Wer glaubt, die Bürger der Sowjetunion wären allesamt Mitglieder der KPdSU gewesen, irrt. Tatsächlich war es gar nicht so leicht, der Partei beizutreten. In einem Einparteienstaat kann sich die Partei die Mitglieder schließlich aussuchen. Manche Künstler wurden freilich gebeten, der Partei beizutreten, andere taten alles, um beitreten zu können; und wieder andere (wie etwa Rodion Schtschedrin) waren froh, wenn sie nie gebeten wurden.
1960 ist Dmitri Schostakowitsch jedenfalls Mitglied der KPdSU geworden. Ob aufgrund einer nicht ablehnbaren Einladung oder auf eigenen Wunsch, um endlich Frieden zu machen mit der politischen Führung, ist umstritten; ich nehme an, es wird wohl beides im Spiel gewesen sein. Man hat sich sozusagen geeinigt. (Daß Schostakowitsch weiterhin in kritischer Distanz zur KPdSU steht, macht er in der 13. Symphonie auch jenen Hörern klar, die in der 12. eine Parteimusik orteten.)
1961 legt Schostakowitsch dann seine 12. Symphonie vor, Untertitel "Das Jahr 1917", Widmung: Dem Andenken Lenins.
Ist Schostakowitsch also doch noch zum Jasager geworden?
Ganz so einfach ist das freilich nicht. Man muß differenzieren zwischen russisch und sowjetisch. Wobei russisch in der damaligen geschichtlichen Situation sowjetisch inkludiert, nicht aber ein Synonym dafür ist.
1917 - das ist das Jahr der sogenannten "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" (im Unterschied zur gescheiterten Revolution des Jahres 1905, die Schostakowitsch in der 11. Symphonie zum Thema nahm).
Das Jahr 1917 steht aber vor allem für die Ideale des frühen Kommunismus, nicht für die Entartung, die schon wenig später eintrat. Die Oktoberrevolution ist nicht nur ein Stück sowjetischer Geschichte, sie ist ein Stück russischer Geschichte - und als solche durchaus ein Thema für Schostakowitsch.
Schostakowitsch nämlich versucht um diese Zeit alles, sich selbst in Rußland stärker zu verwurzeln. Die Stalin-Jahre haben ihn geistig seiner Heimat entfremdet; er, der sich immer als Russe gefühlt hat, will jetzt wieder durch und durch Russe werden. Er will sich mit allem, was Rußland für ihn bedeutet, identifizieren. Er will ein Russe in der sowjetischen Gegenwart sein.
Die Distanz zu dieser sowjetischen Gegenwart ist aber immer noch groß genug, daß keine aktuellen Themen bejubelt werden, daß keine Anspielungen auf die sowjetischen Errungenschaften der Gegenwart eingeführt werden und auch die Rolle des Westens wird, trotz Kaltem Krieg, nicht thematisiert, etwa in Form einer Dämonisierung.
Schostakowitsch nimmt mit der Oktoberrevolution einen zentralen Wendepunkt der russischen Geschichte zum Ausgangspunkt seiner Symphonie - so, wie russische Komponisten seit Mussorgskij immer wieder diese Wendepunkte der russischen Geschichte thematisiert haben.
Schostakowitschs 12. wurde, als sie 1962 erstmals im Westen aufgeführt wurde, als Parteimusik mißverstanden. Tatsächlich ist sie der Versuch Schostakowitschs, sich durch eine geschichtsbezogene Symphonie als Erbe des von ihm so heiß geliebten Mussorgskij auszuweisen. Deshalb hat diese 12. Symphonie einen betont russischen Tonfall - russischer und durch die Ausrichtung auf den Bezugspunkt Mussorgskij auch traditionsverbundener als alles, was Schostakowitsch bisher in seinen Symphonien komponiert hat. Aber diesen russischen Tonfall als sowjetischen Tonfall wahrzunehmen, ist ein westliches Mißverständnis.
