavierkonzerten und vielen anderen seiner Werke. Bei Schostakowitsch und Prokofjew findet man solche Stellen besonders oft, finde ich, z. B. in Schostas Cellkonzert, im 1. Klavierkonzert (im 2. ja sowieso) etc. - eigentlich ist das falsch ausgedrückt, die meisten seiner Werke sind ja durchgehend funktionsgebunden, wenn auch "stark gewürzt" ;-)


    Die Streichquartette (bis auf das brühmte 8. natürlich) haben sich mir allerdings noch nicht so wirklich erschlossen. Vor allem in den Sätzen ohne "rhythmischen Drive" fehlt mir oft die Orientierung. Wie findet man sich am besten in diese Werke rein?

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von martello
    "Zeitgenössisches" beginnt aktuell wohl bei Komponisten wie Boulez, Berio, Nono, Kagel oder Friedrich Cerha (wobei gerade der wieder zeigt, wie schwierig diese Form der Einstufung ist).


    Zitat

    DWDS
    im gleichen historischen Zeitraum entstanden


    Es kommt nicht darauf an, wie Cerha komponiert sondern wann.
    Ebenso Schostakowitsch. Sein Werk geht von den späteren 1920ern bis 1975 und entspricht für jüngere Leute nicht der "Zeitgenossenschaft", während er ein Zeitgenosse meines Großvaters war, der somit Schostakowitsch korrekterweise als "Zeitgenossen" bezeichnen dürfte.
    Nono (gestorben 1990) ist für einen 17-Jährigen auch nicht wirklich zeitgenössisch, oder?


    "Zeitgenössisch" als stilistischen Begriff halte ich nicht für möglich.
    :hello:

  • Zitat

    Original von martello
    Sollten die Aussagen zur "endgültigen Fassung" allerdings zu Lebzeiten Stalins getätigt worden sein, würde ich ihnen eher wenig Gewicht beimessen (da war die Urfassung unaufführbar)


    Hallo Martello!


    "Lady Macbeth" war erst nach Stalins Verdikt unauffuehrbar; davor erlebte sie fuer eine zeitgenössische Oper erstaunlich viele Auffuehrungen.


    Da die Aussagen (jedenfalls die von mir gemeinten) aus dem Briefwechsel mit seinem Freund und Vertrauten Glikman stammen, wuerde ich ihnen Gewicht beimessen. Gegenueber in der Öffentlichkeit gemachten Aussagen wäre auch ich misstrauisch.


    Mikko

  • Dimitri Schostakovitch starb am 9. 8. 1975. Zu seinem Todestag habe ich dies ausgesucht:




    Heute ist sein 40. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Das trifft es für mich schon ziemlich gut. Hinzu kommt aber noch das erzählerische Element, dass ich so gut nachempfinden kann, was musikalisch darlegt. Am besten bei der 5., aber auch bei vielen anderen Stücken, die ein Thema haben. Es sind oft wirkliche Lautmalereien, die mir wirklich gefallen.

  • Hallo!


    Das kann ich alles nachvollziehen und mittragen. Allerdings scheitere ich bislang noch an den Werken, die mit Gesang verbunden sind. Hier habe ich es bisher mit der 14ten und der Michelangelo-Suite versucht. Ich gebe zu, dass ich keines der beiden Werke zu Ende hören konnte.


    Gruß
    WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Die Michelangelo-Suite mit Bass (Robert Holl) und Klavier hat mir im Mozartsaal des Konzerthauses die Augen - besser gesagt die Ohren - geöffnet. Die Schostakowitsch-Höhepunkte waren für mich später seine Streichquartette und Symphonien, und zwar gespielt von russischen Musikern (auf Aufnahmen aber auch das BR-Symphonieorchester). Wenn einmal die Sankt Petersburger Philharmoniker oder das Marinski-Theater-Orchester mit Schostakowitsch-Symphonien gastieren: unbedingt hingehen! Einmal gab es im Musikverein die Vierte und die Dreizehnte (das ist wie zwei Konzerte!). Der russische Bass sagte ab (wegen Fluglinien-Streiks), und Robert Holl sprang ein. Unvergesslich! Manche Berufsmusiker finden die Kompositionen teilweise platt und versatzstückartig. Zum Glück bin ich kein Musiker und kann mich von Schostakowitschs Musik so richtig hinreißen lassen. Um so mehr geht das, wenn man sich mit Schostakowitschs Leben beschäftigt hat.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Klar, etwas live zu sehen und zu hören, hilft immer oder doch meist. Ich kann mir schon vorstellen, dass es ein ganz anderer Eindruck ist, wenn man den Sänger oder den Chor auf der Bühne oder der Empore sehen kann. Aber die Möglichkeit hatte ich leider noch nie.