Tatsächlich ist nämlich auch die 12. voll von kodierten Botschaften: Nie zuvor, nicht einmal bei Schostakowitsch selbst, haben Triumphe so hohl geklungen. Man höre sich etwa die sogenannte Apotheose des letzten Satzes an, die sich an einer Formel festbeißt und nicht vom Fleck kommt: Das ist ein noch verkrampfterer Jubel als im Finale der 5.! Und ist weder in der Thematik noch in der Machart, wohl aber im Gefühl eine Parallele zum ersten Bild in Mussorgskijs "Boris Godunow" mit den erzwungenen Bitten des Volkes, Boris möge die Zarenwürde auf sich nehmen; der russische Hörer, der, wie ich bereits an anderer Stelle ausführte, seine Klassiker in und auswendig kennt, assoziiert unwillkürlich diesen Moment - und damit Nötigung, Zwang, Druck durch die Obrigkeit.
Aber so ist es in der ganzen 12.: Kaum bricht sich das Pathos Bahn, sackt die Musik innerlich irgendwie in sich zusammen und posiert nur noch: Lautstark aber formelhaft.
Somit entfaltet sich diese keineswegs konformistische 12. im Spannungsfeld von russischer Geschichtschronik, Glauben an das russische Volk und einer nochmaligen Absage an die politisch vorgeschriebenen Triumphgesten, die zwar durchgeführt werden, deren Durchführung selbst aber vor allem an den Kulminationspunkten rein mechanisch erfolgt und die dadurch als Pose ohne inneres Leben entlarvt werden.
Das ist auch der Grund, weshalb ich Probleme mit der Einspielung des großen Jegenij Mrawinskij habe: So affirmativ ist dieses Werk meiner Meinung nach nicht.
Unterstützt wird mein Gefühl von Kyrill Kondraschins Aufnahme, die genau diese Spannung zwischen "russisch" und "sowjetisch" herstellt und in den leiseren Momenten emotional ergreifend ist, die Höhepunkte aber so starr darbietet, daß sie als Kulisse kenntlich werden.
Gennadij Roschdestwenskij, der für mich meistens gleichwertig neben Kondraschin steht, ist in diesem Fall für meinen Geschmack ebenfalls zu affirmativ. Es ist mir klar, daß Roschdestwenskij das Werk als Hymnus auf Rußland begreift, nicht als Hymnus auf die Sowjetmacht - aber die Hohlheit von Schostakowitschs Triumphgesten widerspricht dieser Deutung; und Roschdestwenskij kann diese formelhafte Plakativität nicht wegdirigieren.
Von den restlichen Einspielungen wirklich interessant ist Mariss Jansons, der Kondraschins Auffassung nahe steht und den Zwiespalt noch stärker herauszuarbeiten versucht, was aber mitunter einen negativen Effekt auf den musikalischen Fluß hat.
Rudolf Barschai scheint an dieser Symphonie wenig Interesse gehabt zu haben - Dienst nach Vorschrift.
Dimtri Kitaenko läßt's krachen nach Herzenslust - aber das können Mrawinskij und Roschdestwenskij einfach besser, weil sie selbst da, wo sie meiner Meinung nach irren, nie so flach werden.
Bernard Haitink und Neeme Järvi verfallen beide in Äußerlichkeiten, die bei Haitink etwas zurückgenommener, bei Järvi hingegen wirklich ärgerlich sind.
Michael Gielens extrem trockene Lesart kann als Kuriosum gelten, offenbar unternimmt Gielen den Versuch, Schostakowitsch von all dem zu entkleiden, was man ihm nachsagt, also Pathos, Emotionalität etc. Das Ergebnis ist allerdings wenig mehr als ein sehr genaues Aufsagen der Partitur.
Womit für mich Kondraschins Aufnahme die unerreichbare Spitzenposition einnimmt.



